Die Wurzeln des Zivilen

Ethnischer Frieden Wie Gewalt in multi-ethnischen Gesellschaften erst geschürt wird. Das Beispiel des Konflikts zwischen Hindus und Muslimen in Indien

Im Frühjahr 2002 brach im indischen Bundesstaat Gujarat eine Welle ethnischer Gewalt zwischen fanatisierten Muslimen und Hindus aus. In dem an der Westküste zum arabischen Meer gelegenen Staat ermordeten militante indische Muslime Dutzende von indischen Hindus, die im Zug zur Arbeit fuhren. Aus Rache verbrannten kurze Zeit später militante Hindus über 700 indische Muslime lebendig in Moscheen. Der amerikanische Politologe Ashutosh Varshney hatte zu diesem Zeitpunkt seine Studie über ethnische Konflikte in Indien schon beendet, die wenige Monate später erschien.

Über zehn Jahre lang hat der Harvard-Dozent und Leiter des Center for South Asian Studies an der University of Michigan in Ann Arbor indische Städte untersucht. Seine Ergebnisse wurden durch die blutigen Unruhen in Gujarat nachhaltig gestützt: Ethnische Konflikte eskalieren in dem westlichen Bundesstaat besonders häufig, und nicht im Norden Indiens, wie hartnäckige Gerüchte besagen. Die Unruhen konzentrieren sich lokal und auf urbane Gegenden. Allerdings sind über 82 Prozent der gesamten urbanen Gebiete Indiens seit Jahrzehnten friedlich geblieben. Damit widerlegt Varshney die These, dass moderne, urbane Lebensformen per se zu größerer Gewalt zwischen ethnischen Gruppen führen.

Drei Städte - Ahmedabad, Vadora und Godhra - beschreibt Varshney als besonders gefährdet. Dort kam es 1992 tatsächlich zu den schlimmsten Ausbrüchen. Die Stadt Surat, ebenfalls im Bundesstaat Gujarat, stellt er dagegen als Beispiel einer integrierten Gesellschaft vor. Dort blieben die Bewohner tatsächlich friedlich. Varshney studierte nicht bloß Städte, in denen ethnische Gewalt zum Ausbruch kam. Er beobachtete gleichzeitig Städte, die friedlich blieben, obwohl sie in demselben Bundesstaat liegen, dieselbe föderale Geschichte haben, eine ethnisch proportional gleich zusammengesetzte Bevölkerung besitzen, dort in derselben Zeit vergleichbare Provokationen vorkamen. Vermutlich blieben diese Städte und Nachbarschaften ruhig, weil es hier einen seit Jahrzehnten gewachsenen sozialen Austausch zwischen ethnischen Gruppen in Privat- und Geschäftsleben gibt.

Varshney beschreibt eine Schlüsselsituation, die er während seiner Interviews erlebte. Als die Wissenschaftler nach Aligarh kamen, um etwas über die Hindu-Muslim-Beziehungen zu erfahren, wurden sie zunächst öffentlich als Agenten des CIA verleumdet. Die nordindische Stadt, mit der 1877 gegründeten muslimischen Universität AMU, gilt als Herz der staatlichen Unabhängigkeit indischer Muslime, die 1947 in der Gründung Pakistans mündete. In Aligarh gab es seit den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts immer wieder starke ethnische Gewaltausbrüche zwischen Muslimen und Hindus, die bis 1990 160 Menschen das Leben kosteten. Das Klima war bestimmt von Misstrauen und ethnischen Vorurteilen, auf die die Wissenschaftler zu antworten hatten. Es stellte sich als äußerst schwierig heraus, relevante Informationen zu erhalten. In Calicut dagegen, im südlichen Indien gelegen, wurden die Politologen gar nicht erst politischer Aktionen verdächtigt oder nach ihrer Religion und Ethnie gefragt. Offizielle und Bevölkerung beteiligten sich lebhaft an der aktuellen Geschichtsschreibung. Dabei ist auch Calicut als kulturelles und politisches Zentrum von entscheidender Bedeutung für indische Muslime. Dort ist der Sitz der Muslimischen Liga und eines der ersten Muslimischen Colleges.

Die gegensätzlichen Reaktionen in vergleichbaren Städten spiegeln Muster wider, auf die Varshney bei vielen indischen Städte-Paaren getroffen ist. Varshney nimmt sich erfreulich viel Zeit für ein wichtiges, informatives Element in der Studie, das die Lesbarkeit auch für Nicht-Indien-Kenner erhöht. Er beschreibt die historischen Wurzeln der zivilen kommunalen Strukturen in Indien, die die entscheidende Rolle darin spielen, ob es zu Gewalt kommt oder nicht. Die Gegnerschaft zwischen Muslimen und Hindus folgt, wie so oft, auch einer Strategie aus der Kolonialzeit. Die britischen Kolonialherren untergruben die anfangs sehr erfolgreiche nationale Bewegung Mahatma Gandhis - der Hindus und Muslime im Widerstand gegen die Kolonialherrschaft zusammenbrachte - indem sie die politische Elite der Hindus und Muslime gegeneinander ausspielten. Eine Gegnerschaft, die langlebig und von fundamentalistischen Ideologen beider Seiten gefördert wurde. Die Städte aber, die im Laufe des 20. Jahrhunderts friedlich blieben, besitzen in der Regel assoziative Organisationen, die schon in Gandhis Zeit und seit den 1920er Jahren begonnen wurden. Das heißt auch: Multi-ethnische Gesellschaften sind langfristige Projekte. In pluralistisch organisierten multi-ethnischen Kommunen werden also die überall auftretenden ethnischen Konflikte nicht durch Gewalt gelöst, sondern kommuniziert. Anhand dieser Beobachtungen unterstreicht die Studie auch die Notwendigkeit, einen Unterschied zwischen ethnischem Konflikt und ethnischer Gewalt zu machen.

Varshney betont nachdrücklich, wie wichtig für Konfliktforschung die Frage ist, wer von der Gewalt profitiert. In seinen Städte-Paaren waren es einzelne Politiker, Unternehmer und politische Parteien, die ethnische Konflikte gezielt provozierten und für ihren Wahlkampf oder andere Geschäfte nutzen wollten. Denn Gewalt, ethnische Gewalt, liegt nicht im Interesse breiter Bevölkerungsschichten. Varshneys Studie gebraucht den Begriff "ethnisch" in einem umfassenden Sinn. "Ethnische Konflikte" meint alle Konflikte, die auf zugeschriebenen Gruppenidentitäten beruhen. Solche Identitätsmuster können Rasse, Sprache, Religion, Stamm oder Kaste sein. Um Gewaltausbrüche zwischen ethnischen Gruppen zu verhindern, braucht es eine Lebenssphäre, die öffentlich, aber nicht-staatlich ist; ein ziviler kommunaler Raum, in dem sich unterschiedliche ethnische Gruppen begegnen und austauschen können. Zivile Strukturen werden im Alltag durch gemeinsame Interessen aufgebaut, die in Handelsverbänden, Universitäten, Berufsorganisationen, Gewerkschaften, Parteien oder Sport- und Kunstvereinen organisiert werden. Eine wichtige Voraussetzung scheint der Studie zufolge die pluralistische und säkulare Offenheit dieser Assoziationen zu sein. Deren integrierende Wirkung kann dann Gewalt verhindern oder eindämmen, weil Konflikte zwischen den gegensätzlichen Parteien gewaltfrei ausgetragen werden. Ein wichtiges Fazit auch für die Diskussion in Deutschland zum öffentlichen Umgang mit religiösen Symbolen.

Varshneys Studie beschreibt die Bedeutung ziviler und assoziierter Strukturen für eine friedlichere Gesellschaft. Sein Fazit legt nebenbei aber auch eine kritische Perspektive auf die neoliberale Privatisierungsmaschine nahe, die den gewachsenen öffentlichen Raum in westlichen Gesellschaften rasant vernichtet. Allerdings ist sein allgemeiner Gebrauch des Begriffs "Ziviler Strukturen" problematisch. Arbeitgeber und Unternehmensverbände, Gewerkschaften oder Sportvereine definiert er alle gleichermaßen als Zivilgesellschaft. Dadurch fehlt Varshneys Studie eine differenzierte Betrachtung der Machtfelder und Interessensgebiete innerhalb ziviler Gesellschaftsstrukturen. Denn beispielsweise Armut oder städtebauliche Ghettos sind Teil der strukturellen Gewalt, die gerade durch zivile Strukturen mitverursacht wird und ethnischen Konflikten vorausgeht.

Kritiker fragen zudem, ob und wie sich Varshneys Untersuchungsergebnisse auf andere Regionen und andere Konfliktfelder ethnischer Gewalt übertragen lassen. Varshney selbst forscht weiter an Konfliktlösungen für indische Städte; gemeinsam mit Mahatma Gandhis Enkel Rajmohan Gandhi. Auch in afrikanischen und südostasiatischen Staaten will er in den nächsten Jahren untersuchen, wie sich sein Ansatz auf andere Länder und ihre Bevölkerungsstrukturen übertragen läßt. Doch bereits jetzt ist Varshneys Ansatz einzigartig. Er läßt im Bereich der Konfliktforschung die kleine Hoffnung zu, dass präventive Maßnahmen in Zukunft effektiver eingesetzt werden könnten.

Varshney geht davon aus, dass zuerst "ethnischer Frieden" untersucht werden muss, um ethnische Konflikte und Gewalt zu verstehen. Sein langfristiger und komplexer Zugang zum Problemfeld ethnischer Gewalt läßt zum ersten Mal eine vergleichende Analyse und positive Reformüberlegungen zu. Die Studie ist bemerkenswerterweise eine der seltenen wissenschaftlichen Publikationen, die kurz nach Erscheinen bereits vergriffen war. Unter Politologen und Soziologen gilt Varshneys Buch als bahnbrechendes Modell, das überzeugend darstellt, warum ethnische Gewalt entsteht. Es ist oft übersehen worden, daß multi-ethnische Gesellschaften reine Chimären sind, wenn sie in segregierten Räumen organisiert werden, die keine Integration und Assoziierung zulassen. Segregation und einseitige Assimilation isolieren die ethnischen Gruppen nur und schüren Gewaltbereitschaft eher als sie einzudämmen. Die Vereinten Nationen benutzen die Studie schon jetzt, um Unruhen zwischen Christen und Muslimen in Indonesien zu verstehen und hoffen, daß Varshneys Ergebnisse zu Reformen führen, die einen zukünftigen Frieden wahrscheinlicher machen. Im Schlusskapitel skizziert er Perspektiven für eine neue Betrachtung ethnischer Gewalt in den Ländern der ehemaligen UDSSR, in Ex-Jugoslawien, Irland und den USA. Vergleichende Studien zu diesen Ländern stehen noch aus.

Ashutosh Varshney: Ethnic Conflict and Civic Life, Hindus and Muslims in India, Yale University-Press, New Haven London 2002, 382 S., 42,50 E, Tb. 18,95 E


00:00 02.07.2004

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