Ein Leben außerhalb der Metapher

Israel/Palästina Die Palästinenser sind des Alleinseins müde. Sie sind ihrer Opferrolle leid

Ein Krieg um des Krieges Willen. Sein einziges Ziel ist es, sich selbst zu reproduzieren, zumal jeder weiß, dass das Schwert auch dieses Mal die Seele nicht zu vernichten vermag. Für den Abzug aus einem Fünftel unserer historischen Heimat Palästina boten die arabischen Staaten Israel den kollektiven Frieden. Als Antwort auf dieses großzügige Angebot erklärte Israel dem palästinensischen Volk und der Friedensvision der Araber den Krieg. Wir müssen ein weiteres Mal unsere moralische Stärke unter Beweis stellen - uns bleibt nichts als dieser Beweis.
Das herrschende Kräfteverhältnis wird dem Lauf der Ereignisse ohne Zweifel weiter seinen Stempel aufdrücken, bis wir schließlich folgendes begreifen: Wem als einzige strategische Option Frieden bleibt, der ist weder in der Lage, einen Krieg zu verhindern, noch einen Frieden zu verwirklichen.
An jedem Ort erblicken wir das Grauen der Verbrechen, in jeder Straße Getötete und Sterbende - von jeder Mauer schreit uns Blut entgegen. Die Lebenden sind ihrer Lebensgrundlage beraubt, den Toten wird die letzte Ruhe im Grab verwehrt. Und zwischen den Pulsschlägen eines Verwundeten drängt sich einem die Frage auf: Wie lange noch werden wir einem Messias applaudieren, der gerade den Weg hinauf nach Golgatha beschreitet? Ist von der Formel über den klassischen arabisch-israelischen Konflikt nur der palästinensische Part geblieben, während alle anderen dem roten und schwarzen Szenario durch träge Apathie zur Perfektion verhelfen?
Uns plagt die Sorge, dass Arafat zur Ikone werden könnte. Einer Ikone, die die Ästhetik des Martyriums präsentiert, deretwegen die Arbeit an einem scheinbar endlosen Karfreitag für eine gesamte Nation entbehrlich wird. Tränen haben die Fähigkeit, Seelenqualen zu lindern und den Leib von beißendem Salz zu erlösen. Unter solchen Tränen erwarteten die Zuschauer die Life-Übertragung des Augenblickes, in dem der tragische Held - gekrönt mit einem ihm gebührenden Finale - den Mythos vervollkommnet und sein Ende als "Märtyrer" findet. Es wäre Arafats Antwort auf den Versuch Sharons, ihn auszuweisen.
Die Palästinenser sind des Alleinseins und ihres Sonderstatus müde. Sie sind ihrer Opferrolle leid. Wonach sie streben, ist ein Leben außerhalb dieser Metapher - ein Leben dort, wo sie einmal geboren wurden. Sie wollen ihre Existenz, ihre humane Sphäre, von der Last der Mythen und einer barbarischen Besatzung befreien - sie wollen sich vom Trugbild eines Friedens befreien, der nichts als Zerstörung bereit hält. Ihr Recht auf Leben - auf ein normales Leben - balanciert auf einem schmalen Grat, schmaler als ein Traum und breiter als ein Alptraum. Ihr Recht ist von der mit dem Rassenmythos und der militärischen Moderne gerüsteten israelischen Realität belagert. Belagert vom amerikanischen Verhängnis, das die Welt wie ein wutschnaubender Stier auf die Hörner nimmt. Belagert von einer Totalität der Abhängigkeit, durch die das politische System der Araber die Rhetorik des Bettelns und die Fähigkeit verlor, den allgemeinen Volkszorn zu besänftigen. Wie oft muss das palästinensische Volk noch belagert werden, bis die Welt begreift, dass auch sie belagert, auch sie gefangen ist? Nur eben widerstandslos.
Die Fernsehbilder sprechen für sich:
Blut wird vergossen, in jedem Haus, es befleckt das Gewissen eines jeden Menschen. Wer jetzt nicht palästinensisch empfindet, wird seine moralische Integrität niemals erkennen können. Nicht, weil die "verfallenen" Werte und Begriffe, die durch die tagtägliche geistige Konsumwut eines von jeglicher Gerechtigkeit und Freiheit entleerten Friedensprozesses verschüttet wurden, wieder zum Leben erwachen. Sondern weil der Wille sich von einer simplen Gewinn-Verlust-Kalkulation und von einem pessimistischen Denken befreit und so den einzigen Sinn unserer Existenz ans Licht bringt, nämlich die Freiheit.
Die Palästinenser haben keine andere Wahl. Angesichts ihrer politischen Vernichtung durch die von den USA unterstützte israelische Besatzung bleibt keine andere Entscheidung, als standzuhalten und Widerstand zu leisten. Mit dem Rücken zur Wand richten sie den Blick auf Hoffnung, eine Hoffnung, die auf unerklärliche Weise der Seele entspringt.
Wollen die Herren da oben ihre Ansichten je überdenken? Diese trügerische Frage haben die Menschen auf der Straße schon längst verworfen. Die eigentliche Frage, die nicht gestellt wird, lautet: Glaubt tatsächlich noch jemand, dass in dieser Region ein Volk - nämlich das palästinensische - überflüssig ist? Überflüssig, weil die Befreiungs- und Freiheitsfrage, welche allein durch die Existenz dieses Volkes aufgeworfen ist, eine überflüssige geworden ist, in einer Welt, die in aufgezwungener oder freiwilliger Versklavung harrt und sich in Sicherheit wähnt?
Ein umfassender israelischer Krieg gegen das palästinensische Volk und die palästinensische Seele hat die dringliche Frage nach den arabisch-israelischen und den arabisch-amerikanischen Beziehungen aufgeworfen. Israel verkündet, den Krieg zur Sicherung der eigenen Existenz zu führen und seinen Gründungskrieg noch nicht abgeschlossen zu haben. Wann wird der je abgeschlossen sein? Demnach gilt nach wie vor der Auftrag, die nationale palästinensische Bewegung in ihrer politischen Existenz zu zerstören - sogar im Kontext des Friedenprozesses.
Insofern zwingt uns Israel an den Ausgangspunkt des Konflikts zurück, so dass wir auf die zuvor zurückgelegten Etappen - auf unser gewandeltes Verständnis des Konflikts - nur noch mit Sarkasmus blicken können. Was eigentlich bedroht Israels Existenz derart, dass dessen "Verteidigung" solch menschenverachtende Methoden rechtfertigt? Etwa der Krieg, den die Araber nicht erklären? Oder der Frieden, den sie anbieten?
Die Lüge ist unentbehrlich geworden, um den auf Gründungsmythen basierenden Zusammenhalt der israelischen Gesellschaft aufrechtzuerhalten. Unentbehrlich, um die Essenz des Konflikts zu verfälschen: des Konflikts zwischen einer in Auflösung befindlichen Besatzung und erfolgreichem Widerstand.
Sollte Okkupation jedoch eine Grundvoraussetzung für das Wesen und die Existenz Israels sein, so ist dies ein unlösbares Problem. Uns geht es um die Verteidigung unserer nationalen und menschlichen Existenz und der Grenzen, die es dafür gibt. Selbst mit dem Rücken zur Wand ist dies unvermeidlich!
Aus dem Arabischen von Laila Chammaa.

Mahmoud Darwisch, 1941 in Palästina geboren, zählt zu den bedeutendsten zeitgenössischen arabischen Lyrikern und Essayisten. Er gilt als Anwärter für den Literaturnobelpreis. Seine Lyrikbände und Prosatexte wurden in etliche Sprachen übersetzt. In Deutsch liegen von ihm vor: Weniger Rosen. Gedichte (Das Arabische Buch, Berlin 1996); Warum hast du das Pferd allein gelassen? Gedichte (Arabisch/Deutsch - Das Arabische Buch, Berlin 2000); Palästina als Metapher. Gespräche über Literatur und Politik (Palmyra Verlag, Heidelberg 1998).

00:00 03.05.2002

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos. Wenn Sie danach weiterlesen, erhalten Sie das Buch "Oben und Unten" von Jakob Augstein und Nikolaus Blome als Treuegeschenk.

Abobreaker Artikel 3NOP ObenUnten

Kommentare