Ein toller Hecht

Blindflug In seinen "Memoiren" begrübelt der Maler Hans-Hendrik Grimmling die Farbe Schwarz

Bildende Künstler sind in den seltensten Fällen begnadete Schriftsteller. Dennoch liest man ihre Aufzeichnungen mit Interesse, wenn sie zur Aufhellung der Hintergründe ihrer Kunstwerke beitragen. Der Berliner Hans-Hendrik Grimmling hat zusammen mit der Publizistin Doris Liebermann ein Buch mit dem Titel die umerziehung der vögel geschrieben, das den gespreizten Untertitel einmalerleben trägt, der wohl auf die Einzigartigkeit des Erlebten verweisen soll.

Jedes Menschen Leben hat seine Spezifika, keine Frage. Da die meisten Verlage Manuskripte von kreativen Zeitgenossen, die es in einem künstlerischen Genre bereits zu einer gewissen Bekanntheit gebracht haben, selten ablehnen, kreisen auf dem Markt unzählige Memoiren von Halbvollendeten, und man fragt sich, ob sie mit subversivem Augenzwinkern oder vielleicht doch nur aus übersteigertem Mitteilungsdrang in die Öffentlichkeit gebracht wurden.

Statt auf Euphoria blickt Grimmling in seiner Kunst lieber auf die oftmals im Dunkeln liegenden Fundamente unserer Wirklichkeitsgestaltung. Deswegen ist er aber kein Schwarzseher. Im Gegenteil. Er ist ein politischer Künstler und Hellsichtigkeit gehört zu seinen besten Eigenschaften. Seine Bilder haben eine erstaunliche und originäre Qualität, sie besitzen eine Suggestion, die man eben nur auf der Leinwand antrifft - und darum haben sie eine Realität, die nicht mit der Realität übereinstimmt. Gleichzeitig wappnet sich der Künstler mit begeistertem Misstrauen gegenüber der normierten Wirklichkeit auf eine Weise, die das Unerwartete und die eigenen Nachtseiten in Bildern einfängt und vermag den neugierigen Betrachter damit in eine Situation der Dauerverwunderung zu versetzen.

Der 1947 in Zwenkau bei Leipzig geborene Grimmling ist, zu Recht, einer der bekanntesten Künstler mit Ost-Vergangenheit. Er entfernte sich und seine abstrakten Geschöpfe so gut wie nie aus dem Milieu der gesellschaftlichen Hintergründe, nicht immer seiner oder ihrer Akzeptanz völlig sicher, dafür aber eichenfest in Bezug auf sein eigenes moralisches Gleichgewicht. Von allen Abweichlern des berühmten Leipziger Herbstsalons von 1984 war er der stürmischste und unversöhnlichste. Eine Haltung, die nicht jedem gut bekommt, Grimmling aber schon, der nicht nur erklären, sondern auch malen konnte, was "Dagegensein" heißt, ohne in Opposition zu ertrinken; wie man eine Position in Farbe ausdrückt und zu einem Leben in geschäftiger Energie, elegischer Melancholie, naiven Träumen und handfesten Entscheidungen findet.

Grimmlings Buch hat dort Relevanz, wo er von Ereignissen der DDR-Kunstgeschichte und dem "Bilderstreit" zwischen Ost und West nach der Wende berichtet und damit kursierende Fehlinterpretationen korrigiert. Aber es enthält auch reichlich biografischen Füllstoff, der nicht zwingend hätte ausgebreitet werden müssen. Selbst wenn Grimmling an den Dreh glaubt, sich die zahlreichen Dunkelzonen seiner Bilder mit seinen kindlichen Verlust- und Verlorenheitsängsten erklären zu müssen. Mit seinen Bildern hat Grimmling über Jahrzehnte schweigsam vor Augen geführt, das es auf eine geschliffene Rhetorik im Künstlerleben letztlich nicht ankommt. Nun drängt er mit seinen Kindheitsmustern dem Leser eine nachträgliche Sinninvestition auf, die seine Bilder trotzdem nicht transparenter macht. Denn der beste Grimmling ist immer noch der verschlossene.

Was Grimmling kapitelweise auseinander puzzelt, unaufgeregt, eher ohne Herzton und kaum auf der Klaviatur der Gefühle, ist ein Lebens- und Kunstbericht, den man als Randstreifen neben des Künstlers Bilderallee lesen sollte, als Sekundärliteratur. Der Künstler holt weit aus und nimmt diverse Anläufe zu Tiefenbohrungen. Doch so reich die Themen sind, die er anspricht, es gelingt ihm nicht, das Unbewusste auch sprachlich zu berühren. Wenn er über die häufige Verwendung der Farbe Schwarz schreibt, badet er in Grauzonen, bei der Temperaturbestimmung von "Sucht und Sog" seiner Jugendzeit und den bohemistischen Anfängen versenkt er die Stimme in Aufreißerphantasien, die über die Art des Benennens des Weiblichen den Blick des Lesers auf Grimmlings Bilder penetrieren.

Alles Sprechen über das Gebrodel auf der Leinwand wie über Kompromisslosigkeit transportiert den Klang des Machismo hörbar mit. Wir sehen einen Künstler in unbeugsamer Männlichkeitspose, der sein ganzes Leben und 280 Seiten lang probt, "ein toller Hecht zu sein". Grimmlings stellenweise tyrannischer Drang zur Offenheit bekommt damit etwas Entblößendes. Dieses "Maß Zwenkau-Leipzig" ist es, mit dem er seine Chuzpe und sein Talent für Regelbrüche vor aller Augen ausbreitet.

In seinen Bildern hat er sich gefunden. In seinem Buch sieht er sich so, wie er gesehen werden möchte. Sehr clever. Die eigene Identität selbst zu erfinden mit Geschichten, die so putzig daherkommen wie sächsische Stillleben aus der Zeit des "Bitterfelder Weges", bevor einen Andere in die falsche Schublade packen - die des großen dunklen Vogels im Krisenkäfig DDR oder des Meisterdenkers, der sein Bordbuch parat, aber geschlossen hält auf dem Blindflug in den Ruhm.

Es ist eine Schau, wie Grimmling von links nach rechts und zurück rochiert: Erst bastelt er an einer Hommage an die Künstler-Stadt Leipzig, die ihn "zum Mann (machte), zum Künstler, zum Widersacher, zum Aufmüpfigen", wie er völlig unironisch feststellt, dann an einer "in einem unauflösbaren Widerspruch" steckenden Verbeugung vor seinem Lehrer Wolfgang Mattheuer, dem wahrhaftigsten Romantiker im realen Sozialismus. Grimmling verknotet seine finessenreichen Kunstmanöver im Osten mit ausgewählten Zitaten aus seiner Stasi-Opfer-Akte, nimmt den Leser mit, wenn er sich seiner Meinungsfreiheit bedient und nicht ohne Zweifel in die historischen Windungen des Ost-West-Konflikts hineinbegibt. 1986 ist ein Einschnittsjahr, denn es beginnt mit der Übersiedlung Grimmlings und seiner Familie nach West-Berlin. Das Wieder-Heimisch-Werden im Kreise ebenfalls aus der DDR ausgebürgerter Freunde dauert bis heute an.

Während andere vom Jammer des Verkanntseins geplagt werden, braucht sich Grimmling freilich nicht zu beklagen, die neuere deutsche Kunstgeschichte ist seit Jahrzehnten ohne seine Flügelwesen, Gordischen Knoten und die Emblematik gemalter Steckverbindungen nur schwer vorstellbar. Ein Kritikpunkt zum Schluss: Man hätte dem Verlag den Mut gewünscht, mehr von Grimmlings kunsttheoretischen Texten in den Band aufzunehmen.

Hans-Hendrik Grimmling und Doris Liebermann die umerziehung der vögel. einmalerleben. Mitteldeutscher Verlag, Halle 2008, 288 S., 24,90 EUR

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00:00 04.04.2008

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