Ein Lächeln des Comandante

Venezuela Das Erbe des einstigen Präsidenten Hugo Chávez ist umkämpft, steht aber nicht nur deshalb auf dem Spiel
Cedric Rehman | Ausgabe 50/2014 1
Ein Lächeln des Comandante
Nicolás Maduro (Mitte) beim Jahreskongress der Sozialisten

Foto: Juan Barreto/AFP/Getty Images

Auf blutrotem Hintergrund blickt Hugo Chávez voller Huld und Zuversicht auf die Menschen, die an der Plaza Sucre in Caracas Schlange stehen. Das Lächeln des Comandante überstrahlt alles, auch den Andrang am staatlichen Supermarkt, wo Hunderte für das Wochenende einkaufen wollen. „Heute soll es Bier geben“, sagt eine Frau, „aber wieder keine Milch.“ Direkt neben dem Eingang stinken Abfallberge zum Himmel. Aber was macht das schon, wenn zu Hause Kinder warten, die essen wollen. Kaum einer verzieht die Miene, obwohl vielen der Schweiß von der Stirn läuft. Langsam gleitet ein Motorrad an den Wartenden vorbei. Der Fahrer trägt einen schwarzen Helm und ein uniformierendes Olivgrün. „Achtung, das ist ein colectivo, schau nicht so auffällig hin“, sagt William Requejo. Der Mann von der Nachbarschaftsvereinigung Unión Vecinal para la Participación Ciudadana beschleunigt seine Schritte.

Die colectivos beherrschen manche Gegend in Caracas. In vielen barrios (populares) errichten sie Straßensperren, wann es ihnen passt, um zu kontrollieren, wen sie wollen. Sie sorgen auf ihre Weise für Ordnung. „Wenn die Menschen vor den Läden Schlange stehen, tauchen die colectivos auf, damit alle sich benehmen“, erzählt Requejo.

Vor Monaten hatten Tausende von Demonstranten von der Regierung verlangt, den colectivo-Milizen die Waffen wieder abzunehmen, die vor Jahren an sie verteilt wurden. Präsident Chávez sah seinerzeit einen Volkskrieg gegen die USA heraufziehen. Also unterschrieb er ein Dekret, wonach die Einwohner der Barrios bewaffnet werden sollten. Auch wenn die Amerikaner nie kamen und Umsturzversuche zuletzt ebenfalls ausblieben, fanden manche colectivos weiter Gefallen an der militärischen Selbstertüchtigung. Schwer bewaffnet und unantastbar für Polizei wie Justiz, unterwarfen sie Teile von Caracas ihrer Dominanz, sodass sich nur noch Lebensmüde nach Einbruch der Dunkelheit auf die Straße wagten.

Auch Nicolás Maduro konnte sich als Chávez-Nachfolger zunächst auf die colectivos verlassen. Während des Aufruhrs im Frühjahr standen sie dem neuen Staatschef zur Seite. Die Chavisten bewiesen in dieser Lage eine Einigkeit, an der sich die Opposition die Zähne ausbiss.

Ein halbes Jahr später liegt Robert Serra, Abgeordneter der sozialistischen Regierungspartei PSUV, tot in seiner Wohnung, übersät mit Messerstichen, die Genitalien verstümmelt. Die Regierung beschuldigt die Opposition, zumindest geistiger Urheber des Verbrechens zu sein. Tage später feuert die Polizei mitten im Zentrum auf colectivos. Das heißt, Sicherheitskräfte der chavistischen Regierung schießen auf Chavisten als Unterstützer eben dieser Regierung. Am Ende sind fünf Menschen tot. Seitdem rätseln die Venezolaner, wer in ihrem Land eigentlich gegen wen kämpft.

William Requejo steuert seinen SUV gelassen durch das von den colectivos beherrschte Gebiet auf den Hügeln des Barrios Enero 23. Hier, zu Füßen des Mausoleums für den 2013 verstorbenen Hugo Chávez, kenne er die Paramilitärs. Einmal sei er falsch abgebogen und habe sich im Gewirr von Gassen und Wegen verirrt. „Da kam eine Patrouille von Leuten, die ich noch nie vorher gesehen hatte. Gott sei Dank hat mich dann doch einer erkannt“, erzählt er. Und wenn nicht? „Na, dann hätten sie mich vielleicht erschossen.“

Dem Himmel vertrauen

Für ein Land, in dem das Gros der Bevölkerung arm und auf Hilfe angewiesen sei, hätten die Chavisten eine perfekte Herrschaftsstrategie entwickelt. Dennoch seien im Moment Zerfallssymptome nicht zu übersehen. „Ohne Chávez, den die Mehrheit liebte und eine Minderheit hasste, gibt es niemanden mehr, der die Deutungshoheit über die Revolution hat“, findet Requejo. Tatsächlich lähmt ein Machtkampf der Fraktionen den Staatsapparat. Und ein manchmal hölzern wirkender Nicolás Maduro muss die Armee mit neuen Rüstungsausgaben beschwichtigen, weil die sich von den colectivos bedrängt fühlt. Zugleich muss Maduro die Armen bei der Stange halten, die zwar bereit sind, Schlange zu stehen, aber merken, dass die Schlange immer öfter vor leeren Regalen endet. Zugleich muss Maduro wissen, wie er mit den colectivos umgeht. Setzt er die Armee gegen sie ein, droht ein Bürgerkrieg. Verzichtet er darauf, gefährdet er seine Macht. Die colectivos in den Barrios fühlen sich ihren Anführern verpflichtet, nicht ihm.

Zu allem Übel fehlt dem Präsidenten zunehmend das Geld, um Loyalität zu belohnen. Inzwischen rächt sich der Versuch, die venezolanische Währung künstlich hochzuhalten und eine strenge Devisenkontrolle einzuführen, um halbwegs stabile Preise zu haben. Dollars sind im Land kaum mehr zu bekommen. Für die einheimischen Bolívars aber kann die Regierung nicht ausreichend Güter einführen, sodass es an Toilettenpapier ebenso fehlt wie an Medikamenten. Man hatte darauf vertraut, sich als Ölförderland jedes Sozialprogramm leisten zu können, doch leert im Augenblick ein sinkender Ölpreis die Staatskasse schneller als gedacht. Wer gegensteuern will, muss die nationale Währung massiv abwerten. Subventionierte Preise für den Grundbedarf wären dann passé, die Konsequenzen brisant. Was also tun? Die chavistischen patrons wirken ratlos.

Es sind die Mittelschicht und die Reichen, die derzeit in Venezuela am meisten darum kämpfen, soziale Standards zu sichern. Viele sind damit beschäftigt, Dollars aufzutreiben, die sie zu einem halbwegs günstigen Schwarzmarktkurs gegen die einheimische Währung tauschen können. Nur so, glauben Unternehmer, Ingenieure oder Ärzte, sei ein Überleben möglich. Im Augenblick kostet ein Paar Schuhe den halben Monatslohn eines Hochschullehrers.

„Von den Armen in den Barrios dürfen die Begüterten kein Mitleid erwarten“, sagt William Requejo. „Die lachen sich schlapp darüber, dass die in den besseren Vierteln jetzt auch kein Toilettenpapier mehr finden, wenn sie welches brauchen. Die Armen genießen die Demütigung der Wohlhabenden.“

Ein Bewohner aus dem Barrio von Requejo, der sich als Bürgerrechtler bezeichnet, teilt solche Schadenfreude nicht, aber kann sie sich erklären. Er habe studiert und gut verdient, es als Farbiger aber vorgezogen, in den Barrios zu bleiben, wo niemand auf ihn herabsehe. „Ich hätte es meinen Töchtern nicht antun können, ständig so behandelt zu werden, wie es mir passiert, wenn ich das Quartier verlasse“, sagt er. Deshalb könne die arme und farbige Mehrheit der Bevölkerung niemals einer Opposition trauen, die von weißen Männern aus Venezuelas altem Geldadel geführt werde, meint William Requejo. „Sie behaupten zwar, sie wollten nicht zurück zur alten Klassenherrschaft vor Chávez, aber das glaubt ihnen niemand in den Barrios, weil sie voller Hass sind.“ Er fürchte, dass die Opposition, wenn sie einmal wieder die Macht dazu habe, Rache nehmen werde an dem Teil der Bevölkerung, der hinter Chávez stand. Von denen würden die meisten darauf hoffen, dass Chávez sie erlöst. „Jetzt, da er im Himmel sei, könne er ja noch viel mehr für das einfache Volk tun als zu seinen Lebzeiten, sagen die Armen.“

Gesetz ist Gesetz

Vor dem Rathaus von El Hatillo steht eine Statue des von den Chavisten verehrten Unabhängigkeitskämpfers Simón Bolívar. Ansonsten gibt es in diesem Viertel wenig, das an ein Caracas der Barrios erinnert. El Hatillo könnte in einem anderen Land liegen. Für Bürgermeister David Smolansky jedoch ist sein Caracas das einzig richtige. Was dazu führt, dass der Mann mit dem Vollbart eine Reizfigur für die Regierung abgibt. Mit nur 29 Jahren hat er sich vor einem Jahr in diesem Quartier bei der Lokalwahl gegen die Chavisten durchgesetzt. Und seit Oppositionsführer Leopoldo López nach den Unruhen vom Mai mit über 40 Toten in Haft sitzt, gilt Smolansky als eine Identifikationsfigur für die Voluntad Popular, die als Partei jeden Dialog mit der Regierung ablehnt.

Derzeit sammelt ihr Anhang Unterschriften für eine Verfassunggebende Versammlung, um die chavistische Magna Charta zu kippen. Dabei sagen selbst Regierungskritiker, diese Verfassung sei die demokratischste, die Venezuela je hatte. Das Problem sei nicht die Charta an sich, sondern eine Regierung, die sich nicht daran halte.

Im Rathaus von El Hatillo hängen Slogans an den Wänden, die Transparenz statt Sozialismus versprechen. Wenn seine Partei an der Macht sei, werde sie drei Dinge tun, sagt Smolansky: die Sicherheit für die Bürger wiederherstellen, in Bildung investieren und mehr für die Gesundheit tun. Zudem werde die Polizei nach einem Machtwechsel zu verhindern haben, dass Obdachlose ungenutztes Privatland besetzen, um Häuser zu bauen, wie sie das gerade in El Hatillo und im Namen der Revolution täten. „Gesetz ist schließlich Gesetz“, sagt Smolansky und erklärt anschließend, wie er in El Hatillo die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen zusammenbringt. „Wir haben im Sommer ein Jazzkonzert organisiert für die Mittelschicht, danach durften die Leute aus dem Barrio auf die Bühne mit ihrer Volksmusik“, sagt er. Ihm fällt nicht weiter auf, dass damit wieder die Reihenfolge eingehalten wurde, die vor dem Chavismus in Venezuela immer ihre Gültigkeit hatte.

Cedric Rehman berichtete für den Freitag zuletzt über den Südsudan

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