Eichhörnchen so groß wie fette Katzen

Die USA von der amerikanischen Provinz aus gesehen Derart sind die Aufregungen in Bloomington

Es ist der erste Abend meines Rückzugs in die Provinz - in die intellektuelle amerikanische Provinz. Nach Bloomington, dem Sitz der Indiana University, 115.000 Einwohner, ohne die Studierenden 70.000. Auf dem Weg vom Flughafen Indianapolis nach Bloomington - in so einem gestretchten Auto übrigens, das innen eine in Regenbogenfarben changierende, stark an Wellness-Grotten erinnernde Deckenbeleuchtung besitzt - fahren wir an Plakaten und Schildern vorbei, die abwechslungsweise »Support our Troops!« sagen oder einen graumelierten Menschen als nächsten Bürgermeister von Bloomington vorschlagen.

Heiß, denke ich, jetzt drei Wochen lang mitten in der einzigen Weltmacht zu sitzen! Und dies auch noch in einer linken Universitätsstadt. Tag und Nacht mit amerikanischen Intellektuellen über den Krieg diskutieren! Endlich die Wahrheiten, Hinter- und Abgründe erfahren, und andere kritische Denkapparate als denjenigen von Michael Moore (»Bowling for Columbine«) in Aktion sehen!

Am ungefähr zehnten Tag meines Rückzugs in die amerikanische Provinz ist Regen angesagt. Gut, denke ich mir, wenn es regnet, will ich nicht allein zuhause sein in dem ansonsten reizenden Häuschen meiner Gastgeberin, das genauso aussieht wie Bert Neumanns Kulisse zu Trauer muss Elektra tragen von Frank Castorf am Zürcher Schauspielhaus. Wenn es regnet, möchte ich gern zusammen mit vielen anderen Menschen bei Jeff sein. Regen, so denke ich, ist gewiss eine gute Gelegenheit, Jeff näher kennen zu lernen. Ich könnte mich womöglich mit triefenden Haaren und einem umwerfenden Miss-Wet-T-Shirt-Gesamteindruck in Jeffs Coffeeshop flüchten, nonchalant etwas Warmes bestellen und ganz nebenbei fragen: »By the way, do you mind going out on a beer some night?« Denn schließlich sind wir hier in Amerika, und gerade war noch ein Playboy-Team auf dem Campus, um unter dem Motto »Breasts and Brains« kluge Mädchen für das Jubiläumsjahr-Shooting zu rekrutieren, da müsste so was doch funktionieren.

Der Weg zu Jeff führt vorbei an den Vorgärten unseres schönen, friedlichen Professoren-Wohnquartiers, des »Faculty Ghetto«, wo meine Gastgeberin residiert, er führt durch eine Einfamilienhausidylle, die gerade Frühling und Sommer durcheinander wirbelt. Über Nacht sind die Temperaturen von spätwinterlich auf frühsommerliche 26 Grad hochgerast, die Magnolien explodieren in Blüten. In den Gärten springen Eichhörnchen von der Größe fetter Katzen mit Kaninchen um die Wette. Und gestern sah ich das erste Streifenhörnchen meines Lebens, das ich bisher für eine Erfindung aus Mickey-Mouse-Heften gehalten hatte. »War is not the answer!« steht es weiß auf blauen, wie emailliert wirkenden Tafeln, die zwischen den Tulpen und Narzissen in fast allen Vorgärten des Viertels stecken. Mitten durch die Schrift fliegt eine Friedenstaube. Doch je weiter ich stadteinwärts gehe, desto mehr fasern die Aussagen der Vorgärten aus: »We love our soldiers« - selbstgepinselt, mit einem großen blauroten Herz, heißt es im Gärtchen einer Studenten-WG, daneben zum Glück auch noch »Stop the War«. Doch der Protest in Bloomington ist stumm geworden, was nützt es noch, auf die Straße zu gehen oder darüber zu reden, sagen Professoren wie Studierende, das haben sie schon den ganzen Winter über getan. Man weiß voneinander, dass man gemeinsam dagegen ist, der Rest ist Frustration.

Der Regen kommt an diesem Tag leider nicht, genauso wenig wie Jeff. Drei blonde Mädchen stehen stattdessen hinter dem Starbucks-Tresen, und an dieser Stelle sei´s gestanden: Obwohl Starbucks auch hier in Bloomington, Indiana, so politisch unkorrekt und umstritten wie nur irgendwie möglich ist und aus diesem Grund mit Panzerglasscheiben ausgestattet werden musste, bin ich hier fast jeden Tag. Weil sich Starbucks auch in Bloomington einmal mehr eines der schönsten, zentralsten Gebäude gekapert hat, vis à vis des Campus-Portals Ecke Indiana/Kirkwood Street. Und weil das einzige andere Café, das politisch korrekte Soma, zwei Straßen weiter, abseits des Campus, in einem Keller liegt und schlechteren Kaffee anbietet.

Das Besondere an Jeff sind nicht seine schwarzen Haare und knallblauen Augen, das Besondere an Jeff ist, dass er als einziger Mann in Bloomington gut aussieht und garantiert über 25 ist. Alle andern, die man hier als »adult« bezeichnen kann, sind hauptamtliche Akademiker und sehen leider auch so aus. Derart sind die Aufregungen in Blooming Bloomington.

Es ist der 18. Tag meines Rückzugs in die amerikanische Provinz. Im Nick´s, einer rustikalen Bar in der Kirkwood Avenue kleben kleine Schildchen neben den Tischen, die besagen, dass am zweiten Sonntag im Mai alle Trinkgelder den Truppen im Irak zugute kommen werden, dass man anstelle von Trinkgeldern aber auch direkt Sonnenbrillen, Lippenbalsam oder ähnliches spenden könne. Ich rümpfe die Nase, Jeff, der zum Ende seiner Jugend zwei Jahre in der Navy diente, sagt: »Du glaubst nicht, wie nötig solche Dinge sind, besonders für die Reservisten, die jetzt alle auch im Irak sitzen und warten und bis zu ihrem ersten Einsatz nur den halben Lohn bezahlt bekommen. Manche Reservisten-Familie haben dadurch schon ihre Wohnung oder ihr Haus verloren, weil sie die Miete nicht bezahlen konnten, während der Vater irgendwo in der Welt darauf wartete, jemanden tot zu schießen oder sich selbst tot schießen zu lassen.« Das sind amerikanische Alltagsdramen auf den vergessenen Nebenschauplätzen der Weltpolitik. Neben uns hängt eine Tafel an der Wand, die bezeugt, dass der Filmkomponist Henry Mancini (»Breakfast at Tiffany´s«) beispielsweise auch schon hier gesessen hat. Hollywood ist überall.

Am andern Ende der Stadt, dort, wo sich die lilafarbene Gentlemen´s Lounge, der Red Liquor Store, McDonalds und die Autobahn Gute Nacht sagen, werden die Truppen großflächig in Leuchtschrift unterstützt, und im Super 8 Motel fragt sich ein Nachrichtensprecher im Empfangshallen-TV gerade ganz verwundert, ob möglicherweise auch Amerikaner an den Plünderungen irakischer Kulturgüter in Bagdad beteiligt gewesen sein könnten.

Der Fernsehkanal zeigt das Kriegspropaganda-Video der Band 3 Doors Down: »Love me when I´m gone«, fordern die Jungs, die ihren tränen- und waffenreichen Clip im vergangenen Winter auf einem zum Golf abreisenden Flugzeugträger aufgenommen haben. Auf der Homepage der Teenie-Band kann man den Truppen auch einen Gruß mailen: »Send a message to our troops overseas. Fill out the form below and we will forward it to the brave men and women of the armed forces that are currently stationed overseas and in need of all your love and support«, heißt es da. »Go and get them!« (*), schließt eine der Grußbotschaften. Der Flugzeugträger im Videoclip sieht aus wie irgendeines der berühmten Raumschiffe der amerikanischen Filmgeschichte. Starship Troopers in Realität und im Musikvideoformat. »That guy belonged to the Navy, too«, sagt Jeff und meint damit den Starship Troopers-Regisseur Paul Verhoeven, der einst seine Filmkarriere mit Dokumentarfilmen für die holländische Marine begann.

Dann geht Jeff Zahnbürsten, Zahncreme und Kopfwehtabletten kaufen, irgendwo in der Nähe des Super 8 Motels soll es einen Drugstore geben. Ich liege unterdessen auf dem Queen-Size-Bett mit der grüngeblümten Tagesdecke, starre die grünen Wände an und bilde mir ein, ich wäre Christina Ricci in Buffalo 66.

Wenige Tage später bricht mein letzter, früher Morgen in Bloomington an, und die Fahrt zurück zum Flughafen von Indianapolis beginnt. Meine Gastgeberin hält ein letztes Mal vor Starbucks, die Morgensonne flackert durchs Fenster, natürlich beginnt Jeffs Schicht ausgerechnet heute später. »Give him my love« - möchte ich der Kellnerin sagen, aber als ich den Mund öffnen will, schnürt sich meine Kehle zu. Wir fahren los, durchqueren Martinsville, wo der Legende nach der Ku-Klux-Clan einst gegründet worden sein soll und der christliche Fundamentalismus noch immer tobt. Ein Tornado brach im letzten Herbst fast sämtliche Bäume rund um Martinsville. Als wären in einer Antwort auf die Rufe der religiösen Eiferer all die dämonischen Kräfte losgebrochen, die in amerikanischen Fernsehserien wie Buffy oder Smallville die Provinzstädte heimsuchen. Hinter Martinsville, wo die Landschaft unversehens wieder freundlicher wird, steht »Heartland Crossings« auf einem Schild über der Landstraße. Hier also kreuzen sich die Wege durch den Mittleren Westen, das Herzland der USA. Begrabt mein Herz an der Biegung der Straße, denke ich. Und weiß plötzlich, dass Christina Ricci, als sie damals in Buffalo 66 im Hotelzimmer auf Vincent Gallo wartete, diesen wirklich liebte.

(*) Übersetzung: »Sendet eine Nachricht an unsere Truppen in Übersee. Füllt das Formular aus, und wir senden es an die tapferen Männer und Frauen unserer Streitkräfte, die im Moment fern der Heimat stationiert sind und all eure Liebe und Hilfe benötigen ... Geht raus und greift sie Euch!«

00:00 16.05.2003

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