Die Zukunft sieht alt aus

Retro-Futurismus Krise, Inflation, Klimakatastrophe - und was ziehen wir an? Die Mode sucht nach dem Morgen in den Zukunftsentwürfen von gestern. Eigene Visionen traut man sich nicht zu

Eindeutige Prognosen über das Leben von morgen, sagen wir in ökonomischer oder klimatologischer Hinsicht, sind jüngst in Verruf geraten. Wegen dieser Unpopularität scheinen selbst Slogans wie „No Future“, von englischen Punks in den späten 70er Jahren populär gemacht, viel zu eindeutig. Soviel Vorsehung könnte sich, so die Furcht, leicht zu einer Self-Fulfilling Prophecy entwickeln. Trotz des angeschlagenen Rufs des Vorhersagens scheuten auf den Modeschauen im Frühjahr aber einige Modemacher nicht den Blick in die Glaskugel und stellten sich der Frage nach den Kleidern der Zukunft.

Inflation, Klimakatastrophe oder Fortführung des Status Quo – was werden wir in Zukunft anziehen? Und wie sind wir richtig für morgen gerüstet? Werden sich High-Tech-Kunststoffe oder erdige Biobaumwolle durchsetzen? Wie reagiert die Modewelt auf die weltweite Krise? Die Antwort suchen Modedesigner an einem Ort, den durchaus ein Mensch zuvor gesehen hat. Die Designelite, unter ihnen neue Stars wie Rick Owens oder Rodarte, aber auch etablierte Namen wie Karl Lagerfeld oder Nina Ricci schleudern den Verbraucher auf der Suche nach dem Morgen zurück in die Zukunft von Gestern. Daniel H. Wilson, Kybernetiker und Science-Fiction-Experte, betont: „Der Retro-Futurismus aus der Mitte des vergangenen Jahrhunderts lebt definitiv weiter. Wir blicken gern in eine Zukunft, die niemals zur Gegenwart wird.“

Der Blick zurück ist modisch natürlich ein Dauertrend. Ein Besuch beim nächsten H reicht, um sich eine Idee der Dreißiger, Fünfziger und Achtziger in den eigenen Schrank zu zaubern. Es darf anachronistisch und quer durch die Historie eingekauft werden. Nur Futurismus schien hier immer wie das Stiefkind der Retro-Welle. Die Zukunfsentwürfe von einst galten als wenig elegant, als naiv, als kostümiert.

Eskapistische Episoden

Doch die Avantgardisten der gegenwärtigen Modeszene entscheiden sich jetzt, die Avangardisten des 20. Jahrhunderts hinsichtlich ihrer Zukunftsvisionen wiederzubeleben. Interessant ist dabei nicht nur der Zeitpunkt, sondern auch die mehrmediale Umsetzung. Anfang Mai gibt es im Kino ein Wiedersehen mit altbekannten Helden der Zukunft: Die USS Enterprise fliegt wieder. Im neuen Film wird passend zum Retro-Futurismus die Vergangenheit von Captain Kirk, Spock Co näher beleuchtet.

In der Gegenwart zeigen Laufstegkreationen für den kommenden Herbst futuristische Looks mit einem eindeutig militant-uniformen Einschlag. Von Balmain bis Lagerfeld präsentieren die anpruchsvollen Marken stark akzentuierte Schultern, die über einem schmalen Körper ohne Kurven ragen. Lange, dürre Beine werden mit Hilfe gigantischer Plateauschuhe zusätzlich verlängert. Körperliche Imperfektion, schlechte Haltung oder einfach ein paar Zentimeter zu wenig werden optisch korrigiert. Androgyn, aufrecht, fast militant präsentieren sich die neuen Herbstkollektionen.

Zahlreiche Entwürfe erinnern dabei frappierend an Buck Rogers und Flash Gordon, die Comic-Helden die sich während der dreißiger Jahre großer Popularität erfreuten. Sie stellten einem breiten Publikum ferne, zukünftige Welten und neue Technologien vor, weit weg von Massenarbeitslosigkeit und der Großen Depression. Aber werden die eskapistischen Versuche von damals auch die heutigen Ängste heilen?

Erst kürzlich trat die notorisch zeitgemäße Stil-Ikone Victoria Beckham in mächtigen Eckschultern und hohen Boots des Designers Balmain auf die Bürgersteige von Los Angeles, die ja für Profis von Poshs Bekanntheitsgrad gleichbedeutend mit den Laufstegen dieser Welt sind. Wie eine Weltenretterin sah sie nicht aus, aber trotzdem hat sie den neuen alten Futurismus direkt in die bunten Blätter geweht. Seitdem ist auch in der Mode die Erkenntnis angekommen, dass nicht nur wirtschaftlich und gesellschaftlich, sondern auch kreativ die Zukunft ein alter Hut ist.

Ein Blick in die Pop-Kultur zeigt aber, dass die Zukunftsentwürfe von einst stärker in ihrer jeweiligen Zeit verwurzelt sind, als man dies bei entrückten Science-Fiction-Szenarien eigentlich denken würde. Flash Gordon und Buck Rogers retteten einst die Comicseiten von Sonntagszeitungen, während die Luftfahrt ihr goldenes Zeitalter erlebte und der aufziehende Faschismus die Welt nach und nach übernahm. Moderne Technik und Tolitarismus. Die Welt sehnte sich nach Rettung durch übermenschliche Helden und ihren technischen Spielzeugen.

In den Sechziger Jahren brachen Kirk und Spock nicht nur in fremde Welten auf, die „noch nie zuvor ein Mensch gesehen hat“, sondern Stark-Trek-Schöpfer Gene Roddenberry kommentierte mit Hilfe seiner Weltraum-Utopie auch den Wettstreit der russischen und amerikanischen Weltraumfahrt um die Vorherrschaft im All. Neben dem Dualismus gab es bei Star Trek aber immer auch die friedliche Vision eines multiethnischen Zusammenarbeitens.

1985 ließ Robert Zermeckis in dem Science-Fiction-Teenie-Klassiker Zurück in die Zukunft den verrückten Wissenschaftler Doc Brown eine Zeitmaschine bauen und schickten den jungen Marty McFly zurück in die Vergangenheit, nur um die Ehre seines Vaters wieder herzustellen. Zermeckis Version des Reisens durch die Zeit ist individueller, nicht wissenschaftlich-technischer Natur. Die Filmemacher verinnerlichten damit die Demokratisierung und Kommerzialisierung wissenschaftlicher Errungenschaften für ein Massenpublikum. Nicht das Schicksal der gesamten Menschheit, sondern das Einzelschicksal des Individuums Marty McFly stand plötzlich im Zentrum des Geschehens.

Mittlerweile ist man popkulturell wieder zur Rettung der ganzen Menschheit zurückgekehrt. Iron Man und Batman, die kassenstärksten Helden des letzten Kinojahrs, retteten die ganze Stadt oder besser gleich das ganze Land vor dunkler Bedrohung, wobei diese allerdings immer von einer einzigen Person, einem dunklen Antagonisten, ausging.

Literarische Utopien, von den komplexen Werken H. G. Wells‘ bis zu den politischen Visionen von George Orwell, beschrieben einst präzise die Welt von morgen, wie sie sein könnte. Wie wir in Zukunft gekleidet sein werden, behielten die Literaten allerdings für sich. Die Suche nach der Antwort auf diese Frage überließen sie den Comic-Zeichnern und später den Filmemachern.

Die Zukunft trägt Uniform

Flash Gordon brauchte seinen Helm, seinen hautengen Anzug, seinen Gürtel und seine Handschuhe, um in fremden Galaxien die Welt zu retten. Aerodynamisch, praktisch und natürlich maskulin erscheint der am 7. Januar 1934 erstmals gesichtete Superheld. Hauteng und breitschultrig, angelehnt an die Silhouette einer Militäruniform, dem Inbegriff der autoritär-maskulinen Kleidung, wurde dieser Look in der Folge zur Standarduniform der Comic-Superhelden.

Für hauteng und uniform entschieden sich dann auch Roddenberrys Kostümdesigner, obgleich die „Starfleet“, die Sternenflotte, ein Nasa-plus-UN-Verbund demokratischer Planeten, nicht mehr in militärischer, sondern in rein wissenschaftlicher Mission unterwegs ist. Trotzdem tragen die Flottenmitglieder strenge Uniformen. Und warum servieren die Designer unser Zeit ihre Präsentationen in neu aufgegossenen Interpretationen eines neo-millitaristischen Futurismus aus der Großen Depression und dem Kalten Krieg?

Andrew Bolton, Kurator des New Yorker Metropolitan Museum of Art, sagte der New York Times jüngst: „Modedesigner fühlen sich unter Druck zu idealisieren, zu vereinfachen, damit sie ein Stilmanifest als Antwort auf die ökonomische Krise erstellen können.“ In der Praxis hieße das oftmals, dass man „sich auf die bekannten Charakteristika vergangener Science-Fiction-Helden beruft.“ Die Angst vor dem, was morgen kommt, erstickt sogar neue modische Utopien im Keim.

Die Modemacher flüchten sich in Altbekanntes und beantworten daher in dieser Saison leider nicht die Frage, wie wir uns in Zukunft kleiden werden. Und die Filmemacher, die zurzeit wieder sehr gern Comics verfilmen, ebenso wenig. Sicherlich werden sowohl Buck Rogers als auch Flash Gordon ein zeitgemäßes Make-Over verpaßt bekommen, wenn sie 2010 (Flash Gordon) und 2011 (Buck Rogers) wieder Kinokassen retten. Doch dass sie wirklich futuristisch ­visionär aussehen werden, ist kaum anzunehmen. Vielleicht werden sie, wie ihre Kollegen Kirk und Spock, die bald in frisch gestylter Variante auf die Leinwand zurückkehren, jünger und rebellischer, auch ambivalenter sein als ihre Urväter. Das ist auch okay. Jeder weiß, dass die neuen, alten Helden eine sichere Zukunft vor sich haben.

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05:00 29.04.2009

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