Ein Kokon aus Briefen

Verhängnis Vor 100 Jahren begegneten sich Franz Kafka und Felice B. Ihre Liebe allerdings fand fast nur in der Literatur statt
Ein Kokon aus Briefen
Da kannten sie sich schon fünf Jahre – vor allem durch Worte: Felice Bauer und Kafka im Sommer 1917

Foto: AKG-Images / dpa

Prag im Sommer 1912: Während sich in Europa die Balkankrise weiter zuspitzt, die dann in den Weltkrieg münden wird, ereignet sich in der k.u.k.-Provinz- hauptstadt eine Begegnung, deren Folgen sie zu einem Großereignis der modernen Literaturgeschichte werden lässt.

Es ist der Abend des 13. August: Der Verwaltungsjurist Franz Kafka besucht seinen Freund Max Brod in der Schalengasse 1, heute Skorepka genannt, die zur Prager Altstadt gehört. Er möchte mit ihm die letzten Details seiner ersten Buchveröffentlichung durchsprechen, die unter dem Titel Betrachtung erscheinen wird. Es handelt sich um ein schmales Bändchen mit Prosaminiaturen, deren Reihenfolge an diesem Abend festzulegen ist. Bei der Familie Brod ist eine Berlinerin zu Gast; Felice Bauer ist eine entfernte Verwandte der Brods und arbeitet als Vertriebsbeauftragte einer Berliner Grammophon-Firma.

Es entwickelt sich ein lebhaftes Gespräch, und Fräulein Bauer, ebenfalls jüdisch, erzählt von ihren Hebräischkenntnissen. Franz Kafka kennt die junge Frau gerade eine Stunde, aber der ewige Zauderer, Unentschlossene schlägt Felice spontan vor, im nächsten Jahr mit ihm nach Palästina zu reisen. Per Handschlag besiegeln die beiden das gemeinsame Vorhaben.

"Ein unerschütterliches Urteil"

Aus einem der Briefe Kafkas wissen wir, wie der Abend endete: In der Empfangshalle von Felices Hotel. Als Kavalier hatte sich Kafka angeboten, Fräulein Bauer dorthin zu begleiten. Etwas aufgeregt – auf der Straße stolpert er, beim Eintritt ins Hotel drängt er sich in die gleiche Abteilung der Drehtür – verabschiedet Herr Kafka sich von Fräulein Bauer, wobei er an das Versprechen der gemeinsamen Palästina-Reise erinnert. Nach einigen Wochen Anlaufzeit nimmt er sich ein Herz, und am 20. September geht der erste Brief nach Berlin auf die Reise: „Sehr geehrtes Fräulein! Für den leicht möglichen Fall, daß Sie sich meiner auch im geringsten nicht mehr erinnern können, stelle ich mich noch einmal vor …“

Franz Kafka wird von dieser Frau so beeindruckt sein, dass er in einen psychischen Ausnahmezustand gerät. Fast explosionsartig entstehen in den nächsten Wochen und Monaten seine ersten Meisterwerke. Gleichzeitig beginnt eine Liebesbeziehung, die einen der ergreifendsten Liebes(-brief)-Romane der Weltliteratur hinterlassen wird; einen Roman, der jedoch nur die Perspektive Franz Kafkas wiedergibt, Felices Briefe sind nicht erhalten.

Zwar wird es zu der geplanten Reise nach Palästina aus verschiedenen Gründen dann nicht kommen. Aber die momentane Entschlossenheit, die zu diesem Versprechen führt, signalisiert, welch tiefen Eindruck Felice Bauer bei Kafka hinterlässt. Aber was genau faszinierte ihn? Erst einmal scheinbar ja wenig. Eine Woche nach der Begegnung in der Schalengasse 1 hält Kafka seinen ersten Eindruck von der jungen Frau im Tagebuch fest: „Frl. Felice Bauer. Als ich am 13.VIII zu Brod kam, sass sie bei Tisch und kam mir doch wie ein Dienstmädchen vor. Ich war auch gar nicht neugierig darauf, wie sie war, sondern fand mich sofort mit ihr ab. Knochiges, leeres Gesicht, das seine Leere offen trug. Freier Hals, überworfene Bluse (…) Fast zerbrochene Nase. Blondes, etwas steifes reizloses Haar, starkes Kinn. Während ich mich setzte, sah ich sie zum erstenmal genauer an, als ich sass, hatte ich schon ein unerschütterliches Urteil“.

Dramatisches Beziehungspanorama

Was die Anziehungskraft von Felice für ihn ausmacht, ist schwer zu ergründen. Die Tagebuchnotiz deutet nicht gerade darauf hin, dass es der Reiz des Äußeren gewesen ist. Auch eine Seelen- bzw. Geistesverwandtschaft drängt sich nicht als Hypothese auf: Im Gegensatz zum grüblerischen Franz ist Felice eine bodenständige, pragmatische Frau, geschäftstüchtig, nicht von ständigen Selbstzweifeln geplagt, den Freuden und Annehmlichkeiten eines normalen bürgerlichen Lebens zugetan. Mit seiner Leidenschaft zur Schriftstellerei wird sie nicht viel anfangen können, zu seinem Erstlingswerk hat sie offenbar trotz mehrmaligen Nachfragens des Geliebten keinen Kommentar abgegeben.

Bevor Kafka Felice Bauer dann nach sieben Monaten wiedersieht, schreibt er fast 200 Briefe an sie, und es werden noch viel mehr Briefe werden. Eine fünfjährige Liebesbeziehung nimmt ihren Lauf, die sich fast nur im Medium des Briefeschreibens abspielt, einige kurze Begegnungen, zwei gescheiterte Heiratsanläufe mit Verlobungen und dann im Oktober 1917 die endgültige Trennung. „Textverkehr statt Geschlechtsverkehr“ – so wird die Literaturwissenschaftlerin Elizabeth Boa diese eigenartige Verbindung später auf den Punkt zu bringen versuchen.

Kafka, der von sich selbst in einem Brief an Felice sagt, er bestehe aus Literatur, er sei nichts anderes und könne nichts anderes sein, baut einen Kokon aus Briefen um sich und die Geliebte. In unvergleichlicher Formulierungskunst entfaltet sich ein hochdramatisches Beziehungspanorama, das uns als nachgeborener Leserschaft tiefe Einblicke in Kafkas Welt, sein Denken und Fühlen gibt. Das Ringen um diese Frau ist im Grunde ein Ringen mit sich selbst, Kafka kennt kein Pardon, sein Masochismus scheint grenzenlos. „Jeden Tag soll zumindest eine Zeile gegen mich gerichtet sein“, notiert er in seinem Tagebuch. Er treibt die Beziehung in eine Aussichtslosigkeit, aus der nur die Trennung ein Entrinnen ermöglicht. 1955, über 30 Jahre nach Kafkas Tod, gibt Felice Bauer seine Briefe zur Veröffentlichung frei.

Einige Klischees

Noch einmal wird Franz Kafka eine Liebe vorwiegend in Briefen leben, zu der tschechischen Journalistin und Übersetzerin Milena Jesenská. Dieser Liebes(brief)-Roman wird ebenfalls in die Weltliteratur eingehen, und leider sind auch hier die Briefe der Adressatin verschollen. Dies schmerzt besonders, da wir aus anderen Quellen Milena als vielschichtige, sprachbegabte Persönlichkeit kennen.

Kafkas Leben ist in den Jahrzehnten, die seinen Werken den Weltruhm brachten, selbst zur literarischen Legende geworden. Neben den Tagebüchern hatten vor allem die Briefe an Felice und Milena entscheidenden Anteil daran. Was Kafka und die Frauen angeht, beherrschen einige Klischees die Szenerie: Weitere, meist kürzere Beziehungen, die nicht durch Briefe dokumentiert sind, gab es durchaus; 1919 kam es sogar zu einer erneuten Verlobung mit der Prager Büroangestellten Julie Wohryzek, die jedoch nach einem halben Jahr aufgelöst wurde. Mit seiner letzten Liebe, Dora Diamant, lebte Kafka im letzten Lebensjahr sogar in Berlin zusammen, und es scheint eine glückliche Beziehung gewesen zu sein. Kafkas Beziehungen zu Frauen erschöpften sich also durchaus nicht im Textverkehr, aber die Literaturgeschichte kultivierte nur zu gerne das Bild des einsamen Franz K. aus Prag. Und ein Heiliger Franz war er auch nicht, auf Reisen mit seinen Freunden standen auch Bordell-Besuche auf dem Programm. Doch kehren wir zurück ins Jahr 1912. Zwei Tage nach dem ersten Brief an Felice, in der Nacht vom 22. zum 23. September, schreibt Franz Kafka in einem Zuge die Erzählung Das Urteil, eines der Werke, die ihn posthum zum Verfasser von Weltliteratur machen. „Nur so kann geschrieben werden, nur in einem solchen Zusammenhang, mit einer vollständigen Öffnung des Körpers und der Seele“, vermerkt er in seinem Tagebuch. Die Erzählung, die er Felice widmete, kreist um einen Vater-Sohn-Konflikt; Kafka greift hier ein zentrales, sein Leben bestimmendes Trauma auf. Ende September schreibt er die schon vorliegenden ersten 200 Seiten seines Romans Der Verschollene (Amerika) völlig um. Es entsteht die Endfassung des Eingangskapitels Der Heizer, das im Frühjahr 1913 eigenständig veröffentlicht wird. Ende November, Anfang Dezember entsteht die Erzählung Die Verwandlung, die Geschichte des über Nacht zu einem ekelhaften Käfer mutierten Gregor Samsa.

Die Begegnung mit Felice Bauer am Abend des 13. August 1912 und die sich daraus ergebende Liebesbeziehung hat Franz Kafka den kreativen Schub gegeben, der sein Schreiben auf eine Stufe katapultierte, die ihn zum Ausnahmeschriftsteller der Moderne gemacht hat. Warum Felice diese enorme Energie bei Kafka freisetzen konnte, wird man wohl nie ganz klären können. Wahrscheinlich war es jedoch weniger die reale Person, sondern eine Person, zu der er sie in seiner Fantasie und seinen Briefen machte, die ihn inspirierte.

Hundert Jahre sind seit dem Prager Sommerabend im August vergangen. An der Skorepka vorbei, der ehemaligen Schalengasse, in der die Begegnung stattfand, wälzen sich die Touristenmassen durch die museal restaurierte Prager Altstadt. Von den Zeiten unberührt scheint allerdings das Werk Franz Kafkas zu sein: Ergreifend, rätselhaft, ein Universum eindringlicher Bilder in makelloser Sprache.

Die Briefe an Felice sind im S.Fischer Verlag in verschiedenen Buchausgaben erschienen

Fred-Jürgen Beier ist Leiter des Gesundheitsamtes der Stadt Nürnberg

09:00 13.08.2012
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