Ein alter Hype

Dominanz Wie der böse Mann durch die richtige Frau zum besseren Menschen wird. „Fifty Shades of Grey“ im Kino

Der finanzielle Erfolg wird kaum ausbleiben, wenn am 12. Februar Sam Taylor-Johnsons Film Fifty Shades of Grey – Geheimes Verlangen nach einer Sondervorführung auf der Berlinale in den Kinos anläuft. Im seit Mitte Dezember laufenden Vorverkauf sind bereits mehr als 70.000 Tickets allein beim deutschen Kinobetreiber Cinestar bestellt worden. Der Trailer wurde auf Youtube über 40 Millionen Mal angesehen, die nun verfilmten Bücher der Trilogie haben sich über 100 Millionen Mal verkauft.

Die Geschichte ist entsprechend geläufig: Der reiche, einsame Millionär Christian Grey verguckt sich in die mittellose Studentin Anastasia Steele. Der Rest sind klassenbedingte Irrungen und Wirrungen, der hartnäckige Versuch, ausgefallenen Sexpraktiken aus dem Weg zu gehen, und die Frage, ob sich am Ende beide kriegen, und wenn ja, zu wessen Bedingungen.

Sein erster Blümchensex

Es ist ein wenig schräg, dass ein Roman als SM-Story bekannt geworden ist, in dem es darum geht, diese Form der Sexualität gerade zu vermeiden. Anastasia hat nämlich eigentlich keine Lust auf Unterwerfung und Schmerzen, sondern nur auf Christian. Um ihm zu gefallen, gibt sie ab und an nach, und er, um wiederum ihr zu gefallen, verdrängt seine Vorlieben. Die besonderen Momente sind für Anastasia nicht die, in denen er sie übers Knie legt, sondern jene, in denen er sich ausnahmsweise auf gewöhnlichen Rein-raus-Verkehr einlässt und anschließend neben ihr einschläft – die machen geschätzte 93 Prozent des Buchs aus.

Christians Lust, Frauen zu beherrschen, wird stets mit seiner schlimmen Kindheit begründet: misshandelt, vernachlässigt, später adoptiert und dann, bereits mit 15, von einer Freundin der neuen Mutter verführt. Natürlich kann er mit dem Background Nähe nicht anders zulassen als in kontrollierter Form: durch sexuelle Dominanz. Es ist schon bemerkenswert, dass BDSM (für Bondage und Discipline, Dominance und Submission, Sadism und Masochism) heutzutage noch immer als Symptom einer Störung herhalten muss, statt für das zu stehen, was es ist: ein Weg, Sexualität und Beziehungen zu gestalten.

Fifty Shades of Grey, wie das Buch der britischen Autorin E. L. James (Erika Leonard) im Original heißt, ist nichts anderes als die alte Geschichte vom bösen Mann, der durch die richtige Frau zu einem besseren Menschen wird. Durch die Besonderheit der Beziehung (Anastasia bringt Christian dazu, zum ersten Mal in seinem Leben Blümchensex zu genießen) wird die Dichotomie konventionell/heil – pervers/beschädigt aktualisiert. Monogamie wird als Normalzustand propagiert, ist Anastasia doch die einzige Frau, die es schafft, Christians kühle Fassade zu durchbrechen. Gesteigert wird die Entwicklung durch Anastasias Unerfahrenheit, die Eifersucht auf jede noch so halbherzige Affäre, die Christian vor ihr hatte, sowie seine Wut, sobald sie mit einem Kommilitonen mal was trinken geht. Die Gänsehaut verursacht beim Lesen weniger die Erotik als die Fülle an Klischees und reaktionären Vorstellungen. Und auch: weil so etwas so viele Leserinnen (bald: Zuschauerinnen) hat.

Aber wie lässt sich der Erfolg von Shades of Grey erklären, wenn weder Konzept noch literarisches Niveau außergewöhnlich sind? Durch den Sadomasochismus, den der Bestseller popularisiert hat, wenngleich er ihn lediglich thematisiert. BDSM dient der zeitgemäßen Zuspitzung des alten Geschlechterrollenmodells: Er ist nicht nur mächtig, sondern kommandiert auch gerne rum. Sie ist nicht nur arm, sondern auch unsicher, was ihre Sexualität angeht.

Hanna Bochmann ist freie Journalistin und Texterin, nebenbei studiert sie Philosophie und Soziologie in Frankfurt am Main

Wahrscheinlich ist, dass Shades of Grey in umgekehrter Rollenverteilung gar nicht funktionieren würde. Zumindest nicht als Welterfolg. Emanzipation hin oder her, Liebesgeschichten kommen nach wie vor nicht ohne starken Mann aus. Im günstigsten Fall treffen zwei gleich starke Figuren aufeinander wie in Harry und Sally. Jenseits alltäglicher Notwendigkeiten scheinen sich nicht wenige Frauen nach dem Typen zu sehnen, der ihnen sagt, wo’s langgeht.

Ein ähnliches Bild findet sich übrigens auch in der BDSM-Szene wieder. 1999 befragte der kanadische Sexforscher und BDSM-Aktivist Trevor Jacques online über 1.000 Personen, die auf die ein oder andere Art auf BDSM standen. Von den weiblichen Befragten gaben 44,4 Prozent an, allein devote Neigungen auszuleben. Dagegen kommt die rein dominante Rolle nur für 6,2 Prozent von ihnen in Frage. Der Rest verortet sich irgendwo dazwischen, oft mit Tendenz zu einem der beiden Pole. Bei den befragten Männern sieht die Verteilung anders aus: Die wenigsten von ihnen (14,4 Prozent) sind nur devot, der Großteil sieht sich in der Mitte, 22,8 Prozent sind rein dominant.

Ihr partieller Ausstieg

BDSM zu praktizieren hat mit Filmegucken und Romanelesen gemein, dass dadurch ein Rückzug aus dem Alltag ermöglicht wird. Aus solchen eskapistischen Praktiken wiederum auf das Verhalten im normalen Leben zu schließen erscheint pauschal kaum erkenntnisfördernd: Man muss kein gestörtes Verhältnis zu Gegenwart und Realität haben, nur weil man sich von Filmen und Romanen in fremde Milieus und andere Zeiten entführen lässt. Nichts anderes vermag BDSM – weg von alltäglichen Verpflichtungen, hin zum temporären Kontrollverlust. Durch Absprachen wird sichergestellt, dass die offensiven Machtverhältnisse akzeptiert und auf bestimmte Personen und Zeiträume begrenzt sind. Wenn bei Shades of Grey etwas realistisch ist, dann dass wesentlich mehr Zeit auf solche Absprachen verwandt wird als auf die Aktivitäten.

Konsensuelle sexuelle Erniedrigung kann befreiend sein. In Shades of Grey gibt es eine Situation, in der Christian versucht, Anastasia zu überzeugen, seine Sklavin zu werden. Er malt ihr aus, wie schön es sein müsste, Entscheidungen abgenommen zu bekommen, sich nicht mehr den Kopf zu zerbrechen, um Kompromisse auszuhandeln und Probleme zu lösen. Es ist ja nicht nur so, dass Anastasia sich für oder gegen das Verhältnis entscheiden muss. Grundsätzlich ist heute jeder, der nicht teilnahmslos wirken möchte, verpflichtet, ständig Stellung zu beziehen. BDSM kann auch so was sein: ein partieller Ausstieg. Der Wunsch nach temporärer Freiheit von der eigenen Meinung steht nicht für komplette Verantwortungslosigkeit als Lebensziel. Es kann angenehm sein, für zwei Stunden, ein Wochenende oder immer nach 22 Uhr nicht mehr bestimmen zu müssen.

Nur warum sind anscheinend vor allem Frauen für solche Vorstellungen empfänglich? Liegt es daran, dass sie als Entscheidungsträgerinnen immer noch nicht als selbstverständlich gelten, sich immer wieder neu beweisen müssen und Verantwortung daher schneller als belastend wahrnehmen? Oder ist es genau umgekehrt: Weibliche Souveränität ist im Alltag so unproblematisch, dass man privat mal fünfe gerade sein lassen kann?

Was Shades of Grey, BDSM und Liebesromane generell spannend macht, ist die Dramatik. Im Normalzustand verhält sich der Mensch ziemlich affektfrei. Es hat sich als nützlich erwiesen, Unstimmigkeiten in der Diskussion zu lösen und statt nach Schlägereien nach Vermittlung zu suchen. Leider macht Vernunft allein nicht glücklich. BDSM bietet die Chance, pathetisch sein zu dürfen, ohne dass damit Konsequenzen verbunden sind: Hingabe, Angst, Schmerz, Schwäche, Macht, Sadismus und Leidenschaft haben hier ihren Platz. Wer sich darauf einlässt, kann überempfindlich oder böse sein, ohne gleich auf Facebook entfreundet zu werden. Es gibt Situationen, die so entwürdigend oder schmerzhaft sind, dass die Selbstbeherrschung nicht mehr aufrechterhalten werden kann. BDSM schafft jenseits realer Gewalt und ihrer Gefahren in einem vertrauten Setting und mit passender Gesellschaft einen Raum für heftige, intensive, aufregende Emotionen.

Aus weiter Ferne betrachtet, profitieren Shades-of-Grey-Leserinnen von derselben Mechanik wie Menschen, die sexuelle Unterwürfigkeit ausleben. Aus Anastasias Perspektive erleben sie Beziehungschaos und BDSM frei von Risiken: mitfühlen statt selber fühlen. BDSM ist mehr, als nur Befehle zu geben und zu empfangen. Davon möchte Shades of Grey aber nichts wissen. Alles, was irgendwie schmutzig, hart und damit tatsächlich unorthodox sein könnte, wird ausgeklammert.

06:00 18.03.2015

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