Die Vögel

Vogelgrippe II Wie gefährlich die Geflügelpest wirklich ist und warum uns die Bilder das Gruseln lehren

Nach Ebola, Hongkong-Grippe, BSE und Sars verunsichert den Mediennutzer dieser Tage eine neue bedrohliche Pestilenz, die aus der Ferne kommt, von unhygienisch wirkenden Geflügelmärkten und aus schlicht ausgestatteten Krankenhäusern, deren Personal der Seuche fatalistisch gegenüber zu stehen scheint. Mit Bildern von Massenschlachtungen und Kadaverbergen zieht das Gruseln in die bundesdeutschen Wohnzimmer, eine schaurig-schöne Furcht vor den Vögeln, die wir so gut von Hitchcock kennen. Fast scheint es, als nehme die Angst vor Gesundheitsgefahren im dem Maße zu, je exotischer diese präsentiert werden. Bedenkt man, dass in unseren Breiten noch kein einziger Vogelgrippevirus aufgetreten ist, der jährlichen Grippewelle hingegen - zumindest gemessen an der Impfrate gegen das Influenzavirus - relativ gleichmütig begegnet wird, ist das erstaunlich. Nach einer aktuellen Studie lassen sich nur 15-20 Prozent des medizinischen Personals impfen, obwohl in Deutschland jährlich circa 16.000 Opfer der Grippewellen zu beklagen sind.

Der Begriff "Vogelgrippe" wird eher umgangssprachlich gebraucht und bezeichnet die Geflügelpest. Diese wird durch hochpathogene Influenza A-Viren vom Subtyp H5 oder H7 hervorgerufen. Die Geflügelpest ist kein seltenes veterinärmedizinisches Problem. Die letzte Geflügelpest in Europa betraf 2003 neben den Niederlanden auch einige Höfe in Deutschland. Die "normalerweise" in der menschlichen Bevölkerung zirkulierenden Stämme sind hingegen vom Typ A Subtyp H1N1 oder H3N3 oder Typ B. Die Subtypen unterscheiden sich durch ihr Erbmaterial. Jeder Subtyp kann sich jedoch verändern (genetische Drift). Seit 1997 ist in vier Epidemien nachgewiesen worden, dass Grippeerkrankungen beim Menschen durch Vogelgrippeviren hervorgerufen wurden (siehe Kasten). Die Geschwindigkeit, mit der sich der hochpathogene Influenza-Virus-Stamm H5N1 auf fast ein Dutzend südost- und ostasiatische Länder ausgebreitet hat, ist jedoch besorgniserregend und ohne historisches Vorbild.

Trotz aller Befürchtungen ist eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung bislang noch nicht nachgewiesen worden. Eine Gefahr kann dann bestehen, wenn Viren von Geflügelpest und Menscheninfluenza den menschlichen Wirt gleichzeitig befallen. Dann könnten die Stämme Erbmaterial austauschen, so dass ein ganz neuer, hochpathogener Stamm entsteht, dem das menschliche Immunsystem nichts entgegensetzen kann (genetische Shift). Die Anzahl betroffener Menschen würde dann sprunghaft ansteigen. Das ist zum Glück bislang nicht der Fall. Außerdem haben die Ermittlungen der WHO ergeben, dass der aktuelle H5N1-Stamm schon seit April 2003 Geflügel infiziert. Das mag daran liegen, dass inkompetente oder diktatorische Regierungen die Informationen bislang blockiert haben, spricht aber auch dafür, dass die Übertragung vom Tier zum Mensch doch nicht ganz so einfach ist. Allerdings kann sich diese Situation rasch und nicht vorhersehbar verändern.

Bislang gibt es nur einen, wenn auch mörderischen Weg, dieser Gefahr zu begegnen: die betroffenen Länder müssten konsequent und unter internationaler Aufsicht, ungeachtet der damit verbundenen wirtschaftlichen Einbußen alles Geflügel keulen (man rechnet dabei mit mehreren Millionen Hühnern und Enten). Durch diese Maßnahme konnte 1997 in Hongkong und 2003 in den Niederlanden die Ausbreitung der Geflügelpest innerhalb kurzer Zeit gestoppt werden. Laut Bundesinstitut für Risikobewertung sind alle Importe von Geflügel, Bruteiern, Geflügelfleisch und Konsumeiern aus der betroffenen Region durch Entscheidungen der Europäischen Kommission verboten worden, um eine Einschleppung des Erregers in die EU zu verhindern. Im Alltag lässt sich der Erreger leicht durch die Zuführung von Hitze (zum Beispiel 30 Minuten Kochen bei 60°C) abtöten.

Fachleute gehen davon aus, dass die Geflügelpest hauptsächlich durch Tröpfcheninfektion von Kotpartikeln oder Stallstaub über die Atemwege übertragen wird. Besondere Schutzmaßnahmen, so die Empfehlung des Robert-Koch-Instituts (RKI) in Berlin, seien für die Bevölkerung außerhalb der Beobachtungsgebiete nicht angezeigt, nur Personen, die in Kontakt mit betroffenen Tieren oder möglichen Verdachtsfällen gekommen sind (z. B. Geflügelfarmer, Schlächter, medizinisches Personal) wird geraten, Handschuhe, Augen- und Atemschutz zu tragen und prophylaktisch antivirale Medikamente (Neuraminidasehemmer) einzunehmen. Als günstig mag sich auf den Verlauf der aktuellen Epidemie auswirken, dass sich Asien derzeit in einer Influenza-Nebensaison mit geringer Viruszirkulation befindet. Auch in Deutschland bewegt sich die Influenza-Aktivität (Stämme H1N1 und H3N3) laut RKI derzeit nach wie vor bundesweit auf niedrigem Niveau.


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Epidemien von Grippe-Erkrankungen beim Menschen, die durch Vogelgrippeviren hervorgerufen wurden:

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1997HongkongH5N118 Erkrankte6 Totemit Geflügelpest

1999HongkongH9N22 leicht Erkrankteohne Geflügelpest

2003NiederlandeH7N783 Erkrankte1 Totermit Geflügelpest

2003ChinaN5N12 Erkrankte1 Toterohne Geflügelpest

2003HongkongH9N21 Erkrankter
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Gesicherte Fälle von Vogelgrippe Typ A (H5N1)

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LandInfizierteTodesfälle

Thailand55

Vietnam1511

Total2016


00:00 13.02.2004

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