Eine Brücke vor dem Einsturz

Sauberer Kohlestrom? Neue Studien zeigen, dass CCS – als Klimatechnologie gepriesen – zu spät kommt und zu teuer sein wird

Viel versprechend, ausgezeichnete Ergebnisse, ein globaler Renner: Der Energieriese Vattenfall kam vor ein paar Tagen richtig ins Schwärmen. Zwei Jahre waren da seit der Inbetriebnahme seiner CCS-Pilotanlage in der Lausitz vergangenen, mehr als 8.000 Stunden arbeitete der Meiler, 6.000 Besucher wollten die Technologie bestaunen. Was auf dem Gelände des Industrieparks Schwarze Pumpe getestet wird, soll einer neuen Generation von sauberen Kraftwerken den Weg bereiten. „Klimaschonende Art der Braunkohleverstromung“ nennt Vattenfall das. Das Kohlendioxid, das bei der Stromerzeugung entsteht, wird von den anderen Abgasen getrennt und abschließend unterirdisch verpresst werden. So wird der Treibhauseffekt nicht weiter angeheizt, das Klima profitiert. Soweit die Theorie des Konzerns.

Umweltschützer sehen das anders, auch wenn die Fronten nicht mehr so klar sind wie noch vor zwei Jahren. In Schwarze Pumpe protestierten damals zur Eröffnung ein paar Dutzend Menschen. Aufgerufen hatte die Klima-Allianz, ein Bündnis von rund 100 Umwelt- und Entwicklungsorganisationen. Sie glaubten nicht an das Versprechen der umweltfreundlichen Kohlekraft und fürchteten mögliche Schäden bei der CO2-Einlagerung. Auf ihren Plakaten war vom „Feigenblatt“ der Energieversorger die Rede, dazu riefen sie im Sprechchor: „Sicher wird das nie!“

Heute sehen keineswegs alle Umweltverbände die Technik zur Abscheidung und Verpressung des Kohlendioxids (Carbon Capture and Storage, CCS) so kritisch. Der WWF oder Germanwatch wollen nicht, dass auf die Erprobung verzichtet wird. Vielleicht ist die Technologie nötig, um die Erderwärmung doch noch in kontrollierbaren Grenzen zu halten. Auch die Klima-Allianz sieht man inzwischen nicht mehr bei Anti-CCS-Demonstrationen.

CCS bewegt aber längst nicht mehr nur die Umweltschützer. Heute wird sie von Politikern, Wissenschaftlern, Anwohnern, Wirtschaftsvertretern und natürlich von der Öffentlichkeit diskutiert. Und zwar höchst kontrovers. Wie sicher ist die Technologie? Wie umweltfreundlich? Und wem nützt sie auf längere Sicht?

Parallelen zur Atomenergie

Für die Einlagerung des Klimagases eignen sich vor allem ehemalige Gas- und Ölfelder sowie saline Aquifere, also poröse Gesteinsschichten mit extrem salzhaltigen Wasser. Die Anzahl möglicher Endlagerstätten ist endlich, CCS ist daher keine Option für die Ewigkeit. Für 50 Jahre dürfte es aber reichen. Befürworter sehen in der neuen Technik deshalb eine Brücke ins Zeitalter erneuerbarer Energien.


Brückentechnologie? Das soll auch die Atomenergie sein, und es gibt noch weitere Parallelen. So ist es um die Akzeptanz in der Bevölkerung nicht unbedingt gut bestellt – zumindest was die Endlagerfrage betrifft. Denn auch die CO2-Speicherung kann gefährlich werden. Wenn die Deckschicht undicht ist oder es zu Unfällen kommt, kann Kohlendioxid an die Oberfläche gelangen. In einer hohen Konzentration können daran Menschen ersticken. Außerdem wird das Klimagas unter sehr hohem Druck verpresst – dadurch könnte das salzhaltige Wasser verdrängt werden, ins Grundwasser gelangen und dieses ungenießbar machen. Die Allianz der öffentlichen Wasserwirtschaft fordert daher, die dauerhafte Kohlendioxid-Einlagerung müsse unterbunden werden – „solange nicht eindeutig nachgewiesen ist, dass davon keinerlei Gefährdung“ für das Grundwasser ausgeht.

Hinzu kommt: Ähnlich wie beim Atommüll soll auch beim Kohlendioxid die Allgemeinheit für spätere Schäden aufkommen – schon 30 Jahre nach der Stilllegung einer Einlagerungsstätte wird die Verantwortung auf den Staat übertragen, so steht es im schwarz-gelben CCS-Gesetzesentwurf (siehe Kasten). Dafür müssen die Betreiber zwar Rücklagen bilden – ob die aber im Ernstfall ausreichen, weiß niemand. Bis zur Abgabe der Verantwortung müsste der Betreiber jährlich nur soviel Geld hinterlegen, dass damit CO2-Zertifikate für drei Prozent der eingelagerten Kohlendioxid-Menge bezahlt werden könnten.

"Nicht zwingend notwendig"

Und das sind längst nicht alle Probleme der CCS-Technologie. Erstens steigt mit der CO2-Abscheidung der Energie- und Rohstoffverbrauch der Kraftwerke, der Kohlendioxid-Ausstoß kann nicht vollständig verhindert werden, sondern nur um rund 70 bis 90 Prozent gesenkt werden. Damit sind Wind, Wasser und Sonne klimafreundlicher. Zweitens sind viele Probleme bei der CO2-Endlagerung ungeklärt. Und drittens sind Kohlekraftwerke auch mit CCS unflexibel, sie blockieren somit den Ausbau der erneuerbaren Energien.

Eine kommerzielle Nutzung der CCS-Technik wird frühestens in 15 Jahren erwartet. Und bis dahin könnten viele erneuerbare Energien schon wesentlich billiger sein, heißt es in einer neuen Studie des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie im Auftrag des Bundesumweltministeriums. Peter Viebahn hat die Untersuchung geleitet. Er sagt: „Zentrales Ergebnis der Studie ist, dass bei konsequenter Beibehaltung der derzeitigen energiepolitischen Prioritäten in Deutschland und Europa eine zusätzliche Fokussierung auf CCS als Option im Kraftwerksbereich selbst bei sehr ambitionierten Klimaschutzzielen nicht zwingend notwendig ist.“

Trotzdem könne CCS sinnvoll sein, heißt es in der Studie – in Ländern mit hohem Kohleverbrauch wie China oder USA. Für Deutschland wird hingegen empfohlen, „sich anstatt auf Kraftwerke primär zunächst auf die Anwendung der Technologie“ in der Industrie zu konzentrieren“ – etwa im Stahlsektor. Dort fehlen oft CO2-arme Alternativen – anders als in der Strombranche.

Nach Alternativen suchen

Um eine Kommerzialisierung der CCS-Technologie schon bis 2020 zu ermöglichen, wie in manchen Plänen skizziert, würden weltweit 100 Demonstrationsprojekte, Tausende Kilometer Pipeline und Speicherkapazitäten im Milliarden-Tonnen-Bereich benötigt, hat die Internationale Energie-Agentur bereits 2009 dargelegt. Davon ist man weit entfernt – was sich auch auf die politischen Szenarien auswirkt: Zwar spielt CCS in den Prognosen zur Erreichung der Klimaziele eine zentrale Rolle. „Realistischer Weise aber muss man davon ausgehen, dass diese Technologie zu den geschätzten Kosten nicht zur Verfügung steht“, sagt Christian von Hirschhausen. Der Experte vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung fordert, dass sich vor allem die Kraftwerksbetreiber „rechtzeitig nach Alternativen umschauen“. Doch die Bundesregierung setzt in ihrem Energiekon­zept weiter auf die kommerzielle Verfügbarkeit von CCS schon 2025. „Sehr unrealistisch“, nennt das Hirschhausen. Ob der Appell, die finanziellen Mittel statt dessen für erneuerbare Energien einzusetzen, bei der Politik ankommt, wird sich zeigen.

Vattenfall will nun mit einem Demonstrationskraftwerk in Jänschwalde den nächsten Schritt auf dem Weg zur CCS-Reife machen. Gelockt mit europäischen Fördergeldern in Milliardenhöhe. Vor ein paar Tagen sorgten Meldungen für Schlagzeilen, der Konzern könnte sich aus der Lausitzer Braunkohle-Verstromung zurückziehen, was sich auch auf die Pläne zur Kohlendioxid-Endlagerung ausgewirkt hätte. Am Dienstag hat Vattenfall seine neue Strategie vorgestellt – und den Rückzug dementiert.

Vattenfall und der zweite Anlauf für ein CCS-Gesetz

2009 erließ die Europäische Union eine Richtlinie, nach der die Mitgliedsstaaten Gesetze schaffen müssen, mit denen die Erprobung und Anwendung von CCS geregelt ist. Ein erster Anlauf der Großen Koalition in Deutschland scheiterte 2009 am Widerstand der Politik in jenen Regionen im Nordwesten und Osten, in denen das Kohlendioxid verpresst werden soll. Mitte Juli dieses Jahres hat Schwarz-Gelb nun einen zweiten Gesetzentwurf auf den Weg gebracht.

Damit es diesmal klappt, wurden einige Zugeständnisse an die Bundesländer gemacht. Experten halten die Novelle indes für unzureichend, weil der Entwurf eine großtechnische Erprobung der gesamten CCS-Prozesskette gar nicht ermögliche.

Auch der schwedische Staatskonzern Vattenfall drängt auf Nachbesserungen. In dieser Woche hat das Unternehmen seine neue Strategie vorgestellt mit Blick auf die deutschen Kohlekraftwerke ist es die alte. So werde man sowohl an den Plänen zum Bau des Kohlekraftwerks Moorburg in Hamburg festhalten als auch am umstrittenen Braunkohletagebau in der Lausitz. Neuausrichtung und Sparkurs des Konzerns greifen in anderen Ländern: Durch den Verkauf von Kohlemeilern in Dänemark und Polen sowie verstärkte Anstrengungen im Bereich der erneuerbaren Energien will das Unternehmen seinen Kohlendioxid-Ausstoß bis 2020 von derzeit 90 auf 65 Millionen Tonnen im Jahr reduzieren. Vattenfall-Chef Øystein Løseth kündigte zudem an, die Atomkraftwerke Krümmel und Brunsbüttel in den nächsten Monaten wieder ans Netz zu bringen.

10:00 25.09.2010
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