Ein Bild bestätigt sich

Schülergewalt Entgegen dem Klischee gibt es viele gut funktionierende Hauptschulen, zu denen die Kinder gerne gehen - ausgegrenzt werden sie trotzdem. Einsichten aus Köln

Die erste Aufregung hat sich gelegt, Medien und Öffentlichkeit finden wieder zum Gleichschritt zurück: Eine satte Mehrheit von zwei Dritteln der Befragten haben im aktuellen Deutschland-Trend von infratest-dimap erklärt, sie wollen, dass die Hauptschule beibehalten wird. Die heftigsten Freunde hat die Hauptschule in den Vertretungen der Gymnasialeltern und im Philologenverband, der Standesvertretung der Gymnasiallehrer. Wenn jemand die Hauptschule braucht, dann sind sie es: als Abladestation für die Kinder, die nicht so recht zu ihnen passen und die man deshalb ja nicht gleich alle abschieben oder in einen richtigen Knast stecken kann.

Die Hauptschule ist notwendig - nicht für die eigenen Kinder, sondern für die anderen, die Fremden. Dabei geht es nicht um andere Ethnien, sondern um andere Schicht-Kulturen. Wer einmal erlebt hat, wie schwer sich auch leistungsmäßig hervorragende Schulwechsler von einer Realschule aufs Gymnasium damit tun, die dort gängigen Sprachcodes frei zu beherrschen und einzusetzen, der weiß, was Pierre Bourdieu mit dem feinen Unterschied meint. Eine Woche Hauptschulberichterstattung hat es uns bestätigt: Wer unter die Hauptschüler fällt, sei es als Lehrer oder Jugendlicher, der ist seines Lebens nicht mehr sicher, geschweige denn, dass mit ihnen noch irgendetwas außer dem Gebrauch des Schlagstocks und das Runterladen von Pornos auf das Handy gelernt werden kann. Vor allem, wenn dort ohnehin schon 80 Prozent Ausländer sind, wie an der Rütli-Schule in Berlin.

Das ist die Außensicht. Aber wie nehmen eigentlich Hauptschüler diese Debatte wahr? Wie sehen sie sich selbst und ihre Schule? Inken Waltz, Lehrerin an der Kölner Montessori-Hauptschule, hat darüber mit ihren Sechstklässlern diskutiert. Als Ergebnis schickten sie mir einige Karten, in denen sie ihre Sicht darstellen:

"Mich macht es traurig, dass es plötzlich Ausländer sind, die gewalttätig sind. Ich finde es gut, dass unsere Schule nicht gewalttätig ist. Ich denke, dass die Schule in Berlin mehr Lehrer braucht. Es wäre besser, wenn die Jugendlichen sich vertragen würden. Sahir, ich bin 12 Jahre alt, ich komme aus Köln. Meine Eltern sind aus Albanien."

"Ich finde gut, dass unsere Schule nicht so gewalttätig ist, wie die in Berlin. Und ich finde auch nicht gut, dass immer die Ausländer alles schuld sind. weil, in die sind nicht immer alles Schuld. können ja auch Deutsche die Schlägereien anfangen. Ich heiße Sascha, bin 12 Jahre alt und wohne in Köln."

"Ich glaube, dass viele Politiker es nicht wahrhaben wollen, dass wir Deutschen meistens die Anstifter sind, und deswegen finde ich es unfair, dass die Ausländer beschuldigt werden. Ich bin der Fabian, hatte schon zwei Klassenkonferenzen und komme aus Köln."

Trotz der Montessori im Namen ist es eine ganz normale Hauptschule. Gut die Hälfte der Kinder ist nichtdeutscher Herkunft. So genau wissen sie es selbst nicht. Mal ist die Mutter Deutsche, der Vater Türke, mal haben sie einen deutschen Pass und sprechen türkisch zuhause, mal sind sie nur geduldete Ausländer und sprechen deutsch. Vier Klassenkonferenzen hat es in diesem Jahr schon gegeben, wegen körperlicher Übergriffe - sie wurden ausnahmslos von deutschen Schülern verübt. Kein Wunder, denn wer als Deutscher an der Hauptschule landet, hat in der Regel schon eine abschüssige Schullaufbahn hinter sich, während Kinder mit ausländischer Herkunft von vornherein schneller für die Hauptschule eingestuft werden. Dadurch finden sich unter ihnen viel häufiger motivierte Schüler und vor allem Schülerinnen, die ohne weiteres an einer Realschule oder einem Gymnasium unterkommen würden, kämen sie aus einer deutschen Familie. Die Schüler haben erkannt, dass hier ein gesellschaftliches Problem - die Ausgrenzungspolitik gegenüber der Hauptschule, die Perspektivlosigkeit ihrer Insassen, umgedeutet wird zu einem Ausländerproblem, damit es externalisiert werden kann - bis hin zu der Extremform, es durch Abschiebung oder die Einrichtung von Probeknästen "lösen" zu wollen. Vielleicht hilft ja schon ein etwas höherer Zaun um diese vom deutschen Schulsystem hervor gebrachten Parallelgesellschaften.

Im Kölner Montessori-Schulzentrum sind Hauptschule und Gymnasium unter einem Dach. Von Integration keine Spur. "Die Gymnasiumskinder, die sagen immer, wir Hauptschüler sind Scheiße und doof. Die Klassenkameraden aus der Grundschule, die jetzt aufs Gymnasium gehen, sind auf einmal ganz anders zu mir," meint ein Schüler, und eine Schülerin ergänzt: "Ich weiß, die sind schlauer als wir, aber die denken, sie sind die besten."

Die sind schlauer: Auf die Hauptschule zu gehen, ist an sich eine Kränkung und Entmutigung. Und entsprechend sieht das Selbstbild dieser Schülerinnen und Schüler aus. Es sind noch die Robusteren unter ihnen, die diese Kränkung in Aggression umsetzen. Die Lehrerin Inken Waltz erzählt mir von einer gemeinsamen Musical-AG mit den Gymnasiasten, die schließlich daran gescheitert ist, dass Hauptschüler und Gymnasiasten nicht zusammen spielen können, und zumindest die Gymnasiasten auch gar nicht wollen. Selbst unter den Lehrern beider Schulformen reicht das Verhaltensrepertoire von grußlosem aneinander Vorbeischauen bis zur offenen Aggression. Also doch: besser die Verlierer und die Gewinner getrennt lassen?

Wer heute nicht nur die Schließung der Rütli-Schule fordert, sondern, wie die Lehrer von jener Schule, die Abschaffung der ganzen Schulform, der wird es nach dieser Debatte schwerer haben. Wir - unter dem Pronomen fasse ich mal uns liberal denkende Leserinnen und Leser von Zeit und Freitag, taz und FAZ zusammen - wir finden es vielleicht noch bildungspolitisch korrekt, die Abschaffung der Hauptschule zu fordern, aber wir wollen doch nicht ernsthaft, dass unsere Kinder mit den Rüpeln aus der anderen Klasse zusammen sitzen. Die Vorstellung von der Hauptschule als verlorenem Terrain, in dem schon die Gegenmacht von Stumpfsinn und Terror herrscht, passt eigentlich allen ins Bild: Den Stoibers und Schönbohms sowieso, die dort einen neuen Verwendungszweck für Mauer und Stacheldraht erkennen. Aber auch wer die Hauptschule aus guten Gründen abschaffen will, hat nichts dagegen.

Die Hauptschule an sich ist integrationsfeindlich, ein Instrument der Segregation. Wer wirklich mehr Integration will, sollte als ersten Schritt diese Schulform abschaffen. Das ist die eine Seite. Doch darüber darf nicht untergehen: Es gibt viele gut funktionierende Hauptschulen, zu denen die Kinder gerne gehen. Ich behaupte - lieber als mancher Gymnasiast. Wenn diese Schule ihnen einen Schonraum bietet, den sie oft zuhause oder im Viertel nicht mehr finden. Wenn sie in den Lehrerinnen und Lehrern Ansprechpartner haben, die mit Empathie auf sie eingehen, sich um ihre Lernerfolge kümmern, sie ermutigen. Hier werden Lehrer nicht (nur) verprügelt, sondern viel häufiger noch geliebt, mehr jedenfalls als an den meisten Gymnasien, wo sich Lehrer und Schüler auf kühle Rollendistanz verständigt haben. Wenn man das heute einem liberalen Publikum erzählt, wie ich kürzlich in einem Rundfunk-Wissenschaftsmagazin, stößt man auf Unglauben und wird der Multikulti-Schönrednerei bezichtigt. Von Leuten, deren Hauptschulbild von der Spiegel-Titelgeschichte geprägt wird, die aber in ihrem Leben nicht eine Hauptschule von innen gesehen haben.

Die 12- bis 13-Jährigen aus der Montessori-Hauptschule zum Beispiel identifizieren sich mit ihrer in der Öffentlichkeit so belästerten Schule, nehmen sie in Schutz gegen den Vorwurf, ein Hort der Demotivierten und Gewalttätigen zu sein, obwohl, oder vielleicht gerade weil sie schon wissen, dass sie als Hauptschüler nur noch geringe Chancen haben, sich in diese Gesellschaft zu integrieren. Dennoch wünschen sie sich etwas anderes: "Ich finde es an allen Schulen gleich, nur dass man an der Hauptschule nicht so schnell lernt wie auf dem Gymnasium." "Ich finde es eigentlich nicht so gut, dass es getrennte Schulen gibt. Weil, wenn die alle auf eine Schule gehen, dann könnte man sich auch gegenseitig helfen."

Guter Wille und freundliche Worte werden zur Integration der ausgegrenzten Schüler nicht reichen. Die real existierende Hauptschule hat keine Zukunft mehr, weil sie den Jugendlichen ihre Zukunft verbaut. Entgegen der üblichen Berichterstattung gibt es aber durchaus Kinder, die sich in dem pädagogischen Klima gut funktionierender Hauptschulen aufgehoben fühlen. Wir brauchen eine Hauptschule für alle: eine Schule, die Raum lässt für das Praktizieren individualisierten Unterrichts, die Raum lässt für das voneinander Lernen, in der die positiven Vorbilder dominieren und die allen Kindern nach oben offene Perspektiven bietet. Wir brauchen eine Schule, die Kinder nicht entmutigt und kränkt, sondern ihre Fähigkeiten herausfordert.

Karl-Heinz Heinemann ist freier Journalist für Hörfunk- und Printmedien und beschäftigt sich seit 30 Jahren mit Schul- und Hochschulthemen.


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00:00 14.04.2006

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