Die Zwei vom Bau

Porträt Das Künstlerduo Gudrun Gut und Antye Greie packen gerne mit den eigenen Händen zu – nicht nur bei der Produktion ihrer Musik. Entstanden ist daraus das Album "Baulärm"

Eine Altbauwohnung in Berlin. Durch die hohen Fenster kann man die graubraune Fassade einer Mietskaserne sehen. Es nieselt. Auf dem Schreibtisch Gu­drun Guts Laptop – jene Marke, die ihre Besitzerin als Kreative identifiziert. Auf dem Bildschirm flimmert das Gesicht von Antye Greie vor einem strahlend blauen finnischen Himmel, umrahmt von hohen finnischen Nadelbäumen. Finnische Vögel zwitschern.

Der Freitag: Diese seltsame Interview-Situation illustriert ja sehr schön, dass man heutzutage nicht mal mehr im gleichen Land sein muss, um sich von Angesicht zu Angesicht zu unterhalten. Habt ihr so auch Musik gemacht oder euch noch manchmal direkt in die Augen geguckt?

Gudrun Gut:

Die ersten Entwürfe haben wir tatsächlich unabhängig voneinander im Studio auf­genommen und uns gegenseitig zugeschickt. Dann hat Antye meine Sachen bearbeitet und ich ihre ... Oh, jetzt ist sie weg.

Der Bildschirm ist plötzlich schwarz.

Antye Greie:

Ich bin noch da.

Gut:

Ich kann Dich noch hören, aber nicht mehr sehen.

Das Bild taucht wieder auf.

Greie:

Da bin ich wieder.

Gut:

Schön. Aber wo war ich?

Bei der Zusammenarbeit mit Distanz.

Gut:

Genau. Wir haben jedenfalls festgestellt, dass es sich lohnen würde, zusammen zu arbeiten. Wir kannten uns zu diesem frühen Zeitpunkt ja eigentlich nicht, bis wir auf einem Festival in Kopenhagen zusammen gespielt haben. Im Anschluss sind wir gemeinsam zu Antye nach Finnland gefahren ...

Greie:

Hier haben wir dann eine Woche zusammen gesessen. [

In einer finnischen Sauna?

Greie:

Ja, das ist ein akustisch toller Raum. Diese eine Woche in der Sauna war auf jeden Fall die Grundlage für die Platte. Und was das entfernt voneinander Arbeiten angeht: File-Sharing als Arbeitsgrundlage gibt es ja schon seit zehn Jahren. Man muss nicht mal auf demselben Kontinent sitzen, um zusammen kreativ sein zu können. Aber die Kommunikation ist schon einfacher, wenn man gemeinsam anhören kann, was man da so produziert.

Gut:

Es ist viel direkter. Man spürt dann auch, wie der andere das Ergebnis findet. Aber wir sind beide Solo-Künstlerinnen, wir brauchen unseren Freiraum. Wenn man an seinem Computer sitzt, dann werkelt man da nun mal alleine. Ab und zu ist es schön, das mit den Ideen von jemandem anderen zusammenzubringen, aber eine Woche reicht dafür dann auch. Grundsätzlich hat sich die Musikproduktion aber auch verändert. Früher war das Modell Band viel dominanter. Und für eine Band war es wichtig, in einem Raum zu sein.

Greie:

Ja, man hat diese Band-Zickereien nicht mehr. Ein entferntes Arbeiten ist sicher distanzierter, aber ich persönlich mag das. Man hat mehr Zeit zur Reflektion.

Man könnte also sagen: Die Technik gibt einem die Möglichkeit, mit Menschen zusammen zu arbeiten, ohne mit ihren Schwächen konfrontiert zu werden?

Greie:

Guter Punkt. Die inhaltliche Arbeit ist auf jeden Fall einfacher.

Dann kommen wir doch zum Inhalt. Euer erstes gemeinsames Album heißt „Baustelle“ und basiert nahezu ausschließlich auf Samples mit Baugeräuschen. Wie war es, mit dem Aufnahmegerät auf Großbaustellen zu gehen? Und was haben die Bauarbeiter dazu gesagt?

Greie:

Ja, die Stücke basieren auf Field Recordings. Aber wir sind nicht auf Großbaustellen gegangen, wir haben alle Geräusche auf den Baustellen unserer eigenen Häuser gefunden.

Gut:

Einmal bin ich an der Mischmaschine vorbei gegangen und habe festgestellt, die hat ja einen Rhythmus. Dumm-du-dumm. Daraus ist dann das Stück „Mischmaschine“ entstanden.

Das ist ja schon fast Feld­forschung. Wisst Ihr jetzt, wie Mörtel angerührt wird?

Greie:

Ich nicht, ich hab ja ein Holzhaus. Aber Du warst doch dabei beim Betongießen, Gudrun?

Gut:

Ja, ich war dabei. Aber ich habe den nicht selber angerührt. Immerhin kann ich sagen, dass der Baumarkt mein Lieblingsladen ist. Nicht erst neuerdings, ich bin schon immer sehr gerne in Baumärkte gegangen. Grundsätzlich finde ich aber, man muss delegieren können: Mein Fliesenleger legt so großartig Fliesen, das muss ich nicht selber können.

In Finnland gibt es sicher auch Baumärkte.

Greie:

Sicher, hier gibt es auch Baumärkte. Aber selbstverständlich haben die Deutschen den größten, ein riesiges fettes „Bauhaus“, hingebaut. Die Globalisierung macht auch vor Finnland nicht halt.

Ist „Baustelle“ also vor allem autobiografisch?

Gut:

Einerseits schon. Wenn man im Bau- und Renovierungswahnsinn ist, dann verbindet das natürlich. Aber die Platte wäre eindimensional geworden, wenn wir das auf unser kleines Bauvorhaben beschränkt hätten. Wir mussten das weiter fassen: Dass man die ­Erfahrungen, die man mit so einem Bau macht, auf das ganze ­Leben anwenden kann.

Greie:

Genau. Für mich ist „Baustelle“ vor allem eine Ermutigung zuzupacken. Die Platte handelt von Aktion, davon, mit Händen ­etwas zu bewegen. Die sagt: Steh auf, mach weiter. Ein Song heißt ja auch „Make It Work“.

Klingt ganz schön konservativ: Wir müssen der Hände Arbeit wieder mehr wertschätzen.

Gut:

So sehe ich das nicht, und schon gar nicht konservativ. Es muss ja nicht notgedrungen Handarbeit sein. Die Prozesse sind doch immer ähnliche, bei jeder ­Arbeit. Immer baut man was auf, ob man Töne zusammen schraubt oder töpfert. Und diese Energie, diese Kraft, die man dazu braucht, etwas zu Ende zu bringen, die bringt diese Platte zum Ausdruck.

Greie:

Es geht allgemein darum, etwas aufzubauen, das können auch digitale Welten sein.

Steckt da auch eine feministische Botschaft drin? Frauen über­nehmen mit der „Baustelle“ eine der letzten männlichen Bas­tionen?

Greie:

Das war nicht als Provoka­tion gedacht. Sicher gibt es zwei, drei Momente, wo wir das typisch Männliche an diesem Thema betrachten, aber selbst das ist durchaus liebevoll gemeint.

Gut:

Das war uns weder bewusst noch unsere Absicht. Aber natürlich kann man es als einen Kommentar zum Sexismus lesen. Das ist allerdings ein Thema, mit dem wir leben, seit wir Musik machen. Aber ehrlich gesagt: Ich möchte nur ungern über dieses Frauen­thema reden. In jedem Interview muss ich das tun. Ich habe gar ­keine Lust mehr. Wir machen einfach, wir gehen mit gutem Beispiel voran. Für mich ist das selbst­verständlich, schließlich bin ich eine Frau. Ich muss mich nur ständig damit auseinander setzen, ­warum es für andere nicht selbstverständlich ist. Das ist ein ­Problem, das mich wirklich nervt.

Aber es drängt sich natürlich auf, wenn zwei Frauen die „Baustelle“ besetzen.

Greie:

Aber es ist doch völlig egal, was wir machen. Die Frauenfrage ist immer ein Thema. Ich kann nur sagen, dass es immer besser wird. Jedes Jahr. Als ich angefangen habe, fühlte ich mich völlig alleine. Da gab es kaum eine andere Frau. So kam es mir jedenfalls vor. ­Heute machen so viele Frauen ­Musik, es wird einfacher, es wird leichter. Aber ich muss jetzt erstmal raus aus der Sonne, sonst verbrenne ich.

Sie verschwindet aus dem Bild.

Gut:

Du hast es gut. Hier war es ewig noch so kalt.

Greie taucht wieder auf im Schatten einer Terrasse. Hinter ihr ist ein graubraunes Holzhaus zu sehen.

Anderes Thema: Gudrun Gut hat mal bei den Einstürzenden Neubauten gespielt ...

Gut:

Oh nee. In jedem Interview kommt die Frauenfrage und dann kommt die Neubauten-Frage. Aber ich hab doch nur ein Jahr lang bei den Neubauten gespielt und das war wirklich nicht die wichtigste Zeit in meinem Leben. Tatsächlich habe ich eigentlich bei denen nur mitgespielt, weil sie noch Leute brauchten. Und das war noch bevor die Neubauten mit Vorschlaghammer und Bohrer anfingen. Trotzdem werde ich immer darauf angesprochen.

Aber auch die Frage drängt sich auf, weil die

Gut:

Ja, da gibt es Parallelen. Aber das ist für mich nur ein Nebenaspekt von Baustelle, wenn auch ein freudig begrüßter. Mit dieser Platte sage ich quasi: Guck mal, so würde ich das machen. Denn ich hätte mir nie vorstellen können, mit diesem ganzen, auch körperlich bedrohlichen Material auf eine Bühne zu gehen. Ich finde es interessanter, das Thema abstrakter anzugehen.

Greie:

Ich habe, ehrlich gesagt, die Neubauten nie gesehen. Ich weiß von der Aggression, die in deren Performances steckte, das klingt gut, das würde ich gern mal sehen. Aber ich spüre solche Aggressionen nicht, deshalb kann ich die auch nicht ausdrücken. Genauso wie ich Hip-Hop großartig finde, aber selber nicht rappen würde.

Gut:

Man muss auch sehen: Die Neubauten kamen eindeutig aus den achtziger Jahren, damals hatten sie nicht umsonst ihre beste Zeit. Weil das eine zerstöre­rische Zeit war.

Kann man vielleicht sagen: Bei den Neubauten und was daraus entstanden ist, dem ganzen Industrial-Rock, ging es darum, zu zerstören. Während es bei Euch darum geht, aufzubauen?

Greie:

Genau. So kann man das jedenfalls sehen. [

Die FDJ-Hymne habt Ihr auch verwendet auf Baustelle.

Gut:

Kennen Sie das Original?

Ja. Sie nicht?

Greie:

Jetzt schon. Aber als Antye mir das erste Mal den Text für das Stück geschickt hat, dachte ich zuerst: Das ist aber seltsam. „Für eine bessere Zukunft“? Als sie mir erklärt hat, wo es herkommt, fand ich’s großartig.

Lachen und Zwitschern aus Finnland.

Antye stammt aus dem Osten, Gudrun aus dem Westen. Neben dem FDJ-Lied zitiert Ihr auch „Wir bauen eine neue Stadt“ der Düsseldorfer Band Palais Schaumburg aus den achtziger Jahren. War Baustelle auch ein Ost-West-Projekt?

Greie:

Der Vorschlag, „Wir bauen eine neue Stadt“ zu covern, kam von Gudrun. Ich kannte das Stück überhaupt nicht. Ich kannte diese ganze Vergangenheit nicht. Das einzige, was ich von der Neuen Deutschen Welle kannte, war Nena und „Ich möcht ein Eisbär sein“. Diese kulturelle Differenz ist schon noch extrem.

Gut:

Finde ich nicht. Für mich sind das eher kleine Überraschungen, dass Antye Palais Schaumburg nicht kannte und ich das FDJ-Lied nicht. Daran habe ich dann gemerkt: Wir sind zwar beide deutsch, aber wir haben eben doch einen anderen Background.

Greie:

Ich finde, es ist mehr. Wir sind nicht im gleichen Land aufgewachsen.

Gut:

Fast alle meine Freunde kommen aus dem Ausland. Ich habe viele Freunde aus der Schweiz, aus Holland, aus Amerika, Australien. Und mit denen geht es mir manchmal so, dass wir feststellen, manche Dinge anders erlebt zu haben. Mit Antye ist das manchmal auch so. Aber größer ist die Differenz nicht.

Greie:

Ich habe schon das Gefühl, dass ich mit Russen, Polen oder Ukrainern mehr gemeinsam habe. Hier auf der Insel lebt ein Jugo­slawe. Wir sind total gute Freunde und das vor allem wegen dieser gemeinsamen kommunistischen Vergangenheit. Gerade wenn ich mit westlichen Europäern zu­sammen bin, spüre ich meine russische, oder besser meine sowjetische Vergangenheit ganz stark. Mit Osteuropäern kann ich viel leichter eine Seelenverwandtschaft her­stellen. Deswegen fand ich es wichtig, meine kulturelle Identität einzubringen. Das war der Grund dafür, diesen Propaganda-Song einzubauen.

Gut:

Ich habe keine westdeutsche Sicht mehr. Westdeutschland, das ist lange her. Palais Schaumburg zu zitieren, das passte einfach gut zum Thema. Es ist auch nur ein kleiner Verweis auf die Vergangenheit, denn eigentlich weist das in die Zukunft.

Der Bildschirm wird wieder schwarz.

Gut:

Jetzt ist sie wieder weg ... Ich muss noch mal neu laden ...

Schweigen, kein Zwitschern, dann Anklopfgeräusche.

Greie:

Ich war die ganze Zeit da.

Gut:

Aber nicht hier.

Das Gespräch führte Thomas Winkler. Er spricht regelmäßig für das Alltag-Porträt mit Musikern und Produzenten

15:15 10.06.2010

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