Bettina Hartz
02.11.2009 | 16:00 7

Dunkler Enthusiasmo

Pasolini Vor 34 Jahren wurde der italienische Autor Pier Paolo Pasolini ermordet. Jetzt sind seine „Friulanischen Gedichte“ in einer atemberaubenden Übersetzung erschienen

Pasolini war ein Mann der Leidenschaften. Und eine seiner Passionen gehörte der bäuerlichen Welt, dem Friaul, Casarsa, dem Herkunftsort der Mutter, in dem er wurzelte und zu dem er so gern ganz und gar gehört hätte – und aus dem er ausgeschlossen war aufgrund der bürgerlich-väterlichen Herkunft, seiner Bildung wegen und auch wegen seines Wunsches, ein Dichter zu sein.
Pasolini hat die einfache, bäuerliche Welt, der seine Sehnsucht gehörte, immer mit der mütterlichen in eins gesetzt, was an ihrer beider archaischem Charakter liegen mag, dem, was der Moderne entgegensteht, von der sie vernichtet wird.

Denn die Moderne beginnt, wo der Ursprung, die Herkunft historisch und zugleich vergessen wird; sie leugnet die Verwurzelung in ewig gleicher Überlieferung und behauptet eine Geburt aus eigener Kraft. Darin gleicht sie dem Künstler, der an den Beginn seines Schaffens die Selbstschöpfung stellt, was bedeutet: er wird seiner selbst gewahr, wird zum reflektierenden Individuum, zum Narziss.

Dieser Mythos von der Selbstgeburt findet sich auch bei Pasolini, nur seltsam verdreht und widersprüchlich, wie so vieles in seinem Leben widersprüchlich war.

Denn die Mutter war es, die das Selbstbild, ein Dichter zu sein, in ihm weckte – „Für sie war ich ein Poet“, schrieb er in einem Brief –, und so war es nur folgerichtig, dass er ihrer Welt, dem Friaul, das Material für seine Dichtung entnahm und also in einer Sprache zu dichten begann, die er nicht sprach und erst als fast schon Erwachsener wie eine fremde sich aneignete.

Die niederen Dialekte

Eben dadurch aber, dass er Gedichte mit dem Wörterbuch schrieb und sich seine eigene dichterische Sprache erst erfinden musste, gewann er mehr noch, als wenn er die italienische Hochsprache verwendet hätte, an dichterischer Autonomie – und zugleich band er sich unauflösbar an die Mutter, verbündete sich mit ihr und ihrer alten bäuerlichen Welt gegen den mit dem Vater assoziierten autoritären Faschismus, dem, in seinem Anschlussversuch ans Römische Imperium, die „niederen“ Dialekte und regionalen Kulturen alles andere als erwünscht waren.
1944 gründete Pasolini, da war er 22 Jahre alt, sogar eine Akademie der friulanischen Sprache. Er entwickelte eine neue Umschrift und gab eine Zeitschrift, Stroligut, heraus – war also bemüht, seine Dichtung zu institutionalisieren, indem er sie auf ein breiteres – linguistisches, publizistisches – Fundament stellte.

Dass Pasolini ein Jahr später über Giovanni Pascoli promovierte, den Lyriker, der für die Entwicklung der modernen italienischen Sprache so überaus wichtig war, da er viele Wörter dialektalen Ursprungs zum ersten Mal verwendete und somit im allgemeinen Sprachgebrauch verankerte, erscheint da nur folgerichtig.

War er doch dabei, eine selbstständige friulanische Literatur zu begründen, die sich vom Rein-Volkstümlichen abwandte und Anschluss an die moderne italienische und europäische Literatur suchte, ohne ihren Volkston abzulegen.

In diesem Widerspruch bewegt sich Pasolini Zeit seines Lebens. Er will den Ursprung, die Unschuld – aber er will sie bewusst. Und das bedeutet, sie sind, wenn er sich schreibend über sie beugt, immer schon verloren, und machen das Schreiben zu etwas Schmerzhaftem, da es das, von dem es erzählt, das es zu bewahren versucht, im und durch das Schreiben zerstört.

Mutter gegen Vater

Das Schreiben ist also für Pasolini immer auch die Emanzipation von der Mutter, ist das Verlassen des bäuerlichen Kreislaufs, der zyklisch strukturierten Welt, ist das Hineingehen in die Linearität und damit der Eintritt in die Geschichte. Das Schreiben mit der Mutter gegen den Vater wird damit, ungewollt, zu einem mit dem Vater gegen die Mutter.

Das ist Pasolini bei seinem ersten Gedichtband, den 1942 in Bologna erscheinenden friulanischen Gedichte Poesie a Casarsa, selbst noch nicht deutlich. Doch dieser Gedichtband, der wie in einem Kern die späteren theoretischen Überlegungen enthält, seinen Kampf gegen den Untergang der bäuerlichen, der südlichen, sinnlich-brutalen, subproletarischen Welt, die er dann, als er im Winter 1949 von Casarsa nach Rom flieht, in den borgate, den illegal errichteten Siedlungen am Stadtrand, findet, seinen Kampf gegen den Sieg des Kleinbürgertums und der Konsumgesellschaft, wird die lyrische Klammer, die dieses Leben zusammenspannt.

1954 veröffentlicht Pasolini unter dem Titel La meglio gioventù eine große Sammlung seiner Dialektgedichte, in der er sie zu einer Art Entwicklungsgeschichte des lyrischen Ichs ordnet, der Narzissmythos findet sich darin, Wechselgesänge zwischen Mutter und Sohn, religiöse Themen, Naturstimmungen, Liebesthematik – und dann, 1975, erscheint, aus der Angst heraus, „nicht alles gesagt zu haben“, als letztes Buch zu seinen Lebzeiten, eine Überarbeitung, Weiterverarbeitung, Wiederholung mit dem Titel La nuova gioventù.

Eine resigniert-stolze Negation und Hoffnung wider alle Hoffnung ist dieser zweite Versuch, ein Hinauswachsen des Dialektes aus seiner verschwundenen Umgrenzung in die zugewachsenen sprachlichen Versatzstücke der politischen, der technischen, der medialen Kommunikation. Die dann, im gänzlich neu hinzugekommenen letzten Teil „Tetro entusiasmo“, zu einem dominierenden marktkonformen Jargon gerinnen, in dem einzelne, im Dialekt geschriebene Verse nurmehr wie einsame Inseln treiben. Und es ist fraglich ob sie, als verlorene Paradiese, neu entdeckt, neu besiedelt werden können, ob sie nicht zu Utopien geworden sind und nur noch in der Sprache bereisbar.

Verlorene Paradiese

Die beiden Fassungen der „gioventù“ sind nun in einer zweisprachigen und alle Varianten berücksichtigenden Ausgabe erschienen, und zwar in einem Pasolini ganz und gar angemessenen knallroten und preisverdächtig schön gesetzten Band.

Jeweils auf einer Doppelseite sind beide Fassungen einander gegenübergestellt, klein das friulanisch-italienische Original, groß die Übersetzung von Christian Filips. Und diese Übersetzungen, für die ja im Deutschen auch erst eine Sprache erfunden werden musste, sind atemberaubend.

Filips, noch keine dreißig, selbst Dichter und Preisträger unter anderem des Rimbaud-Preises, zieht alle Register von Mittelhochdeutsch über Lutherisch zu Hofmannsthal- und Trakl-Ton, nutzt Sozio- und Dialekte, Journalisten- und Fachsprachen – und instrumentiert den Band für die deutschsprachigen Leser, dass, von einer Übersetzung zu sprechen, underunderstatement wäre.
Gerade im letzten Teil, „Tetro entusiasmo“ – „Dunckler Enthusiasmo“, nach dem der ganze schöne Band benannt ist, der mit dem Gedicht Agli studenti greci, in un fiato (Zu griechischen Studenten, in einem Atem) beginnt, zeigt sich die unglaubliche sprachliche Begabung von Filips: Wie er da von der alten Sprachstufe ins Vulgär-Gegenwärtige wechselt, wie er (Binnen-)Reime baut, Assonanzen streut, Vokalfarben setzt, metrisches Gespür beweist, die Varianten variiert – da möchte man immer mal wieder aufjubeln beim Lesen, und hofft und wünscht, dass ihm noch so manche Übersetzung anvertraut wird.

Pier Paolo Pasolini. Übersetzt von Christian Filips. Urs Engeler Editor Basel / Weil am Rhein 2009, 322 S., 28 E

In der Nacht vom 1. zum 2. November 1975, in der Nacht von Allerheiligen auf Allerseelen also, wurde der Dichter, Romanautor, Filmemacher und Publizist Pier Paolo Pasolini, geboren 1922, unter bis heute nicht geklärten Umständen auf einem Bolzplatz am Lido di Ostia ermordet. Heute ist sein 34. Todestag.

Im Literaturhaus Berlin ist noch bis zum 22. 11. die Ausstellung Pier Paolo Pasolini Wer ich binzu sehen. Außerdem sind in diesem Jahr die 1959 für die Illustrierte Successo geschriebenen Reisereportagen Die lange Straße aus Sand auf Deutsch erschienen (Edel-Verlag, 128 Seiten, 36 E). Die September-Ausgabe des Schreibhefts Zeitschrift für Literatur widmet sich gleichfalls der Lyrik Pasolinis (221 S., 12 E).

Kommentare (7)

bkhdk 02.11.2009 | 18:21

Ein schöner Artikel, der mal die unbekannteren Seiten dieses italienischen Ausnahmefilmemachers zeigt. Jeder assoziiert ihn doch mit "Die 120 Tage von Sodom", seinem letzten Film, der damals ein Skandal war und noch heute so manch schwaches Gemüt entrücken lässt.
Aber ein bisschen Background über den Herrn, hätte schon drin sein dürfen.

A.Bundy 03.11.2009 | 09:07

Apropos die "120 Tage von Sodom" oder "Salò", wer weiss noch, dass dieser Film schon einmal Samstags um 23.00 Uhr ohne Warnhinweis in der ARD lief. Zu einer Zeit, als das Erste noch richtiges Fernsehen machte, Montags regelmässig bei "Klimbim" durch die Steeger blankgezogen wurde, während Dienstags 20.15 Uhr die "Montagsmaler" liefen und ab 23.30 Uhr Helmut Langer in "Kennen sie Kino?" verkündetet; "So jetzt sind die Kinder alle im Bett, da können wir ja mal richtige Filme zeigen". Worauf Ausschnitte aus "Emanuelle" oder "Zärtliche Cousinen" über den Bildschirm flimmerten. Und dann der Samstag. Keine sich ständig wiederholenden Mutantenstadel, sondern geniale Unterhaltung. "EWG", "Am Laufenden Band" oder "Auf los, gehts los", fantastische Shows, die heute unmöglich zu sein scheinen. Ab 23.00 Uhr dann jede Menge Filme aus allen Herren Ländern, von Horror bis Drama, von Epos bis Science Fiction. Von Sautet bis Fosse, von Fassbinder bis...Pasolini. War `ne tolle Zeit damals.

Columbus 03.11.2009 | 13:52

Hach, da geht einem zum Mittagsmahl das Herz auf, eine so schöne kurze Rezension zu Pasolinis Mundartdichtungen zu lesen.
Danke dafür. Danke auch für den Hinweis auf den Engeler Verlag, der sich, weiß Gott, weiß Mensch, um die Veröffentlichung von Schwierigem und Schönem verdient macht.

Was fehlte mir: Ganz dezent, ein paar Anführungszeichen, da, wo z.B. am Ende des Textes, die Worte allzu wortwörtlich aus der Verlagsbeschreibung stammen.

Ein- oder zwei Beispiele aus der Publikation, um zu zeigen um was es geht und wie die Übersetzung funktioniert, wenn man sie schon so lobt.

Pasolini ist heute noch allgemein bekannt wegen des Mediums Film. Aber in Wahrheit ist er einer der wenigen umfassend arbeitenden Intellektuellen Italiens im 20.Jh., einer mit der seltenen Begabung für viele Dinge, überzeugend im persönlichen Kontakt, wovon es zahlreiche Berichte gibt, akribisch in der Produktion von Texten und Filmen, dazu gebildet und zur Poesie im Wortsinne fähig.

"Petrolio" (Romanfragment, Konvolut von annähernd 2000 Seiten) wurde nicht fertig, obwohl Pasolini recht klar sagte, es werde sein letztes Werk und seine persönliche Quintessenz sein. Die Mörder waren schneller. Veröffentlicht wurde ein großer Teil des Konvoluts dennoch.

Grüße

Christoph Leusch

beha 11.11.2009 | 15:15

Lieber Herr Leusch, das Pasolini-Zitat fiel leider, leider der immer wieder kürzungsfreudigen Redaktion zum Opfer, aber hier folgt es schnell nach und macht Sie hoffentlich noch ein bisschen glücklicher:

„Sie gabens jnen, nit von gutem hertzen,
die alten Antifas, das seyn: die wahren Faschisten . . .
das sind die Leader der Akkulturation, sie rühren
nicht nur an die Seele, sie saugen die Mitte ihr aus
wie Vampire, lassen die Körper als Schatten zurück
weiß von TBC, Megären mit großen Mähnen von Kot,
mit keiner andern Liebe als der zu ihrem Motor,
warum nicht? wie macht man Sex auf Gebot?“

Herzlichen Gruß,
Bettina Hartz

Columbus 15.11.2009 | 20:54

Danke für den Nachtrag.

Die Zeilenteilung denke ich mir und auch den friulischen Dialekt, den ich sicher nicht verstehe, der aber als Kontrast wichtig ist.

Was schon bei so wenigen Zeile hervor tritt, wie stark da Hochsprache, eher schon Pasolinis Bildungshorizont, und die Bauernsprache verwoben sind. - Da brauche ich die Originalfassung.

Allein, was steht z.B. im Original für
"Motor"(die Maschine als Antrieb, Herz, aber auch als "bestes Stück", Automacchina, oder "Leader" (so viele Möglichkeiten!), was für "Sex auf Gebot"?

Sie haben Recht mit ihrer Skepsis, ob das zusätzlich in der Übersetzung noch funktioniert und für das größere Publikum verdaulich ist. - Vielleicht wenn sich Schweizer mit Kenntnissen in Kleinsprachen und Dialekten ans Werk machen. - Auf jeden Fall ist es eine verlegerische Tat und ich setzte das auf meine Wunschzettelliste.

Ihnen nochmals Dank und
liebe Grüße

Christoph Leusch

beha 16.11.2009 | 15:56

Obwohl Sie's ja schon auf den Weihnachtswunschzettel gesetzt haben, hier noch das Original - da können Sie ja auch gleich mal Verbesserungsvorschläge bzw. Begeisterungsluftsprünge machen:

A ghi l'àn data, e no par bon còur,
i vecius Antifasis'c ch'a son i vèir Fasis'c ...
che sono i leaders dell' Acculturazione e non solo
toccano le anime, ma se le succhiano al Centro

come vampiri, lasciando i corpi coperti d'ombra
e tisi bianca, megere con gran chiome merdose,
con nessun altro amore che verso il Motore,
perché no? che fare del Sesso in permesso?

Filips bewegt sich schon nah an der Vorlage, und dennoch atmet seine Übersetzung, ist alles andere als sklavisch, d.h. nimmt sich die Freiheit, die sie braucht, um im Deutschen nicht skurril zu sein, sondern poetisch und lesbar. Und dass das Original immer dabeisteht, ist natürlich großartig und dem Verleger sehr, sehr zu danken.

Saluti,
Bettina Hartz