Muslimische Gesellschaften sind komplex

Vorurteile Wir glauben zu wissen, was Islam bedeutet. Doch selbst viele Muslime wissen das immer weniger
Muslimische Gesellschaften sind komplex
Vorsicht Falle! Denn brennende US-Flaggen sind die beliebtesten Motive auf den Fotos, die die Reaktionen auf das Anti-Mohammed-Video zeigen - doch zeigen sie vor allem, was wir sehen wollen
Foto: Rouf Bhat / AFP / Getty Images

Die große Mehrheit der muslimischen Weltbevölkerung hat auf das amerikanische Hassvideo nicht mit Gewalt reagiert. Vor Millionen von Fernsehgeräten, in den Höfen unzählbarer Moscheen und an Hunderttausenden Abendbrottischen haben Muslime ihren Ärger, ihre Bitterkeit ausgetauscht, ohne ihre Gefühle instrumentalisieren zu lassen. So ist es in Bosnien, wo ich gerade herkomme. Und so war es damals, in der Karikaturen-Krise: Ich saß im islamischen Norden Nigerias; ein Lehrer lud mich zum Essen ein, er sagte: „Wir sind alle furchtbar verletzt.“ Dann bezahlte er meine Rechnung.

Mehrheiten aber interessieren uns nicht. Fünfhundert radikale Demonstranten in der Zehn-Millionen-Stadt Jakarta: Breaking news! Was wir „die islamische Welt“ nennen, legen wir uns nach Belieben zurecht, genauso wie den westlichen Freiheitsbegriff: Muss ein Jemenite verstehen, warum die US-Regierung jemenitische Hassprediger per Drohne exekutieren darf, während amerikanische Hassprediger die Freiheit der Kunst genießen?

Muslimische Gesellschaften sind überraschend, sie sind komplex und in einigen Weltgegenden verändern sie sich gerade rasant – dies ist, pardon, die einzig zulässige Verallgemeinerung, wenn es um mehr als 1,6 Milliarden Menschen geht, ein Viertel der Weltbevölkerung. 80 Prozent der Muslime sprechen kein Arabisch, Indien beherbergt nach Indonesien und Pakistan die drittgrößte muslimische Gemeinschaft, und in Russland leben mehr Muslime als in manchen arabischen Ländern. 49 Staaten haben eine Mehrheit islamischen Glaubens, 57 sind in der „Organisation für islamische Zusammenarbeit“, und die Muslime in New York haben Vorfahren in 80 Ländern.

Grafische Muster

Unter den Vorzeichen von Ethnie, Kultur oder Politik wäre ein Gespräch über „die islamische Welt“ also unmöglich – es könnten daran nur enzyklopädisch Gebildete teilnehmen. Die einzige Klammer, die alle diese Länder aus unserer Sicht zusammenfügt, ist die Religion – womit wir zugleich behaupten, sie präge die Gesellschaften mehr als andere. Dies kann sie wiederum nur, wenn sie autoritär daherkommt und wenn die Menschen sich ihr unterwerfen. Um genau dies zu belegen, reduzieren wir die Religion auf einfache, abbildbare Symbolhandlungen. Und welches Bild wäre dafür besser geeignet als das Meer gekrümmter Rücken in der Moschee? Menschen ohne Gesicht, ohne Individualität, ohne Abweichungen. Aus der Vogelperspektive nur ein grafisches Muster. Das ist unser totalisierender Blick auf Muslime.

Der Umgang mit dem Islam ist von einem doppelten Extrem gekennzeichnet: Eine extrem komplexe Materie wird reduziert auf extreme Simplizität. Und zwar nicht etwa in einem Moment der Erregung, sondern über die Dauer von mehr als einem Jahrzehnt – und in sonst durchaus unterschiedlich funktionierenden westlichen Öffentlichkeiten. Die sogenannte Islam-Kritik verbindet rechte Parteien in Europa, sie schafft Auflage und Quote, sie wird mit Freiheitspreisen geehrt.

Wer sich ernsthaft mit der Entwicklung muslimischer Gesellschaften beschäftigt, erträgt das Niveau hiesiger Debatten nur schwer. Auf die Gefahr hin, einigen Unrecht zu tun: Aus der sogenannten Islam-Debatte halten sich fast alle heraus, die Ahnung vom Thema haben. Das gilt für die meisten deutschen Islamwissenschaftler genauso wie für die einschlägig qualifizierten Journalisten (etwa vom „Netzwerk Fachjournalisten islamische Welt“) oder eine neue Generation publizistisch tätiger junger Muslime. Sie alle tragen zu einer besseren, einer aufklärenden Öffentlichkeit bei. Die Stimmung aber machen die anderen.

Die Vielfalt des Islam zu verneinen, fremde Religiosität zu fürchten, vielleicht sogar Religiosität an sich, das ist gegenwärtig die modischste Weise, die eigene Weltsicht absolut zu setzen. Auf der Suche nach einem Begriff, der die Islamophobie in einem weiteren Kontext erklärt, bin ich auf diesen verfallen: die Unfähigkeit, den Plural zu denken. Es ist die Unfähigkeit, sich die Welt als demokratische Addition von Identitäten vorstellen zu können, in der eigenen, heimischen Gesellschaft wie in einer sich entwickelnden polyzentrischen Welt.

Gebildete Ignoranz

Der verbreiteten Sicht, dass ein monolithischer Islam einen wehrlos-heterogenen Westen bedroht, stelle ich ein anderes Denkmodell entgegen. Die westliche Unfähigkeit, den Plural zu denken, trifft heute auf ein muslimisches Gegenüber, das wie nie zuvor mit seiner eigenen Pluralität ringt. Und diese konfrontative Beziehung ist nur denkbar durch globale Kommunikation. Der westliche Blick bekommt Macht durch die Dominanz westlicher Medien, während sich die Muslime durch Internet und Satelliten-Fernsehen ihrer Gemeinsamkeiten wie ihrer Unterschiede noch nie so bewusst waren wie heute.

Örtliche Sittengeschichte, regionale Kultur und die jeweilige Ausprägung des Islam – all dies verschränkt sich in jedem Land anders. Aber weil wir die Vielfalt und die kulturellen Prägungen ignorieren, hat sich im öffentlichen Diskurs eine furchterregende Gewissheit breitgemacht: Beim Thema Islam kann jeder mitreden.

Dies gilt für den Stammtisch ebenso wie für die bildungsbürgerlichen Schichten, in denen die sogenannten Qualitätsmedien konsumiert und produziert werden. Im deutschen Studienratsmilieu ist ein anti-islamischer Reflex mittlerweile fest installiert; ich nenne dieses Phänomen „gebildete Ignoranz“. Sie äußert sich in einer intellektuellen Überheblichkeit, die auf Sachkenntnis weitgehend verzichtet.

Die Medien haben bei all dem eine doppelte Rolle: Sie fungieren als Resonanzboden für anti-islamische Stimmungen, die sie selbst entscheidend mit erzeugt haben. Gewiss gibt es differenzierte Beiträge, viele sogar. Aber ihre Botschaft verhallt – weil eine Endlosschleife von Produktionen zum „Problem Islam“ das öffentliche Bewusstsein in einer Weise konditioniert hat, die man ruhig Gehirnwäsche nennen darf.

In Gesprächen erlebe ich häufig folgende Situation: Meine Erfahrungen in diversen muslimischen Ländern werden vehement infrage gestellt – mit dem Hinweis, man habe gerade dieses und jenes gelesen. Dass man sich dabei gegenüber einer Journalistin auf andere Journalisten beruft, ist den Betreffenden kaum bewusst. Negative Meldungen über Muslime haben eine Art natürliche Autorität, sie geben „Realität“ wieder, während ich nur eine Meinung vertrete. Hätte ich vom Nordpol erzählt, würde man mich vermutlich als glaubwürdige Augenzeugin betrachten und mir neugierige Fragen stellen.

Inwieweit sind Journalisten überhaupt für den Islam zuständig? Eigentlich sollte für sie doch nur die politische Seite von Belang sein, denn aus theologischen Fragen halten sie sich gewöhnlich heraus, jedenfalls wenn es um das Christentum geht. Doch der Islam versteht sich nicht allein als Heilsplan für den Einzelnen, sondern auch als Konzept für das Funktionieren einer Gemeinschaft. So bleibt die Grenze zwischen Religion und Politik fließend – und das ist das Einfallstor für einen Journalismus, der sich anmaßt, zugleich über islamische Religion urteilen zu können, ohne etwas von ihr zu wissen.

Die falsche Verwendung des Ausdrucks Sharia ist durch die Medien mittlerweile zur Norm geworden – als handele es sich um ein Gesetzbuch (§ 1 Handabhacken, § 2 Kopftuchzwang), dem ein Muslim abschwören muss, um Demokrat zu sein. Wer darauf hinzuweisen wagt, dass Sharia das Gesamt-Kompendium islamischer Normen bedeutet, bei den Gebetsregeln beginnend, sollte zum eigenen Schutz vorsichtshalber den wissenschaftlichen Dienst des Bundestags zitieren: „Die religiösen Vorschriften der Sharia genießen den Schutz der Religionsfreiheit des Grundgesetzes nach Art. 4 GG.“

Ein Muslim ist nur Muslim

Längst gibt es auch in Deutschland „shariakonformes Banking“; darin ist das Zinsverbot beibehalten, das früher auch die Christen kannten. Betritt Religion jetzt durch die Hintertür die Finanzwelt, fragen schlaue Journalisten, die nicht wissen, dass ähnliche Auswahlregeln von Seiten der Methodisten und Quäker am Anfang dessen standen, was heute bei uns als „ethisches Investment“ zunehmend populär wird.

Mangelnde Sachkenntnis, immer wieder. Doch das Missverstehen wurzelt tiefer, es wurzelt in einem verengten Menschenbild. Jeder nicht-muslimische Mensch besitzt ganz selbstverständlich mehrere Identitäten; er kann zugleich Steuerberater, ausgetretener Katholik, geschiedener Ehemann, Rotweinliebhaber, Diabetiker und SPD-Wähler sein. Ein Muslim ist immer und in erster Linie Muslim. Und wenn er Untergruppen zugeordnet werden soll, dann hat er die Wahl zwischen: orthodoxer, säkularer, moderater, fanatischer Muslim. Kaum vorstellbar, dass sich auch in ihm unterschiedliche Identitäten überlagern, mit allem, was daraus folgt an Brüchen und Widersprüchen.

Die Tatsache, dass alle Muslime Richtung Mekka beten, gilt westlichen Beobachtern des Islam bereits als furchteinflößender Beweis von Einheitlichkeit; reziprok beschwören Muslime gern die Umma, die globale Gemeinschaft der Gläubigen. Doch deren Heterogenität ist heute so offenkundig wie nie zuvor. Bildung steigt, Geburtenraten sinken, Geschlechterrollen ändern sich. Während die westliche Öffentlichkeit zu wissen glaubt, was Islam bedeutet, wissen viele Muslime das immer weniger. Wie paradox: Ausgerechnet jene Jahrzehnte, in denen der Islam von seinen westlichen Gegnern zur monolithischen, gar faschistischen Ideologie stilisiert wird, markieren für ihn selbst die Ära einer immensen pluralen Entwicklung.

Der Text ist ein aktualisierter Ausschnitt aus dem Buch Vom Versuch, nicht weiß zu schreiben. Oder: Wie Journalismus unser Weltbild prägt, das Charlotte Wiedemann gerade im Papyrossa-Verlag veröffentlicht hat

 

Mehr zum Wochenthema: "Wo bleibt der Arabische Sommer?" - Trotz allem Aufbruch hat sich an der sozialen Lage nichts verändert. So sind viele Menschen enttäuscht, auch vom Westen

09:00 20.09.2012

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