Die Welt ist eine Mattscheibe

"Big Brother" und die Folgen 20 Jahre nach Orwells "1984" und der Einführung des Privatfernsehens zeigt sich in verblüffender Weise, wie vorausschauend die Anti-Utopisten wirklich waren

Sie spielen das Spiel der Drei-Klassen-Gesellschaft. Es gibt die "Reichen", die Zugang zum Internet haben, à la Carte essen und es sich auf 220 Quadratmeter Luxus zwischen Sauna, Swimmingpool und Relax-Zone gut gehen lassen. Dann gibt es die "Armen", die selbst bei Minusgraden wie Obdachlose im Freien auf dem Boden schlafen und ihr Abendessen erst schlachten müssen, bevor sie es auf der offenen Feuerstelle braten. Und drittens gibt es die Mittelschicht, die "Normalos", bei denen alles ganz normal abläuft - genauso, wie im wirklichen Durchschnittsleben eines Mietshausbewohners oder Kampfhundbesitzers. Und so wie in der Realität, draußen vor dem Big Brother-Container in der Nähe von Köln, nötigt das soziale Gefälle die Kandidaten zum Klassenkampf: Die Armen müssen für die Reichen niedere Dienste verrichten; und die Normalos schauen ungeniert dabei zu.

Das sei halt wie im richtigen Leben, verkündet Big Brother-Sprecher Richard Mahkorn zum Auftakt der Spanner-Show, deren neue, fünfte Staffel am 2. März gestartet ist: "Wenn dem reichen Harvard-Absolventen die Susi aus dem Armenviertel gefällt, lädt er sie sich zum Baden an den Pool ein", malt er ein mögliches Szenario aus, "und dafür geht dann was von seinem Budget ab." Folgt man Mahkorns schlichter Bierdeckel-Soziologie, bedeutet "einmal arm, immer arm". Und genau das sollen seit vergangenen Dienstag 52 Kameras und 68 Mikrofone im neuen Big Brother-Käfig in Hürth dokumentieren. Der "Tratsch und Trash"-Privatsender RTL2 und sein Großer Bruder, die niederländische TV-Produktionsfirma Endemol, blasen wieder mal zum großen Lauschangriff auf deutschen Fernsehschirmen. Diesmal wird allerdings nicht für rund 100 Tage observiert, wie in den ersten vier Staffeln. Gleich ein ganzes Jahr lang sollen die 15 Kandidaten unter Quarantäne gestellt werden - abgeschnitten von der Außenwelt und ohne jegliches Quäntchen Privatsphäre: Selbst das Klo im Arbeitslosentrakt wird rund um die Uhr überwacht, jedes noch so kleine Geschäft übertragen.

"Noch spannender, noch härter, noch faszinierender" soll die Ghetto-Show werden. Das verspricht jedenfalls die Pressestelle von RTL2. Auch die Privatsender Tele 5 und MTV wollen die Observierungs-Show ausschnittweise übertragen; gegen eine Extra-Gebühr können Premiere-Gucker sogar 24 Stunden live zusehen. Um aber im Dschungel der vielen Reality-Sendungen zwischen Bachelor und Ich bin ein Star überhaupt noch aufzufallen, wagt sich die omnipotente Gedankenpolizei von Endemol wieder gefährlich nahe an die unterste Schmerzgrenze der Mediengesellschaft. Mit dem Klassenkampf-Kurs ändern sich nämlich nicht nur die Rollen der Teilnehmer des 365-Tage-Experiments, sondern auch die Regeln im medialen Menschenpark: In "Matches" und "Challenges" sollen sich die Anhänger der unterschiedlichen Kasten gegenseitig bekriegen - zur allgemeinen Belustigung der Voyeure vor den Bildschirmen. Und damit die Kandidaten den Wettbewerb um Erniedrigung und Menschenwürde auch möglichst lange durchhalten, winken dem Gewinner nach einem Jahr eine Million Euro Preisgeld - vorausgesetzt, die Werbeindustrie macht solange mit. Dass Endemol offenbar willens ist, zu immer härteren Bandagen zu greifen, zeigt sich auch daran, dass in dieser Staffel arbeitslose Akademiker ins Rennen geschickt werden. Die sollen das bislang eher unterirdische Niveau vorheriger Big Brother-Ausgaben merklich heben. Und natürlich neue werberelevante Zielgruppen ködern.

Seit nunmehr einem Jahrzehnt strapaziert Endemol mit seiner televisuellen Kakophonie aus Echte-Leute-Fernsehen, Game- und Casting-Shows den Geschmacksnerv des Publikums, nicht nur in Deutschland. Traumhochzeit, 100.000 Mark Show, Wer wird Millionär?, Notruf (alle RTL), Judas Game (Kabel1), Zacherl - Einfach kochen (ProSieben), Glücksspirale, Nur die Liebe zählt (beide Sat.1), Versteckte Kamera, Die deutsche Stimme 2003 (beide ZDF), Artern, Stadt der Träume (MDR), Big Diet, Fame Academy (beide RTL2) - die Produktionsliste für das deutsche Fernsehen nimmt kein Ende. Aber erst das Schlüsselloch-Spektakel hat John de Mol endgültig zu einem der erfolgreichsten (und reichsten) europäischen Produzenten von derlei "Emotainment"-Shows gemacht, die in die ganze Welt verkauft werden.

Weil de Mol bisher mit oft verschrobenen Ideen sehr viel Geld gemacht hat, dichten Kritiker dem Mitgründer und mittlerweile größten privaten Anteilseigner des Unterhaltungsimperiums gerne an, er sei ein skrupelloser Geschäftsmann ohne jegliche Schamvorstellungen. Medienexperten behaupten indes, er habe das Privatfernsehen neu erfunden. Wahrscheinlich stimmt beides. Wenig umstritten ist zumindest der internationale Erfolg der Sendung, die in Spanien Gran Hermano und in Italien Grande Fratello heißt. In insgesamt 20 europäischen und außereuropäischen Ländern wird oder wurde Big Brother inzwischen ausgestrahlt, darunter Argentinien, Australien, Brasilien, Mexiko, Neuseeland, Norwegen, Portugal, Russland, Schweiz, Südafrika und die USA.

So gesehen ist es vielleicht gar kein Zufall, dass das angstvoll erwartete Orwell-Jahr 1984 mit dem "Urknall im Medienlabor", zusammenfiel, der Stunde Null des deutschen Privatfernsehens, das de Mol schließlich auf der Karriereleiter zum entscheidenden Sprung nach oben verhalf. Und in konsequenter Weiterentwicklung der privaten TV-Unterhaltungsindustrie 20 Jahre später eine seiner bizarren Reality-Shows in der ganzen Welt zum Inbegriff für modernes Fernsehen wird.

Big Brother ist eine Sendung, die so naiv mit der Orwellschen Utopie kokettiert, als hätte es weder den Nationalsozialismus noch den sozialistischen Überwachungsstaat der DDR gegeben. Jede Gesellschaft bekommt eben das Fernsehen, das sie verdient, könnte man sagen. Aber sollte sie ihr Fernseh-Kulturgut auch ungestraft exportieren dürfen? Auch wenn der totale Selbsterfahrungstrip vor laufender Kamera von Land zu Land variiert und, je nach kulturellen Gepflogenheiten, nur maßgeschneiderte Aufgüsse von Big Brother das Fließband der TV-Spaßfabrik Endemol verlassen, ist die Botschaft überall die gleiche: Der totalitären Kontrolle durch das Panoptikum der wachsamen Kameras (und damit dem Voyeurismus der Fernsehzuschauer) kann sich nichts und niemand entziehen - auch die Reichen nicht.

Die Entertainment-Maschinerie von Big Brother ist, abseits der ausgetretenen Kulturpessimismus-Pfade, demnach ein gutes Beispiel dafür, wie bestimmte Gesellschaftsentwürfe und ihre internationale Vermarktung zusammenwirken, und seien sie noch so perfide. Nicht nur, weil die Bildschirmmedien Fernsehen und Internet als wirtschaftliche und technologische Motoren den Weg ebnen für eine kommunikative "Weltgesellschaft", wie sie der Bielefelder Soziologe Niklas Luhmann postuliert hat. Sondern auch, indem sie als kulturelle Gleichmacher das Zusammenwachsen einer globalen Wertegemeinschaft über nationale Grenzen hinweg maßgeblich vorantreiben - selbst wenn sich diese Werte in pubertären Balzritualen und Mutproben ausdrücken: die "Big Brotherisierung" als weltumspannendes Gemeinschaftserlebnis. Gerade an dieser Art der globalen Medienkommunikation lässt sich neben den moralischen Grenzen aber durchaus auch ideologisches Konfliktpotenzial ablesen: Eine Show, in der Überwachen und Strafen (Michel Foucault) zum spielerischen Prinzip erklärt werden, wird nämlich nur solange gern gesehen, wie sie (knapp) an der Wirklichkeit vorbei geht. In den Augen einer totalitären Gesellschaft wäre sie also nicht nur geschmacklos, sondern - aus Sicht eines globalisierten Medienmarktes schlimmer noch - wirtschaftlich erfolglos.

Das eigentlich Utopische an einer Fernseh-Idee nach neo-orwellschem Strickmuster wie dieser ist außerdem, dass sich hier ein Totalitarismus- und ein Kapitalismus-Gedanke kreuzen, quasi eine Mischung aus George Orwells Überwachungsstaat in 1984 und Aldous Huxleys triebgesteuerter Konsumgesellschaft in Schöne neue Welt, in der die Menschen in ein Kastensystem hineingezeugt werden. Was nämlich der "Televisor", das geheimnisvolle Empfangs- und Sendegerät in Orwells Zukunftsroman kann, findet heute im Internet seine Entsprechung: Über die Homepage von Big Brother, wo das Überwachungsprogramm gnadenlose 24 Stunden auf Sendung ist, kann zwar keiner der Container-Insassen das Publikum sehen. Aber jeder, der zuhause selbst Big Brother spielen will, kann mittels eines Internetzugangs sämtliche Tätigkeiten seines Lieblingskandidaten über eine der vielen Kameras direkt überwachen - sei es unter der Dusche, auf der Toilette, beim Zehennägelschneiden oder sonst wo.

Die kommerziellen Triebe aller (Gewinn-) Beteiligten befriedigen schließlich die kostenpflichtigen Telefonabstimmungen der Zuschauer, ganz zu schweigen von der weltweiten Merchandising-Kette und der Einzelvermarktung jedes Kandidaten als Sänger, Moderator, Alleinunterhalter etc., sobald er den Käfig verlassen hat. Kombiniert mit den Botschaften der wunderbaren Warenwelt, die in unzähligen Werbepausen allabendlich über die Mattscheibe flimmern und abermals die Taschen der Big Brother-Produzenten füllen, wird so die mediale Entmündigung des Bürgers auf die Spitze getrieben: Perfekte Konsumentenkontrolle statt "perfekter Vergangenheitskontrolle" (Orwell).

"In 50 Jahren wird die TV-Geschichte nur noch in Vor-Big Brother und Nach-Big Brother eingeteilt", hat John de Mol angeblich einmal im Rausch der Überheblichkeit gesagt. Bedauerlicherweise wird er wohl Recht behalten. Big Brother hat bereits vor vier Jahren deutsche Fernsehgeschichte geschrieben: Damals betraten Menschen wie Jürgen und Zlatko den Container und wurden binnen Rekordzeit zu Teenager-Idolen. Aber genauso schnell wie sie prominent wurden, verschwanden sie wieder von der Bildfläche - und kehrten nie mehr zurück.

Orwell fürchtete jene, die uns Informationen vorenthalten. Huxley rechnete damit, dass die Leute anfangen, ihre Unterdrücker zu lieben und die Technologien anzubeten, die ihre Denkfähigkeit zugrunde richten. Unser Großer Bruder John de Mol hat beides geschafft.

Der Autor arbeitet als Medienwissenschaftler am Institut für Journalistik und Kommunikationswissenschaft der Universität Hamburg.


00:00 05.03.2004

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