Die Vögel

Berliner Abende Kolumne

Ich freu mich! Es ist Samstagvormittag, der erste Tag mit Sonne, die nicht nur Licht in den Winter bringt. Endlich tut sie wieder, was sie soll, sie wärmt. Ich kann ohne lange Buxen, ohne Schal, ohne Mütze und Handschuhe aus dem Haus. Ich kann mich meiner körperlichen Ausstattung erfreuen. Muss nicht mehr mit im Zwiebelprinzip übereinander geschichteten Klamotten als Michelinmännchen verkleidet durch die Straßen ziehn. Ich geh runter in den Hof zu meinem Fahrrad. Befreie es vom Baum, an dem die gelben Gerippe der Meisenknödel hängen. Die können jetzt auch weg. Endlich wieder radeln. Mit dem Fahrrad zu Bäcker Braune. Die Augen tränen, die Hände verkrampfen, und im Kopf, der Winter kommt bestimmt noch mal zurück, also genieß es.

Zuhause, die frischen Brötchen auf dem Tisch und einen heißen Kaffee. Die Küche geht nach Westen, die Heizung auf drei. Es stellt sich die Frage, was tun mit dem Tag.

Dazu raucht man am besten eine Zigarette auf dem Balkon. Und da ist sie wieder, die Sonne. Ich gehe in die Hocke, inhaliere, schließe die Augen, und es wird warm auf meinem Gesicht. Also raus ins Grüne - mitten im Februar. Es ist Berlinale, und es gibt bereits am Vormittag die Chance auf einen mongolischen Independentfilm, Thema: Hirten in Einsamkeit und irgendwelche Schwingungen. Außerdem Traumfrauen in der Retrospektive, A place in the sun mit Elizabeth Taylor, Montgomery Clift, Shelley Winters. Doch die lass ich alle sausen, es muss sein. Ich will Brandenburg, will gucken, wie viel Eis noch auf den Seen und Flüssen ist.

Auf zur Tankstelle, der Dreck muss runter vom Auto, ich will ja blühende Landschaften sehen. Und tatsächlich, es gibt wieder diesen Wischer mit Schwamm und Lippe. Der Tankwart hat also auch den Wetterbericht gehört und keine Angst mehr vor zugefrorenen Eimern. Noch schnell einen Blick auf die Karte, wo könnte es schön sein. Ketzin. Es gibt eine Hügelkette über vielen kleinen Seen. Da hin! Oben sitzen und runtergucken. Wasser, Bäume, Himmel. Großartig!

Bei der Fahrt über Land Dvoráks Neue Welt. Jeder Frühling ist eine neue Welt, und ich weiß nie, was im Sommer sein wird. Wenn man sich badet. Im T-Shirt im Biergarten sitzt und die lauen Nächte auskostet. Heute ist ein Anfang davon.

Vorbei an Feldern, der Regen der letzten Tage macht sie zu temporären Teichen. Kahle Baumreihen gegen den blauen Himmel. Dörfer, die nicht wissen, dass ich mit dem Frühling unterwegs bin. Manche Häuser noch mit Rentierschmuck. Vielleicht trägt man so etwas hier das ganze Jahr?

Und da kommen die Hügel in Sicht. Doch irgendwas stimmt nicht. Die kahlen Bäume scheinen noch kahler zu werden. Krähen, Wintervögel, schwarzgraue Biester kreisen darüber. Ein Schild klärt mich auf: Mülldeponie der Stadt Berlin. Hier haben die Mauerberliner ihren Dreck verklappt, als sie einst so wenig Platz hatten. Aus ist´s mit meiner Vom-Eise-befreit-sind-Strom-und-Bäche-Stimmung.

Ein Plattenweg führt von der Straße direkt zum Haveldeich. Dank euch, LPG-Bauern, die ihr feuchte Niederungen mittels Betonplatten erobertet, es war eine geniale Idee. Am Deich angekommen, geht der Blick übers Wasser. Der Ufersaum ist noch eisbedeckt, darauf kleine, klare Splitter. Die Wellen bringen das Ganze zum Klingen.

Zu hören sind auch die zurückkehrenden Gänse. Plötzlich ist der Himmel voll davon. Hunderte fliegen knapp über den Weiden auf die Äcker. Beglückt laufe ich los. Der Blick wird frei auf eine Gruppe Schwäne. Schneeig ihr Gefieder. "Schneeig" war in den russischen Märchen immer die Haut der Schönen, Wassilissa oder Maschenka. Als Kinder lasen wir "schne-aig" und konnten uns keinen Reim drauf machen. Die sollen diese Seuche einschleppen? Die Medien kriegen sich ja kaum noch ein. Bei jedem neuen toten Vogel ein Brennpunkt. Ansteckungsgefahr, Killervirus. Werden die Zugvögel in diesem Jahr zu biologischen Terroristen, kommt der Götterwind über uns, Amsel, Meise, Fink und Star als Kamikaze-Flieger? Graureiher im Hubschrauberangriff, Spatzen-Apokalypse now? Ich fordere die Komplettabsperrung der Insel Rügen. Wird der Rügendamm nicht gerade erneuert? Das sollte man sich noch mal grundsätzlich überlegen.

Wer ist eigentlich so blöd, denke ich, und befummelt Kadaver? Ich persönlich pflege lieber den Kontakt zu Lebenden. Tieren und Schönen. Für mich sind Schwäne noch immer die Figuren aus den Märchen: stolz, rein und unschuldig. Legen sie am Ufer ihr Gefieder ab, verstecke ich mich zwischen Weiden und sehe den entkleideten Mädchen beim Baden zu. Alles was da gerade über mir in der Luft unterwegs ist, bedeutet Frühling. Bin ich naiv? Scheißegal. Ich freu mich!


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 24.02.2006

Ausgabe 39/2020

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare