Ein gefallener Mann

Kein Nashorn Die Wiederentdeckung des rumänischen Schriftstellers Mihail Sebastian verblüfft

Die schriftstellerische Karriere des rumänischen Autors Mihail Sebastian beginnt vielversprechend, sie endet abrupt. 1907 als Iosif Hechter, Sohn einer bürgerlich- liberalen, jüdisch assimilierten Familie geboren, publiziert der studierte Jurist seit 1933 erfolgreich Essays, Romane und Theaterstücke. Anfänglich noch Teil der Intellektuellenszene in Bukarest, gerät Sebastian jedoch aufgrund der politischen Verhältnisse in Rumänien ab Mitte der dreißiger Jahre zunehmend in Isolation. Der Unfall (Accidentul), erschienen 1940, ist Sebastians letzter Roman. Er bleibt unrezensiert. Der Autor schlägt sich fortan als Übersetzer durch - unter falschem Namen. Was ist geschehen?

Mihail Sebastian gehört zur sogenannten »generatia ´27«, einer Gruppe von Literaten und Essayisten der rumänischen Zwischenkriegszeit. Sie fordert als junge Generation - zunächst noch dezidiert apolitisch - eine geistige und religiöse Erneuerung ihres Landes. Orientiert an griechischer Antike und italienischer Renaissance, propagieren Mitglieder der Gruppe - unter ihnen Sebastians Mentor, der Philosoph Nae Ionescu, Camil Petrescu, Mircea Eliade und Emile Cioran - eine rumänische Kultur von »unendlicher Schaffenskraft«. Bald wachsen in der Gruppe Sympathien für Hitlerdeutschland; man gibt sich bodenständig, ultranationalistisch, antisemitisch. Unterstützt die »Eiserne Garde«, mit deren Hilfe Marschall Antonescu eine Militärdiktatur in Rumänien errichtet. Ciorans Altersgenosse Eugène Ionesco, der bis 1938 in Bukarest studierte, wird später diese fortschreitende Faschisierung der Intellektuellen in dem Stück Die Nashörner beschreiben.

Als Verbündete der Nazis ziehen die Rumänen unter Antonescu schließlich in den Zweiten Weltkrieg. Nach dessen Ende emigrieren Eliade und Cioran in den Westen, thematisieren ihre politische Haltung nicht weiter und erwerben sich als große Denker internationales Ansehen. In Rumänien ist das zurückliegende Engagement des Religionshistorikers Eliade für die faschistische Bewegung bekannt, wird aber ebenso tabuisiert wie der Beitrag des Landes zum Holocaust. Mihail Sebastian gerät derweil in Vergessenheit. Als Jude ghettoisiert, als Jurist und Schriftsteller mit Berufsverbot belegt, hatte er den Krieg noch überstanden - starb aber im Mai 1945. Erst 37 Jahre alt, überfahren von einem Lastwagen.

In den folgenden Jahrzehnten gelten Sebastians Werke der ideologisch verzerrten Literaturgeschichtsschreibung seines Landes als ästhetisch minderwertig. Die »rechte« Zwischenkriegsgeneration von Autoren ist politisch-historisch unliebsam, Sebastian rechnet man einfach dazu. Dabei hatte er früh schon das Abdriften seiner intellektuellen Freunde Richtung Faschismus mit Enttäuschung wahrgenommen. Sorgenvoll protokollierte er die Veränderung des politisch-kulturellen Klimas. Sein 1934 veröffentlichter Zeitroman Seit 2000 Jahren (De doua mii de ani), in Deutschland erstmals 1997 im kleinen, ambitionierten Paderborner Igel Verlag erschienen, thematisiert diese Entwicklung. Es wurde als unliterarisch abgetan, Sebastian des jüdischen Antisemitismus bezichtigt, gleichzeitig als Jude, Individualist, Reaktionär und Bolschewik beschimpft. Ein Autor zwischen allen Stühlen. Aber keines der von Ionesco beschriebenen »Nashörner«.

Infolge der Wende von 1989 wiederentdeckt, wurde Mihail Sebastians Werk Mitte der neunziger Jahre neu aufgelegt, erstmals auch der Nachlass gedruckt. Vor allem Sebastians Tagebücher 1935-1944 fanden breite Aufmerksamkeit. Philip Roth stellte Sebastians Aufzeichnungen in ihrer Eindringlichkeit neben die von Anne Frank. »Klarsichtig und scharf« habe Sebastian beobachtet: Grausamkeit, Feigheit und Dummheit seiner Freunde, die sich freiwillig in intellektuelle Gangster verwandelten und fanatisch am antisemitischen Delirium teilnahmen. Arthur Miller verglich Sebastians Prosa mit der Tschechows. Zu Recht, wie der Roman Der Unfall zeigt. Mit zurückhaltendem Pathos, subtiler Ironie und tiefer Menschenkenntnis zeichnet Sebastian seine Figuren. Sie verständigen sich über Ungesagtes, ihr Leid und ihre Lebendigkeit liegen dicht beieinander.

Der Unfall beginnt mit einem Schock. Nora, eine Bukarester Französischlehrerin, stürzt wenige Tage vor Weihnachten aus einer fahrenden Straßenbahn. Benommen und leicht verletzt liegt sie im Schnee, für Momente ohne Raum- und Zeitgefühl. Sie bittet schließlich einen Fremden, sie zu stützen und nach Hause zu begleiten. Der Mann kommt ihrer Bitte ohne Begeisterung nach. Selbst in ihrer Wohnung verhält er sich teilnahmslos, irritiert die Frau durch seine völlige »Ausdruckslosigkeit«. Nora, eine Menschen- und Männerkennerin, illusionsfrei, aber nicht unsensibel, ist zuerst verärgert, dann zunehmend interessiert an ihrem schweigsamen Helfer. Als sie entdeckt, dass er Geburtstag hat, überredet sie ihn, am Abend gemeinsam zu feiern. Er willigt ein, taut ein wenig auf. Irgendwann in der Nacht stiehlt er sich wortlos davon.

Mihail Sebastian lässt die Motive des Romans in seiner Exposition dezent anklingen. Liebe steht gegen Einsamkeit, Todessehnsucht gegen Lebenswillen; Projektion gegen Realitätsbewusstsein, Enttäuschung gegen Hoffnung. Beeinflusst von André Gide beschreibt Sebastian die Genesung eines Kranken durch das Schauspiel der Natur, sowie die Dialektik von Triebhaftigkeit, sinnlicher Erfüllung und Selbstdisziplin.

Nora, obgleich nicht ungebrochen, verkörpert die Vitalität. Paul, so der Name des Mannes, ist innerlich erstarrt. Eigentlich steht er unter Schock. Sein »Unfall«, stellt sich heraus, ist die verunglückte Liebe zur jungen Malerin Ann. Seitdem sie, ein flirrendes, sinnliches Wesen, ihn einer oberflächlichen Karriere zuliebe verlassen hat, ist Paul nicht mehr zu sich gekommen. Mechanisch geht er seiner Arbeit als Anwalt nach, treibt benommen durch ein Leben, das ihm nichts mehr wert ist. Er fühlt sich gedemütigt und ausgeschlossen, ist ein »verletzter, gefallener Mann«. Nora gelingt es, ihn zu einem Urlaub über die Weihnachtstage zu überreden. Die beiden reisen in die Karparten, wo Nora sich als Skilehrerin für den schwerfälligen Stadtmenschen engagiert. Mit Erfolg. Paul entwickelt wieder Lebensenergie und berauscht sich an der ungewohnten Erfahrung der Natur. Freilich gibt es Rückfälle, aber Noras liebevolle Geduld und die relative Abgeschiedenheit der Berge helfen ihm, wieder zu sich zu kommen. Das Unfall-Motiv kehrt Sebastian dialektisch um. Im Schnee beflügeln Paul seine zahlreichen Stürze. Sie aktivieren seinen Lern- und Lebenswillen, er beginnt, sich über den Schmerz hinaus zu spüren, »gefährlich zu leben«. Und er nimmt Noras Schönheit wahr, die darin besteht, dass sie mit sich selbst eins ist.

Sebastians Roman verblüfft durch seine Entrücktheit vom politischen Tagesgeschehen. In ihm ist nichts zu erfahren über das Rumänien zu Beginn des Zweiten Weltkrieges. Totalitarismus und Antisemitismus sind nicht thematisiert. Sebastian zeigt ein geschäftiges Bukarest, Kronstadt als Wintersportort, handfeste Siebenbürger Sachsen. Dem Autor Eskapismus zu unterstellen, wäre dennoch verfehlt. Denn er beschreibt keine Idyllen. Selbst die heilende Natur ist für seine Figuren mitunter lebensbedrohlich. Sie sind nicht naiv, auch nicht glücklich. Aber sie behaupten sich. Mihail Sebastian schreibt jenseits literarischer Moden über den Schmerz, über Liebe und Menschlichkeit. Das macht den Roman zeitlos und somit für immer lesenswert.

Mihail Sebastian: Der Unfall. Roman. Aus dem Rumänischen von Georg Aescht. Claasen, München 2002, 301 S., 21 EUR

00:00 21.03.2003

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