Die Zeitreise

Leseprobe Maxim Leo lebt heute zwar nur 30 Meter von dem Haus entfernt, in dem er geboren wurde, aber dafür in einem anderen Land. Die DDR hat ihn und seine Familie geprägt

Buch der Woche: Haltet euer Herz bereit. Eine ostdeutsche Familiengeschichte von Maxim Leo

Gebundenes Buch mit Schutzumschlag
272 Seiten, mit Abb.
€ 19,95 (D)
ISBN: 978-3-89667-401-2
Erschienen August 2009
Karl Blessing Verlag

Der Verlag zum Buch:

Die DDR als aufwühlende Familiengeschichte

Die Familie von Maxim Leo war wie eine kleine DDR. In ihr konzentrierte sich vieles, was in diesem Land einmal wichtig war: Die Hoffnung und der Glaube der Gründerväter. Die Enttäuschung und das Lavieren ihrer Kinder, die den Traum vom Sozialismus nicht einfach so teilen wollten. Und die Erleichterung der Enkel, als es endlich vorbei war.

In dieser Familie wurden im Kleinen die Kämpfe ausgetragen, die im Großen nicht stattfinden durften. Hier traf die Ideologie mit dem Leben zusammen. Denn die Überzeugungen waren stark und sie wurden geprägt von einer starken Persönlichkeit, Großvater Leo: Résistance-Kämpfer, Spion, Journalist und Gründervater des antifaschistischen Staates. Widerspruch war entweder zwecklos oder führte zu Zerwürfnissen. Maxims kritischer Vater Wolf, ein radikaler Künstler und Freigeist, liebt Gerhards Tochter Anne trotz ihrer Staatstreue. Und Sohn Maxim steht dazwischen und muss einsehen, dass es gegen »revolutionäre« Eltern kein jugendliches Aufbegehren geben kann. Bis es das Land, das sie aufgebaut und für das sie gekämpft hatten, plötzlich nicht mehr gab und ihr Lebenssinn – im Guten wie im Schlechten – verschwand.

Maxim Leo erzählt anhand seiner Familie, was die DDR zusammenhielt und was sie schließlich zerstörte.

Leseprobe:

In meiner Familie bin ich der Spießer. Das liegt vor allem daran, dass meine Eltern nie Spießer waren. Als ich zehn war, ist mein Vater mit abwechselnd grün oder blau gefärbten Haaren und einer selbst bemalten Lederjacke herumgelaufen. Er hat gebellt, wenn er kleine Kinder oder schöne Frauen auf der Straße sah. Meine Mutter trug am liebsten eine sowjetische Fliegerkappe und einen Mantel, den mein Vater mit schwarzer Tusche besprüht hatte. Die beiden sahen immer so aus, als wären sie gerade von irgendeiner Theaterbühne herunter gestiegen und wären nur kurz zu Besuch im richtigen Leben. Meine Kumpels fanden meine Eltern lässig und hielten mich für einen glücklichen Menschen. Aber ich fand sie peinlich und wünschte mir nichts mehr, als dass sie eines Tages so normal sein könnten, wie all die anderen Eltern, die ich kannte. Am liebsten so wie die von Sven, meinem besten Freund. Svens Vater hatte eine Glatze und einen kleinen Bauch, Sven durfte ihn Papa nennen und mit ihm zusammen am Wochenende das Auto waschen. Mein Vater hieß nicht Papa, sondern Wolf. Meine Mutter sollte ich Anne nennen, obwohl sie eigentlich Annette heißt. Unser Auto, ein grauer Trabant, wurde nur selten gewaschen, weil Wolf fand, es habe keinen Sinn, ein graues Auto zu putzen. Außerdem hatte er gelb-schwarze Kreise auf die Kotflügel gemalt, damit man uns schon von Weitem sehen konnte. Manche Leute dachten, es wäre ein Blindenauto.

Svens Eltern hatten einen Farbfernseher, eine Polstergarnitur und eine Schrankwand. Bei uns im Wohnzimmer gab es nur Bücherregale und eine Sitzecke, die Wolf aus Teilen einer barocken Schlafzimmergarnitur zusammengeschraubt hatte. Man saß dort ziemlich hart, weil Wolf meinte, man müsse es nicht gemütlich haben, wenn man sich etwas zu sagen hat. Einmal habe ich einen Plan unserer Wohnung gezeichnet, so wie ich sie gerne gehabt hätte. Eine Wohnung mit Polstergarnitur, Farbfernseher und Schrankwand. Wolf lachte mich aus, als er das sah, weil die Polizistenfamilie, die vorher in der Wohnung gelebt hatte, genau so eingerichtet gewesen war, wie auf meinem Plan. Er erklärte mir, es sei dumm und manchmal sogar gefährlich, immer das zu machen, was alle machten, weil man dann ja gar nicht selbst leben müsste. Ich weiß nicht, ob ich damals verstanden habe, was er damit meinte.

Jedenfalls hatte ich von Anfang an gar keine andere Wahl, als ein vernünftiger, ordentlicher Mensch zu werden. Mit vierzehn bügelte ich meine Hemden, mit siebzehn trug ich ein Jackett und versuchte hochdeutsch zu sprechen. Das war die einzig mögliche Form, gegen meine Eltern aufzubegehren. Sie sind schuld daran, dass ich ein braver, gut angezogener Revolutionär geworden bin. Mit vierundzwanzig hatte ich meinen ersten Job, mit achtundzwanzig war ich verheiratet, mit dreißig kam das erste Kind. Mit zweiunddreißig die Eigentumswohnung. Ich bin ein Mann, der früh erwachsen werden musste.

Wenn ich auf meinem Balkon stehe und mich über die Brüstung beuge, kann ich den Laden sehen, in dem ich geboren wurde. Der Laden ist nur zwei Häuser entfernt, rechts unten an der Ecke. Man könnte sagen, dass ich mich nicht besonders viel bewegt habe in meinem Leben. Dreißig Meter in achtunddreißig Jahren. Ich habe keine Erinnerung an den Laden, wir sind weggezogen als ich ein Jahr alt war. Wolf sagt, sie hätten mich als Baby oft im Kinderwagen auf die Straße gestellt, weil die Luft im Laden so feucht war. Der Laden war Wolfs erste eigene Wohnung. Lippehner Straße 26, Berlin-Prenzlauer Berg. Vorn hatte er sein Atelier, hinten zum Hof gab es ein dunkles Berliner Zimmer und eine kleine Küche. Der Winter 1969, in dem sich Wolf und Anne kennenlernten, muss ziemlich hart gewesen sein. In der Straße lag der Schnee einen Meter hoch und im Zahnputzbecher war morgens Eis. Als Anne zum ersten Mal zu Besuch kam, hatte Wolf den Ofen im Schlafzimmer geheizt und auf die Bettdecke eine Mokkabohne gelegt, wie im Hotel. Weil der Rest der Wohnung kalt war, sind sie ziemlich schnell im Bett gelandet. Zwei Monate später war Anne schwanger. Sie sagt immer, ich sei ein Unfall gewesen. Und so wie sie es sagt, klingt es mehr nach Tschernobyl als nach Glück. Es kann sein, dass sie noch ein bisschen Zeit gebraucht hätten zu zweit.

Heute ist in dem Laden ein Ingenieurbüro. Immer, wenn ich vorbeigehe, sitzt ein Mann mit grauen Haaren reglos am Schreibtisch. Man sieht nur seinen Kopf und seine Füße, weil das große Ladenfenster in der Mitte einen breiten Milchglasstreifen hat. Manchmal denke ich, dass der Mann eine Attrappe ist. Ein Ingenieur ohne Unterleib. Vielleicht habe ich mich deshalb nicht getraut zu fragen, ob ich mir den Laden mal anschauen darf.

Im Nachbarhaus gab es früher eine Fleischerei. Die Fleischermamsell hat meinem Vater Pakete mit Schweinebratenkruste zugesteckt, weil sie wusste, dass er kein Geld für so was hatte. Ein adeliger Jurist aus Süddeutschland, der das Haus vor ein paar Jahren gekauft hat, spielt jetzt manchmal Saxofon in dem leeren Raum, in dem noch die Fliesen von damals hängen.

Schräg gegenüber war ein Seifenladen, dessen Chefin genau registrierte, welche Frauen bei Wolf ein und aus gingen und die ihn zuweilen deswegen zur Rede stellte. Heute gibt es dort ein Designbüro, das von einer Amerikanerin geführt wird, die eine asymmetrisch geschnittene Ponyfrisur trägt und laut Opernmusik hört.

Auf den Fotos, die Wolf damals von der Straße gemacht hat, sieht man graue, kaputte Häuserwände und Bordsteine ohne parkende Autos. Vor dem Laden steht Wolfs Motorroller. Alles wirkt leer, verlassen. Heute ist die Straße ein Traum in Pastell. Blattgold glänzt von Stuckfassaden, und ein Parkplatz ist schwer zu bekommen. In den Wohnungen leben Paare, die Ende dreißig sind, sich aber eher wie Ende zwanzig fühlen. Es sind Männer mit teuren Sonnenbrillen und Frauen, die über ihren kurzen Röcken Trainingsjacken tragen. Sie schieben Kinderwagen mit Sportbereifung vor sich her, kaufen ihr Fleisch beim Biometzger und verströmen dieses etwas anstrengende Gefühl völliger Unangestrengtheit. Hier lebe ich, und ehrlich gesagt passe ich ziemlich gut dazu.

Das findet Wolf auch, der sich manchmal über mich lustig macht, weil ich so viele Dinge brauche, um glücklich zu sein. Weil ich jetzt zu den anderen gehöre. Zu den Westlern. Er wundert sich, was aus seinem Sohn und aus seiner Straße geworden ist.

Ich selbst wundere mich ja auch. Ich weiß nicht, wie das alles passiert ist, wie der Ostler aus mir verschwunden ist. Wie ich Westler wurde. Es muss ein schleichender Prozess gewesen sein, so ähnlich wie bei diesen hoch ansteckenden, tropischen Krankheiten, die sich über Jahre unerkannt im Körper ausbreiten und irgendwann die Macht übernehmen. Die neue Zeit hat meine Straße verändert und mich auch. Ich musste mich nicht bewegen, der Westen ist zu mir gekommen. Er hat mich zu Hause erobert, in meiner vertrauten Umgebung. Er hat es mir leicht gemacht, ein neues Leben zu beginnen. Ich habe eine Frau aus Frankreich und zwei Kinder, die gar nicht wissen, dass es mal eine Mauer in Berlin gegeben hat. Ich habe einen gut bezahlten Job in einer Zeitung, und meine Hauptsorge besteht gerade darin, ob wir in unserer Küche Dielen- oder Steinfußboden haben sollten. Ich brauche keine Haltung mehr zu zeigen, muss mich nicht engagieren, benötige keinen Standpunkt. Politik kann ein Gesprächsthema sein, wenn einem sonst nichts einfällt. Nicht die Gesellschaft, ich selbst bin zum Hauptthema meines Lebens geworden. Mein Glück, mein Job, meine Projekte, meine Träume.

Das klingt so normal und vielleicht ist es das ja auch. Trotzdem habe ich manchmal ein schlechtes Gewissen und fühle mich wie ein Überläufer. Wie einer, der seine Vergangenheit verraten hat. Als sei ich meinem ersten Leben noch etwas schuldig, als sei es verboten, die Dinge von damals ruhen zu lassen. Dieses Leben in der DDR erscheint mir heute unwirklich und seltsam. Es ist, als würde ich aus einer fernen Zeit berichten, die mit mir kaum noch etwas zu tun hat. Ich komme mir vor wie einer von diesen alten Männern, die bei Guido Knopp vor der blassroten Studiowand sitzen und vom Kessel von Stalingrad erzählen. Ich bin ein Zeitzeuge geworden, ein Mann, der früher mal was erlebt hat. So wie mein Großvater, so wie all die anderen, die in ihrer Jugend jemand anderes waren.

Doch in Wahrheit ist der Osten gar nicht weit weg. Er hängt an mir dran, er begleitet mich. Er ist wie eine große Familie, die man nicht abschütteln kann, nach der man gefragt wird, die sich immer mal wieder meldet. Auch in meiner kleinen Familie ist der Osten immer da. Ich spüre ihn, wenn ich Wolf besuche, der jetzt ein paar Straßen entfernt in einer Dachkammer wohnt, die einmal sein Atelier war. Er ist dort hingezogen, nachdem er sich vor fünf Jahren von Anne getrennt hat, weil die bürgerliche Paarbeziehung ihm zu eng wurde. Es gibt neben seiner Arbeitsecke ein Bett, einen runden Esstisch, zwei Stühle, eine selbst gebaute Dusche und ein Klo, das mit einem Vorhang abgetrennt ist. Wolf sagt, ihm reiche das aus. Er ist gegen diesen ganzen Luxus, den Konsum, die Abhängigkeit von Geld und Status. Er will bescheiden leben und frei sein, so wie ganz am Anfang in seinem kleinen Laden. Alles andere wäre auch schwierig, weil er seit der Wende nie besonders viel Geld verdient hat und nur sechshundert Euro Rente bekommt. In finanziellen Dingen, sagt Wolf, sei es in der DDR viel vernünftiger zugegangen als heute, weil Dinge wie Wohnung und Essen fast umsonst waren und nur der Luxus wirklich Geld gekostet hat. Immer wieder haben wir ihn gedrängt, für das Alter vorzusorgen. Aber Wolf hat es abgelehnt, sich um die Zukunft zu kümmern. „Mit sechzig bin ich hoffentlich tot, ich habe keine Lust, im Altersheim zu verfaulen“, hat er uns gesagt. Jetzt ist er sechsundsechzig und es geht ihm blendend.

Mir fällt es nicht leicht, Wolf in seiner Dachstube zu erleben, deshalb lade ich ihn meistens zu uns ein. Verglichen mit seiner Ärmlichkeit kommt mir unser Wohlstand völlig übertrieben vor. Ich habe ständig das Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen. Wahrscheinlich habe ich mehr Probleme damit als er, denn Wolf ist wirklich mit wenig zufrieden. Er hat jetzt eine ziemlich junge Freundin und jede Menge Zeit. Er sagt, es sei ihm lange nicht so gut gegangen.

Wolf hatte auch in der DDR viel Zeit, jedenfalls kam es mir immer so vor. Er verdiente sehr gut und konnte es sich leisten, nur ein paar Monate im Jahr für Geld zu arbeiten. Den Rest der Zeit machte er Kunst. Und Urlaub. Wir hatten ein kleines Haus mit einem großen Garten in Basdorf, im Norden von Berlin. Dort verbrachten wir die zweimonatigen Sommerferien und meist auch die einmonatigen Winterferien. Mein kleiner Bruder Moritz, Wolf und Anne und ich. Wir machten Fahrradtouren, Paddeltouren oder Skitouren. Meine ganze Kindheit erscheint mir heute wie eine endlose Ferienzeit. Wolf konnte gut Fußball spielen, auf Bäume klettern, Höhlen bauen und lange tauchen. Ein bisschen wollte ich dann doch so werden wie er. So frei und stark.

Anne ist viel ruhiger und vernünftiger als Wolf. Sie nimmt sich selbst auch nicht so wichtig, was wahrscheinlich die Voraussetzung dafür ist, mit einem Mann zu leben, der sich für das Zentrum der Welt hält. Wenn ich an meine Kinderzeit zurückdenke, dann sehe ich eine Frau vor mir, die mit einem Buch und einem Glas Tee in der Ecke sitzt und eine so tiefe Ruhe und Zufriedenheit ausstrahlt, dass es schon einiger Wichtigkeit bedarf, um es zu wagen, sie aus ihrer Versunkenheit herauszuholen. Anne sagt, dass sie mit mir am Anfang nicht viel anzufangen wusste. Sie war zweiundzwanzig, als ich geboren wurde, und auf den Fotos von damals sieht sie aus wie eine zerbrechliche Prinzessin, die man mit dem wirklichen Leben eher verschonen sollte. Es gibt ein Foto, auf dem sie mich auf dem Arm hält. Ihr hübsches, blasses Gesicht ist leicht von mir abgewandt und ihre dunklen Augen schauen sehnsuchtsvoll ins Nichts. Erst als ich anfing zu lesen, begann sie, sich richtig für mich zu interessieren. Ich bekam die Bücher, die sie als Kind begeistert gelesen hatte, und es machte ihr große Freude, wenn ich sie mit dergleichen Begeisterung las.

Als sie Wolf kennenlernt, ist Anne beeindruckt von seiner rauen, rebellischen Art. Er ist so ganz anders als die Männer, die sie bis dahin getroffen hat. Er ist frech, er ist ein Künstler, er bricht die Regeln, die sie immer beachtet. Und er ist ein schöner Mann mit lustigen Augen und einem Kinnbart, der ihm etwas Verwegenes gibt. Als sie zum ersten Mal zusammen ausgehen, laufen sie durch den verschneiten Park, der am Ende meiner Straße beginnt. Die Wege sind rutschig, und Anne hat wie immer die falschen Schuhe an. Wolf nimmt sie an der Hand und führt sie durch den Park und irgendwie ist klar, dass sie einen Beschützer gefunden hat. Einen, der sie nicht mehr loslassen wird.

Sie sprechen über Politik, über das Land in dem sie leben. Wolf erklärt, wie schrecklich er diese DDR findet, wie unwohl er sich fühlt, wie sehr es ihn belastet, von diesen alten Männern bevormundet zu werden. Anne sagt, sie sei in der Partei. Da bleibt Wolf stehen, lässt ihre Hand los und schweigt. „Es konnte ja nicht alles Gute beisammen sein“, sagt er später. Es ist der Anfang einer langen Liebe und eines langen Streits. Das hat bei meinen Eltern immer zusammengehört.

Anne erzählt von ihrem Vater Gerhard, dem Kommunisten, der in Frankreich gegen die Nazis gekämpft hat. Sie zeichnet das Bild eines zärtlichen Helden, der seine Partei und seine Tochter liebt. Wolf erzählt von seinem Vater Werner, dem kleinen Nazi, der ein kleiner Stalinist geworden ist. Ein Mann, von dem er nicht viel weiß, mit dem er gebrochen hat. Wolf sagt, er habe sich damals gewünscht, einen neuen Vater zu finden. Der zärtliche Held, von dem Anne erzählt, gefällt ihm.

Bevor Wolf zum ersten Mal bei Annes Eltern eingeladen wird, erkundigen die sich bei Anne, ob der Neue denn auch in der Partei sei. Als Anne das verneint, verdunkelt sich das Gesicht ihres Vaters und ihre Mutter rät, nicht jede Verliebtheit gleich zu ernst zu nehmen. Wolf sagt heute, im Grunde sei da schon alles klar gewesen, noch bevor er ihre Eltern überhaupt gesehen hatte. Anne sagt, das sei übertrieben.

Jedenfalls hat sie Geburtstag und es gibt ein Abendessen bei ihren Eltern in Berlin-Friedrichshagen. Anne hat die Nacht davor kaum geschlafen, weil sie zusammen mit anderen Studenten zu einem sozialistischen Hilfseinsatz bei der Reichsbahn gerufen worden war. Es ging darum, eingefrorene Weichen vom Schnee zu befreien. Aber eigentlich haben sie nur rumgestanden, weil nicht genug Schippen da waren. Anne findet es blöd, dass sie als Studentin solche Einsätze machen muss. Gerhard reagiert gereizt. Er sagt: „Wenn es im Sozialismus ein Problem gibt, müssen alle helfen.“ Seine Stimme ist ungewohnt hart. Anne versteht nicht, warum er so reagiert. Sie verteidigt sich, ein Wort ergibt das andere. Wolf schaut schweigend zu und fragt sich, ob das wirklich der Mann ist, von dem ihm Anne so viel Gutes erzählt hat. Irgendwann sagt Gerhard zu Anne gewandt: „Wenn es hart auf hart kommt, stehst du eben auf der anderen Seite der Barrikade.“ Diesen Satz habe ich später noch oft gehört, meistens von Wolf, der ihn immer und immer wieder als Beweis dafür zitierte, dass Gerhard daran schuld ist, wenn die Familie nie wirklich zusammenwachsen konnte. Als wir in der Schule die französische Revolution behandelten, gab es in meinem Geschichtsbuch das Bild einer Barrikade in den Straßen von Paris. Ich stellte mir meine Eltern auf der einen Seite und meine Großeltern auf der anderen Seite vor. Ich wusste nicht, auf welche Seite ich gehörte. Ich wollte eigentlich nur, dass sich alle vertragen, dass wir eine richtige Familie sind. Ohne Barrikade.

Anne packt ihre Kleider, nimmt eine dicke Bettdecke mit und zieht in Wolfs Ladenwohnung. Ihre Mutter versucht noch eine Weile, Anne die neue Liebe auszureden. Sie sagt, Wolf sei ein verspielter Künstler, auf den man sich nicht verlassen könnte. Außerdem sei er nicht klug genug für sie. Erst als die Eltern erfahren, dass Anne schwanger ist, geben sie den Kampf auf. Die Trauung findet im Standesamt Prenzlauer Berg statt. Auf dem Hochzeitsfoto trägt Anne ein kurzes Blümchenkleid, unter dem sich der Bauch schon leicht wölbt. Sie hat ihre Haare nach oben gesteckt und sieht aus wie ein Mädchen. Wolf trägt einen dunklen Anzug und grinst in die Kamera. Neben ihm steht Gerhard mit ernstem Blick.

Die Hochzeit wird im Sommerhaus von Annes Eltern gefeiert. Ein französischer Freund der Familie grillt mariniertes Fleisch, es gibt geröstete Schnecken, Baguette, Oliven und einen roten Bordeaux. Die Gäste sprechen französisch und englisch, sie tragen teure Anzüge und machen Witze über die DDR. Wolf ist beeindruckt von dieser Gesellschaft. Er ist bis dahin noch nie auf einer Grillparty gewesen. Er weiß nicht, dass man Schnecken essen kann. Er sieht auch zum ersten Mal eine Pfeffermühle, aus der er die Körner herausholt und dann nicht mehr weiter weiß. Die anderen lachen, er wird rot. Anne stellt ihm die Freunde ihrer Eltern vor, die Schriftsteller oder Journalisten sind, die während der Nazizeit im Exil in Frankreich, in Amerika, in Mexiko oder in Schanghai gelebt haben. Wolf hört ihre Geschichten, die vom Kampf, von Flucht und Leid handeln. Es sind Menschen, wie er sie noch nie getroffen hat. Helden, Überlebende aus der großen, weiten Welt, die in der kleinen DDR ihre neue Heimat gefunden haben. Weil sie hier nicht mehr verfolgt werden, weil sie hier in Sicherheit sind. Ihre Geschichten sind so anders als die seiner Familie. Alles ist so fremd. Wolf fragt sich, ob er je dazugehören kann zu diesen Leuten, zu dieser Familie, zu dieser Frau, die er gerade geheiratet hat. Gerhard prostet ihm zu, ohne ihn anzusehen. Sie trinken auf das Eheglück und ein langes Leben.

© Karl Blessing Verlag, München 2009


Maxim Leo wurde am 30. Januar 1970 in Ostberlin geboren; er studierte Politikwissenschaften an der Freien Universität Berlin und am Institut dEtudes Politiques de Paris. Seit 1997 ist er Redakteur bei der Berliner Zeitung, seit 2001 im Ressort Seite Drei. 2002 war er nominiert für den Egon-Erwin-Kisch-Preis, 2002 wurde er mit dem Deutsch-Französischen Journalistenpreis ausgezeichnet und 2006 mit dem Theodor-Wolf-Preis. Mit seinem Kollegen Jochen-Martin Gutsch hat Maxim Leo 2005 Single. Family Zwei Männer. Zwei Welten. 66 wahre Geschichten veröffentlicht. Er lebt mit seiner Familie in Berlin DasBuchistam27.August2009erschienen

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00:00 17.09.2009

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