Die Zeichnungen des Kartographen

Afrika aus Papier Gerhard Seyfrieds erster Roman »Herero« ist jedenfalls nicht langweilig

»Es ist der Exzellenz in diesen langweiligen Friedenszeiten vor allem darum zu tun, sich diese seltene Gelegenheit zu einem hübschen kleinen Krieg nicht durch pazifistische Gefühlsduselei versauen zu lassen. Vom Boxeraufstand 1900 und ein paar Strafexpeditionen in Kamerun und Deutsch-Ostafrika abgesehen, herrscht doch seit dreiunddreißig Jahren der reinste Friede! Die besten Mannschaften gehen nutzlos dahin! Für das Militär, für den Berufsoffiziersstand, für die Kriegerkaste der Junker heißt das Stillstand und Verweichlichung, keine Beförderungen außer der Reihe, keine Bewährung vor dem Feind, keine Bestätigung des Mannesmutes vor den Schrecken des Krieges. Man läßt das Schwert der Nation in seiner Scheide rosten, anstatt es blank und scharf zu halten!Es ist zwar nur ein Kaffernaufstand am Arsch der Welt, kein richtiger Krieg, kein ernstzunehmender Gegner, kaum Lorbeeren zu holen. Aber es gibt nun mal nichts Besseres, was will man da machen. Man kann sich ja auch nicht von ein paar Negern auf der Nase herumtanzen lassen. Kommen wir hin! Das Reich würde zum Gespött der Nationen werden, würde das Gesicht verlieren, wenn es jetzt nicht entschlossen und mit äußerster Härte zupackte!Die Exzellenz steht mit dieser Ansicht nicht allein, beileibe nicht! Das deutsche Volk, von ein paar sozialdemokratischen Negrophilen einmal abgesehen, verlangt nach Bestrafung der schwarzen Aufrührerbande, nach Sühne, ja, nach Rache!« (Seyfried, Herero)

Der Boxeraufstand geistert durch die Literatur und die Geschichtsbücher, über den deutschen Völkermord an den Hereros im Jahr 1904 dagegen war im Geschichtsunterricht in Ost und West nicht viel zu erfahren. Kaiser Wilhelm II. hatte Appetit auf Kolonien, aus Neid auf die Engländer, das hatte man gelernt und auch, dass der Erste Weltkrieg irgendwie damit zusammenhing. Aber was in den deutschen Kolonien passierte, das war im Dunkel der Geschichte verschwunden, überdeckt von schlimmeren Grausamkeiten. Gerhard Seyfried, bekannt als Berliner Comiczeichner, hat nun einen Kolonialroman vorgelegt, so dick, dass man ihn auf eine längere Schiffspassage, vorzugsweise nach Afrika mitnehmen sollte, für die tägliche U-Bahnfahrt ist er mit einem Kilo Gewicht einfach zu schwer.

Der Berliner Kartograph und junge Witwer Carl Ettmann kommt Ende 1903 nach Deutsch-Südwestafrika, um das Land neu zu vermessen. In der Hafenstadt Swakopmund trifft er auf die abenteuerlustige Fotografin aus wohlhabendem Hause, Cecile Orenstein, die Land und Leute für einen Werbeprospekt der South West Africa Companie Ltd. aufnehmen soll. Das Buch durchziehen dann auch zeitgenössische Fotos aus dieser Zeit sowie Zeichnungen Carl Ettmanns, deren Handschrift die des Comiczeichners Seyfried trägt. Der ursprüngliche Plan, dass beide gemeinsam durch das Land reisen, wird vom Aufstand der Hereros durchkreuzt, in dessen Folge Ettmann einberufen wird und unter Hauptmann Victor Franke als Kanonier den belagerten Deutschen zu Hilfe kommen soll. Die Ereignisse werden journalartig aus Sicht von vier Personen erzählt: aus der von Carl Ettmann, anfangs mit der Eisenbahn unterwegs, der von Cecilie Orenstein, die sich mitten im Aufstand mit einem Pfarrer namens Lutter auf der staubigen Straße Richtung Windhuk bewegt und - als Nebenakteure - Hauptmann Victor Franke, der ein Tagebuch führt und Petrus, dem Herero, der mit den Ahnen kommuniziert und am Ende in der Wüste Omaheke umherirrt. Die Niederschlagung des Aufstandes endet im August 1904 in der Schlacht am Waterberg, einer Katastrophe für das Volk der Herero.

Ich weiß nicht, warum im Impressum des Buches betont werden muss, dass der Autor alle Ereignisse und Verhältnisse »mit Sorgfalt recherchiert hat«. Das ist grundsätzlich vorauszusetzen bei einem Buch, das sich mit einer für die meisten - und wohl auch für den Autor bis dato - unbekannten Historie auseinandersetzt. Hier liegt aber auch das Problem. Man sieht und spürt, an welcher Stelle das abgeschriebene Zitat in den Text eingefügt wurde. Das wirkt mitunter sehr hölzern und man wünscht sich die Konsequenz von Fußnoten. Die häufige Wiederholung der immer gleichen Attribute ermüdet. Es ist eben trocken und heiß in Afrika, aber über die stetige Behauptung, dass es trocken und heiß ist, schwitzt der Leser noch lange nicht mit.

Den Umgang der Deutschen mit ihrer Kolonialgeschichte in Deutsch-Südwestafrika hat vor Seyfried und in weit eindrucksvollerer Weise Thomas Pynchon auf knapp 60 Seiten in seinem ersten Roman V getan, als er seinen Leipziger Helden Kurt Mondaugen 1922 durch das ehemalige Deutsch-Südwestafrika reisen lässt. Er soll an einem Forschungsunternehmen zur Untersuchung atmosphärischer Funkstörungen teilnehmen und wird als Einzelkämpfer in den Süden geschickt, der nun keine deutsche Kolonie mehr ist. Irgendwie sind Mondaugen und Ettmann sich ähnlich. Sie kommen nicht als Eroberer, sondern als Forschungsreisende, was sie zu Beobachtern prädestiniert. Mondaugen gerät in eine Belagerung, die er im Haus eines sadistischen deutschen Farmers verbringt, der 1904 an der Seite von von Trotha gekämpft hatte und zur Belustigung und gegen die Langeweile der Belagerung »1904-Partys« gibt. Zwischendurch peitscht er seine schwarzen Diener zu Tode und erzählt Mondaugen, wie befreiend das Morden war, dem mindestens zwei Drittel des Volkes der Herero zum Opfer fielen. (»Stellt man in Rechnung, dass in dieser unnatürlichen Zeit der eine oder andere auch eines natürlichen Todes gestorben ist, kommt man zu dem Ergebnis, dass von Trotha - der nur ein Jahr geblieben war - 60.000 Menschen ins Jenseits befördert hat. Das ist zwar nur ein Prozent von sechs Millionen, aber immerhin auch eine schöne Leistung.« T. Pynchon, V.)

In dem Moment, wo der Kolonialkonflikt zum Völkermord wird, nimmt Seyfried seinen Helden aus der Schusslinie. Er mag ihn zu sehr, als dass er ihn in einen mörderischen Konflikt stürzen möchte. Nach der Schlacht am Waterberg im August 1904 lässt er seinen Helden Ettmann etwas verwirrt zurück, nachdem der gehört hat, dass im Hauptquartier des Generals von Trotha ungestraft eine Frau mit ihrem Kind erschossen wurde. »Ettmann kann sich das gar nicht vorstellen. Man erschießt doch keine Frau und schon gar kein Kind! Und dazu mitten im Hauptquartier, womöglich noch vor dem General!« Eine Verstrickung seines sympathischen Helden in den Völkermord wider Willen, ein Manövrieren in einen wirklichen Konflikt, eine persönliche Entscheidung für oder gegen Befehle von Trothas hätte aber aus dem Buch einen wirklichen Roman gemacht und aus Ettmann eine Figur aus Fleisch und Blut.

Die Handlung setzt erst wieder im Oktober ein, Ettmann, Cecilie und Lutter sind auf dem Weg in den Süden, Kartographieren, Fotografieren und Missionieren, als der nächste Aufstand, der der Namas - von den Deutschen Hottentotten genannt - ausbricht, und mit gleicher Brutalität von General von Trotha niedergeschlagen wird. Da sind aber fast 600 Seiten um. Die drei retten sich in eine Festung. Im Epilog heißt es, dass Cecilie und Carl das letzte Mal 1905 beziehungsweise 1906 gesehen wurden.

Von Trotha selbst überspannte den Bogen ein wenig zu sehr für den deutschen Geschmack der Zeit. Wegen der unerbittlichen Verfolgung der Eingeborenen - ein Teil von ihnen verdurstete in der Wüste Omaheke, in die sie getrieben worden waren, die Überlebenden Rückkehrer wurden von deutschen Truppen erschossen oder ins Lager gebracht - wurde er im November 1905 abberufen und bekam, im Gegensatz zu Hauptmann Victor Franke, keinen Straßennamen in Berlin. Die Frankestraße im Ostberliner Stadtteil Karlshorst wurde erst 1976 umbenannt, das afrikanische Viertel in Wedding erinnert noch heute an die unrühmliche Kolonialzeit, ohne dass viele eine Ahnung davon hätten, warum die Straßen so heißen. Dass einige nun vielleicht doch etwas genauer hinhören, wenn es um die Hereros geht, ist ein Verdienst des Buches, das bei allen Einschränkungen eines nicht ist: langweilig.

Das Buch dient der Aufklärung, auch angesichts dessen, dass der Häuptling der Hereros für sein Volk Klage in den USA gegen die Bundesrepublik Deutschland, die Deutsche Bank und die Reederei Woermann, die eine Schifffahrtslinie nach Südwestafrika unterhielt, erhoben hat. Er fordert eine Entschädigungssumme von vier Milliarden Dollar.

Gegen den Realismus des Romans ist an sich nichts zu sagen, schwierig ist nur, dass die Figuren mitunter sehr papieren wirken. Sie sind alle ein bisschen wie wir Ströbele-Wähler, für die Seyfried im Herbst 2002 das Wahlplakat zeichnete. Gegen den Krieg an sich und für die Schwarzen, von deren Hoffen, Wollen und Denken man nicht nur als Leser eigentlich kaum eine Ahnung hat und schon gar nicht von denen um 1900.

Gerhard Seyfried: Herero. Roman. Eichborn-Verlag, Frankfurt am Main 2003, 604 S., 29,90 EUR

00:00 21.03.2003

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