Du schaffst es!

Berliner Abende Kolumne

Fabian joggt seit siebzig Minuten am Laufband. Gleichmäßige neun Kilometer pro Stunde. Die Nacht senkt sich langsam über die Stadt. In den Häusern gegenüber gehen Lichter an. Fabian bildet sich Vater, Mutter und Kinder um den Abendbrottisch ein. Er sagt sich, ich werde bald vierzig und auch für mich muss es zu schaffen sein: Beziehung, Erfolg. Gegen die Fenster im Dachgeschoss eines Kaufhauses prasselt der Regen. Langsam verwandelt sich die Glasscheibe in einen Spiegel. Die Stadt ist nur noch Hintergrunddeko für das Getümmel hier drinnen. Fabian spürt plötzlich keinerlei Anstrengung mehr. Er läuft ganz automatisch. Ewig könnt ich so rennen.

Silke, die Trainerin, macht heute den sie weiß schon nicht mehr wievielten Bodycheck mit einem dieser Möchtegernirgendwas, die ohnehin keine Ausdauer haben. Sebastian sitzt auf einem Hometrainer und strampelt sich ab. Mit fader Stimme peitscht Silke ihn an: Noch eine Minute und fünfzig Sekunden! Noch eine Minute und vierzig Sekunden! Aus. Sebastian gibt auf. Die Pedale drehen leer durch. Damit bin ich aber gar nicht zufrieden, sagt Silke routiniert. Das muss für dich doch zu schaffen sein, Basti! Für einen Moment steht echte Enttäuschung in ihrem Gesicht. Sebastian steigt vom Rad ab und taumelt ein wenig. Muss ich dich stützen oder schaffst du es so? Silke lacht. Er braucht jetzt erstmal etwas zu trinken.

Der Typ hinter der Bar war Sebastian schon vorhin ins Auge gefallen. Dieses verdammt süße Lächeln. Und als der sich jetzt zu ihm über den Tresen beugt und fragt, was er will, werden Sebastians Knie noch einmal weich. Er bestellt einen Grapefruitsaft und sagt sich, ich muss es doch schaffen, mehr zu dem Jungen zu sagen, als nur eine kurze Bestellung - nach seinem Namen fragen, zumindest. Aber er kriegt den Mund nicht mehr auf.

Silke betrachtet das alles von fern, lässt dann ihren Blick durch das Studio schweifen. Alles nur Schwuchteln, Lesben und Türken. Das ist doch keine Umgebung für eine Frau, die auch mal zurückgucken will! Ich hab es so satt! Es muss doch zu schaffen sein, in dieser verdammten Stadt eine andere Arbeit zu finden.

Acar trainiert im Muscleshirt und hat sich den Oberkörper mit Babyöl von Penaten eingerieben. Das machen die Türken hier alle. Das sieht einfach gut aus und fühlt sich gut an. Acar weiß, die Deutschen finden das prollig. Aber was soll´s? Er hat ohnedies nur Augen für Silke. Die beobachtet er nicht erst seit gestern. Er beobachtet sie von dem Tag an, an dem sie diesen Bodycheck mit ihm machte und ihn anfeuerte: Du schaffst es! Du schaffst es! Und er hat ihr geglaubt. Und er hat es geschafft. Das ist echt seine Traumfrau. Für sie kommt er hierher. Für sie trainiert er. Für sie ölt er sich ein. Aber wenn sie so durch den Raum schaut, streift ihn ihr Blick lediglich. Ich bin ja nicht blöd, sagt sich Acar, ich weiß genau, woran das hier liegt. Ich bin Türke und da hab ich bei einer deutschen Frau keine Chance. Während er sich langsam am Reck hochzieht, zermartert er sich das Hirn. Es muss doch zu schaffen sein, diese verdammten Vorurteile in den Orkus zu spülen. Daniel schielt immer wieder zu dem Typen, dem er den Grapefruitsaft hingestellt hat. Süß ist der. Nuckelt jetzt seit einer Viertel Stunde an seinem Saft, verzieht jedes Mal das Gesicht, als würde er Grapefruitsaft hassen. Möchtest du ein wenig Zucker in den Saft? Bist du neu hier? Übrigens, ich bin Daniel.

Sebastian verschluckt sich, prustet. Hab ich soeben geträumt?

Eine Stunde, fünfundzwanzig Minuten. Neuer Rekord! Stolz blickt Fabian auf und läuft sich im Spiegel selber entgegen. Das bin ich und ich kann es schaffen, sagt er laut vor sich hin. Alles! Alles, was ich nur will, redet er weiter und ist vom eigenen Spiegelbild im Innersten tiefgehend berührt.

Silke hört Fabian vor sich hin sprechen. Alles Psychopathen, denkt sie. Abgesehen davon: Irgendwann wird er doch vom Band steigen und es wird sich zwar so anfühlen, als habe er kiloweise Gewicht verloren und haufenweise Leichtigkeit gewonnen, aber spätestens in eineinhalb Stunden, wird er seine Grenzen wieder erkennen. Silke sackt in sich zusammen. Alles sinnlos, was wir hier machen! Es reicht jetzt! Ich will nicht mehr! Ich schaffe es einfach nicht mehr! Am Tresen schnappt sie sich die Samstagsausgabe mit den Stellenanzeigen. Ich geh jetzt, sagt sie zu Daniel. Ciao Basti! Keine Reaktion. Niemand fragt, warum ich eine Stunde früher abhaue. Bin ich hier allen egal? Sie blickt sich noch einmal um.

Dieser Türke am Reck starrt schon wieder. Abay, oder Acatay, oder so ähnlich. Ich kann mir diese türkischen Namen einfach nicht merken. Silke will sich schon wegdrehen, da hat sie eine Idee: Wollen wir doch mal sehen, ob ich es schaffe diesen Türken herauszufordern. Acar. So heißt er.

00:00 17.02.2006

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