Eine Fahrt ins Blaue

Laboratorien In einer aufschlussreichen Studie zeigt Barbara Engel, was öffentlicher Raum und Industriestädte in Sibirien gemein haben

Manchmal, so heißt es in dem sowjetischen Kinofilm Zwei Sonntage aus dem Jahr 1963, "manchmal träumen die Menschen von blauen Städten: manche von Moskau, manche von Paris". Doch da (nicht nur) diese beiden Metropolen kaum erreichbar waren, hat man sich in Ostsibirien eben anderweitig Abhilfe geschaffen - und neue Orte samt aller Zuschreibungen gebaut: Als Ausdruck für staatliches Obwalten und für eine umfassende Aufbruchsstimmung gleichermaßen. Eindrucksvoll ist diese Aufbauleistung allemal, wenngleich die kulturelle Kluft unübersehbar bleibt. Die "blauen Städte" der Taiga, im Zuge der Industrialisierung der UdSSR zwischen 1955 und 1975 auf dem Reißbrett entstanden, bildeten die zentralen Netzwerkknoten bei der Erschließung eines "Hinterlandes" von kontinentalen Ausmaßen. Das Attribut "blau" ist dabei im doppelten Sinne metaphorisch: Für den Großteil der Bevölkerung gehörten diese Städte zu den "gesperrten"; sie waren nicht frei zugänglich, und über sie wurde nichts verlautbart; entsprechend interessant waren sie als Gegenstand von Spekulationen und Projektion. Für die Bewohner indes verband sich mit ihnen die Hoffnung auf Wohlstand und Fortschritt; der Schriftsteller Alexej Tolstoj beschrieb sie folgerichtig als "prächtige neue Städte und riesige Fabriken, umgeben von üppigen Gärten".

Traumstädte - in Sibirien? Dem Land der Verbannung, fern aller Zivilisation? Doch was zeitlich und räumlich weit weg, was in fast jeder Hinsicht als überholt erscheint, weiß die Cottbuser Architektin Barbara Engel mit ihrer Studie nun recht geschickt in den Fokus unserer Aufmerksamkeit zu rücken. Ihr geht es um den öffentlichen Raum. Und indem sie ihn als konstituierendes Element sowohl der "blauen" als auch der historischen europäischen Städte begreift, stellt sie einen höchst aktuellen Bezug her: Nicht nur zu den Großsiedlungen und Plattenbauten, die ja ebenso die hiesige Urbanität prägen, sondern auch zu unserem Verständnis von Res publica.

Wer dem unbefriedigenden und zum Teil chaotischen Eindruck vieler städtischer Situationen nachsinnt, wird sehr bald zu der Erkenntnis gelangen, dass der ästhetische Befund auch einen sozialen und politischen spiegelt. Das hängt mit einer tagtäglichen Erfahrung mangelnder Urbanität, ja Öffentlichkeit schlechthin zusammen. Soziologisch gesehen ist Öffentlichkeit ein sozialer Aggregatzustand, für den der ungehinderte zwischenmenschliche Verkehr von grundlegender Bedeutung ist. Er bedarf bestimmter geistiger, natürlicher und oder architektonischer (Frei-) Räume. Traditionell stellt der öffentliche Raum eine Sphäre dar, die einer konkreten, vorbestimmten Nutzung entzogen war. Genau diese aber scheint in unseren Städten - wie der Gesellschaft insgesamt - verschwunden.

Statt der früher vorhandenen Struktur eines urbanen Alltags werden nur mehr drei kommunale Infrastrukturen übereinander geschichtet: eine des Wohlstands zur Befriedigung der Konsumbedürfnisse, eine des Ersatzes zur Milderung der beklagten Unwirtlichkeitseffekte und eine simulative, die das Fortbestehen des Urbanen vortäuscht. Dennoch - oder deshalb - lässt sich feststellen: Die Ausgestaltung dieses "öffentlichen Raums" ist keineswegs ohne Einfluss auf die Art und Weise der in seinem Rahmen stattfindenden Prozesse. Öffentlichkeit als Planungsbegriff meint in erster Linie die Möglichkeit dazu, das heißt der Raum, der mehreren oder (theoretisch) allen Menschen zur Verfügung steht. Er misst sich also nicht allein an ästhetischen Parametern, sondern auch an gesellschaftlichen.

Hier ergibt sich die Verknüpfung mit den "blauen Städten". So technizistisch diese Gebilde für unsere heutigen Augen auch wirken mögen - ideell waren sie Ausdruck einer besseren Gesellschaft. Sie reagierten auf nahezu alle Missstände der damaligen Städte, unterlagen jedoch den planwirtschaftlichen Realitäten sowie den materiellen Gegebenheiten. Selbst der Vorsitzende der Staatlichen Baubehörde, Kutscherenko, artikulierte 1960 ein gleichsam kulturelles Anliegen: "Die Struktur der Stadt hat in gewissem Sinne immer die soziale Ordnung der Gesellschaft widergespiegelt. Es ist deshalb kein Zufall, dass alle utopischen Sozialisten, die von einer besseren Gesellschaftsordnung träumten, diese immer mit dem Schema einer Idealstadt verbanden".

Freilich sah und sieht die Wirklichkeit anders aus: Funktionale Retorten statt blühender Idealstädte. Denn die Bedingungen des industriellen Bauens verlangten den nach einem einheitlichen Struktur- und Maßsystem aufgebauten, klaren Baukörper von möglichst einfacher Grundform, also nach Typen, die nicht mehr einer bestimmten einmaligen städtebaulichen Situation angepasst werden können. Restriktionen, die sich, wie man Grund hat anzunehmen, auch aufs Alltagsleben auswirken.


Aus einer Fülle von blauen Städten wählt Engel drei exemplarische aus: Angarsk, Ust´-llimsk und Sajansk. Sie wirft einen Blick auf ihre Entstehungsbedingungen und den programmatischen Anspruch, der sich mit den drei Aspekten "Ganzheit", "Wirtschaftlichkeit" und "Gleichheit" umschreiben lässt (eine Definition übrigens, die derjenigen der Nachhaltigkeit - mit ihren drei Säulen: Ökologie, Ökonomie und sozialer Ausgleich - frappant ähnelt). Zugleich aber war das Planungssystems so schematisch wie rigide, obendrein wesensmäßig geprägt von der Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Engel neigt erkennbar nicht zur Idealisierung; vielmehr sieht sie die blauen Städte fast aufgerieben "im Spannungsfeld zwischen der Auseinandersetzung mit dem Erbe der Sowjetunion, die offensichtlich nicht nur eine bauliche Umwelt, sondern auch ein kulturelles Selbstverständnis der Menschen geprägt hat, das sich in einer mangelnden Wertschätzung und spezifischen Nutzung öffentlicher Räume zeigt, und den neuen gesellschaftlichen Bedingungen und funktionalen Ansprüchen, die sich auf Gestalt und Benutzbarkeit öffentlicher Räume auswirken". Augenscheinlich sind die hier geltenden Wertmaßstäbe andere als in der westlichen Stadtgesellschaft: Aneignung erfolgt in Sibirien vornehmlich über Feste und Feiertage; Genossenschaftsgärten sind sehr beliebt, und auch Denkmale stellen offenbar für viele Menschen wesentliche Identifikationspunkte dar.

Nun mag die "industrielle Stadt" als Referenzobjekt für Zukunftsfragen zweifelhaft erscheinen. Doch gewisse Analogien zum Bauwirtschaftsfunktionalismus westlicher Provenienz gibt es durchaus. Und wenn man die blauen Städte als Prototyp des Nachkriegsstädtebaus begreift, dann können hier auch Entwicklungsimpulse aus der Malaise aufscheinen. Mögen die sibirischen Retortenstädte auch Extrembeispiele sein: Sie offenbaren die Dimension der Aufgabe, gerade weil der unplastische Duktus der Typenbauten, gepaart mit dem monotaktischen Rhythmus der Lochfassaden, die Ausbildung identitärer sozialräumlicher Strukturen nicht eben leichter macht. Insofern sind sie - erneut - Laboratorien der Stadtbau-Geschichte. Gerade weil an die Stelle der omnipräsentem Zentralmacht vielfach nicht transparente Verflechtungen getreten sind, weil sich überall Lobbyisten und "unter den Entscheidungsakteuren eine Vielzahl neuer ›Player‹ tummeln", weil die Administration kaum kontrolliert wird, offenbart sich der Umgang mit dem öffentlichen Raum als Gradmesser für die Civitas.


Die Quintessenz von Engels Buch bleibt dennoch merkwürdig offen. Einerseits kommt die Untersuchung nicht wirklich auf den Punkt, wo die Probleme genau liegen, was "die Transformationsprozesse" exakt ausmacht, was sie bewirken, und worin schließlich Ansätze für die weitere planerische und kommunale Arbeit bestehen könnten. Andererseits schwingt ein appellativer Ton mit, setzt die Autorin einen Voluntarismus voraus, den sie in ihren Gesprächen mit sibirischen Experten zwar glaubwürdig vermittelt bekommen haben mag, der aber wohl kaum auf die politische und wirtschaftliche Situation zutreffen wird. Gleichwohl stellt ein solcher Einwand nur eine Petitesse dar. Denn Engel analysiert nicht nur, sie zeigt auch Optionen auf. Vor allem verharrt sie nicht an der Oberfläche - etwa, indem die serielle Ästhetik der Gebäude, die in einem provokanten Gegensatz zu den Selbststilisierungsbedürfnissen einer zunehmend individualisierten Gesellschaft stehe, kritisiert wird, oder das Fehlen jener "urbanen" Straßen, die beispielsweise in Altstädten oder Gründerzeitvierteln für einen belebten öffentlichen Raum und ein quirliges Alltagsleben sorgen.

Konsequenterweise hält sie sich mit pauschalen Schlussfolgerungen zurück: Generalstabsmäßig jedenfalls lassen sich die Defizite nicht beheben. Also plädiert Engel für individuelle Handlungsansätze; denn was bislang vorhanden ist, seien lediglich "typologische Rohräume, die entsprechend der jeweiligen vorhandenen Situation kontextuell transformiert werden müssen". Darauf aufbauend skizziert sie einige "Visionen" für ihre Beispielstädte und deren Angebot an kollektiven Flächen - ein Potenzial, das bislang kaum je genutzt wurde.

Gewiss, die blauen Städte Sibiriens, ihre einheitlich geplanten und relativ homogenen Quartiere werden aller Voraussicht nach nie zu Schauplätzen schillernder Individualität oder urbaner Anarchie werden. Doch sie haben durchaus die Chance, sich zu lebenswerten Orten zu entwickeln. In dem eingangs zitierten Film Zwei Sonntage heißt es: "Ein Stockwerk jede Nacht wächst unsere Stadt heran. Vor allen anderen erreicht uns die Morgendämmerung. Manchmal träumen die Menschen von blauen Städten, die keinen Namen haben". Nun, ob die Morgendämmerung diese Städte schon erreicht hat, weiß man nicht. "Namenlos" zumindest sind sie jetzt nicht mehr.

Barbara Engel: Öffentliche Räume in den blauen Städten Russlands. Entwicklung, Status und Perspektiven. Wasmuth Verlag, Tübingen und Berlin 2005, 304 S., 150 Abb., br., 34,80 EUR


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00:00 16.12.2005

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