Die Wahrheit über Kittur

Reiseführer In seinem neuen Roman „Zwischen den Attentaten“ mischt Aravind Adiga geschickt Unterhaltung und Aufklärung

Die Wahrheit ist eine Sache, die man sich leisten können muss. Denken kann man sie natürlich immer und überall, aber öffentlich äußern, das ist nicht nur in Diktaturen gefährlich. Sondern auch in der „größten Demokratie der Welt“, in Indien.

Diese Erfahrung macht zumindest Gururaj Kamath, der Redakteur einer kleinen Tageszeitung in Aravind Adigas neuem Buch Zwischen den Attentaten: Geschichten aus einer Stadt">Zwischen den Attentaten. Weil er nachts nicht schlafen kann, streift er durch die dunklen Straßen der Stadt. Bis er einmal in einer Hauseinfahrt einen alten Gurkha trifft und mit ihm ins Gespräch kommt.

Der Nepalese, der in der indischen Armee gedient hat und nun ein Haus bewacht, kritisiert Gururajs Zeitung. Dass ein Artikel vom Vortag über einen Autounfall mit Fahrerflucht lauter Lügen enthält und dass der falsche Täter verhaftet wurde. Das hätte er von anderen Nachtwächtern.

In Wirklichkeit war es Mr. Engineer, der betrunken nachts jemand mit seinem Auto überfahren hat. „Er ist der reichste Mann der Stadt“, sagt der Gurkha. „Ihm gehört das höchste Gebäude der Stadt. Man kann ihn nicht verhaften“. Mit ein paar tausend Rupien hat er den Richter und die Polizei bestochen. Und einen seiner Angestellten bezahlt, damit er für ihn ins Gefängnis geht. Öffentlich sagen, darf das aber niemand. Schon gar nicht der Zeitung, für die Gururaj Kamath arbeitet.

Bereits in dem Roman Der weiße Tiger: Roman">Der weiße Tiger(Freitag vom 26.12.2008), für den Adiga im vorletzten Jahr den britischen Booker-Prize erhalten hat, ging es um die Wahrheit. Hier erfährt der Erzähler des Romans beim Radiohören zufällig, dass der chinesische Ministerpräsident, der gerade Indien besucht, „die Wahrheit über Bangalore“ erfahren will, jener indischen Boomtown, in dem sich die großen westlichen Computer-Konzerne, wie Microsoft, SAP und IBM niedergelassen haben. Und Adigas Held erzählt ihm die Wahrheit über das „Silicon Valley Indiens“ in mehreren langen Briefen. Er erzählt über die Gewalt hinter dem indischen Wirtschaftswunder und über die Millionen im Elend lebender Menschen, die darunter zu leiden haben.

Über einen Hügel

Zwischen den Attentaten: Geschichten aus einer Stadt">Zwischen den Attentaten ist dagegen wie eine Art Reiseführer für Kittur angelegt. Die kleine Stadt soll zwischen Goa und Calicut am Indischen Ozean liegen. Doch dort ist sie auf keiner Landkarte zu finden. Die Mehrheit der Bevölkerung besteht aus Hindus, eine Minderheit aus Moslems und Christen.

Natürlich gab es auch in Kittur bereits Unruhen, aber die Lage hat sich wieder beruhigt. Jede der Geschichten, die jeweils an einem anderen markanten Ort der Stadt spielt, erzählt von einer anderen Person, einem anderen Thema und einer anderen Wahrheit und spiegelt so verschiedene Aspekte der indischen Gesellschaft und des Alltagslebens auf dem Subkontinent wider.

Da ist zum Beispiel der Fahrradrikschafahrer Chenayya. Er arbeitet für ein Möbelgeschäft und liefert die Ware an die Kunden aus. Immer wieder muss er sich mit seiner schweren Last über einen Hügel quälen. In Indien sterben jeden Tag etwa 1.000 Menschen an Tuberkulose. Viele von ihnen sind Rikschahfahrer, deren Körper derartig ausgezehrt ist, dass sie der Krankheit nichts entgegenzusetzen haben. Mit den romantischen Velo-Taxis in deutschen Städten hat das wenig zu tun.

Chenayya arbeitet für Kost und Logis und für das Trinkgeld, dass ihm die Kunden geben, wenn sie guter Laune sind. Mrs. Engineer, die Frau jenes reichsten Mannes der Stadt, der sich von einer Gefängnisstrafe freigekauft hat, ist leider an diesem Tag schlechter Laune, weshalb sie nur wenig Trinkgeld gibt.

Von dem Wenigen muss Chenayya auch noch einen Teil seinem Chef abgeben, dafür dass er überhaupt für das Möbelgeschäft arbeiten darf. Aber jeder andere aus seinem Dorf wäre froh, seine Arbeit machen zu dürfen.

Einfach betrinken

Doch Chenayya denkt nach. Er sieht, dass er keinerlei Perspektive hat, aus dem Elend herauszukommen. Im Grunde denkt er zu viel nach, denn seine Kollegen quälen sich weniger. Sie betrinken sich einfach, um ihr Schicksal zu vergessen. In einem Radiogespräch hat Adiga einmal gesagt, dass er kein Land in Asien kenne, in dem die sozialen Gegensätze so groß sind wie in Indien. Insbesondere die im Westen inzwischen auch populären Bollywood-Filme würden da ein falsches Bild vermitteln.

Recht hat er: Die indische Mittelklasse wächst zwar, aber noch stärker wächst die Anzahl der Fahrer, Diener und Köche, die diese Mittelklasse für einen lächerlich geringe Betrag anstellen kann. Menschen, die meistens aus einem Dorf im Norden kommen und ihr Leben lang keine Chance haben, aus dem Elend herauszukommen.

Das ist der wichtigste, wenn auch nicht der einzige Aspekt, auf den Adiga seine Lesern hinweisen will.

Zwischen den Attentaten: Geschichten aus einer Stadt" target="_blank">Zwischen den Attentaten steht deshalb ganz in der Tradition der Aufklärung. Einer Aufklärung, die das Elend und den Zusammenhang zwischen Tradition, Gewalt, Korruption und Ausbeutung in Indien deutlich machen will. In diesem Sinne sind seine Erzählungen engagierte Literatur.

Allerdings eine, die keine Lösungen anbietet, wie die traditionelle engagierte Literatur. Adiga geht es immer um die Wahrheit, auch wenn sie in der Erkenntnis der Ausweglosigkeit besteht. Dann scheitern seine Helden bei dem Versuch, ihr Leben in den Griff zu bekommen.

Trotzdem ist Zwischen den Attentaten: Geschichten aus einer Stadt">Zwischen den Attentaten nicht ausschließlich ein Buch über die Armut in Indien. Ein solches Buch würde wahrscheinlich kaum Leser finden. Es ist spannend erzählt und enthält überraschenden Wendungen. In dieser Mischung aus Unterhaltung und Aufklärung ist Zwischen den Attentaten vielleicht das Äußerste, was engagierte Literatur leisten kann. Und damit ein äußerst lesenswertes Buch über Indien jenseits der schöngefärbten Bilder von Bollywood und Bangalore.

Aravind Adiga. Aus dem Englischen von Klaus Modick. Beck, München 2009, 384 S., 19,90 Zwischen den Attentaten

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

10:40 14.01.2010

Ausgabe 41/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare