Ein guter Fürst

Tibet Alais historischer Roman "Roter Mohn" entpuppt sich als Experiment in Sachen Machtkritik

Im Territorium des Fürsten Miachi weiß jeder, dass der Sohn seiner zweiten Ehefrau ein Idiot ist. Dieser Idiot bin ich." Eine etwas eigenartige Vorstellung des Helden einer Geschichte, die dieser selbst erzählt. Ein "Idiot der Familie" sozusagen, aber, man muss sagen: was für einer! Denn die Geschichte, die er erzählt, ist tiefgründig und spannend. Und der Held und Erzähler eine verwirrende Figur, faszinierend und abstoßend zugleich. Kurz: Der Roman Roter Mohn des tibetischen Autors Alai ist eine Entdeckung.

Tibet, das war für den Westen bisher das Land des Dalai Lama und der chinesischen Okkupation. Ziel für Abenteurer seit dem 19. Jahrhundert bis zu Bergsteigern à la Krakauer und Messner. Literatur aus dieser abgelegenen Gegend drang dagegen nur spärlich in den Westen. Auch von dem 1959 in Markang im Südosten des Landes geborenen Alai waren auf Deutsch bisher nur zwei Erzählungen zugänglich.

Alai prägen wie seinen Erzähler, der eine chinesische Mutter und einen tibetischen Vater hat, beide Kulturen. In eine ehemals einflussreiche tibetische Kaufmannsfamilie hinein geboren, hat er jedoch schon immer auf Chinesisch geschrieben. Denn in der Zeit der Kulturrevolution, als er zur Schule ging, war Tibetisch zu lernen verboten. "Als ich von der Schule abging, war es für das richtige Erlernen der Sprache zu spät. Später überlegte ich mir noch einmal, ob ich mich intensiv ins Tibetische vertiefen sollte, entschied mich dann aber dafür, lieber eine Fremdsprache zu lernen."

Ort der Handlung von Roter Mohn ist die Grenzregion von Ambo und Khom. Beide tibetischen Provinzen liegen im Osten des Landes, an der Grenze zu China, und waren seit dem Sturz des letzten chinesischen Kaisers 1911 bis zum Einmarsch von Maos Truppen 1950 sowohl von der tibetischen Zentralregierung in Lhasa, als auch vom durch Krieg und Bürgerkrieg zerrütteten China unabhängig. In einem fiktiven, in dieser Zeit angesiedelten Fürstentum, spielt die Geschichte von Roter Mohn. Die Verhältnisse sind mittelalterlich-feudal, die Ausübung der Herrschaft gewalttätig. Wie in Shakespeares Fürstendramen geht es um Liebe und Macht, Krieg und Tod. Wenn Alai nach dem Erscheinen der englischsprachigen Ausgabe von Roter Mohn vorgeworfen wurde, der chinesischen Propaganda auf den Leim gegangen zu sein und die tibetischen Verhältnisse vor der Okkupation 1950 als rückständig und gewalttätig dazustellen, so geht diese Kritik an seinem Buch vorbei.

Roter Mohn ist kein historischer Roman über Tibet, sondern verwendet die historische Situation, um in einer Art Experimentieranordnung beispielhaft eine bestimmte Geschichte erzählen zu können. Dass sich darin auch Probleme der Gegenwart ausdrücken, bleibt dabei unbestritten, aber eher im Sinne einer Kritik am aktuellen Umgang mit Macht und Geschichte in China. Denn auch im derzeitigen China geht es, wie in dem mittelalterlich-feudalen Fürstentum der Miachis, um den Umbruch in eine neue Zeit. Deshalb fand sich wohl auch lange kein Verlag, der Roter Mohn in China verlegen wollte. Dann wiederum, als das Buch endlich erscheinen konnte, wurde Alai mit dem höchsten chinesischen Literaturpreis ausgezeichnet - offenbar ein ähnlicher Fall wie Heiner Müller, dem die DDR in ihrem vorletzten Jahr noch den Nationalpreis verlieh.

Natürlich betreibt der Erzähler und Chronist des Fürstentums Understatement und stellt sich nach und nach als der intelligentere der beiden Brüder heraus. Der ältere Bruder, den alle für den klügeren halten, sollte eigentlich Nachfolger des Fürsten werden. Zwar führt er gerne Krieg und genießt das Privileg, mit jedem ihm erreichbaren Mädchen ins Bett zu gehen, ganz so, wie es von einem zukünftigen Fürsten erwartet wird. Aber "Krieg führen ist eine Sache, Mädchen schöne Augen machen eine andere, aber Fürst zu sein, ein guter Fürst zumal, das ist noch einmal etwas ganz anderes." Die Geschichte entwickelt sich jedoch immer wieder in eine unerwartete Richtung. Der Erzähler und zweite Sohn des Fürsten zögert, seinen Bruder zu verdrängen, wäre das doch nur gewaltsam möglich. Zudem zweifelt er: Ist er nicht doch ein Idiot und der Aufgabe nicht gewachsen? Aber was ist überhaupt ein Idiot? Auf diese Frage findet er keine Antwort. Denn einerseits scheinen ihm intelligente Menschen manchmal den "überängstlichen Murmeltieren in den Bergen" zu ähneln, "die sich nach dem Fressen nicht zum Schlafen niederlegen, sondern hier eine Höhle graben und dorthin pinkeln, um zahllose falsche Spuren für die Jäger zu legen. Aber am Ende ist dann doch alles umsonst." Andererseits meint er: "Leute, die immer gewinnen, sind nicht unbedingt klug." So lässt Alai seinen Helden und mit ihm den Leser einen semantischen Parcours durchlaufen, der eine endgültige Erklärung offen lässt, dafür aber das Denken umso mehr in Gang hält.

Doch selbst in dieser abgelegenen Bergregion steht die Zeit nicht still. Ein Sondergesandter der chinesischen Führung bringt den Fürsten dazu, Mohn anzubauen, um daraus Opium zu gewinnen. Fürst Miachi wird durch den Drogenhandel reich und legt sich vom Erlös moderne Waffen zu, die er den Chinesen abkauft. Damit ist er seinen Konkurrenten - den benachbarten Fürsten - überlegen. Aber gleichzeitig lassen sich die Samen des Mohns nicht lange unter Kontrolle halten, sodass die anderen Fürsten bald auch Mohn anbauen. Außerdem fangen die Untertanen an zu hungern, denn niemand kann sich von Mohn ernähren.

Roter Mohn erinnert oft an Märchen. Und in der Tat hat Alai auf die Ursprünge seiner Geschichte in der regionalen Legende um "Onkel Tömba" hingewiesen. "Doch nirgends wird er wirklich beschrieben, und da fing ich an, mir Gedanken zu machen, wie er wirklich war, wie er auftrat, was er selbst durchgemacht hatte und wie er zu diesem närrischen Rebellen wurde." Gleichzeitig dringt die Wirklichkeit in Form historischer Ereignisse und politischer Entwicklungen immer wieder in die Romanhandlung ein. Der erzählte Ort zwischen historischer Wirklichkeit und märchenhafter Fiktion erinnert außerdem an ein anderes Buch, J. M. Coetzees Warten auf die Barbaren. Auch Coetzee hatte ein fiktives, historisch nicht nachweisbares Grenzfort irgendwo in einer kolonialen Vergangenheit zum Ort seiner Geschichte gemacht.

Auch Coetzees Roman wurde wie Roter Mohn als postmodern bezeichnet. Dabei gilt für ihn wie für Alai, dass "postmodern" insofern eine falsche Bezeichnung dieser Bücher ist, als die erfundene, historische Situation nicht als bloßes ästhetisches Versatzmaterial verwendet wird, sondern immer konkrete Bezüge zur Wirklichkeit hat. Vielleicht nicht unbedingt so, wie es der Westen von einem tibetischen Autor erwartet, als offene Kritik der chinesischen Okkupation Tibets. Die Intellektuellen, meint Alai, sollten sich "nicht von der Gesellschaft abkapseln oder sich gar moralisch über sie erheben und Urteile von oben herab fällen". In der Vergangenheit hätten Schriftsteller in China ein gesichertes Einkommen vom Staat erhalten, unabhängig von der Quantität und Qualität ihrer Arbeit. "Der Staat hat die Intellektuellen in der Vergangenheit zu sehr verhätschelt. Heute sind viele nicht in der Lage, sich den veränderten Umständen anzupassen."

Zwar beschreibt der Erzähler und Idiot, Junger Herr und zweiter Sohn des Fürsten Miachi die Ereignisse zunächst aus der Distanz, also von oben herab, weil er der Idiot ist, der nichts zu sagen hat und von daher auch über den Dingen stehen kann. Aber irgendwann beginnt sein Vater, auch ihn um Rat zu fragen. Und er rät weise zu guten Entscheidungen. Manchmal versteht der Fürst die Antworten seines zweiten Sohnes nicht und entscheidet anders. In solchen Momenten fragt er sich, ob er nicht doch ein Idiot ist. Der Vater zweifelt, so wie sein Sohn selbst zweifelt, der oft nicht erklären kann, warum er diesen oder jenen Ratschlag gibt. Warum meint er zum Beispiel, dass die längst vergessen geglaubten Lieder, die im Volk gesungen werden, eine Bedeutung haben? Im Gegensatz zu seinem Vater und seinem älteren Bruder hält er die Beschäftigung mit der Vergangenheit für wichtig. Deshalb bringt er den Fürsten auch dazu, einen Geschichtsschreiber einzustellen, einen ehemaligen Lama, der der Meinung ist, Geschichte sei "das Wissen, aus dem Gestern auf das Heute und Morgen schließen zu können".

Der alte Fürst kann sich nicht entscheiden, wem er die Nachfolge übertragen soll. Er beschließt, die beiden Brüder auf die Probe zu stellen und lässt von seinem älteren Sohn jeweils im Süden und im Norden seines kleinen Reiches ein Gebäude errichten. Dem Krieger fällt nichts anderes ein, als zwei Burgen errichten zu lassen, ganz so wie die des Familiensitzes der Miachi. Der Erzähler wird in den Norden geschickt; sein Bruder in den Süden. Geschickt vermehrt der zweite junge Herr der Miachis Macht und Reichtum und das ohne Krieg. Er kann sogar die Tochter der Fürstin Rongon heiraten, die als die "schönste Frau der Welt" gilt. Doch Roter Mohn wäre nicht der großartige Roman, der er ist, wenn es jetzt keine Probleme mehr geben würde. "Verglichen mit der Trauer über etwas, das du nicht bekommst, ist die Trauer über etwas, das du bekommst, eine unermessliche."

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Alai
Roter Mohn
Aus dem Chinesischen von Karin Hasselblatt
Unionsverlag, Zürich 2004
448 Seiten
EUR 22,90
ISBN 3-293-00327-3


00:00 26.03.2004

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