Ein Land, zum Wandel imstande

Umbau Japan war bislang ein blockierter Staat. Nach dem Desaster bilden ausgerechnet die Beamten die Basis für ­einen ­solidarischen Aufbruch

Was war Japan vor dem 11. März 2011, 14:45 Uhr; und was wird es danach sein? Japan war einer der modernsten Staaten der Welt; die drittgrößte Wirtschaftsmacht; das Land mit der höchsten Lebenserwartung; konstitutionelle Monarchie und Demokratie; ein treuer Bündnispartner der USA; einer der fleißigsten Geldgeber für die UNESCO; frisch gekrönter Asienmeister im Fußball; bewundert für seine Autos, Designs und Popkultur; engagierter Gegner der Atomwaffen. Und zugleich war es ein Land mit einer niedrigen Geburtenrate; einem hohen Anteil an Alten; einem überteuerten Bildungswesen; einem aus dem Tritt geratenen Arbeitsmarkt; verstrickt in Streit mit seinen Nachbarn; mit einer kurz vor dem Scheitern stehenden Regierung; und einem dichten Netz von Atomkraftwerken.

Seit 20 Jahren schon, seit dem Ende der bubble economy, ist Japan auf der Suche nach seiner Zukunft. Die Wirtschaft hat sich aus verschiedenen Krisen zwar leidlich herauswinden können. Aber die Gesellschaft hat dies mit ausufernder Staatsverschuldung, dem Verlust von Arbeitsplätzen und vieler Sicherheiten bezahlt: die Quote der Universitätsabgänger, die trotz intensiver Suche keine ihrer Ausbildung entsprechende Anstellung finden konnten, stieg zuletzt besorgniserregend an.

Der Staat besitzt kaum Spielraum für dringend nötige sozialpolitische Projekte wie den Ausbau der Familienförderung oder die Aufnahme von Hausfrauen in die Bürgerversicherung. Die Alten haben berechtigte, aber kaum bezahlbare Ansprüche an Pflege, medizinische Versorgung und die Wahrung ihres Lebensstandards. Die Frage nach der Solidarität zwischen den Generationen stellt sich immer schärfer, denn die Jungen werden mit der Finanzierung der Sozialsysteme überfordert sein.

„Japan schafft sich selbst ab“

Die Japaner wissen dies gut. Deshalb haben sie auch vor zwei Jahren die liberaldemokratische Staatspartei in die Opposition gejagt, um der Demokratischen Partei, die sich aus reformorientierten Teilen der Liberaldemokraten und der Bürgerbewegung formiert hatte, eine Chance zu geben.

Und so sah man nach dem Regierungswechsel junge Politiker, die an die Demontage des verkrusteten Staatsapparats gingen und versprachen, endlich die Herrschaft der Bürokraten zu brechen. Die zugleich über keinerlei Erfahrung in der Leitung einer Bürokratie verfügten. Die das Schulgeld für Oberschulen abschaffen wollten. Aber gleichzeitig auch die Autobahnmaut. Die die US-Militärpräsenz auf Okinawa verringern wollten. Aber vergaßen, das mit den Amerikanern vorher auszuhandeln. Die Japans Verhältnis zu seinen Nachbarn verbessern wollten. Aber sich bald mit China und Russland wegen dieser und jeder Inselgruppe stritten. Die das Kindergeld einführen wollten. Aber keine Steuererhöhungen versprachen. Die gegen Korruption kämpfen wollten. Aber sich spalteten, als sich eine ihrer Größen in einer Spendenaffäre verhedderte. Die einen Minister nach dem anderen opferten, weil die Opposition jede noch so winzige Verfehlung eines Kabinettsmitglieds mit kategorischen Rücktrittsforderungen verband – und von den Wählern mit einem Sieg bei den Oberhauswahlen belohnt wurde. Die politische Bühne verkam zu einem Rummelplatz für Väter, Söhne und Enkel einiger Familien der politischen Elite, deren Geschäft darin bestand, notwendige Entscheidungen zu verhindern.

Das Wahlvolk ebenso wie die Wirtschaft waren entsetzt, enttäuscht, angewidert. Schon erschienen Bücher mit dem Titel: Japan schafft sich selbst ab.

Eine Chance, auf entsetzliche Weise zugefallen

Und nun der 11. März 2011. „Eine Strafe des Himmels“ nannte der Gouverneur von Tokio, der Rechtspopulist Ishihara Shintaro, diese Verkettung von Unglücksfällen geschickt, „um die Japaner von ihrer Habsucht reinzuwaschen.“ Im April wird in Tokio ein neuer Gouverneur gewählt. Ishihara kandidiert zum vierten Mal. Es wäre eine wahre Strafe des Himmels, sollte er wiedergewählt werden. Neuwahlen auch auf nationaler Ebene schienen eben noch unvermeidlich, doch kann davon jetzt keine Rede sein. Premierminister Kan Naoto ist auf entsetzliche Weise die Chance zugefallen, Japans Wiederaufbau zu leiten – oder aber seinen Abstieg in die zweite Liga der Welt.

Er hat in diesen Tagen aufblitzen lassen, dass er führen will. Aber Japans größte Hoffnung und größtes Kapital, so ironisch dies in den Ohren der Reformer und der Wählerschaft klingen muss, ist die hoch qualifizierte und eingespielte Beamtenschaft. Es sind die Feuerwehrleute, Polizisten, Soldaten, kommunalen und Ministerialbeamten, die das Retten, Bergen, Versorgen als Pflicht verstehen, die sie nicht ihrer politischen Führung schuldig sind, sondern der Bürgergesellschaft. Japans größte Chance in dieser Krise ist gerade nicht das wundersame Auftreten eines charismatischen Volkstribuns, sondern so routinierte wie engagierte Funktionieren von Strukturen einer Solidargemeinschaft, in der das Wort „Dienst“ nicht als Widerspruch zur Freiheit verstanden wird. So unpathetisch, wie ein Feuerwehrmann in Fukushima formulierte, er sei im Dienst für seine Kinder.

Wenn das Schlimmste überstanden ist, in einigen Monaten, dürfen wir von dieser Gesellschaft sicher keine Revolution erwarten. Aber doch eine Stärkung dieses Selbstbewusstseins, dass die Bereitschaft zum Teilen von Brot, Kleidung und Wohnung und auch zum tätigen Einsatz für andere zu den Voraussetzungen gehört, die einer hoch technisierten, materiell saturierten Gesellschaft zum Überleben verhelfen.

Dieses Bewusstsein wird nicht nur den Politikern, sondern vor allem ihren Wählern dabei helfen, Entscheidungen mitzutragen, die nicht nur die jetzige Not lindern, sondern der zukünftigen Not vorbeugen sollen. Dazu gehört zuallererst eine neue Energiepolitik: Neben dem Ausbau der alternativen Energiegewinnung ein einschneidender Wandel im Energiekonsum. Als die Umweltverschmutzung in den siebziger Jahren beängstigende Ausmaße annahm, hat Japan bereits bewiesen, dass es zu einem solchen Wandel in der Lage ist.

Die Reise des „Wanderfalken“

Zweitens wird es eine neue Regionalpolitik geben müssen. Nicht nur der Nordosten des Landes wird administrativ und fiskalisch völlig neu geordnet werden. Seit Jahrzehnten liegen Modelle zur Föderalisierung Japans auf dem Tisch. Jetzt, wo laut Kan der Kollaps des ganzen Nordostens droht, ist die Chance dafür da. Drittens wird die Sozialpolitik umgekrempelt werden müssen. Der Wiederaufbau des Nordostens, der wegen der demografischen Entwicklungen ohnehin immer dünner besiedelt war, wird die Frage aufwerfen, welche Rolle die Bauern und Fischer spielen sollen; wie man die Agrarwirtschaft so modernisiert, dass sie junge Menschen anzieht, statt sie in die Großstädte zu vertreiben. Viertens werden die Alten – jene, die in den sechziger Jahren gegen Atomwaffen und Vietnamkrieg kämpften – lernen müssen, den Jungen dabei zu helfen, ihre eigenen, nicht minder berechtigten Ansprüche durchzusetzen.

Eine Woche vor der Katastrophe, am 5. März, ging der „Wanderfalke“ in Japans Nordosten auf seine erste Reise. So heißt das neueste Modell des japanischen Shinkansen, speziell entwickelt für den Einsatz zwischen Tokio, Sendai und Aomori, der Stolz der japanischen Spitzentechnologie. Er fährt nicht mehr, weil der Grund, auf dem seine Schienen lagen, zerstört ist. Wenn er wieder fährt, wenn mit ihm Japans Gesellschaft die Reise in die Zukunft antritt, wird sein Fundament erneuert sein.

Reinhard Zöllner arbeitet als Japanologe in Bonn. Zur Zeit ist er in Tokio

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08:25 25.03.2011

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