Ein ganz normaler Mensch

Fiktive Ethnologie Der tschukschische Autor Juri Rytchëu erinnert an ein vergessenes Volk

Im äußersten Nordosten Russlands, dort wo Sibirien nur noch 90 Kilometer von Alaska trennen, lebt ein kleines, etwa 12.000 Mitglieder zählendes Volk, die Tschukschen. Weder den Kosaken, noch den russischen Zaren ist es gelungen, die Jäger an der Küste und Rentiernomaden in der Tundra zu unterdrücken. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Besitzer der riesigen Rentierherden zu Kulaken (Großbauern) erklärt und in Kolchosen zwangskollektiviert. Die existierenden, traditionellen sozialen Strukturen, in denen auch die Armen ein Auskommen hatten, lösten sich auf; die Schamanen, die die geistigen Führer der Tschukschen waren, wurden zu Feinden der Revolution erklärt, verschleppt und ermordet.

Noch vor diese Zeit der Zwangskollektivierung fällt die Geburt eines Mannes, dessen Bücher im Osten Deutschlands bereits lange, im Westen erst seit der Wende bekannt sind: Juri Rytchëu. Die Biographie dieses auf russisch schreibenden tschukschischen Schriftstellers ist eng mit der Geschichte der Tschukschen im 20. Jahrhundert verbunden. In seinem kürzlich auf Deutsch erschienen Buch Der letzte Schamane, in dem er die Geschichte seiner Familie bis zu seiner Geburt schildert, wird das bereits mit Rytchëus Namensgebung deutlich. Traditionell fiel diese Aufgabe dem Ältesten der Familie zu, in Rytchëus Fall dem Großvater und berühmten Schamanen Mletkin. Doch die drehend aufgehängten Flügel aus glatt poliertem Walrosselfenbein wollten auch nach drei aus der Trance hervorgeholten Namensvorschläge nicht zur Bestätigung in Richtung des Neugeborenen ausschlagen. Am Ende gab Mletkin entnervt seinem Enkel den Namen Rytchëu, was soviel wie "der Unbekannte" bedeutet. Die Verbindung zu den Vorfahren, die sich im Namen eines Neugeborenen ausdrücken sollte, schien damit durchbrochen.

Und in der Tat, Juri Rytchëu verließ mit 16 Jahren die Jaranga, das mit Walrosshaut umspannte Zelt seiner Familie, um zunächst auf ein örtliches Lehrerseminar und danach zum Studium ins unbekannte, ferne Leningrad zu gehen. Sein Großvater Mletkin jedoch wurde Ende der dreißiger Jahre nach Moskau beordert und als vermeintlicher Spion erschossen.

Juri Rytchëus Biographie und das Schicksal seines Volkes erinnern an den von Walter Benjamin beschriebenen Zusammenhang zwischen Kultur und Barbarei. Denn ohne die sowjetische Nationalitätenpolitik, die die traditionellen Lebensverhältnisse im Nordosten Sibiriens zerstörte, hätte es keinen Schriftsteller Rytchëu und wohl keine nennenswerte tschukschische Literatur gegeben. Vieles über die Lebensumstände und die mündlich überlieferten Märchen und Sagen, die die Bücher des sibirischen Autors prägen, wäre vergessen worden und allenfalls einer kleinen Gruppe von Ethnologen bekannt. Rytchëu sieht diesen Prozess deshalb nicht nur negativ: "Alle großen Literaturen, alle großen Leistungen der Kunst gingen aus Kollisionen der Völker hervor", meint er in einem Interview. "Man kann das tatarisch-mongolische Joch noch so sehr verurteilen, aber wieviel hat es der Kunst gegeben! Man kann den maurischen Einfall nach Europa noch so sehr verurteilen, aber wie viel gab er den Spanisch-Sprechenden! Gott verhüte, dass sie sich wiederholen, aber so ist die Realität der Geschichte."

In den ersten, während der fünfziger Jahren in sowjetischen Literaturzeitschriften veröffentlichten Erzählungen steht deshalb auch nicht die Kritik an der sowjetischen Nationalitätenpolitik im Vordergrund. In Abschied von den Göttern, seinem ersten, Ende der fünfziger Jahre entstandenen Roman, schildert Rytchëu die Ablösung vom traditionellen Leben der Tschukschen als unumgängliche Notwendigkeit. Allerdings ging es ihm von Anfang an um die Vermittlung einer realistischen Darstellung vom Leben der Tschukschen. In dem autobiographisch geprägten Roman Im Spiegel des Vergessens beschreibt er die Verwunderung des ersten professionellen Lesers der Erzählungen, seines Alter Ego Juri Gemo. Der Schriftsteller Gennadi Gor, der die Tschukschen aus den verklärenden Geschichten früherer russischer Autoren kannte, stieß hier auf Menschen, die Fehler hatten wie alle anderen auch. Gemo versucht sich zu verteidigen und sagt: "Ich wollte zeigen, dass ein Tschuksche ein genauso normaler Mensch ist wie ein Russe Usbeke oder Este. Er hat keine andere Psyche, seine Charakterzüge unterscheiden sich nicht wesentlich von denen der anderen." "›Interessant‹, sagte Gor gedehnt. ›Aber der Urmensch ist doch in gewissem Grad viel reiner, verglichen mit dem modernen. Sie, junger Mann, widersprechen vielen anerkannten Autoritäten der Ethnographie, ja, mehr noch, Ihre Ansichten laufen den Thesen von Friedrich Engels´ Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates zuwider.‹"

Doch Rytchëu hat diese Kritik offenbar nicht gestört. Seine frühen Erzählungen und Romane sind zwar vom sozialistischen Realismus geprägt, aber sie gehen auch darüber hinaus. Er beschreibt die Tschukschen und ihr Leben so, wie er sie selbst erlebt hat, und vermied es, dass harte Leben jenseits des Polarkreises zu beschönigen und oder zu verklären. Trotzdem konnte auch er sich offenbar einer gewissen Selbstzensur nicht widersetzen. 1995 meinte er in einem Interview, er habe sich nach der Wende "von der inneren Zensur befreit, die durch die äußere Zensur bedingt war." Wobei sich, betont er, weder Stil noch Überzeugung geändert hätten.

Die Romane, die Rytchëu nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion geschrieben hat, bestätigen diese Äußerung. Einerseits werden dem Leser weitere Härten des Lebens der Jäger und Nomaden auf Tschukotka zugemutet. In Der letzte Schamane wird beispielsweise ausführlich beschrieben, wie Rytchëus Großvater Mletkin seinen eigenen Großvater, als dieser alt und gebrechlich wird, auf dessen Wunsch hin mit einem Speer tötet. Andererseits sind diese Texte reflexiver und sparen nicht mit Kritik an den gängigen ethnologischen Vorstellungen über das Leben so genannter "Eingeborener". In die Reise der Anna Odinzowa, einem auf einer tatsächlichen Geschichte beruhenden Roman, verliebt sich kurz nach dem Zweiten Weltkrieg eine russische Ethnologin in einen Tschukschen, beginnt mit ihm ein Leben in der Tundra und wird von ihrem Schwiegervater und Schamanen ausgewählt, Schamanin zu werden. In ihrem Notizbuch, das sie irgendwann einmal für ihre Doktorarbeit auszuwerten hofft, hält sie fest, dass die berühmten Ethnologen wie Franz Boas, Margaret Mead und der Erforscher der Tschukschen, Bogoras, weit von der Wirklichkeit der Völker, die sie beschrieben, entfernt waren. Hauptgrund hierfür sei der undurchdringlichen Schleier von Hochmut gewesen, durch den diese Forscher die Wirklichkeit nicht sehen konnten. "Mir scheint", schreibt sie, "das erklärt sich insbesondere dadurch, dass der Ethnograf unweigerlich an der Kolonialisation beteiligt war, dass er sich an der Seite derer bewegte, die die ortsansässige Bevölkerung dezimierten, falls diese plötzlich versuchte, sich den ungebetenen Eindringlingen in ihr Land, in ihr Leben zu widersetzen." Und: "Besonders die sowjetischen Historiker taten sich bei der Beschönigung von Verbrechen der Eroberer hervor. Was taugen ihre Behauptungen, russische Kosaken hätten den Ureinwohnern des Nordens nur Licht und Lächeln gebracht!"

Doch auch Anna Odinzowa gerät am Ende in jenen unauflösbaren Widerspruch, den Claude Lévi-Strauss in Traurige Tropen beschrieben hat: "Entweder vertritt der Ethnograf die Normen seiner eigenen Gruppe, dann können ihm die anderen nur eine vorübergehende Neugier einflößen, bei der die Missbilligung niemals fehlt; oder er ist imstande, sich ihnen völlig auszuliefern, dann ist seine Objektivität beeinträchtigt durch die Tatsache, dass er, um sich allen Gesellschaften widmen zu können, ob er es will oder nicht, zumindest eine von ihnen abgelehnt hat." In dem Bewusstsein, diesen Widerspruch nicht auflösen zu können, nimmt sie die Nachricht, dass der Bruder ihres Mannes alle ihre Notizen und Bücher verbrannt hat, mit Gleichmut auf.

Im Grunde hat Rytchëu mit Die Reise der Anna Odinzowa ein Buch der "fiktiven Ethnologie" geschrieben, so, wie sie die japanisch-deutsche Autorin Yoko Tawada einmal gefordert hat. "Genauso interessant ist, einen Betrachter zu spielen, der aus einer fiktiven Kultur kommt. Wie würde er ›unsere‹ Welt beschreiben? Das ist der Versuch der fiktiven Ethnologie, in der nicht das Beschriebene, sondern der Beschreibende fiktiv ist." "Unsere" Kultur ist für Rytchëu dabei die tschukschische und Anna Odinzowa ist die fiktive Ethnologin, auch wenn die Geschichte auf einer wahren Begebenheit basiert. Der Erkenntnisgewinn entsteht dabei nicht durch das vermeintlich objektive Zusammentragen von Fakten, sondern in der bewusst durch die Phantasie erzeugten literarischen Darstellung. Phantasie, die laut Rytchëu das wichtigste Medium zum Verständnis fremder Völker ist.

Anna Odinzowa ist nicht mehr in ihre russische Heimat zurückgekehrt (als Schamanin und weil sie sich gegen die Zwangskollektivierung gewehrt hat, muss sie später nach Amerika fliehen). Rytchëu ist in Leningrad geblieben und hat eine Russin geheiratet. Spiegel des Vergessens beschreibt ausführlich diese ersten Jahre kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Der aus dem fernen Osten zum Studium in die Stadt an der Newa gekommene Juri Gemo arbeitet wie Rytchëu neben dem Studium als Übersetzer für tschukschische Wörter- und Schulbücher; die zweite Figur des Romans, der Doppelgänger von Gemo, Nesnamow, ist Literaturredakteur einer kleinen Provinzzeitung und hat jahrzehntelang Staat und Partei gepriesen. Mit dem Ende der Sowjetunion gerät er in eine persönliche Krise und versucht, sich auf die Spuren einer Erinnerung aus der frühen Nachkriegszeit zu begeben, bei der es um eine Gruppe von Studenten aus Sibirien geht, die zum Ernteeinsatz aufs Land kamen und wegen ihrer Angst vor Kühen und Pferden schnell wieder nach Leningrad zurückgeschickt werden mussten. Auch in diesem Buch macht Rytchëu die ganz unterschiedlichen Perspektiven literarisch fruchtbar, wobei Nesnamow auch ein Doppelgänger Rytchëus sein könnte, denn auch er war lange Zeit überzeugter Kommunist.

Literarisch waren es vor allem die russischen Klassiker Tschechow, Turgenjew, Dostojewski und Tolstoi, die Rytchëu beeinflusst haben. In einem Interview wies er außerdem auf Maxim Gorki hin, den er gern gelesen und der sein Werk stark geprägt habe. Nur das eben seine Helden im "Land der langen Schatten" leben und sich von Rentieren oder - an der Küste - von Meerestieren, Füchsen und Eisbären ernähren.

Unterschiedlich auch die Perspektive, mit der er von dem kleinen sibirischen Volk erzählt. Denn die Märchen und Legenden, wie zum Beispiel die von der Abstammung der Menschheit vom Wal, die Rytchëu in Wenn die Wale fortziehen erzählt, erhalten im Unterschied zu den Aufzeichnungen der Ethnologen immer eine literarische Qualität. Es sind nie die originalen Erzählungen, sondern eben durch sein Bewusstsein gegangene Versionen dessen, was ihm erzählt wurde. Die orale Erzähltradition, die von der ständigen Veränderung durch das Erzählen bei gleich bleibendem Kern lebt, wird so von ihm schriftlich fortgeführt und transformiert.

Aber auch die Schilderung der wichtigsten Männer und Frauen der tschukschischen Gesellschaft, der Schamanen, ist ungewöhnlich. Rytchëu beschreibt sie als Menschen, die vor allem aufgrund ihres Charakters in diese Aufgabe hineingewachsen sind und weniger durch ihre übersinnlichen Fähigkeiten. Der Schamane sei der Philosoph und Aristokrat der tschukschischen Gesellschaft gewesen, fest in den Alltag verwurzelt. Magie und Zauberei erscheinen deshalb in seinen Büchern nie isoliert, wie im Zirkus und wirken deshalb auch nicht "irrational". Auf diese Weise erklärt sich auch für den europäischen Leser ihre überwiegend gewöhnliche, rationale Funktion im gesellschaftlichen Leben des arktischen Volkes.

Heute existieren keine tschukschischen Schamanen mehr. Das, was an Magie und Zauber praktiziert wird, meint Rytchëu, sei Folklore und Scharlatanerie. Seit den siebziger Jahren hat er sich auch politisch für die Belange der Völker jenseits der Polarregion engagiert. Als Botschafter der UNESCO für dieses Gebiet setzte er sich in einer Zeit für den Kontakt über die Behringstraße ein, in der der Kalte Krieg noch in vollem Gange war. "Die Rückkehr zu früheren Zeiten wird es nicht geben", meinte er allerdings einmal. "Das sind Träume von Ethnologen und von inkompetenten Politikern." Durch Juri Rytchëus eindrucksvolle Bücher wird es aber schwer fallen, dieses kleine Volk am Rand der bewohnten Welt zu vergessen.

Alle lieferbaren Bücher Juri Rytchëus sind im Unionsverlag in Zürich erschienen.


00:00 28.11.2003

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