Ein gemeinsames Drittes

Zukunft der Hochschule Wenn sich die Universitäten schon dem Wettbewerb öffnen sollen, dann sollte er wenigstens zum gemeinsamen Denken herausfordern

Anlässlich der bevorstehenden Gründung der Berliner Universität verfasste Friedrich Schleiermacher 1807 eine programmatische Schrift, in der er sich Gedanken über das zukünftige Aussehen einer liberalen Universität machte. Mit deren leitenden Prinzipien, Freiheit und Vernunft, sollte es gelingen, Wissenswertes von nur Wissbarem zu unterscheiden und sich auf Wesentliches zu besinnen, eine Fähigkeit, die Bertolt Brecht Klugheit nannte - eine der "fünf Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit". Schleiermacher wollte die Klugheit dadurch fördern, dass übergreifende Fragen das Spezialistentum begrenzen und die ehrgeizige Einmauerung innerhalb der jeweiligen Fachgrenzen verhindern sollten. Beheimatet in Philosophie und Ethik sollten die verschiedenen Disziplinen sich zum Nachdenken über die menschlichen Angelegenheiten verpflichten. Den Wissenschaften wurde zugetraut, dem Selbstverständnis der Gesellschaft und der Einsicht, dem Selber Denken, Eigensinn, Verstehen und Urteilsvermögen von Menschen zu dienen - ihren wesentlichen Möglichkeiten also. Die Universität sollte sich möglichst unabhängig von staatlichen Eingriffen und staatlichem Pragmatismus halten, der immer den unmittelbaren Nutzen und schnellen Erfolg will, und sie sollte die erkenntnisgefährdende Korrumpierbarkeit der Wissenschaftler vom Geld abwenden.

Eine der tragenden Säulen der Universitätsidee sollte der Dialog sein, der der Forschung kritische Spiegel vorhält, die Selbstreflexion wach hält und statt Lenkung und Führung des Wissens seine Vielperspektivität und Vielartigkeit vorführt. Sinn und Ziel der Anstrengung sah Schleiermacher nicht erstrangig in der Richtigkeit der Erkenntnis und nicht in Erkenntnisakten, die auf Wahrheit, Zugriff und Besitz von Wissensobjekten aus sind. Wichtiger erschien ihm die Fragefreude, die "mitteilende Begeisterung", Lebendigkeit, Besonnenheit, Sorgfalt und Zeit, das forschende Lernen, das sich als Annäherung und Verständigung verstand. Lernen und Arbeit sollten zusammenkommen, statt zwei getrennte Phasen der Lebenschronologie zu sein. Im Prozess einer nicht schon vorgezeichneten Erkenntnissuche sollten Wissenschaftler und Studenten sich gegenseitig inspirieren, Stagnationen überwinden und die Wissenschaft und sich selbst verändern können.

Diesen Ideen nachzutrauern ist nicht gerade ein Zeichen von Jugendlichkeit. Wer heute mit diesem nicht marktgängigen und nichtfunktionalen Verhältnis zum Wissen sympathisiert, verrät also den eigenen Jahrgang und gerät außerdem ins Kreuzfeuer der eigenen Einwände. So ist der aufklärerische Impetus und das weitreichende Vertrauen in menschliches Erkenntnis- und Einsichtsvermögen längst abhanden gekommen. Die Frage nach dem Wichtigen und dem Unwichtigen scheint unbeantwortbar zu sein, und mit dem Zweifel am Wissenswerten war es auch mit der Erwartung gültiger Wissbarkeit vorbei. Es gibt genug Gründe, dem menschlichen Wissensdurst zu misstrauen und sich von der Ergebnislosigkeit unserer Erkenntnisfreude zu überzeugen. Wissenschaftliche Neugier wurde zu einer Quelle moderner Entgleisungen, und vielen hat das zwanzigste Jahrhundert die Hoffnungen auf eine "Vermenschlichung" des Lebens durch die dem Wissen zugesprochene Emanzipationskraft vollends zerstört. So klangen die gelegentlichen Nachrufe auf die Wissenschaft für manche Ohren sympathischer als der Triumphtrompetenstoß des Humboldt´schen Bildungsoptimismus. In den Geistes- und Sozialwissenschaften, die über vergleichsweise wenig Macht und Macht-Gier verfügen, breitete sich das Gift der Müdigkeit aus, die Erlahmung am eigenen Gegenstand, an Menschen und Gesellschaften.

Die Universität verlor die Kraft, Menschen zu versammeln. Sie war kein Ort mehr, der Menschen bindet. Mit der Abkühlung der Beziehung zwischen Universitätsmitgliedern und ihrer Institution ging ein öffentlicher Raum verloren, der immer wieder ein kühner und autonomer Ort des Sprechens, des spekulativen Denkens und Nachdenkens gewesen ist und der die jeweils neue Generation vom Wert geistiger Arbeit überzeugen konnte. Statt durch ihre Reflexion der Gesellschaft ein Bewusstsein ihrer selbst zu geben, wurde die Universität zum Ort der Experten, die kaum noch Fragen nach ihren gesellschaftlichen Aufgaben stellten oder denen zur Gesellschaft nicht mehr viel einfiel. Forschung verkam zu einzelnen von Industrie oder Ministerialbürokratie geförderten "Forschungsvorhaben", die sich als Prestigeinstrument zur persönlichen Gewichtssteigerung eignen und einiges über die Interessen der Geldgeber aussagen, aber wenig darüber, was die wissenschaftlichen Akteure eigentlich selber vorhaben und aus ihrer Institution machen wollen. Diese ließ sich behandeln wie ein maroder Großbetrieb, verwalten wie eine Behörde mit 40-Stunden-Mentalität, verwandeln in ein Polytechnikum oder eine Ansammlung von Fachschulen, wo man nicht viel mehr bieten und bekommen kann als eine Ausbildung. Staatlicher Finanzmangel, universitärer Bürokratismus und unser schwacher Beitrag zum Bruttosozialprodukt machten uns wehrlos und das gutgemeinte Pochen auf eine umfassende egalitäre Bildungsidee verhalten und verlegen. Wir konnten unsere Tätigkeit nicht mehr richtig verteidigen. Bei vielen regierte Indifferenz, angestrengte Besitzstandsicherung oder emsiges Verwaltungshandeln, außerdem die Angst vor Anschlussverlust und der Folgenlosigkeit, Wertlosigkeit oder Nicht-Verwertbarkeit der Erkenntnisse. Wenn solche Art Ängste, von deren Fortexistenz alle Herrschaftsverhältnisse leben, zur dominierenden Triebkraft werden, gedeihen Selbstverbarrikadierungen, angestrengt-fleißiges Vervielfältigen der eigenen Produkte, Bestandsaufnahmen ohne Vision, Denk- und Handlungsgefängnisse. So wird die Universität zur Karikatur ihrer selbst.

Jetzt soll der Krise durch das Prinzip Wettbewerb abgeholfen werden. Durch tatkräftige Annäherung an das Modell moderner Wirtschafts- und Dienstleistungsunternehmen, durch neue Steuerungstechnologien, individuelle Leistungsanreize, Differenzierung der Studienangebote und die Mutation der Student/innen zu Kunden soll die Universität sich zum Korrelat der neuen Wissensgesellschaft entwickeln und Bildung und Bedarf, Angebot und Nachfrage konsequent koppeln. Sie soll Wissen als Humankapital begreifen und dieses durch die motivierende und vitalisierende Kraft des Wettbewerbs vermehren.

Im Moment bekommt man nicht den Eindruck, dass der geplante Einzug des Wettbewerbs in die Universität dem alten emphatischen Bildungsauftrag eine neue Chance geben kann. Die Debatte erstickt in Formeln - Spitzenleistungen, Spitzenländer, Weltspitze, knowledge-driven-democracy etc. -, die nur nach der Sprosse auf der Wissensleiter, aber nicht nach Inhalten, Wirkungen und Sinn dieses Wissens fragen. "Wissen" marschiert als objektive Realität auf, so als sei es fraglos und im Griff und als stehe es jenseits jeden Zweifels, als könnten wir überhaupt feste Wissensgründe schaffen und uns auf diese verlassen. Wer auf der Höhe der Zeit ist, desillusioniert demokratische Hoffnungen und hält Bildung nicht länger für ein autonomes Gut. Je nach Standort und in aller Offenheit findet das Prinzip Freiheit sich als Ballast und Luxus bagatellisiert oder als wirtschaftsliberales Bildungspendant missbraucht. Die Tätigkeit des Denkens, die mal erweitertes Denken genannt worden ist, wird bezeichnet als das, was sie ist - unkalkulierbar und nicht umsetzbar in bare Münze.

Nun ist es allerdings kein Kunststück, vor den Gefahren des Wettbewerbs mit einem Vokabular zu warnen, das ihn sofort zum Synonym des Wettrüstens und zum Prinzip Hauen-und-Stechen machen will. Vielleicht könnte man dem Problem auch andere Seiten abgewinnen, wenigstens einige Zweideutigkeiten. Vor allem die Wissenschaften vom Menschen, die sich als Reflexionswissenschaften verstehen, haben keine Waffen und Munition zur Verfügung, es gibt keine Kriterien für den Sieg und keine Medaillen fürs Gewinnen. Es gibt auch nicht "das" Wissen, sondern nur dessen Vielfalt, und es ist nun mal ein Unterschied, ob man sich mit Produkten der Hochtechnologie befasst oder mit Hitlers Schatten. Vor allem die Wissenschaften vom Menschen müssten also dem Wettbewerb seine alte Bedeutung zurückgeben und der "öffentlichen Freiheit", dem Streit der Meinungen und Argumente einen öffentlichen Raum geben und diesen kultivieren, einen Raum, der Menschen anregt und zum Denken stimuliert. In dieser Form des Wettbewerbs bringt man sich in Vergleich, in Kontext mit anderen, er kann zum Ausdruck einer nicht solistischen, nicht autarken, nicht unvergleichlichen Existenz, also der Zwischenmenschlichkeit werden, die Respekt vor der Leistung oder der Meinung der anderen und die Begrenzung eigener Absolutheits- und Souveränitätsansprüche verlangt. Ein so verstandener Wettbewerb wetteifert nicht um die eigene Trophäe, sondern um ein gemeinsames Drittes, vielleicht um Diskursmacht - das, worum und womit man kämpft. Erfolg bedeutet hier, andere zu erreichen und Einsichten und Verstehen Wollen mit anderen zu teilen. Der Lohn ist das Interesse und die Resonanz anderer, wenn sie selbst mit dem Vorgebrachten etwas anfangen können. Hier versagen die üblichen Leistungskriterien. Denn die Niederschläge der Diskurse zeigen sich oft zeitverzögert, die Urheberschaft verwischt sich, der Stoff beginnt in den verschiedenen Empfängerköpfen ein Eigenleben mit unabsehbaren Ausgang. "Was daraus wird, wissen wir nie". Sollte die Universitätsreform einen Wettbewerbsbegriff durchsetzen, der dessen Eindimensionalität und Aussortierungskraft favorisiert, wird die Universität zur Wüste.

Bei wem soll man sich beschweren? Beim Staat, bei der Universitätsbürokratie, den Hochschullehrer/innen, den Studierenden? Die Krise der Universität ist in erster Linie eine Autoritäts-Krise derjenigen, die diese Einrichtung mit Inhalt und Substanz zu füllen haben.

Ein großer Teil der universitären Wissenschaften benimmt sich so, als habe es Auschwitz, Gulag, Hiroshima nie gegeben. Mit "normalen" Diskursen und monologischem Denken vergrößern sie das Desinteresse an der Welt und bleiben sprachlos vor den sich relativierenden Werten der Menschlichkeit. Die Gesellschaft verlangt nach neuen Horizonten ihrer Entscheidungen, und eigentlich wäre es naheliegend, dass Wissenschaften sich auf ihre Verantwortung besinnen - "das Kostbarste der Menschenrechte". Die uneingelösten Postulate Gerechtigkeit, Selbstbestimmung und Gewaltlosigkeit sind darauf angewiesen, wachgehalten und vor Deformationen und Spaltungen geschützt zu werden, die das zwanzigste Jahrhundert bis zum Exzess vorgeführt hat.

Mit einem Wissenschaftsverständnis, das sich von lastenden Traditionen befreien will, müssten angestammte Plätze verlassen werden und könnten Abweichungen von den vorgegebenen Tagesordnungen nicht so selten bleiben wie bisher. Das erfordert nicht in erster Linie ein Streben nach Spitzenleistungen, sondern ein anderes Denken. Nur unter solchen Voraussetzungen könnte die Gesellschaft ihre eigene Nachfrage auch nach sozialwissenschaftlichem Sachverstand und Engagement entwickeln. Der Sinn einer Forschung, die das Nachdenken aus der Reihe der sinnvollen menschlichen Vermögen nicht ausmerzen und die Fäden zur Geschichte - die hässlichen wie die schönen - nicht abreißen lassen will, besteht vor allem in dem nicht unbedingt prestigeträchtigen Versuch, das Gespräch in Gang zu halten und mit anderen in Dialog zu kommen. Universitätsangehörige werden auch in Zukunft Privilegien und inhaltliche Freiheiten haben. Und letztere wahrzunehmen, ist nicht verboten.

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00:00 01.06.2001

Ausgabe 42/2021

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