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Politik der Kunst Vor Polens Küste lag in diesem Sommer ein Schiff, das bei Abtreibungsgegnern für Aufregung sorgte

Schiffe sind schwimmende Zeitbomben auf europäischen Gewässern. Nun sorgt zwar das neue europäische Hochsicherheits-Paket "Erika II" für mehr Ordnung auf den Meeren. Doch fühlen Sie sich wirklich sicher? Ganz recht, auch dieser Entwurf hat Lücken. So hat anscheinend niemand an schwimmende Abtreibungskliniken gedacht. Diese Tatsache macht sich die niederländische Frauenrechtsorganisation Women on Waves (WoW) zu Nutze. Ganze zwei Wochen lang lag in diesem Sommer ihr alter Schlepper Langenort im polnischen Ostseehafen Wladislawowo bei Danzig vor Anker. An Bord: Eine komplette gynäkologische Praxis in einem japanischen Frachtcontainer, gestaltet vom niederländischen Büro "Atelier van Lieshout", zwei Ärztinnen, eine Crew - und die in Polen verbotene Abtreibungspille RU 486. Zwölf Meilen von der Küste darf Mifegyne (RU 486) wieder ausgepackt und eingesetzt werden, denn die Langenort fährt unter niederländischer Flagge. Damit ist auf internationalen Gewässern niederländisches Recht wirksam.

So weit, so gut. Doch zunächst liegt sie friedlich im Hafen. Sonnenschein. Tote Fische im Brackwasser. An der Kaimauer die Transparente der Abtreibungsgegner: "Mörder!" Eine Gruppe vermummter Frauen betritt unter den Augen der Schaulustigen das Deck. Dann legt das Schiff ab - Unruhe macht sich breit, am Kai und am Fernseher: Was, wenn tatsächlich polnische Frauen mit hinausgefahren sind?

Was bringen uns Schiffe überhaupt heutzutage noch? Öl scheinbar, wabernde Teppiche vor diversen Küsten, schwarze Schliere auf weißer Robbe, Flüchtlinge und Bananen. "Aber hier sind wir in gar keiner Bananenrepublik", flüstert mir ein junges Mädchen ins Ohr. Hier sind wir in Polen - beinahe in der EU, mit anderen Worten. Hier werden keine Frauen in Containern verschifft, meint das Mädchen. Aber was hier wirklich geschieht, weiß man nicht so genau. Die ersten, die irgendetwas wissen, sind die jungen Recken der "Polnischen Familienliga". Für ein kleines Tagegeld von der Parteiführung polieren sie als Abtreibungsgegner kleine Särge an der Kaimauer, marschieren mit Transparenten auf und ab und spähen halbherzig durch ihre Ferngläser. Doch auch ihnen fällt jetzt nicht viel ein: Abwarten.

Als ich den Container zum ersten Mal sehe, wird mir übel. Ich bin leicht klaustrophobisch veranlagt. Furcht vor dem Frauenarzt: Die Vorstellung auf hoher See, an einen schaukelnden Gynäkologenstuhl gefesselt, dahin zu treiben, in einem fensterlosen Cargo-Container, treibt mir den Schweiß auf die Stirn.

Schon einen Tag darauf stecke ich mitten drin. Gunilla, die Gynäkologin, hat mich auf einen Saft in den Abtreibungscontainer eingeladen. Ich nippe vorsichtig und plötzlich wird mir klar, was es mit diesem Container eigentlich auf sich hat: Er ist eine Art funktionale Skulptur, und zwar eine ziemlich gute - im Geiste beglückwünsche ich die holländische Kunststiftung für ihre Investition. Hier drinnen wird niemand aufgeschnitten oder ausgesaugt - jedenfalls nicht mit Erlaubnis des niederländischen Gesundheitsministeriums. Dieses hat den Women on Waves die Zustimmung für "instrumentelle Abtreibungen" nämlich verweigert. Lediglich medikamentöse Eingriffe bis zur sechsten Schwangerschaftswoche sind erlaubt. Wir sitzen in einer Art Beratungsraum, der vom Untersuchungszimmer durch eine Schiebetür getrennt ist. Durch den Türspalt lugt der Untersuchungsstuhl. Auch er hat etwas Skulpturales, wie er da mit verdrehten Armen, funktionslos, herumsteht.

Die Idee, den besonderen Status von Schiffen für subversive Aktionen zu nutzen, kam der niederländischen Ärztin und Künstlerin Rebecca Gomperts auf der Rainbow Warrior. Damals ging es nach Südamerika, ebenfalls mit dem Ziel, dort "Aufklärungsworkshops" abzuhalten. Nach ihrem Ausscheiden bei Greenpeace gründete sie 1999 die Women on Waves. Seitdem hat sich an dem Konzept nicht viel geändert. Auch der Container ist seitdem der gleiche. Allerdings erlebte er im Juni in Polen seinen ersten bemannten Einsatz. Bei der Jungfernfahrt der WoW in Irland 2001 hatte sich kurzfristig das niederländische Außenministerium quer gestellt, das mit dem "liberalen Image" der Holländer ohnehin zu kämpfen hatte. Diesmal hat es geklappt. Doch was hier in Polen tatsächlich an Bord passiert ist, bleibt ein Rätsel. Man hüllt sich in Schweigen: "Wir dürfen hier auf polnischem Hoheitsgebiet nicht darüber sprechen", sagt Rebecca Gomperts "was wir anbieten, sind dutch services". - "Nun, wir sind in den Container gegangen, als es draußen zu kühl wurde, und dann sind die Holzpenisse zum Zuge gekommen, so viel kann gesagt werden", fügt Gunilla, die zweite Gynäkologin an Bord schmunzelnd hinzu. Der polnische Zoll wird später feststellen, dass "Medikamente entsiegelt und entnommen" worden sind.

Wenig begeistert von der "Invasion" der Women on Waves zeigte sich erwartungsgemäß die polnische Regierung - von der Kirche ganz zu schweigen. So polterte der Erzbischof von Danzig, Tadeusz Goclowski, schon im Vorfeld, die Aktivistinnen kämen aus Holland angereist, um "Polen zu töten" und rief zum Widerstand auf. Verschiedene Pro-Life-Organisationen erhoben Klage gegen die Frauenrechtlerinnen, allerdings nicht wegen der Durchführung illegaler Schwangerschaftsabbrüche, sondern unter Berufung auf den Tatbestand des "Einschleusens illegaler Medikamente auf den polnischen Markt". Das Thema Abtreibung ist ein heißes politisches Eisen in Polen. Mindestens seit der letzten Verschärfung des Abtreibungsparagrafen vor zehn Jahren, ist er Gegenstand eines regen Tauziehens der verschiedenen politischen Gruppierungen. 1996 nahm man auf die Klage verschiedener Pro-Life-Organisationen hin Abschied von einer liberalen Regelung und kehrte endgültig zur Gesetzgebung von 1993 zurück. Demzufolge ist ein Schwangerschaftsabbruch bis zur zwölften Woche legal, wenn medizinische Gründe vorliegen oder die Schwangerschaft aus einer Vergewaltigung resultiert - insofern die notwendigen Nachweise rechtzeitig erbracht werden, wohlgemerkt.

Genau an diesem Punkt sehen polnische Frauenrechtlerinnen das noch größere Problem. Denn es ist eine Sache, dass der Paragraf soziale und mentale Gesichtspunkte außer Acht lässt, die seit langem zu den internationalen Gesundheits-Standards, etwa der WHO, gehören. Eine andere ist die Tatsache, dass Schwangerschaftsabbrüche ganz offensichtlich selbst da nicht durchgeführt werden, wo sie laut Gesetz legal sind - nicht von öffentlichen Krankenhäusern jedenfalls. Eine Zusatzklausel erlaubt Ärzten unter Berufung auf ethische Gründe, Abtreibungen generell zu verweigern.

Doch wenn es stimmt, dass nur circa neun Prozent der polnischen Bevölkerung "Pro-Life" orientiert, also grundsätzlich gegen Abtreibung sind, wie eine aktuelle Untersuchung behauptet, dann scheint diese Gruppe der Gegner weitgehend aus Ärzten zu bestehen, die bei öffentlichen Krankenhäusern angestellt sind. Lediglich 124 legale Abtreibungen sind für das Jahr 2001 vom polnischen Gesundheitsministerium registriert worden, auf insgesamt zehn Millionen Frauen im sogenannten "gebärfähigen Alter". In Deutschland liegt die entsprechende Zahl bei circa. 3.300 auf 15 Millionen Frauen (Quelle: Statistisches Bundesamt, 2002).

Ein Grund für die Zurückhaltung der polnischen Ärzte könnte sein, dass "Abtreibungsdelikte" nicht bei der Frau geahndet werden, die sie durchführen lässt, sondern an demjenigen, der sie durchführt. Auf "Beihilfe zur Abtreibung", die von Beratung bis zum Vollzug reicht, kann eine Gefängnisstrafe von zwei bis drei Jahren erlassen werden. Vielleicht ist also der Legitimationsdruck für die Ärzte zu groß. Möglicherweise gibt es aber noch einen weiteren Grund: Der Großteil der Ärzte, die in öffentlichen Krankenhäusern angestellt sind, arbeitet zusätzlich noch in privaten Kliniken oder betreibt eigene Privatpraxen, um sich ein Zubrot zu verdienen. Und dorthin kann man sich wenden, wenn man als schwangere Frau auf der Suche nach "umfassender Beratung" ist, so offerieren es die großformatigen Anzeigen in allen wichtigen Tageszeitungen. Eine solche "halblegale" Abtreibung kostet dort bis zu einem Monatsgehalt eines Arztes in öffentlicher Anstellung.

Die geschätzte Dunkelziffer illegal durchgeführter Abtreibungen in Polen liegt laut polnischen NGOs und WHO bei jährlich ca. 200.000. Diese hohe Zahl wird damit begründet, dass parallel zur Verschärfung des Abtreibungsgesetzes die Sexualaufklärung, aber auch die gesundheitliche Vorsorge, immer weiter zurückgeschraubt worden sind.

Doch wie steht es um die Ziele der Women on Waves? Von vielen Seiten wird der Vorwurf der eitlen "künstlerischen Selbstdarstellung" und des "neokolonialen Gebarens" laut. Rebecca Gomperts wehrt sich dagegen: "Wir kommen nur auf Einladung lokaler NGOs irgendwohin. Ohne deren Unterstützung könnten wir die Aktionen rein logistisch gar nicht durchführen. Und wer immer sich bei uns meldet, tut dies aus eigenem Wunsch heraus." Tatsächlich wurden die Women on Waves zu einem strategischen Zeitpunkt von der "Föderation für die Rechte der Frau und Familienplanung" eingeladen. Diese arbeitet zur Zeit mit einer Gruppe weiblicher Parlamentsabgeordneter an einer Neufassung der Abtreibungsgesetzgebung. Doch was da nach Polen kam, war: Ein skulpturaler Container, der zugegebenermaßen vielleicht deshalb ekelerregend wirkt, weil er plastisch veranschaulicht, was Tabuisierung bedeutet: Unmenschlichkeit, Weggesperrtsein, Kriminalisierung. Ob der von den WoW angeregte Medienzirkus um das Thema Abtreibung tatsächlich helfen wird, die Situation von Frauen in Polen nachhaltig zu verbessern, bleibt abzuwarten.

Rebecca Gomperts versteht ihr Schiff als "ideologische Insel" als "Imaginationsfrachter", denn Schiffe transportieren Gedanken-Gut, sie funktionieren über die Verführbarkeit der Gastgeber. In welchem Ausmaß der gesellschaftliche Organismus von der Ladung angegriffen wird, hängt von den Betrachtern ab. Der Theoretiker Michel Foucault sprach vom Schiff als der perfekten "Heterotopie" einer Utopie, die am "falschen Ort" ein Gewebe gebildet hat: "Das Schiff, das ist die Heterotopie schlechthin. In den Zivilisationen ohne Schiff versiegen die Träume ... "

Die Women on Waves unternehmen fürs Erste keine weiteren Abenteuer. Sie sitzen auf dem Trockenen, harren dem Ende ihres Gerichtsprozesses entgegen und werben neue Gelder für die nächste Aktion ein, derweil der eingemottete Praxis-Container an einem geheimen Ort in Holland lagert.

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00:00 22.08.2003

Ausgabe 37/2021

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