Drei oder vier Arten, das Christkind zu zeugen

Hoffnung Wenn das Schicksal die Zukunft so vernebelt wie der Krieg die Felder und Gemüter, ist keine gute Zeit, um Kinder zu bekommen. Oder gerade doch

Susannchen. So hat er mich oft genannt, besonders an Weihnachten, wenn er in seinen Erinnerungen gefangen war. Susannchen, ein Name, der weder in die Zeit noch in die Umgebung zu passen schien, in der ich groß wurde; nicht in die siebziger Jahre, nicht zu Kinderläden, Museumspädagogik und einer Mutter, die morgens im Renault 4 zur Gesamthochschule Wuppertal ratterte.

„Hör endlich auf mit diesem Susannchen! Wir sind doch nicht in einem Heimatfilm!“ schimpfte ich, wenn mein Großvater die Familie zur Bescherung ins Wohnzimmer rief. „Sei doch nicht so streng“, murmelte er. „Es ist Weihnachten!“ Wer dieses Susannchen war – darüber schwieg er sich aus. Ich begann, dieses fremde Wesen zu hassen und zu fürchten, diesen Geist, der da irgendwo über mir zu schweben schien – bis zu diesem Jahr, in dem ich Bashir, Eugen und Andrej traf. Drei Männer, die wenig gemeinsam haben, nicht einmal die Religion. Nur das eine: das Kind, das sie zeugten, unter Bedingungen, die an die Weihnachtsgeschichte erinnern, in der es heißt: „Fürchtet euch nicht!“

Ich war damals unterwegs auf den Spuren osteuropäischer Flüchtlinge. Eine Recherche, die mich als erstes an einen Ort führte, der sich „Zone der Entfremdung“ nennt. Diese Zone ist ein Landstrich im Grenzgebiet zwischen Weißrussland und der Ukraine, der nach der Katastrophe von Tschernobyl evakuiert wurde, entsiedelt, abgeriegelt – und es offiziell bis heute ist. Denn der Aufenthalt dort ist gefährlich, der Boden verseucht, die Pilze und Beeren aus den Wäldern, die Früchte in den Gärten radioaktiv belastet. Und trotzdem leben dort heute wieder Menschen. Ein paar Dutzend Familien, die sich in den halb verfallenen Dörfern niedergelassen haben – in der Hoffnung, an diesem Ort, den niemand mehr für sich beansprucht, ein neues Leben beginnen zu können, nach Jahren des Krieges, der Heimatlosigkeit und Angst.

Als Bashir in dem verlassenen Weiler bei Narowlja ankam, stand das Korn, das eine Kolchose dort zu Testzwecken ausgesät hatte, auf den Feldern, und in den Gärten leuchteten die Birnen. Bashir suchte sich ein Haus, dessen Fassade noch nicht von Plünderern zerlegt worden war, und zimmerte sich aus den Resten der anderen Holzhäuser Möbel. Die Säcke mit Trockenfrüchten, die ihm Verwandte mitgegeben hatten, tauschte er gegen ein Schaf. Mit dem Korn von den Feldern buk er Brot, mit den Birnen aus dem Garten kochte er Kompott. „Zu Hause hätte ich nicht gedacht, dass es so etwas noch gibt,“ sagt er, „einen Ort, an dem man ganz ungestört leben kann.“

Friedliches, verseuchtes Land

Dieses Zuhause war Duschanbe, die Hauptstadt Tadschikistans, die 1991 in einen Bürgerkrieg getaumelt war, in dem kaum jemand wusste, wer eigentlich der Feind war; der Hunderttausende junger Männer unter Waffen zwang und die, die nicht kämpfen wollten, in die Flucht trieb, über die Berge nach Afghanistan. Dort befahl man Bashirs Frau, eine Burka zu tragen, und verbot seiner Tochter, zur Schule zu gehen.

In einem Flüchtlingscamp der UNO traf er einen Landsmann, der ihm von Weißrussland vorschwärmte: „Stell dir vor: eine der reichsten Republiken der Sowjetunion! Und dort kann man sich jetzt einfach so ein Haus und ein Stück Land nehmen!“ Ein UNO-Mitarbeiter verschaffte ihm das Reisegeld, und so machte sich Bashir auf gen Norden, um einen Ort zum Bleiben zu finden.

Nachdem er sich in der Zone der Entfremdung eingerichtet hatte, machte er sich auf, um in den Dörfern am Rande nach Arbeit zu fragen. In der Stube eines Kolchosearbeiters entdeckte er ein Paar rosa Babyschuhe, die an einem Nagel unter einer Ikone hingen. „Seit Jahren beten wir für ein Mädchen,“ sagte der Mann. „Es heißt, dass wegen der Strahlung hier nur Jungen geboren werden. Nur Familien, die noch nicht so lange hier leben, sollen Chancen auf ein Mädchen haben.“

In der Nacht träumte Bashir von so einem Mädchen, das an seiner Hand über die Dorfstraße spazierte. Ein kleines, dunkelhaariges Mädchen, das statt eines Schleiers eine Schleife im Haar tragen würde. Und das er – wenn der Mann Recht hatte – bald zeugen musste.

Mädchen töten nicht

Er verkaufte sein Schaf, schickte seiner Frau Geld für eine Fahrkarte, und ein paar Monate später, am Tag des russischen Weihnachtsfestes, zeugten sie in der Zone der Entfremdung ein Mädchen, dem sie den Namen Nadeschda gaben: Hoffnung. „Männer, die aus dem Krieg kommen, wünschen sich ein Mädchen,“ sagt Bashir. „Mädchen töten nicht, Mädchen gebären neues Leben.“

Zwei Wochen nach dem Treffen mit Bashir hörte ich in Bayern einen ganz ähnlichen Satz: „Ein Mädchen ist ein Zeichen, dass das Leben weiter geht“, sagte der Kasache Eugen Müller. Die Müllers hießen früher Miller; früher, als sie noch in diesem Dorf in der Steppe lebten, das keinen Namen hatte, nur eine Nummer, und das Eugens Eltern mit bloßen Händen errichten mussten, nach dem Ukas von Stalin 1941, Russlanddeutsche in die entlegensten Regionen des Sowjetreiches zu deportieren. Dort mussten sie das Land urbar machen, in Minen, Fabriken und auf den Feldern schuften, bei Gluthitze und Frost und kärglichen Lebensmittelrationen. „Rabota raba“ hieß das: Vernichtung durch Arbeit.

Eugens Mutter überlebte, mit Hungerödemen und einer bis heute panischen Angst vor einem leeren Kühlschrank. Bis heute, sagt Eugen, würde sie dieses russische Sprichwort zitieren: „Mysch pavessilos“. Die Maus hat sich aufgehängt. Auf der Straße hätten sie nur Russisch gesprochen, denn Deutsch zu sprechen war verboten. Dafür pflegten sie umso intensiver das, was seine Großmutter, die aus einem Dorf an der Wolga stammte, ihnen als deutsche Bräuche vermittelte. Vor allem Weihnachten wurde zelebriert, mit Honigkuchen, Strohengeln und der Weihnachtsgeschichte, die seine Großmutter vortrug – auf Deutsch, denn Russisch hatte sie nie richtig gelernt. Und jedes Jahr an Weihnachten sagte seine Mutter: „Eines Tages werden wir als Deutsche unter Deutschen leben!“ Auf Russisch.

„Deutschland“ wurde für Eugen zu einer Metapher für ein anderes Leben. Ein Leben ohne Angst; Angst vor den Geheimdiensten, die jede Bewegung registrierten; vor den Räuberbanden, die die Kartoffelfelder plünderten und die Kühe von der Weide stahlen; Angst, krank zu werden, eine Operation zu benötigen. Er heiratete eine Frau aus einer russlanddeutschen Familie, absolvierte Sprachkurse, bewarb sich um die nötigen Papiere. Acht Jahre später traf er mit seiner Frau, den beiden Töchtern und seiner Mutter in einem Übergangswohnheim im Allgäu ein. Es war Dezember, in der Eingangshalle stand ein Weihnachtsbaum, verziert mit goldenen Kugeln und im Radio schmetterte ein Posaunenchor Bachs „Jauchzet, frohlocket!“

„Wir standen in einem fremden Land, vor einer ungewissen Zukunft, aber in mir war nur Freude“, sagt Eugen. Und die habe er zum Ausdruck bringen wollen. Seine Frau war skeptisch. Aber er beschwor sie: „Lena, ich habe gebetet, dass die dunkle Geschichte unserer Familie ein Ende hat. Jetzt sind wir hier, in Sicherheit! Wir sollten ein Zeichen setzen!“ Neun Monate später kam Anna zur Welt. „Unser Christkind!“, sagt Eugen Müller stolz. Ein Christkind, dessen erstes Wort ein bayerisches war: „Dusl!“

"Ausgerechnet Deutschland!"

Im Dezember kehrte ich schließlich nach Berlin zurück, wo ich einen Zettel in meinem Briefkasten fand. „Du bist herzlich eingeladen, mit uns Chanukka zu feiern!“ stand da, auf Russisch. Chanukka, das jüdische Lichterfest. Der Zettel stammte von Andrej, einem Jugendfreund meiner Nachbarn.

Andrejs Wohnzimmertisch war überladen mit Schüsseln, gefüllt mit Krapfen, Kartoffelpuffern und Krautsalaten. Dazwischen stand ein achtarmiger Leuchter, den Andrej mit einem Einwegfeuerzeug entzündete. „Wir kennen uns noch nicht so gut mit den jüdischen Bräuchen aus,“ murmelte er entschuldigend. „In Russland war es besser, nicht herumzuposaunen, dass man Jude war.“ In Russland, wo das Wort „jüdisch“ keine Religion bezeichnete. Sondern eine Nationalität, genauso wie „deutsch“ oder „tadschikisch“.

Eines Tages erzählte ihm ein Bekannter, dass Deutschland russische Juden aufnehmen wolle, um die jüdischen Gemeinden dort wiederzubeleben. „Ausgerechnet Deutschland!“ dachte Andrej zuerst. Dann stellte er sich doch in die Schlange vor der Botschaft, um ein Visum zu ergattern. „Ich wollte endlich der Jude werden, als der ich in Russland immer verspottet wurde,“ sagt er.

Er bekam eine Zuzugsgenehmigung, doch in der jüdischen Gemeinde in Berlin wies man ihn ab: Er sei gar kein richtiger Jude, habe nur einen jüdischen Vater – und nicht, wie es die religiösen Gesetze verlangten, eine jüdische Mutter. „Wofür haben mich die Deutschen dann ins Land gelassen?“, fragte er seine Nachbarn, einen Libanesen, der mit einem Schleuser nach Deutschland gekommen war. „Andrej, du kannst hier leben wie ein Deutscher. Ist das nichts? Vielleicht wirst du nicht so leben, wie du es dir erträumt hast. Aber deine Kinder werden es!“

„Meine Kinder leben bei meiner Ex-Frau in Russland.“

– Du musst eine neue finden.

„Ich hab’ eine Freundin. Aber ich weiß nicht, ob ich noch mal heiraten soll.“

– Ist sie Jüdin?

„Auf dem Papier: ja.“

– Was überlegst du noch?

Eineinhalb Jahre später kam Lea zur Welt. Lea, die demnächst in eine jüdische Krippe gehen soll. „Das Leben...“, sagte Andrej feierlich, während er mir ein Glas Wodka einschenkte, „das Leben hat neu begonnen.“


Da dachte ich an meinen Großvater und daran, dass ich mich jetzt, wo er nicht mehr da war, auf die Spur von Susannchen begeben konnte. Solange er lebte, hätte ich das nicht gewagt. Ich wusste, er wollte mir etwas ersparen; einen verdrängten Schmerz – der doch in seinen Gesten sichtbar war.

Verwandte und Bekannte erzählten mir, dass er im Krieg drei Kinder gezeugt hatte. Zwei davon starben, während er in fremden Ländern kämpfte. Zwei Mädchen, die Susanne heißen sollten. Als er zurückkehrte, gab es das Dortmund seiner Jugend nicht mehr. Auch meine Großmutter, die er mit 15 im Kirchenchor kennengelernt hatte, war eine andere geworden: eine Frau, die zu ernüchtert war, um zu träumen, und die Zukunft vor allem als Prüfung betrachtete. Er machte Karriere, baute ein Haus, das so groß war, dass eine ganze Schar Kinder darin Platz gefunden hätte.

In den sechziger Jahren verlief das Leben der beiden in ruhigen Bahnen. Über den Krieg redeten sie nicht mehr. Und dann schien meiner Mutter plötzlich von dem gleichen Schicksal heimgesucht zu werden, das ihre Mutter in jenem Krieg ereilt hatte: Sie drohte, ihr Kind zu verlieren. Mich. Mein Großvater begann, unkontrolliert zu zittern und Essen in großen Mengen in sich hineinzustopfen, um sich zu beruhigen. Als ich dann schließlich doch auf die Welt kam, umgarnte er mich mit einer Intensität, die meine Großmutter eifersüchtig machte. Was ich mir auch wünschte – ich bekam es: einen Fernseher, Platten von a-ha, die Bravo. All das, was meine Mutter nicht im Haus haben wollte, weil es ihren pädagogischen Konzepten widersprach.

Susannchen war kein Geist, der über mir schwebte. Ich selbst war es – das Mädchen, auf das mein Großvater ein halbes Leben lang gewartet hatte.

Merle Hilbk arbeitet zurzeit an Ihrem Buch Tschernobyl Baby. Wie wir lernten, das Atom zu lieben, das im Februar 2011 bei Eichborn erscheint

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11:00 24.12.2010

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