Ein Zimmer, ein Brot

Standort Windhoek Auch in Namibia funktioniert die Erpressung durch Investoren - das Beispiel einer Textilfabrik

Namibias Regierung war ungeheuer stolz auf ihren Erfolg: Es war ihr gelungen, einen malaysischen Großinvestor ins Land zu holen, der eine Textilfabrik mit bis zu 10.000 Arbeitsplätzen betreiben wollte. Südafrika und Mauritius, die ebenfalls um die Fabrik konkurrierten, zogen in der Schlussphase den Kürzeren. Seit zwei Jahren läuft nun die neue Fabrik mit dem Namen Ramatex am Rande der Hauptstadt Windhoek, und tatsächlich beschäftigt sie auch etwa 7.500 namibische Arbeitskräfte, dazu noch einige Hundert aus China und von den Philippinen. In einer Stadt, deren Arbeitslosigkeit fast 40 Prozent beträgt, sieht das nach einem großen Erfolg aus. Beim näheren Hinsehen tauchen allerdings Zweifel auf.

Nach 13 Jahren Unabhängigkeit signalisieren die Löhne der Ramatex-ArbeiterInnen nicht gesellschaftlichen Fortschritt, sondern erinnern eher an frühindustriellen Kapitalismus in Europa. "Wir arbeiten jeden Tag, vom ersten Tag des Monats bis zum letzten. Wenn du werktags keine Überstunden machst, erlauben sie dir nicht, Überstunden am Wochenende zu machen. Weil sie wissen, dass man nur mit Überstunden ein bisschen Geld verdienen kann." So beschreibt eine Ramatex-Arbeiterin die Situation.

Das Zitat stammt aus einer Untersuchung über die Arbeitsbedingungen bei Ramatex, die ein kleines gewerkschaftsnahes Forschungsinstitut in Namibia, das Labour Resources and Research Institute (LaRRI), in einer kleinen Broschüre veröffentlicht hat. Sie liest sich wie eine Kriminalgeschichte. Einer der beiden Autoren ist der aus Baden-Württemberg stammende ehemalige Lehrer Herbert Jauch. Der 45-Jährige mit schwäbischem Dialekt arbeitet seit 16 Jahren in Namibia und hat inzwischen die namibische Staatsbürgerschaft angenommen. Er leitet das kleine Institut im schwarzen Stadtteil Katutura.

Die Löhne und Arbeitsbedingungen bei Ramatex sind so extrem, dass ein südafrikanischer Unternehmer, falls er es wagen würde, sie heute in Namibia anzubieten, wohl als verbohrter Apostel der Apartheid gelten würde. Die Arbeiterinnen bei Ramatex, fast durchweg junge Frauen unter 25, erhalten in der manchmal sechs Monate langen Anlernphase einen Stundenlohn von 1,50 Namibia-Dollar (20 Cent)). Aber auch, wenn sie nach dieser Phase einen regulären Arbeitsvertrag erhalten, ist ihr Stundenlohn extrem niedrig. Sie bekommen pro Stunde drei Namibia-Dollar, bei 50 Arbeitsstunden pro Woche kämen sie damit auf einen Monatslohn von etwa 80 Euro (600 Namibia-Dollar). "Davon könnten sie gerade die Miete für ein Zimmer bezahlen und pro Tag ein Brot kaufen," schätzt Herbert Jauch.

Faktisch haben die Ramatex-Arbeiterinnen ein geringeres Einkommen als die Landarbeiter, die traditionell am niedrigsten bezahlten Arbeitskräfte. Der Mindestlohn für Landarbeiter wurde vor über einem Jahr auf 429 Namibia-Dollar festgesetzt. Weil aber kostenlose Unterkunft und die zugeteilten Milch- und Fleischrationen hinzugerechnet werden müssen, sind sie finanziell dennoch besser dran. Auf einen anderen Aspekt weist Nora Schimming-Chase, die frühere Botschafterin in Bonn und heutige Fraktionsvorsitzende der oppositionellen Kongressdemokraten (CoD) hin. Wer heute in Namibia eine Arbeit habe, sei nicht nur für sich allein, sondern für die größere Familie mitverantwortlich. Sie nennt die Löhne bei Ramatex "eine Unverschämtheit, die zum Himmel schreit."

Immer wenn es Kritik an Ramatex gab, stellten sich der damalige Wirtschaftsminister Hidipo Hamutenya, heute Außenminister, und manchmal sogar Staatspräsident Sam Nujoma schützend vor das malaysische Unternehmen. Begünstigte Zonen für die Exportproduktion zu schaffen, ist das erklärte Ziel der Regierung, die sich nicht scheut, das namibische Arbeitsgesetz, das zwei Jahre nach der Unabhängigkeit eingeführt worden war, in den "Exportzonen" zeitweilig außer Kraft zu setzen. Dies sei erforderlich, erklärte Präsident Nujoma, um Investoren die Furcht vor "möglichen Arbeitsunruhen" zu nehmen. Das "höhere Ziel der Schaffung neuer Arbeitsplätze" rechtfertige die Einschränkung der Arbeitsrechte. Auf der anderen Seite gibt es kräftige Beihilfen für Investoren. So wurden im Fall Ramatex 100 Millionen Namibia-Dollar für die Erschließung des Fabrikstandorts bereitgestellt. Das ausgedehnte Gelände kann die Firma 99 Jahre lang steuerfrei nutzen, und zusätzlich sind die Wasser- und Elektrizitätspreise subventioniert. Gewinne aus den Exportzonen dürfen ohnehin steuerfrei transferiert werden.

Trotz dieser großzügigen Unterstützung wäre die Investition nicht zustande gekommen, wenn es nicht handelspolitischen Rückenwind gegeben hätte. Der vom US-Kongress beschlossene "Africa Growth and Opportunity Act" ermöglicht bestimmten afrikanischen Ländern einen steuerfreien Export in die USA. Ramatex hätte diesen Vorteil nicht, wenn es von Malaysia aus in die USA exportieren würde. Mittlerweile warnt das Unternehmen schon, dass man, falls das US-Gesetz auslaufen sollte, den Standort Namibia zu überdenken hätte. Das Land müsse dann noch bessere Bedingungen bieten, um den Produktionsstandort zu behalten.


2 cellpadding=10 cellspacing=2>

Bochumer Appell

Deutschland muss sich seiner kolonialen Verantwortung stellen

In dieses Jahr fällt der 100. Jahrestag des Herero- und des Nama-Aufstandes gegen die deutsche Kolonialherrschaft in Namibia. Diese schwersten Herausforderungen gegen die Kolonialmacht im damaligen Deutsch-Südwestafrika wurden von der deutschen "Schutztruppe" mit einer Völkermordstrategie unterdrückt, deren Folgen bis heute nicht überwunden sind. Herero wurden systematisch in die wasserlose Omaheke-Steppe getrieben, Überlebende ebenso wie gefangene Nama in Konzentrationslagern der Vernichtung durch Arbeit und Vernachlässigung ausgesetzt. Nach Schätzungen sind 80 Prozent der Herero und 50 Prozent der Nama dieser brutalen Unterdrückungspraxis zum Opfer gefallen.

Die völlige Enteignung derer, die noch lebten, machte sie für das verbleibende Jahrzehnt deutscher Kolonialherrschaft zu einer strikt überwachten Bevölkerung faktischer Zwangsarbeiter. Auf diese Weise wurde das heutige Zentral- und Südnamibia mit einem Schlag für die Besiedlung durch Weiße - zunächst vorwiegend Deutsche, später meist Südafrikaner - freigeräumt. Die Landenteignung fast aller Afrikaner in diesem Gebiet hat auch im unabhängigen Namibia dramatische Folgen in der extrem ungleichen Landverteilung, die symbolisch für äußerste Ungleichheit in praktisch allen Lebensbereichen steht.

Über den Verbrechen im damaligen Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia, darf nicht vergessen werden, dass dies nicht der einzige koloniale Völkermord war, der im deutschen Namen begangen wurde. So bekämpften im Südosten des heutigen Tanzania deutsche Kolonialtruppen den 1905 begonnenen Maji-Maji-Aufstand mit einer Strategie der "verbrannten Erde". Ihr fielen bis zu 300.000 Menschen zum Opfer. Dies bedeutete die Entvölkerung einer Region, die heute das größte Wildreservat Afrikas bildet.

Als Rechtsnachfolgerin des Deutschen Reiches kann und darf sich die Bundesrepublik Deutschland ihrer Verantwortung für diese und andere koloniale Verbrechen nicht länger entziehen. Die Hundertjahrtage, die in dieses und die kommenden Jahre fallen, sind eine ernste Mahnung, wie überfällig hier Schuldeingeständnisse auch mit daraus folgenden materiellen Verpflichtungen sind. Wir fordern die Bundesregierung nachdrücklich auf, dieser Verantwortung endlich zu genügen.

Der "Bochumer Appell" wurde initiiert von Professor Reinhard Kößler. Zustimmungen können per Mail geschickt werden an: r-koessler@gmx.de

00:00 13.08.2004

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos. Wenn Sie danach weiterlesen, erhalten Sie das Buch "Oben und Unten" von Jakob Augstein und Nikolaus Blome als Treuegeschenk.

Abobreaker Artikel 3NOP ObenUnten

Kommentare