Doch die Verhältnisse, sie waren so ...

Verklärend authentisch Das "Theater 89" bringt zum 15-jährigen Bestehen im "Haus" in Niedergörsdorf eine eigenständige Dramatisierung von Theodor Fontanes Roman "Effi Briest" zur Uraufführung

Sein nunmehr 15-jähriges Bestehen beging das Theater 89 nicht in seinem Domizil in der Tor-Straße in Berlin-Mitte, die noch Wilhelm-Pieck-Straße geheißen hatte, als sich die Truppe als erste freie Theatergruppe der noch existierenden DDR unter der Leitung des Schauspielers Hans-Joachim Frank zusammentat, sondern in seiner Dependence im brandenburgischen Niedergörsdorf bei Jüterbog. Dort hatten die Berliner Enthusiasten nach dem Abzug der Sowjetarmee ein heruntergekommenes Kulturhaus entdeckt, das sie mit Unterstützung der Gemeinde und des Landratsamtes von Teltow-Fläming unter geschickter Nutzung von EU-Fördergeldern in ein schmuckes Theater umbauten.

Heute ist Das Haus nicht nur zu einer zweiten Spielstätte des Theater 89, sondern ein kultureller Mittelpunkt in einer Region geworden, die von einer weit über 20 Prozent liegenden Arbeitslosigkeit geprägt ist und in der viele deutschstämmige Spätaussiedler aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion Anschluss an Umwelt und Kultur des vereinten Deutschland suchen. Leiter Lutz Längert und seine wenigen Mitarbeiter engagieren sich mit ihrer Einrichtung in der künstlerischen Erziehung an bestehenden Grund- und höheren Schulen, ermutigen die künstlerische Selbstbetätigung der "Einheimischen", und geben den "Russendeutschen" Gelegenheit, vor allem ihre chorischen Traditionen zu pflegen.

Herzstück der Vorstellungen im Haus sind jedoch Inszenierungen des Theaters 89, ein "freies Theater", das erst seit wenigen Jahren auch einen gemäßen Anteil an Zuschüssen erhält, nachdem es "auswärts", so in Dresden, Mülheim, Bremen, Potsdam, Preise bekommen hatte. Das Theater 89 sucht die kritische Auseinandersetzung mit der real existierenden Gesellschaftlichkeit und bemüht sich um eine Stilistik, in der die Ausdrucksformen aus den gezeigten Inhalten abgeleitet werden, statt dass die Inhalte sich formalistischen Korsetten anzupassen haben. Frank, der als Schauspieler am Berliner Ensemble begonnen hatte, ging es als Regisseur zunächst um eine unorthodoxe Auslegung und Handhabung der Brechtschen Theaterauffassung. Er brachte Brechts Stück Die Mutter zu einer Zeit zur Wiederaufführung, als das absolut inopportun war, nämlich zu seinem hundertsten Geburtstag 1998, und ließ drei Jahre später die Szenen aus Furcht und Elend des Dritten Reiches folgen. Am wichtigsten ist jedoch, dass am Theater 89 "Weite und Vielfalt des Realismus", wie ihn Brecht verstand, praktiziert werden. Dem Repertoire ist durchgängig eine gewisse "Ausgefallenheit" zu eigen. Dazu gehört, Werke von DDR-Dramatikern wie Alfred Matusche, Georg Seidel, Johannes Bobrowski/ Paul Gratzik (Litauische Claviere, 1997) vor dem Vergessenwerden zu bewahren, klassische Werke von der Antike über die deutsche Vorklassik (so von Jakob Michael Reinhold Lenz den Neuen Menoza in der Bearbeitung durch Christoph Hein) wiederzuentdecken und etwa Georg Büchners Werke auf frische Weise sehen zu lassen. Mehr als andere und besser gestellte Theater entwickelte Theater 89 die Gegenwartsdramatik, sei sie sozialistischer Herkunft wie bei Oliver Bukowski, Christoph Hein, Inge und Heiner Müller oder von "neokapitalistischer Realität" geprägt wie bei Katharina Gehricke, Melanie Gieschen, Dea Loher, Christian Martin.

Intendant und Regisseur Hans-Joachim Frank und der Dramaturg Jörg Mihan haben nun Theodor Fontanes Roman Effi Briest (1895) dramatisiert und zum diesjährigen "Theatersommer" im Haus in Szene gesetzt. Vorausgegangen war die Wiederaufführung von Rolf Hochhuths Monologstück Effis Nacht im Theater 89. Hochhuth lässt darin die realhistorische Figur der Elisabeth Freifrau von Ardenne, geborene von Plotho, deren Schicksal Fontane bei seinem 1895 veröffentlichten Roman vor Augen hatte, reflektieren, wie sie auf Grund ihrer "Affaire" mit einem Major von der Sippe des Ehemanns ausgestoßen wurde, ihre Kinder nicht mehr sehen durfte und sich als Krankenschwester durchzuschlagen hatte, bis sie hochbetagt während des Zweiten Weltkriegs starb. Was sich damit als dramatische Spätaufklärung über "den Fall" der Freifrau von Ardenne zutrug, wird nunmehr durch Bearbeitung der Fontane´schen Romans Effi Briest wieder in eine spätbürgerliche, liberal-wohlmeinende Er- und Verklärung gerückt. Was die sogenannte "Werktreue" betrifft, ist die jetzige Dramatisierung wahrscheinlich die authentischste von allen Adaptionen des Romans durch Theater, Film, Fernsehen, Hörfunk, die es in Kriegs- und Nachkriegsjahren gab.

Über dem, was die handelnden Figuren zu sagen haben, liegt freilich auch die epische Gemächlichkeit des Erzählers, die wie im Gehrock daherkommt. Dem scheint die Dramaturgie entgegenwirken zu wollen, indem sie die Handlung in 33 Szenen vor sich gehen lässt, die von der Regie in immer rascheren Schnitten präsentiert werden.

Die Verlobung der freiherzigen Effi mit dem um eine Generation älteren Instetten findet auf der Terrasse des Hauses statt. Die 17-Jährige wird dabei von der Schülerin Sophie Antoinette Beccard gespielt und Instetten vom "alten" Mitglied der Truppe Eckhard Becker mit der sonoren Seriosität der Standesperson dargestellt, die ihn bis zur schließlichen kritischen Selbstbefragung begleitet, ob er nicht nur rechtens, sondern richtig handelt, wenn er den gestellten Liebhaber erschießen und die überführte Frau verstoßen wird. Die Szenen in Kessin, wo sich die junge Ehefrau bald wie in einer Gruft voller Gespenster fühlen wird, tragen sich dann auf der großen Bühne zu. Effi wird nun von Christina Große gespielt, die der Unverbildung, Natürlichkeit der jungen Frau sinnlichen Ausdruck gibt, aber wenn sie zunehmend in Tiefsinnigkeiten verfällt, allzu leicht an den Rand der Übertreibung gerät. Aber es kommt heraus, dass sie so, wie sie rasch außer sich gerät, zu sich selbst, zum Leben, zum Lieben nur durch die Begegnung mit dem schneidigen Offizier Crampas kommt. Diesen gibt Matthias Zehlbaum selbstgefällig als "Damenmann", hinter dessen Wahrheiten sich immer Zynismus breitmacht. Fontanes eigener verzeihender Humanismus kommt am überzeugendsten in den Schlussepisoden zum Ausdruck, wenn Simone Frost als Mutter und Johannes Achtelik als Vater Briest über die gesetzten bürgerlichen Moralschranken hinauswachsen und christliche Nachsicht mit der "gefallenen" Tochter walten lassen.

Der Mehrheit der Premierengäste gefiel gerade das Ausspielen von Charakteren und Gefühlslagen: Fontane wirkt in seiner märkischen Heimat eben doch am authentischesten, wenn er in seiner Breite wie Tiefe nachempfunden, nachgestaltet wird. Erklärung, Verklärung lässt jede Aufklärung alt aussehen - nicht umgekehrt.


00:00 20.08.2004

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare