Alban Nikolai Herbst
15.04.2010 | 15:55 12

Ein ärgerliches Schisma

Netzkultur Internet und Literatur gehen nicht zusammen? Unsinn! Warum sich Schriftsteller das Netz nicht vergällen lassen dürfen

Dieser Tage veröffentlichte Thomas Hettche in der FAZ einen kunstreaktionären Artikel, der die poeti­sche Arbeit diffamiert, die im Internet erscheint. Titel: „Warum Literatur sich im Netz verfängt“. Dazu benutzt er drei die Feuilletons alldurchstapfende Thesen, kriegt freilich den Lehm von den Stiefeln nicht weg.

1. Das Internet sei nur an Klatsch interessiert und unkonzentriert; es befördere ein, nenn ich das mal, literarisches Pisa. Man sehe das an der unangemessenen Beachtung einer jungen Pla­giatsautorin, der Hettche aber selbst unangemessenen Raum einräumt. Denn nicht das Netz war diskutiert, sondern ein Buch. Welchen Dietrich einer benutzt (copy oder Kuli), spielt fürs Plagiat keine Rolle, auch nicht, woraus jemand abschreibt, zumal das Phänomen – wie die Skandalgier – alt wie die Dichtung selbst ist und die Geschichte ihrer Kritik. Bis zu den jüngsten histoires de cul Catherine Millets hin drängt einem eben nicht das Netz, sondern der Buch­markt die Bei­spiele auf. Auch das Netz, selbstverständlich, kennt solche Texte. Nur sind Bekenntnisse seit je eine Säule der Literatur: zu denken ist an Rousseau, an Montauk, an Erinne­rung, sprich.

Was jemand schreibt, ist zweitrangig; wie er es macht, ist entscheidend. Im Netz erscheint nicht weniger Müll als im Buch, dessen Trägersubstanz, Papier, öfter noch zum Abwischen dient. Hingegen blendet Hettche, gewiss ein ehrenwerter Mann, alle poetische Netzarbeit aus, die das gefährdete Werk wieder neu fokussiert: ob des Kreises um Johannes Auer, ob Christiane Zint­zens in|ad|ae|qu|at, ob Hartmut Abend­scheins Bibliotheca Caelestis. Das „Unliterarische“ an deren Kunst besteht einzig darin, dass sie nicht zwischen Buchdeckel passt – ja, Hettche verschweigt sogar Jelineks Netzseiten. Es geht ihm nämlich nicht um Dichtung. Vielmehr lässt sich das literarische Netz (noch) nicht vom Markt regulieren, ja kaum überschauen. Der aber hat, nicht das Netz, die Dich­tung zu „Events” umgebogen. Woran Hettche kräftig mitbiegt, seit er hinaufgebürgert ist.

2. Das Urheberrecht werde durchs Netz bedroht. Büchern freilich gestattet Hettche die Verletzung des „vom Autor bestimmten Textes”; sie soll nur auf hohem Niveau geschehen. Dem ist beizupflichten. Nur wer bestimmt die Kriterien? Auch hier sieht Hettche nicht wirklich die Dichtung, sondern seine wohlbezahlte Deutungshoheit gefährdet, weshalb er alle, die den Heidelberger Appell (zum Schutz des Urheberrechts) nicht unterschrieben haben, „keine ernstzunehmenden Schriftsteller” nennt. Das ist nicht ohne Verrat: Auch Paulus Böhmer, ein enger Freund Hettches, hat ihn nicht unterschieben. Die Polemik wischt aber auch Rainald Goetz, den Konkurrenten aus Suhrkamptagen, und Jelinek vom Tisch und Benjamin Stein. 

3. Literatur im Netz befördere den Personenkult. Dieser ist ein vom Pop an­getretenes Erbe aus Zeiten künstlerischer Autonomie­kämpfe. Um Label zu werden, brauchte ein Baudelaire nicht, brauchten weder Pynchon noch Kracht das Netz. Es relativiert den Kult sogar, schon weil sich der Autor sich, etwa in kommentierbaren Blogs, angreifbarer macht, als ein Hettche das er­trüge: Zu offen würde benannt, was er absichern will: nicht Qualität, sondern Macht. Wäre der jungen Plagiatsautorin Roman im Netz erschienen, keine Aufferhähnin hätte nach ihm ge­kräht, und auch die Hettches wären bedeutungsärmer: so arm schon, wie sie es sind.

Alban Nikolai Herbst hat zahlreiche Bücher veröffentlicht, zuletzt Selzers Singen (Berlin 2010). Mit t betreibt der Grimmelshausen-Preisträger eines der meistgelesenen literarischen Weblogs im deutschen SprachraumDie Dschungel. Anderswel

Kommentare (12)

chSchlesinger 16.04.2010 | 01:23

Teletext und Literatur gehen nicht zusammen. Internet und Literatur gehen nicht zusammen. Überall im World Wide Web herrscht gnadenloses Querlesen.
Mit Thomas Manns "Tod in Venedig" verbrachte ich im Sommer 2005 auf der Terrasse unvergessliche Wochen. Fast nach jedem Absatz ließ ich die Novelle für einige Minuten sinken, um in den Horizont zu schauen, mir Gedanken zu machen über das Erlesene und Empfundene. Dazu viele Anmerkungen mit Bleistift. Das bedeutet mir Literatur.

rolf netzmann 16.04.2010 | 04:41

leider ist es so, dass jungen, unbekannten Autoren oftmals nur das Internet bleibt, um ein Feedback auf ihre Arbeiten zu erhalten. Foren wie Kein Verlag.de sind für Autoren eine gute Möglichkeit, sich auszuprobieren und von anderen auch sachliche Kritik zu erhalten, was ja hilft , sich weiterzuentwickeln und den eigenen Stil zu finden. Wenn, wie mir erst gestern Abend auf einem Autorentreffen eine Bekannte berichtete, sie von Verlagen auf ihr Manuskript 44 !! Absagen erhalten hat, was bleibt ihr dann, wenn sie trotzdem veröffentlichen möchte? Dass es kein Honorar für diese Veröffentlichungen gibt, ist für viele sicherlich zu verschmerzen, dass es immer wieder passiert, dass ihre Texte kopiert und ohne ihr Wissen weiterverwendet werden, ist weitaus schlimmer, haben doch auch diese jungen, unbekannten Autoren ein Copyright an ihren Werken. Insgesamt ist es nicht richtig, dass im Internet nur Schrott veröffentlicht wird, nur weil jeder alles posten kann. Genauso könnte man dies von den BoD Verlagen ( Book on Demand ) behaupten, die auch alles drucken, solange der Auftraggeber zahlt. Auch unter diesen Büchern gibt es Perlen, man muss nur etwas länger suchen., genau wie im Internet.

hadie 16.04.2010 | 18:18

Das Wort Schisma bezeichnet doch eigentlich eine Kirchenspaltung - setzt Gläubige voraus, die sich am einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr verstehen, gelinde formuliert. In dem FAZ-Artikel von Thomas Hettche geht es eher um den alltäglichen Gegensatz zwischen eigenständigen literarischen Werken (nach bestimmten ästhetischen und inhaltlichen Gesichtspunkten organisiert, eigenen Gesetzmäßigkeiten folgend) und dem "unendliche Mediengespräch des Netzes", das weniger Hort der Demokratie und Nichtkommerzialität ist, mehr Dampfgeplauder und Werbeplattform von zahllosen Selbstvermarktern. Da muss man täglich Äpfel von Birnen unterscheiden und die zahllosen Pferdeäpfel auf Abstand halten. Hettche geht es um Äpfel und er leugnet die Existenz von Birnen. Trotzdem ein sympathischer Aufruf: Bilde Künstler - blogge nicht! Woran ich mich freilich nicht halten werde ...

perkampus 18.04.2010 | 16:17

das gerede um die qualität ist eine enorme augenwischerei. als ausgesprochener buchliebhaber sehe ich, dass es mehr dreck auf papier gibt als im netz. überhaupt ist die veröffentlichung unter eigenverantwortung heute die einzige möglichkeit, eine komplexe (nennen wir sie meinetwegen sogar experimentelle) literatur einem leserkreis anzubieten, der nicht auf das abgedroschene fiasko der verlagslandschaften hereinfällt. eine neue mayröcker, einen neuen schmidt - das würde heute nicht mehr funktionieren. solche dichter werden das netz bemühen, denn natürlich geht es hier nicht um geld - ich lese das immer wieder, und um ein plagiat geht es ebenfalls nicht: erkennt man denjenigen nicht, der da schreibt, sollte er das schreiben lassen. das ist natürlich nur meine meinung. anbei ist es mir völlig wurscht, ob mich jemand kopiert, denn er wüsste wahrscheinlich gar nicht, was die sätze zu bedeuten haben.
hätte man ein auge dafür und etwas übersicht, würde sehr leicht bemerkt werden, wo sich experimente und interessante gedankengänge (die eben um keinen preis als "fertig" zu gelten haben) finden lassen: beinahe ausschliesslich im netz. die verlage werden das in absehbarer zeit nicht begreifen können, denn denen geht es (sic!) nicht um literatur sondern um klüngelei.
herbst registiert sehr genau, was sich da tut - und leider ist er nahezu der einzige, der den mund nicht hält gegen aufteretende infamien. dieser ganze schweinestall ist erbärmlich.