Die Welt bei mir zu Gast

Berliner Abende Kolumne

Von Anfang an war mir klar, um in Berlin zu wohnen, der Stadt, in der man nicht lebt, sondern überlebt, braucht es einen Zeitrahmen. Muss ich das wirklich näher erklären? Gut. Vor zehn Jahren habe ich mir gesagt, spätestens zur Fußball WM 2006 bist du wieder weg. Jetzt steht die WM vor der Tür, den Absprung habe ich nicht geschafft. Hinzu kommt, dass ich zu jenen Griesgrämigen gehöre (oder zu einem jener geworden bin), die schon über den riesigen Telekomfußball am Fernsehturm maulen und um keine Anmerkung verlegen sind, wenn es jetzt auch bei Kaisers Tüten mit Fußballmotiven gibt. Also habe ich mich nach einer zumindest temporären Alternative umgesehen. Und vielleicht, wer weiß, gefällt es mir dort so gut, dass ich dafür Berlin endlich den Rücken kehre. Die Sache stellte sich als nicht so einfach heraus. Zwar lockt Easyjet mit: "flanieren statt flanken" und "Freiheit statt Freistoß", aber ich fürchte, da will mir bloß jemand weis machen (und nicht einmal besonders trickreich), dass ich auf Mallorca von dem ganzen Wahnsinn nichts mitkriege. Kurz: Je mehr ich mich mit meiner Flucht beschäftigte, umso klarer wurde mir, man müsste sich auf den Mond schießen lassen und nicht einmal da wäre mir eine fußballfreie Zone garantiert. Unfreiwillig beschloss ich also tapfer zu sein, mehr noch: ich will ein guter Freund für jene Gäste sein, die bald aus aller Welt zu uns kommen werden.

Trotz guten Willens nehme ich mir aber das Recht, mir meine Gäste aussuchen zu dürfen, zumindest wünschen darf man sich doch was. Da ich die letzten zehn Jahre wenig aus Berlin heraus gekommen bin, zweifle ich allerdings daran, die Welt gut genug zu kennen, um zu wissen, was da alles möglich ist, und wenn ich mir schon etwas wünschen darf ...

Selbst dem Fernsehverächter tut es ab und zu gut, über den eigenen Tellerrand zu schauen. Deshalb haben viele Zeitungen auf der letzten Seite die Rubrik "Aus aller Welt" eingeführt. Meine Chance. In den letzten Tagen habe ich das Feuilleton links liegen lassen und mich vor allem auf jene erhellenden Zeilen konzentriert. So kam ich zu meiner veritablen Wunschliste: Ich wünsche mir als Gast einen jener Hilfsförster, die in der Hoffnung auf Festanstellung mit selbst gelegten Waldbränden die italienischen Behörden in Alarmbereitschaft versetzten. Ich wünsche mir als Gast jenen 67-jährigen Mann aus Prachatice in Südböhmen, der 18 Monate neben seiner gestorbenen Frau im Ehebett geschlafen und Nachbarn und Verwandten gesagt hatte, seine Frau wäre zur Kur in Deutschland. Ich wünsche mir die 30-jährige Thailänderin Kanachana Ketkeaw, die 32 Tage lang mit 3.000 Skorpionen auf engstem Raum gelebt hat und damit den Weltrekord einer Malaysierin um zwei Tage überboten hat. Und Liam und Nicole wünsche ich mir, die ihre Hochzeit verschoben haben, weil Nicole viele Gäste und Liam nur wenige einladen wollte. Was wäre mit dem tauben lesbischen Paar aus den USA, dem es gelungen ist, unter Zuhilfenahme eines tauben Samenspenders zwei taube Kinder zur Welt zu bringen? Ebenso rührend, wie um deren beide Jungs, würde ich mich um den Taschendieb kümmern, der auf einem belebten Markt in Jakarta dem Polizeichef des Stadtzentrums die Geldbörse gestohlen hat. Manche werden nicht kommen können: Zum Beispiel der südafrikanische Autofahrer, der mit seinem Wagen in eine Trauergemeinde gerast ist - die wütende Menge hat ihn gesteinigt. Eben so wenig der betrunkene Mann, der in Bozen eine junge Kirschpflückerin erschossen hat. Aber die Diebe, die aus der Eingangshalle eines Zürcher Luxushotels einen fünf Meter langen Teppich aus reiner Schurwolle unbemerkt entwendet haben, obwohl er mit Schrauben am Boden fixiert war. Sollten die beiden das lesen, herzlich willkommen!

Kleinkriminelle, verrückte Weltrekordler, taube Lesben, Streithähne und Trickdiebe wären meine Gäste. Egal, ob sie sich für Fußball interessieren oder nicht, wir wären sicher eine lustige Truppe. Wir würden ein Fest unter Freunden feiern, gute Stimmung verbreiten und hätten Identität stiftende Tage. Jeder würde in seiner Sprache sprechen, trotzdem würden wir uns verstehen. Mancher würde seiner Profession nachgehen und das eine oder andere Andenken mit nach Hause nehmen, auch wenn es zuvor angeschraubt war. Mehr können Weltbund und FIFA und Bundesregierung und Beckenbauer von Gästen und Gastgebern nicht erwarten. Vielleicht hatte ich Unrecht, und es wird doch ganz nett. Wenn meine Gäste aber das hier nicht lesen und nicht kommen, oder wenn man den einen oder anderen schon an der Grenze abfängt, weil sein "Profil" nicht ins Raster passt und von Schäubles Mannen dorthin zurückgeschickt wird, woher er sich auf den Weg gemacht hat ... schade. Dann wird nichts aus meiner Party und späten Fußballbegeisterung und mir bleibt nichts anderes übrig: Augen zu und durch.

00:00 12.05.2006

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