Dunkler Enthusiasmo

Pasolini Vor 34 Jahren wurde der italienische Autor Pier Paolo Pasolini ermordet. Jetzt sind seine „Friulanischen Gedichte“ in einer atemberaubenden Übersetzung erschienen

Pasolini war ein Mann der Leidenschaften. Und eine seiner Passionen gehörte der bäuerlichen Welt, dem Friaul, Casarsa, dem Herkunftsort der Mutter, in dem er wurzelte und zu dem er so gern ganz und gar gehört hätte – und aus dem er ausgeschlossen war aufgrund der bürgerlich-väterlichen Herkunft, seiner Bildung wegen und auch wegen seines Wunsches, ein Dichter zu sein.
Pasolini hat die einfache, bäuerliche Welt, der seine Sehnsucht gehörte, immer mit der mütterlichen in eins gesetzt, was an ihrer beider archaischem Charakter liegen mag, dem, was der Moderne entgegensteht, von der sie vernichtet wird.

Denn die Moderne beginnt, wo der Ursprung, die Herkunft historisch und zugleich vergessen wird; sie leugnet die Verwurzelung in ewig gleicher Überlieferung und behauptet eine Geburt aus eigener Kraft. Darin gleicht sie dem Künstler, der an den Beginn seines Schaffens die Selbstschöpfung stellt, was bedeutet: er wird seiner selbst gewahr, wird zum reflektierenden Individuum, zum Narziss.

Dieser Mythos von der Selbstgeburt findet sich auch bei Pasolini, nur seltsam verdreht und widersprüchlich, wie so vieles in seinem Leben widersprüchlich war.

Denn die Mutter war es, die das Selbstbild, ein Dichter zu sein, in ihm weckte – „Für sie war ich ein Poet“, schrieb er in einem Brief –, und so war es nur folgerichtig, dass er ihrer Welt, dem Friaul, das Material für seine Dichtung entnahm und also in einer Sprache zu dichten begann, die er nicht sprach und erst als fast schon Erwachsener wie eine fremde sich aneignete.

Die niederen Dialekte

Eben dadurch aber, dass er Gedichte mit dem Wörterbuch schrieb und sich seine eigene dichterische Sprache erst erfinden musste, gewann er mehr noch, als wenn er die italienische Hochsprache verwendet hätte, an dichterischer Autonomie – und zugleich band er sich unauflösbar an die Mutter, verbündete sich mit ihr und ihrer alten bäuerlichen Welt gegen den mit dem Vater assoziierten autoritären Faschismus, dem, in seinem Anschlussversuch ans Römische Imperium, die „niederen“ Dialekte und regionalen Kulturen alles andere als erwünscht waren.
1944 gründete Pasolini, da war er 22 Jahre alt, sogar eine Akademie der friulanischen Sprache. Er entwickelte eine neue Umschrift und gab eine Zeitschrift, Stroligut, heraus – war also bemüht, seine Dichtung zu institutionalisieren, indem er sie auf ein breiteres – linguistisches, publizistisches – Fundament stellte.

Dass Pasolini ein Jahr später über Giovanni Pascoli promovierte, den Lyriker, der für die Entwicklung der modernen italienischen Sprache so überaus wichtig war, da er viele Wörter dialektalen Ursprungs zum ersten Mal verwendete und somit im allgemeinen Sprachgebrauch verankerte, erscheint da nur folgerichtig.

War er doch dabei, eine selbstständige friulanische Literatur zu begründen, die sich vom Rein-Volkstümlichen abwandte und Anschluss an die moderne italienische und europäische Literatur suchte, ohne ihren Volkston abzulegen.

In diesem Widerspruch bewegt sich Pasolini Zeit seines Lebens. Er will den Ursprung, die Unschuld – aber er will sie bewusst. Und das bedeutet, sie sind, wenn er sich schreibend über sie beugt, immer schon verloren, und machen das Schreiben zu etwas Schmerzhaftem, da es das, von dem es erzählt, das es zu bewahren versucht, im und durch das Schreiben zerstört.

Mutter gegen Vater

Das Schreiben ist also für Pasolini immer auch die Emanzipation von der Mutter, ist das Verlassen des bäuerlichen Kreislaufs, der zyklisch strukturierten Welt, ist das Hineingehen in die Linearität und damit der Eintritt in die Geschichte. Das Schreiben mit der Mutter gegen den Vater wird damit, ungewollt, zu einem mit dem Vater gegen die Mutter.

Das ist Pasolini bei seinem ersten Gedichtband, den 1942 in Bologna erscheinenden friulanischen Gedichte Poesie a Casarsa, selbst noch nicht deutlich. Doch dieser Gedichtband, der wie in einem Kern die späteren theoretischen Überlegungen enthält, seinen Kampf gegen den Untergang der bäuerlichen, der südlichen, sinnlich-brutalen, subproletarischen Welt, die er dann, als er im Winter 1949 von Casarsa nach Rom flieht, in den borgate, den illegal errichteten Siedlungen am Stadtrand, findet, seinen Kampf gegen den Sieg des Kleinbürgertums und der Konsumgesellschaft, wird die lyrische Klammer, die dieses Leben zusammenspannt.

1954 veröffentlicht Pasolini unter dem Titel La meglio gioventù eine große Sammlung seiner Dialektgedichte, in der er sie zu einer Art Entwicklungsgeschichte des lyrischen Ichs ordnet, der Narzissmythos findet sich darin, Wechselgesänge zwischen Mutter und Sohn, religiöse Themen, Naturstimmungen, Liebesthematik – und dann, 1975, erscheint, aus der Angst heraus, „nicht alles gesagt zu haben“, als letztes Buch zu seinen Lebzeiten, eine Überarbeitung, Weiterverarbeitung, Wiederholung mit dem Titel La nuova gioventù.

Eine resigniert-stolze Negation und Hoffnung wider alle Hoffnung ist dieser zweite Versuch, ein Hinauswachsen des Dialektes aus seiner verschwundenen Umgrenzung in die zugewachsenen sprachlichen Versatzstücke der politischen, der technischen, der medialen Kommunikation. Die dann, im gänzlich neu hinzugekommenen letzten Teil „Tetro entusiasmo“, zu einem dominierenden marktkonformen Jargon gerinnen, in dem einzelne, im Dialekt geschriebene Verse nurmehr wie einsame Inseln treiben. Und es ist fraglich ob sie, als verlorene Paradiese, neu entdeckt, neu besiedelt werden können, ob sie nicht zu Utopien geworden sind und nur noch in der Sprache bereisbar.

Verlorene Paradiese

Die beiden Fassungen der „gioventù“ sind nun in einer zweisprachigen und alle Varianten berücksichtigenden Ausgabe erschienen, und zwar in einem Pasolini ganz und gar angemessenen knallroten und preisverdächtig schön gesetzten Band.

Jeweils auf einer Doppelseite sind beide Fassungen einander gegenübergestellt, klein das friulanisch-italienische Original, groß die Übersetzung von Christian Filips. Und diese Übersetzungen, für die ja im Deutschen auch erst eine Sprache erfunden werden musste, sind atemberaubend.

Filips, noch keine dreißig, selbst Dichter und Preisträger unter anderem des Rimbaud-Preises, zieht alle Register von Mittelhochdeutsch über Lutherisch zu Hofmannsthal- und Trakl-Ton, nutzt Sozio- und Dialekte, Journalisten- und Fachsprachen – und instrumentiert den Band für die deutschsprachigen Leser, dass, von einer Übersetzung zu sprechen, underunderstatement wäre.
Gerade im letzten Teil, „Tetro entusiasmo“ – „Dunckler Enthusiasmo“, nach dem der ganze schöne Band benannt ist, der mit dem Gedicht Agli studenti greci, in un fiato (Zu griechischen Studenten, in einem Atem) beginnt, zeigt sich die unglaubliche sprachliche Begabung von Filips: Wie er da von der alten Sprachstufe ins Vulgär-Gegenwärtige wechselt, wie er (Binnen-)Reime baut, Assonanzen streut, Vokalfarben setzt, metrisches Gespür beweist, die Varianten variiert – da möchte man immer mal wieder aufjubeln beim Lesen, und hofft und wünscht, dass ihm noch so manche Übersetzung anvertraut wird.

Pier Paolo Pasolini. Übersetzt von Christian Filips. Urs Engeler Editor Basel / Weil am Rhein 2009, 322 S., 28 E

In der Nacht vom 1. zum 2. November 1975, in der Nacht von Allerheiligen auf Allerseelen also, wurde der Dichter, Romanautor, Filmemacher und Publizist Pier Paolo Pasolini, geboren 1922, unter bis heute nicht geklärten Umständen auf einem Bolzplatz am Lido di Ostia ermordet. Heute ist sein 34. Todestag.

Im Literaturhaus Berlin ist noch bis zum 22. 11. die Ausstellung Pier Paolo Pasolini Wer ich binzu sehen. Außerdem sind in diesem Jahr die 1959 für die Illustrierte Successo geschriebenen Reisereportagen Die lange Straße aus Sand auf Deutsch erschienen (Edel-Verlag, 128 Seiten, 36 E). Die September-Ausgabe des Schreibhefts Zeitschrift für Literatur widmet sich gleichfalls der Lyrik Pasolinis (221 S., 12 E).

16:00 02.11.2009

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