Die zweite Schuld

Schwierigkeiten mit der Wahrheit Woran die deutsch-polnische Aussöhnung scheitern kann

Schwierige Geschichte, Irritationen, Missverständnisse, Verletzungen, Verdrängung, Gedächtnis, Anspruch auf Erinnerung, Versöhnung - das ist das Grundvokabular, mit dem Politik und Medien operieren, wenn es um das Verhältnis der Bundesrepublik zu ihrem direkten Nachbarn im Osten geht. Und Klartext? Fehlanzeige. Klartext wurde jüngst auch im Eröffnungsvortrag des Bundestagspräsidenten auf dem 46. Historikertag in Konstanz nicht geredet. Dass der Vorsitzende des einladenden Verbandes diese Sammlung von Unverbindlichkeiten als einen Höhepunkt des Kongresses wertete, mag verdeutlichen, dass die Geschichtswissenschaftler der Bundesrepublik deren Politikern kaum auf die Sprünge helfen werden.

Die Darstellung der "Schwierigkeiten" im deutsch-polnischen Verhältnis erfolgt häufig aus einer Sicht, die dem fortdauernden Krach zweier Streithammel angemessen wäre, die endlich zu besserer Einsicht gelangen müssten - aber sie wird der geschichtlichen Last nicht gerecht, die den Beziehungen zu Polen durch die Deutschen nachhaltig aufgeladen wurde. Um das immer wieder aus dem Gedächtnis Geratende zu wiederholen: Ohne den zweiten Griff deutscher Imperialisten nach der Weltmacht würden Deutsche in Ostpreußen, Ostpommern, Schlesien und den anderen Gebieten wohnen oder begraben worden sein, die heute Teil des polnischen Staates sind. Denn bei allen Konflikten, die es bis dahin gab, erst der 1. September 1939 bezeichnet den Tag, von dem auszugehen ist, wenn wir über uns und diesen Nachbarn und unser beider Verhältnis reden. Die Sieger des Blitzfeldzuges wollten von Polen nichts übrig lassen - anders als die Sieger von 1945 mit Deutschland verfuhren.

Kriege müssen von den Verlierern bezahlt werden, zumal dieser, wenn die Verlierer so beispiellos verbrechensbeladen dastehen. Das war die Auskunft des Vaters, eines Sozialdemokraten und praktizierenden Antimilitaristen, an einen damals 15jährigen Sohn während der Potsdamer Konferenz. Dass dabei in aller Regel die weniger Schuldigen mehr zahlen als die Hauptschuldigen, war schon aus früheren Zeiten bekannt. Was an den Zahltagen im Jahre ´45 von Einzelnen wie vom Ganzen zu entrichten war, das haben zu einem erheblichen Teil die deutschen Generale bestimmt, die den Krieg bis in die Trümmer Berlins verlängerten. Die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten - später verfälscht und verherrlicht als Rettungstat - begannen Wehrmacht und Nazi-Organisationen in den letzten Kriegsmonaten, vor allem um Kampfraum zu gewinnen. Zwischen Frauen und Kindern, besonders den eigenen, ist schlecht schießen. Noch immer fehlt vielen Deutschen bis heute die Phantasie - und der wird kaum aufgeholfen -, sich einen Moment zu vergegenwärtigen, wie der Krieg zu Ende gegangen wäre, hätten sich die Militärs wie ihre Vorgänger 1918 entschieden, vor den Reichsgrenzen zu kapitulieren. Der kampflose Einzug der Sieger, die nicht mehr Tag für Tag Tote und Verwundete beklagen mussten, wäre in Pforzheim oder Breslau auch dann kein Vergnügen gewesen, aber anders verlaufen.

Doch die Last der Vergangenheit ist nicht mehr nur die bis ins Frühjahr 1945 aufgehäufte. Zu ihr kam in Jahrzehnten hinzu, was Ralph Giordano in seinem 1987 erschienenen Buch die zweite Schuld nannte: Vier Jahrzehnte lang weigerte sich die Bundesrepublik Deutschland, die von den Alliierten gezogene Grenze an Oder und Neiße als Westgrenze Polens anzuerkennen. Ob von Christ- oder Sozialdemokraten geführt, ob mit oder ohne Beteiligung der Freidemokraten, die Regierungen Konrad Adenauers, Ludwig Erhards, Kurt-Georg Kiesingers, Willy Brandts, Helmut Schmidts und auch die Helmut Kohls (bis 1990) haben den Schritt nicht getan, den die Regierung Otto Grotewohl des ostdeutschen "Unrechtsstaates" im Jahre 1950 ging. Damit verbundene Unpopularität bei einem erheblichen Teil der Bevölkerung nicht scheuend, aber in dem Bewusstsein, mit dem Görlitzer Abkommen zu Neuanfang und friedlichen Verhältnissen in Europa beizutragen. Dieser Schritt wird beschwiegen. Und auch das: Die Mehrheit der Polen, die unter deutscher Besatzungsherrschaft litten und sie überlebten, starb, ohne dass der deutsche Weststaat ihnen und ihren Kindern bekundet hätte, ihnen nichts streitig machen zu wollen. Freundliche Gesten nahmen nur in dem Maße zu, wie sich systemkritische und antisozialistische Kräfte in Polen regten.

Wer aufrichtig Verständigung sucht, kann über diese 45 Jahre und die zweite Schuld nicht schweigend hinweg gehen. Nicht über die Regierungspolitik und deren Antriebe, nicht über die Geschichte von Revisionismus und Revanchismus, deren Träger, Verbände, Traditionen und Erbe - auch nicht über die Verdienste jener, die sich gegen diesen Strom der Verweigerer stemmten. Wer in Polen glaubwürdig sein will, wird dazu ein offenes Wort sagen müssen. Es reicht nicht, nur die wohlfeile Distanz von der Politik der Kriegsjahre zu bekunden, sondern auch die Abkehr von jener der Nachkriegszeit zu erklären, anstatt auf Vergesslichkeit zu spekulieren.

Professor Kurt Pätzold ist Historiker, bis 1992 Inhaber des Lehrstuhls für deutsche Geschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin. Bücher u. a.: Geschichte der NSDAP, Adolf Hitler. Eine politische Biographie, Rudolf Hess. Der Mann an Hitlers Seite (jeweils gemeinsam M. Weißbecker)


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00:00 13.10.2006

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