Durstig im Feindesland

Unter Eidgenossen Die Rolle der Deutschen in der Schweiz ist es, fremd zu sein - ganz egal wie sympathisch sie sind. Da hilft es auch nicht, perfekt Schweizerdeutsch zu sprechen

Die mögen mich einfach nicht“, sagt G. traurig. Die freundliche, witzige G. sitzt an meinem Küchentisch und schildert, wie sie in Zürich einen Raum betritt. Wie erst alle lächeln, und dann, wenn sie den Mund auftut, ist es mit dem Lächeln vorbei. Seit elf Monaten hat sie niemanden gefunden, der gleichzeitig Schweizerdeutsch spricht und nach der Arbeit mit ihr ein Bier trinken würde.

G. ist nach Zürich gezogen, um eine Stelle bei einem Verlag anzutreten. Das Gehalt ist fast doppelt so hoch wie ihr voriges, das Unternehmen sympathisch. Warum nicht die Schweiz?, dachte sie, genauso wie die 36. 000 anderen Deutschen, die innerhalb des vergangenen Jahres in die Schweiz gekommen sind. Seit beide Staaten vor vier Jahren Verträge miteinander schlossen, wandern die Deutschen zum Arbeiten in die Schweiz. So wie die italienischen „Gastarbeiter“ in den sechziger Jahren nach Deutschland kamen. Doch die schweizer Deutschen sind anders als die deutschen Italiener. Sie sind anders, weil sie glauben, sie seien nicht fremd.

Aber natürlich sind sie es trotzdem – fremd. Fremde im Land gehören zu den großen Sorgen der Schweizer, versuche ich G. zu erklären. Wenn den Schweizern etwas Fremdes zu nahe kommt, fühlen sie sich von Entschweizerung bedroht. Die Schweiz, sage ich, hatte nie Feinde, an denen sie ihr eigenes Bild stär­­­­k­en konnte.

Woher ich das weiß? Ich bin eine von ihnen. Jedenfalls war ich es. Jetzt lebe ich in Deutschland, unerkannt und hochdeutsch sprechend.

Nach drei Sätzen ist das Gespräch tot

Als Kind war es mein Ehrgeiz, deutsch wie eine Fremdsprache zu beherrschen. Perfekt und akzentfrei sollte es klingen, ohne das schwere, langsame Knirschen des Dialekts. Vielleicht fühlte ich mich als Schweizerin auch schon damals fremd. Wann immer ich in den Ferien am Skilift einen Deutschen ausmachte, bemühte ich mich, mit ihm den Liftbügel zu teilen. Während uns das Seil aufwärts zog, versuchte ich in altkluger Unschuld ein Gespräch. Die meisten Deutschen ließen sich amüsiert darauf ein und oben angekommen verabschiedeten sie sich lächelnd. Während ich, ganz auf das gemeisterte Gespräch konzentriert, das Abbügeln verpasste und über meine eigenen Skier in den Schnee kippte. So lernte ich früh akzentfrei Hochdeutsch, aber über den Stemmbogen bin ich nie hinausgekommen. Im Schulunterricht versteckte ich meine Kenntnisse. Wenn mich die Lehrerin zum Vorlesen aufrief, las ich fließend, aber mit einem dicken, schleppenden Tonfall, den ich mir dazu angewöhnt hatte. Schweizer Hochdeutsch. Er schützte mich vor Häme, und es gelang mir auch später nicht, ihn abzulegen, wenn ich mit Schweizern sprach.

„Ich verstehe längst schweizerdeutsch“, sagt G. „Ungefähr drei Mal am Tag sage ich irgendwelchen Leuten, sie mögen ruhig weiter Dialekt sprechen, wenn ich dabei bin.“ „Und?“ „Es nützt nichts. Nach drei Sätzen wechseln sie ins Hochdeutsche und nach drei weiteren ist das Gespräch tot.“

Als Ausländer taugen die Deutschen nicht. „D´ Schwoobe“, wie man seit einigen Jahren wieder großzügig sagt, egal, ob sie aus Hannover, München oder Thüringen kommen. Sie sind den Schweizern zu ähnlich. Das macht sie als Fremde gefährlich. Wie unterscheidet man sich von ihnen, wenn sie gerade nicht sprechen? Und was heißt das überhaupt, Schweizer zu sein? Was ist nationale Identität in einem Land, das aus einem Bund von Kantonen besteht, die sich im 19. Jahrhundert erst widerwillig zur Nation zusammengefunden haben? Das Führen von Kriegen hatte man bereits im 16. Jahrhundert eingestellt. Es hat sich wirtschaftlich nicht gelohnt. Zuvor war das Söldnerwesen eine der einträglichsten Erwerbsquellen gewesen, in diesem kargen, gebir­gig­­­en Territorium, dem sich nur mit Mühe etwas Nahrung abtrotzen ließ. Doch in den Söldner­hee­­ren des Mittelalters kämpften mitunter auf beiden Seiten fast nur Eidgenossen. Das wollte man nicht mehr.

Seither hält man Frieden, indem man keine Angriffsfläche mehr bietet. Politi­­­­­sch nennt man das „Neutralität“. Im Alltag heißt es, man geht einander aus dem Weg. Wo sich Umgang mit Fremden nicht vermeiden lässt, versucht man, innere Distanz zu wahren. Man streitet nicht miteinander, auch nicht aus Freude am Disput. Man trifft sich früh am Abend und vor Mitternacht geht man wieder nach Haus.

Es ist so schwer, Schweizer zu sein. Man kann unendlich viele Fehler begehen, die immer gleich Folgen haben. Schweizer sind nicht großzügig miteinander. Sie geben sich keinen Kredit. Auch in Ihresgleichen sehen sie immer zuerst das Fremde. Als Schweizer erkennt man einander ausschließlich an diesem Gebaren. Oder an der Sprache. Oder wenn ein Deutscher in der Nähe ist.

„Übertreibst du nicht?“, fragt G.

„Ich bin mir nicht sicher“, sage ich.

Früher amüsierte man sich noch über die Deutschen

Wenn ein Deutscher in der Nähe ist, bedeutet der Satz „Ich bin Schweizer“ plötzlich etwas. Er bedeutet: „Ich bin kein Deutscher“. In deutscher Gesellschaft spürt ein Schweizer plötzlich, wer er nicht ist. Er ist nicht schroff – das sind die Deutschen. Er ist nicht direkt – das ist sehr deutsch. Nicht unhöflich – deutsch. Nicht arrogant – typisch deutsch. Er will nicht immer der Beste sein. Das wollen die Deutschen. Darum, sage ich G., ist es ganz gleich, wie die deutschen Gastarbeiter sich tatsächlich verhalten. Die Schweizer brauchen sie so: unhöflich, schroff, arrogant.

Solange ihre Anzahl überschaubar war, amüsierte man sich als Schweizer gern über die Deutschen. Hatte man einen in der Belegschaft, wartete man ab, bis er sich irgendwann am Schweizerdeutsch versuchte, ermutigte ihn vielleicht sogar ein bisschen. Beim Café Crème in der Kantine, bevor die Mittagspause vorbei war. Wenn er zuverlässig am Nationallaut der Schweizer scheiterte, am kehligen „ch“, den er immer und immer wieder teutonisch-zischend hoch am Gaumen bildete, grinste man in sich hinein und der Kollege war so fremd, wie man ihn haben wollte. Dann lieh ein argloser Mensch einem Feindbild sein Gesicht. Einem der wenigen historisch verbürgten Feindbilder, die man als Schweizer miteinander teilen kann.

Vor fast sechzig Jahren standen unsere Väter, Groß- und Urgroßväter mit ihren Bajonetten an der Grenze und warteten auf die Deutschen, die nicht kamen. Heute hat mehr als ein Drittel aller Schweizer Eltern mit ausländischem Pass, und immer weniger Schweizern sind die Geschichten vom „Aktivdienst“ an der Grenze überhaupt noch vertraut. Da kommen die neuen Deutschen gerade recht.

„Machst du Witze?“, fragt G. „Schon als ich zur Welt kam, war der Krieg zwanzig Jahre vorbei.“

Nur weil der Krieg vorbei ist, soll ein Feierabendbier möglich sein? Wie sollte so ein Gespräch denn aussehen, nach der Arbeit im Lokal?

Man sitzt zusammen am Tisch und der Schweizer muss wohl oder übel Hochdeutsch reden, alles andere verbietet die Höflichkeit. Er kann es aber nicht so gut wie G. und fühlt sich deshalb unbeholfen und gehemmt. Ein zu starkes Gefühl für ein entspanntes Bier. Oder er kann es genauso gut wie sie. Dann denken die anderen, er komme selbst aus Deutschland. Da sitzen schon wieder „zwei Schwoobe“, hört man vom Nebentisch, und wenn es niemand sagt, glaubt man doch, es in den Blicken zu lesen. So etwas mag niemand gern. Als Schweizer nimmt man sich die Ablehnung doppelt zu Herzen. Man lehnt ja selbst so vieles ab. Mit G. einfach Schweizerdeutsch reden und sie antwortet Hochdeutsch? Absurd. So wird es einfach nichts mit dem Feierabendbier mit G. Zu kompliziert.

„Jetzt, wo die Deutschen so zahlreich kommen, bedeutet Schweizersein, dass man sich diese Tausende von neuen Fremden pro Monat nicht aufdrängen lassen will. Auch nicht ihr Bemühen um Akzeptanz. Schon gar nicht, wenn sie sympathisch sind. Es ist ein Akt der Selbstbestätigung, dass man nun aus Prinzip schon die Augenbrauen hebt, wenn man im Tram Hochdeutsch hört. Dass man beunruhigt ist, wenn die Kinder eine deutsche Krippenleiterin bekommen und plötzlich beginnen, ohne Akzent zu sprechen. Wenn eine Fastfood-Kette auf einem Plakat mit zweierlei Schriftzügen wirbt. „Hunger statt Stutz?“ heißt es für die Schweizer. „Kohle statt Kohldampf?“ für die Deutschen.

Die Schweiz im 21. Jahrhundert hat keine hermetischen Grenzen mehr. Das ist noch ein bisschen viel für die spröden, eidgenössischen Individualisten. Deshalb müssen sie jetzt höchstpersönlich mauern. Gegen die übermächtigen Nachbarn, in deren Fremdheit man sich selbst erkennt.

Aber es sind ja nicht alle Schweizer so, sage ich zu G. Die Schweizer, das sind eben immer die anderen.

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05:00 29.04.2009

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