Dieser merkwürdige 9. November

Zeitgeschichte Es fällt beinahe schwer, an Zufälle zu glauben, so viel ist an ihm geschehen. Aber vielleicht ist er gerade in seiner Widersprüchlichkeit ein wirklicher Tag der Deutschen
Irene Runge | Ausgabe 45/2015
Dieser merkwürdige 9. November

Bild: Archiv/der Freitag

Solange ich zurückdenke, hatte ich immer vermieden, mich mit jener Zeit systematisch zu beschäftigen. Doch diese Zeit ist Teil meiner Wirklichkeit, meines Alltags, meiner Gegenwart.

Ich könnte nicht sagen, an wie vielen Stunden, an wie vielen Tagen mit wie vielen Menschen, Freunden und Fremden ich immer wieder mit der Frage nach dem Warum begonnen habe. Und dann gibt es die nicht minder schwierige Frage nach dem Wie der Abläufe. Wie ist es gewesen im November 1938, wie fühlte man sich als Jude? Wie stellte man sich die Zukunft vor? Wie wäre es gewesen, wenn... Doch jede Geschichte ist konkret. Sie lässt sich nicht im Konjunktiv erzählen.

Zu meiner Kindheit gehören die langen Berichte vom Überleben der Erwachsenen. Bruchstücke sind mir geblieben. Manchmal denke ich, die Erwachsenen haben mich auf ewig mit ihren Erinnerungen angesteckt. Es ist wie ein Fieber, eine Krankheit. Es ist ein Gebot. Die Erinnerungen müssen von Kindern auf Kindeskinder kommen, damit sie nicht verloren gehen.

Am 9. November 1918 wurde mit der Hohenzollern-Monarchie die kaiserliche Regierung gestürzt. Seither gilt er in den Geschichtsbüchern als Tag der Novemberrevolution. Am 9. November 1923 missglückte ein dilettantischer Putschversuch in München. Hitler und seine Getreuen wurden bei ihrem Marsch auf die Feldherrenhalle abgewehrt, es gab Tote und Verletzte.

Der Tag wurde nach der Machtübergabe an Hitler zum „Tag der Bewegung“, alljährlich wie ein ritualisiertes Politmysterium begangen. Zur Inszenierung gehörten Triumphmarsch, Trauerschweigen, Fahnenweihen, Reden und verhaltene Musik.

Am Montag, dem 7. November 1938, hatte in Paris der 17jährige jüdische Emigrant Herschel Grynszpan mehrere Schüsse auf den deutschen Diplomaten Ernst vom Rath abgegeben. Er erlag am 9. November seinen Verletzungen. Die Schüsse des vermutlich unpolitischen Herschel G. wurden zum Auslöser eines staatlich sanktionierten Judenpogroms, der in seiner Brutalität In- und Ausland gleichermaßen unerwartet traf. In der Nacht vom Mittwoch auf Donnerstag, vom 9, auf den 10. November, geschah, was späterhin als „Kristallnacht“ in die Alltagserinnerungen eingehen sollte. Stabsmäßig geplant, partiell über die Weisungen zur Zerstörung und Brandschatzung hinausgehend, haben Zigtausende SA-Männer unter dem Jubel und dem schweigenden Entsetzen Umstehender und Wegsehender Tausende jüdische Menschen geschlagen, ermordet, verschleppt, Wohnungen und Geschäfte geplündert, Synagogen und Betstuben zu Asche gemacht. Man kennt die Bilder.

Über 1500 Synagogen, und nicht 281, wie immer wieder nachzulesen, wurden zerstört. Jüdische Zeitzeugen zählten die Gebetsorte ihrer Kindheit und Jugend. Sie wussten, dass die glatten Nazizahlen nicht stimmten. Wie aber kommt es, dass jahrzehntelang nur wenig Misstrauen deutscher Historiker gegen die Nazistatistik dieser Nacht solche Nachforschungen auslöste?

Dem Alltag der Juden in ihrer alltäglich gewordenen Verfolgung, Ausgrenzung und Vertreibung als Nachbarn, Mitschüler und Kollegen galt kein Schwerpunkt im Lernfach Geschichte.

Jener Kristallnacht, der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, das soll nicht vergessen werden, kam in Ost wie West eine eher untergeordnete Bedeutung zu. In den Kalendern ist bis heute das Ereignis nicht vermerkt.

Dass vor allem Juden in jedem November die Erinnerung einforderten, macht das Ergebnis noch lange nicht zu einem jüdischen Gedenktag. Nein, der Novemberpogrom des Jahres 1938 ist und bleibt ein Teil der unteilbar deutschen Vergangenheit.

Einmal, genau 50 Jahre nach dem Pogrom, am 9. November 1988, war alles ganz anders. In Ost und West fanden Gedenkkampagnen statt, die endlich, aber warum erst jetzt, diesen Tag markant ins öffentliche Bewusstsein hoben.

In jedem Herbst gab es für Juden, nicht nur in Ostberlin, ein Novembergedenken mit Kaddisch und Kränzen. In den Zeitungen war von Ablauf und Ziel des Progroms zu lesen, das Wort Kristallnacht schob man als Schönfärbung den Nazis zu. Auch dieser Behauptung spürte man nicht nach. Von denen, die damals im Jahre 38 zugesehen oder Steine geworfen hatten, meldete sich wohl niemand zu Wort. Ich fürchte, es gab kein Interesse an ihrer Geschichte dieser Nacht.

In vielen Kirchengemeinden und unter Freunden aber hat man aus eigenem Ermessen intensiv und halböffentlich in Scham und Trauer über jenes deutsche Versagen nachgedacht.

Ähnlich ist es auch 1989 gewesen, doch eine Massenflucht hatte seit Monaten das Gesamtgebäude DDR ins Wanken gebracht. Der Pogrom des Jahres 1938 war ins Abseits gedrängt. Weil die Unteren nicht mehr wollten, dass die Oberen so weitermachen wie bisher, waren Unsicherheit und Freude ausgebrochen, verfielen Werte und Anstand, wurden Afrikaner gejagt, während die Zeitungen unerfahren versuchten, über Ursachen zu berichten. In manchen Orten suchten wie bisher die historisch Interessierten, und wieder ohne öffentliche Hilfe, nach den verklebten Spuren des Lebens von Juden ihrer Region. Sie befragten Leute nach Erinnerungen an das, was sich vor mehr als fünfzig Jahren auch in ihrer Straße ereignet hatte und im Volksmund Kristallnacht genannt worden ist.

Am 9. November 1989 trafen sich wie in jedem Jahr zur Kranzniederlegung die, die den Tag nicht aus der Erinnerung streichen wollten. Niemand ahnte, dass in der Nacht vom 9. auf den 10. November, von Donnerstag auf Freitag, die Nachkriegsära durch einen letzten selbstherrlichen Entscheid in ihr abruptes Ende kommen würde.

Nicht nur, aber vor allem jüdische Journalisten haben mich seither immer wieder das Gleiche gefragt: War der Fall der Mauer an genau diesem Tag wirklich ein Zufall? Wäre es nicht denkbar, dass damit gezielt die Erinnerung an jenen anderen Novembertag zugeschüttet werden sollte?

Diese Verschwörungstheorie halte ich für absurd, geht sie doch davon aus, dass sich jenes damalige Politbüro unter dem Jubel der Massen entschloss, ein Fest an die Stelle des Gedenkens zu setzen. Jedes mal wundere ich mich aufs neue, wie diese Frage von einer Art kollektiver Reaktion auf jenes zurückliegende Ereignis „Kristallnacht“ ausgeht, so, als wäre um dieses Ereignis herum eine in Ost wie West massenmobilisierende Erinnerung konstituiert worden.

Dieser merkwürdige 9. November. Es fällt schwer, an Zufälle zu glauben. Aber vielleicht ist er gerade in seiner Widersprüchlichkeit ein wirklicher Tag der Deutschen. Der triviale Satz, dass aus Geschichte zu lernen sei, gibt Richtung für das eigene Verhalten: Zivilcourage, Mitleid, Verantwortung, Verweigerung, Solidarität, Widerstand.

Dieser Text erschien am 9. November 1990 in der ersten Ausgabe des Freitag

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06:00 09.11.1990

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