Draußen und drinnen

ROTE TEUFEL, NAGELNEUE WÖRTER UND ÜBERGROßE MÜTTER Fünf Bilderbücher, die sich ziemlich gut auskennen in Kindergedankenwelten

Dies ist meins und das gehört mir und das gebe ich auch nicht mehr her. Kinder kennen solche Töne, Erwachsene auch. Und so treiben es auch die fünf kleinen roten Teufel der Sarah Dyer. Eigentlich sind sie ja in Ordnung. Sie leben in fünf seltsamen Steinfiguren, die sie gelegentlich verlassen, um die Welt zu bestaunen. Bis sie eines Tages beschließen, sich zu nehmen, was ihnen am besten gefällt, ganz für sich allein. Die Sonne dem einen, der Mond einem anderen. Wasser, Himmel und Land werden desgleichen aufgeteilt. Aber das exklusive Bestaunen bringt kein Glück. Ohne Himmel geht nämlich die Sonne nicht auf, ohne Wasser vertrocknet das Land, das Meer steht still ohne den Mond und der Mond leuchtet auch nicht von allein. Also bleibt den fünf kleinen Teufeln nichts übrig, als ihre Schätze zurück zu geben und wieder zusammen zu fügen, was zusammen gehört. Ein klassisch einfaches Bilderbuch über den Zusammenhang der Welt, mit spitzkralligen haarigen und roten, also wilden Teufelchen, denen Schalk und Ehrgeiz in den Augen sitzt. Am Ende siegt jene Weltklugheit, die man, allgemein gesprochen, auch den Erwachsenen wünschen würde.

Sarah Dyer: Fünf kleine Teufel. Oetinger-Verlag, Hamburg 2001, 32 S., 24,- DM>

Was ein Kind so denkt, wenn es träumt und träumt, wenn es denkt. In jedem Bild sehen wir das kleine namenlose Mädchen, das sich ein nigel-nagel-neues Wort ausdenken will, um Wie sehr ich dich mag zu sagen, nämlich dem Baby, dem Geschwisterkind. Es hat viel zu bedenken. Ob es den Hut von Opa kriegen kann, wenn er mal tot ist (oder nicht vielleicht schon früher). Dass es einen Hund will für sich allein, egal ob Wedelschwanzhund oder Streichelschwanzhund. Dass die Sonne gefälligst wieder scheinen soll, damit die Kleine wieder neben ihrem Schatten stehen kann. Und dass sie das blöde Wort "sofort" nicht leiden kann, besser wäre "gleich" oder "bald", "das drängelt nicht so sehr". Die niederländischen Autoren Hans und Monique Hagen haben eine Vers-Geschichte aus lauter Mädchen-Gedanken aufgeschrieben und Christine Nöstlinger hat sie so übertragen, dass es fast wie original Nöstlinger klingt. Die schwedische Illustratorin Marit Törnquist scheint sich in Kindergedankenwelten gut auszukennen. Ihre Bilder breiten sich heiter-farbig über ganze Doppelseiten aus und flirren vor Lebenslust und Neugier auf alles, draussen und drinnen.

Hans und Monique Hagen/Marit Törnquist: Wie sehr ich dich mag. Oetinger-Verlag, Hamburg 2001, 52 S., 29,8 DM

Noch so ein Ich, diesmal unglücklich. In der Schule halten alle das Mädchen für eine Lügnerin. Dabei ist seine Mutter wirklich riesengroß. Groß wie ein Turm und tausend Kilo schwer. Der Vater dagegen ist so winzig klein, dass das Kind ihn in einer Schuhschachtel in die Schule mitnehmen und sich in Rechnen von ihm helfen lassen kann. Der Grund für die kleine Verschiebung der Proportionen ist so einfach wie drastisch. Früher waren die Eltern wie andere auch, dann haben sie sich zerstritten. Mutter ist seither fort - und ist deshalb so groß, dass sie nicht mehr in die Wohnung passt. Brigitte Schär erzählt eine alltägliche Trennungsgeschichte als einen unendlichen Tagtraum also, als Geschichte einer übergroßen Sehnsucht. Jacky Gleich setzt die aus den Fugen geratene Welt des Mädchens bildlich um in schiefe Winkel und perspektivische Verzerrungen, sichtlich eine Welt, in der ein kleiner Mensch seinen Platz noch finden muss. Zum Trost für die sehr klein geratenen Väter: die Heldin des Buches sorgt sich um ihren Papa, füttert ihn in der Schuhschachtel und ist guter Dinge, dass er bei solcher Pflege auch wieder wachsen wird.

Brigitte Schär, Jacky Gleich: Mutter ist groß wie ein Turm. Hanser-Verlag, München 2001, 32 S., 25 DM

Man streitet sich, das geht schnell. Und schon stehen die einen hier und die anderen da. So widerfährt es auch Herrn Meier und Herrn Müller. Seit Ewigkeiten wohnen sie in einem Haus zusammen. Aber plötzlich zieht sich eine dicke rote Linie mitten durchs Haus, lässt das Schlafzimmer links und das Wohnzimmer samt Fernseher rechts liegen. Und schon geht´s los um die altbekannte Frage, wem denn nun was gehört. Der Fernseher geht drauf dabei, man prügelt sich und wie bei einem mittleren Rosenkrieg kommt bald die Säge zum Einsatz: das Haus soll vom Dach her in zwei Hälften zersägt werden. Und wäre nicht ein Gewitter aufgezogen und hätte mit einem kalten Regenschauer den beiden ihr Loch in Dach und Kopf zu Bewusstsein gebracht, wer weiß, wie die Geschichte ausgegangen wäre. Das Bilderbuch ist ein vielversprechender Erstling der Illustratorin Birte Müller, inspiriert von den Balkankriegen. Sie setzt die kleine Parabel in sehr ausdrucksstarke Bilder um, malt großzügig in Acryl, sehr farbig, aber nicht bunt, lebhaft, aber nicht hastig und mit zeichnerischen Witz bei einem gar nicht witzigen Thema.

Birte Müller: Herr Meier und Herr Müller. Neugebauer Verlag, Zürich und Hamburg 2001, 52 S., 29,80 DM

Ein Hase ist ein Hase ist ein Hase. Nicht so bei Kurt Schwitters klassischer Geschichte vom Hasen. Der weiß nämlich, psychologisch gedeutet, nicht so recht, wer er "eigentlich" ist und verwandelt sich beständig. "Eigentlich" war er gar nicht braun, sondern rosa mit Ringelschwanz. Zwei Seiten weiter trägt er Federn und es schwant ihm was, um gleich darauf festzustellen, dass er "eigentlich" unter Wasser schwimmt. Undsofort. Eigentlich keine Geschichte, sagt Schwitters, sondern eine Verwandlung, also doch eine Geschichte. Hübsch surrealer Nonsens über Lust und Frust des Wandels. Den wandelbaren Hasen gezeichnet hat Carsten Märtin, ein wenig zu barock fast für Schwitters Lakonik, aber doch wieder ausreichend grotesk. Beim Anblick des Karpfens mit den Löffelohren krümmen sich sogar die Ringelwürmer im Schlick vor Vergnügen.

Kurt Schwitters, Carsten Märtin: Die Geschichte vom Hasen. Lappan-Verlag, Oldenburg 2001, 32 S., 24,80 DM

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00:00 07.12.2001

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