Dreihäusleschau

Fotografie In der schwäbischen Provinz zeigt der frühere Banker Artur Walther seine Sammlung. Vom Rand aus arbeitet er daran, den Kunstkanon zu erweitern

Burlafingen erreicht man weder mit dem Flugzeug noch mit dem ICE. Hier, an der Peripherie des zeitgenössischen Kunstgeschehens, ist der deutsche Sitz der privaten Walther Collection beheimatet. Ein Besuch der Sammlung führt tief in die süddeutsche Provinz. Durch eine Einfamilienhaussiedlung, vorbei an akkurat umzäunten Vordergärten, aus denen misstrauische Hunde arglose Kunstliebhaber ankläffen. In dieser kleinbürgerlichen Häuslichkeit überrascht das Kunstareal: Es verzichtet auf Abgrenzung durch Spektakel. Die drei separaten Ausstellungsgebäude, darunter ein umfunktioniertes Wohnhaus aus den 50ern, greifen architektonische Elemente des Eigenheims auf und fügen sich so in die Umgebung ein.

Seit 2010 werden hier Wechselausstellungen der fotografischen Sammlung Artur Walthers gezeigt. Walther, geboren im benachbarten Ulm, arbeitete bis Mitte der 90er in New York als Investmentbanker. Dort unterhält er im Galerienviertel Chelsea seit 2011 einen Ausstellungsraum.

Die erste Schau in Burlafingen kuratierte Okwui Enwezor, heute Direktor am Haus der Kunst in München und aktuell Kurator der Biennale in Venedig. Zwei Jahre später folgte mit Distanz und Begehren: Begegnungen mit dem afrikanischen Archiv eine behutsam zusammengestellte Übersicht über den fotografischen Blick auf Afrika, die derzeit noch im C/O Berlin zu sehen ist. Auch die neue Ausstellung im Schwäbischen schickt sich nun an, auf Verschiebungen im Kanon der Kunst hinzuweisen und den Diskurs vom Rand aus zu erweitern.

Archiv des Verbrechens

Kuratiert wurde Die Ordnung der Dinge von Brian Wallis, der bis vor kurzem Leiter des International Center of Photography in New York war. Im Fokus steht nicht das ikonische Einzelbild, sondern die fotografische Serie, die Bild an Bild reiht und so das Sichtbare erfasst und ordnet. Den Auftakt machen berühmte Klassiker mit festem Platz im kunstgeschichtlichen Kanon: Karl Blossfeldts Urformen der Kunst im Stil der Neuen Sachlichkeit, geflankt von August Sanders Porträts aus Antlitz der Zeit und Bernd und Hilla Bechers Hochöfen. Nüchterne Bildsysteme als Ordnungsstrukturen der sich wandelnden Welt.

Zwei Stränge der Schau werden bereits hier erkennbar. Man könnte sie schlicht als Bilder von Dingen und Bilder von Menschen bezeichnen. Die Bechers wurden durch die Aufzeichnungen der von Menschenhand gebauten Landschaft zu Chronisten des Verschwindens. Sander fotografierte Individuen und schuf doch Typen, die er in Kategorien wie „Der Handwerker“ und „Die Frau“ unterteilte. Hier wird deutlich, wie das Fotografieren als soziale Handlung eine visuelle Kultur geschaffen hat, die Menschen und Dinge gleichermaßen zu Bildern macht. Der spezifische Umgang mit diesen Bildern schreibt ihnen ihre jeweilige Bedeutung zu.

Besonders deutlich wird dies in der Ausstellung am Beispiel des Porträts. Aus dem 19. Jahrhundert sind unter anderem Verbrecherfotos zu sehen, Fotograf unbekannt. Sie entstanden im Geist der Wissenschaft und im Bestreben, aus dem einzelnen Antlitz durch die Ansammlung und den Abgleich eine Typologie des Kriminellen zu erstellen. Das Porträt des Individuums wurde so Teil eines Archivs des Verbrechens.

Seit ihrer Erfindung diente die Fotografie unter anderem dazu, das Unbekannte zu erfassen und das Ferne nah zu holen. Anthropologische Fotografien, die das Fremde exotisierten und degradierten, sind dafür ein Beispiel, das heute aus kritischer Distanz betrachtet wird. Die Walther Collection hat es sich zur Aufgabe gemacht, das vom heutigen Kunstkanon Marginalisierte ins Zentrum zu rücken. Herzstück der Sammlung sind die Arbeiten zeitgenössischer afrikanischer und asiatischer Fotografinnen und Fotografen.

Die Ordnung der Dinge zeigt unter anderem Samuel Fossos African Spirits neben Zanele Muholis Faces und Phases und Guy Tillims Porträts von Kindersoldaten im Kongo. Der Kameruner Fosso inszeniert sich selbst in Pose und Verkleidung berühmter Freiheitskämpfer oder Aktivisten wie Nelson Mandela und Muhammad Ali. Muholis und Tillims Porträtserien dagegen verhelfen jenen zu Sichtbarkeit, die ohne Repräsentation und Rechte sind: verfolgte Transsexuelle und Lesben in Südafrika, jugendliche Kämpfer im Kongo. Die traditionelle Form der Serie wird hier zur politischen Positionierung eingesetzt.

Die Ordnung der Dinge zeichnet durch die Gegenüberstellung historischer und zeitgenössischer Fotoserien und ihres Gebrauchs in unterschiedlichen sozialen und geografischen Kontexten ein umfassendes Bild der seriellen Fotografie. Sie tut dies mit der Absicht einer Grenzverschiebung – einer Neuordnung des allzu bekannten Kanons, vom Rand aus.

Info

Die Ordnung der Dinge The Walther Collection Neu-Ulm / Burlafingen, bis 10. Oktober

06:00 06.06.2015
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