Eine feste Burg sei meine Bude

Habitat Zur Rolle des Wohnens in einer sich wandelnden Gesellschaft

Gerhard Polt, der bayerische Kabarettist, entgegnete auf die Frage, welche Hobbies er denn habe, nur lakonisch: "Ach wissen´S, ich wohn´ gern." Mit diesem Bedürfnis steht er sicherlich nicht allein, wenngleich es die wenigsten so freimütig eingestehen. Denn die ominösen "eigenen vier Wände" sind sakrosankt; sie stehen für das unantastbare Innere, das Refugium eines Jeden. Dabei - oder deswegen - gibt es wohl kaum einen Bereich des modernen Lebens, in dem die Beharrungskräfte jahrhundertealter Traditionen derart ausgeprägt sind. Aller Antiquiertheit zum Trotz lebt es sich darin anscheinend ganz kommod.

Bei allen kulturellen Differenzierungsleistungen im Erscheinungsbild und im Gebrauch ist das Wohnen eine anthropologische Konstante, ein Teil des Bedürfnishaushaltes geblieben. Mit Sicherheit hat IKEA das zeitgenössische Wohnen stärker beeinflusst als die Werke und Konzepte irgendeines Architekten. In der Sprache des Zeitgeistes wäre "Entschleunigung" das zentrale Schlagwort, um das Wohnen zu charakterisieren: Schließlich stehe "privacy" für "die Metaphysik des Ankommens". So zumindest heißt es bedeutungsschwer in der unlängst veröffentlichten "Stilwerk-Trendstudie". Darin bedeutet man dem Leser auch, dass in Zeiten der Krise aus der eigenen Wohnung eine feste Burg wird.

Geschichte und ihre Wirkungen

Philosophisch ausgedrückt bedeutet Wohnen soviel wie: sich die Gewissheit des Geschützseins real und symbolisch zu bewahren. Dabei lässt sich eine Reihe von archetypischen Verhaltensmustern herauspräparieren, denen wir unterliegen, wenn wir unser Haus oder unsere "Bude" vermeintlich individuell ausstaffieren. Die Frage, was denn die augenscheinliche Unverzichtbarkeit von Gardinen selbst im 11. Stock bedeute, berührt allenfalls die Oberfläche. Nun ist es zwar leicht, sich darüber zu mokieren. Letztlich aber hütet jeder seinen heiligen Gral, sei´s nun die bewusst verwahrloste Kuschelecke oder die hochgerüstete Profiküche, Omas Buchenholzschrank oder der hypergestylte Schreibtisch. Denn: Wer Wohnung hat, dem gelingt es, auf seine Weise darin heimisch zu sein, so verwechselbar im Äußeren und so unsinnig in den Ritualen der Benutzung dieser Zustand sich dem kritischen Blick Außenstehender darbieten mag. Es ist die Arche Noah dieser psychologischen Urhütte, die uns im sturmgefährdeten Ozean des Lebens vor dem Kentern bewahren soll.

Die Wohnung ist unser Kosmos der Vorstellung, abgeschottet nach außen, und nach innen doch nur begrenzt offen. Doch augenscheinlich hat über die Zeiten ein Horror vacui das Wohnen erfasst. Die entsprechenden Fachgeschäfte verkaufen heute zwar nicht mehr nur Möbel und Einrichtung, sondern "Wohnkultur". Indes, die Reihenhäuser und Apartments werden nach wie vor vollgepackt mit all dem, was zum Leben unabkömmlich dünkt. Und das hat sich in den letzten Jahrhunderten nicht substanziell verändert. Was den einen der "Salon", war den anderen die "gute Stube". Und wenngleich das Leben hier mitunter in dysfunktionaler Nichtbenutzung erstarrt sein mag, identifikatorisch und symbolisch war es von kaum zu unterschätzender Bedeutung. Das bürgerliche Familien- und Wohnmodell, das etwa in der Mitte des 19. Jahrhunderts zum Tragen kam, gilt heute zumeist als ein "hegemoniales" Kulturkonzept, das anderen Klassen und Schichten aufgenötigt wurde. Allerdings haben die in diesem Modell enthaltenen Vorstellungen von Lebensqualität sich de facto bis heute als außerordentlich attraktiv erwiesen.

Hier ist ein Blick auf die jüngere Geschichte nötig. Unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg bewegte die Frage nach dem Zusammenhang von Wohnen und Gesellschaft die Gemüter, von "rechts" bis "links". Dass sich der Staat des Wohnungsproblems zu bemächtigen habe, wurde seinerzeit zu einem zwar unausgesprochenen, aber übergreifenden politischen Konsens. Nicht mehr der "freie Markt", der sich diesbezüglich als nicht (mehr) funktionstüchtig erwiesen hatte, sondern die Kommunen sind damals in großem Maße die Träger des Wohnungsbaus geworden. Dessen Finanzierung durch die öffentliche Hand wiederum hatte zur Folge, dass Regeln des Bauens aufgestellt werden mussten. Die Konsequenz war ein Denken in Kategorien von Mindeststandards, die bis heute nicht abgelegt wurden. Beispielsweise postulierte Mies van der Rohe schon 1924, dass nur eine "ohne Rücksicht auf veraltete Anschauungen und Gefühlswerte" durchgeführte Industrialisierung des Bauwesens das "Wohnungsproblem" lösen könne. Imperative wie "vereinheitlichen" und "nivellieren" machten gegen Ende der zwanziger Jahre in Europa diesen planerischen Elementarismus den politisch Verantwortlichen schmackhaft.

Die Entzauberung der Welt

Beginnend mit dem belgischen "Gesetz über die Arbeiterwohnungen" (1889) über das spanische "Gesetz über Billigwohnungen" (1911) bis zum deutschen "Wohnungsgesetz" (1918) zeigt sich in ganz Europa eine annähernd gleichgerichtete Zielformulierung. Sie waren ein Versuch, viele bis dahin weit gestreute Maßnahmen für die Volkswohnungsversorgung zu vereinen und zu verstärken. Doch die baulichen Rahmen, innerhalb derer das tatsächliche Leben verortet wurde, gerieten mitunter zu seltsamen Zwitterwesen, irgendwo zwischen sozialem Ausgleich und höchstmöglicher Rendite pendelnd. Das "befreite Wohnen" trat, wie es seinerzeit mal genannt wurde, "im praktischen Tennisdress" ins Freie. Schluss mit der Zwangsjacke einer Architektur, die sich um den modernen bewegungshungrigen Menschen legte. Das weiße, luftig-leichte, lichtdurchlässige, bewegliche Hauskleid, das dem sportiven und sozialhygienischen Imperativ von "Licht, Luft und Öffnung" folgt, wird zu einem Leitbild, das alsbald selbst einer Zwangsjacke ähnelte.

Der Roman Das Leben. Gebrauchsanweisung von Georges Perec beginnt mit dem Kapitel "Im Treppenhaus": "Die Bewohner eines gleichen Wohnhauses wohnen nur einige Zentimeter voneinander entfernt, eine einfache Wand trennt sie, sie teilen sich die gleichen Räume, die sich über die Stockwerke hinweg wiederholen, sie machen zur gleichen Zeit die gleichen Bewegungen, den Wasserhahn aufdrehen, an der Wasserspülung ziehen, das Licht anknipsen, den Tisch decken, einige Dutzend gleichzeitiger Existenzen, die sich von Stockwerk zu Stockwerk, von Haus zu Haus und von Straße zu Straße wiederholen."

Die Masse macht´s: Nach dem Zweiten Weltkrieg schrieb der bundesdeutsche Wohnungsbau - zumindest quantitativ - eine Erfolgsgeschichte, die auch international gewürdigt wurde. Sozialer Wohnungsbau wurde zur Innovation einer Wohnungsbaupolitik, die sich als Sozialpolitik verstand, und war eine der großen Leistungen des Wiederaufbaus. Zugleich, und damit knüpfte man nahtlos an die zwanziger Jahre an, war mit dem öffentlich subventionierten Wohnungsbau der endgültige Durchbruch des Typus einer standardisierten und funktional determinierten Normalwohnung in allen Industrieländern verknüpft, der die Beachtung gewisser Normen in Größe, Schnitt und Ausstattung der Wohnungen forderte.

Völlig übersehen wurde in der Regel, dass das Haus ein Gebrauchsgegenstand, dass Architektur (auch) eine Dienstleistung ist. Als solche hat sie in erster Linie die Bedürfnisse der Bewohner zu erfüllen. Das meint mitnichten nur (mehr) die elementaren. Vielmehr muss sie auch Unterstützung bei der eigenen Selbstverwirklichung gewähren. Mittels "Funktionalisierung" wird jedoch das vielschichtige mentale und psychologische Phänomen menschlicher Wohnbedürfnisse noch immer auf objektivierbare und messbare Zweckkategorien reduziert. Mit dieser von Max Weber als "Entzauberung der Welt" bezeichneten Entwicklung verkümmert die Teilhabe des Menschen an seiner Wohnumwelt. Letztendlich wird aus dem "Bewohner" damit der "Nutzer", dessen vitale Ansprüche an den Wohnbereich in der Scheinobjektivität einer planungskonformen Bedürfnisinterpretation verlustig gehen.

Namentlich der Bauwirtschaftsfunktionalismus der sechziger und siebziger Jahre zeitigte solche Ergebnisse. Spätestens mit dem Großsiedlungsbau nahm das Gefühl der Vermassung und Anonymität, der Gleichförmigkeit und Isolierung greifbare Formen an; und folgerichtig hagelte es Kritik. Dass Alexander Mitscherlich die Unwirtlichkeit unserer Städte anprangerte, ist gemeinhin bekannt. Dass er unserer Gesellschaft auch einen "Wohnfetischismus" attestierte, weniger. Gemeint hat er damit ein Verhalten, dass zuerst auf "Sauberkeit und Ordnung" und erst dann auf die Bedürfnisse der Menschen und ihre Beziehungen zueinander ausgerichtet ist. Und das schätzte er als Hindernis für ein bedürfnisgerechtes Wohnen fast ebenso hoch ein wie die Sterilität mancher Großsiedlung.

Bedürfnisse, Markt und Demokratie

Das Wohnen, insbesondere seine Massendimension, berührt indes auch die aktuelle Diskussion zur "Nachhaltigkeit". Der Paradigmenwechsel - weg vom einseitigen Wirtschaftswachstum, hin zu mehr Lebensqualität - spielt dabei eine zentrale Rolle. Doch keineswegs eine nur ungetrübte: Denn in diesem "mehr Lebensqualität" kommt zum Beispiel zum Ausdruck, dass Familien und Haushalte heute ein höheres Wohn-"Begehren" als früher haben. Wir reden von "nachhaltig" und gleichzeitig (ver)brauchen wir immer mehr Fläche; statistisch sind es heute in Deutschland pro Kopf bereits mehr als 40 Quadratmeter Wohnfläche. Andererseits ist es ein Zeichen von Anspruch auf mehr Lebensqualität. Auf die Frage, wie denn nun die Wohnung der Zukunft, in der alle Erfahrungen der Vergangenheit verarbeitet seien, geplant werden solle, haben die Forscher Häußermann und Siebel geantwortet: doppelt so groß und halb so teuer. Das sei die am ehesten richtige Antwort, aber "zugleich die am wenigsten praktische". Womit die Soziologie sich einmal in Übereinstimmung mit der Architektur befindet. Zumindest, wenn man eine Anekdote zum Maßstab nimmt, der zu Folge Mies van der Rohe, von diesem anlässlich eines Planungsauftrags für ein Wohnhaus um Rat gefragt, Hugo Häring empfahl: "Entwirf de Wohnung jroß, kannste allet drin machen."

Damit aber stößt man bei dieser Frage sehr schnell auf politische und kulturelle Grundwerte unserer Gesellschaft: Das private Eigentum und die Abgeschlossenheit und Unabhängigkeit einer privaten Sphäre. Diese Werte sind aufs engste verknüpft mit der Hoffnung auf individuelle Autonomie. Virginia Woolf hat ihrem Buch zur Frauenfrage nicht zufällig den Titel gegeben: Ein Zimmer für sich allein. Jeder Versuch, die Trends zu immer kleineren Haushalten und immer größeren Wohnflächen zu stoppen, die Inanspruchnahme von Siedlungsflächen zu bremsen, kämpft daher nicht nur gegen rücksichtslosen Landschaftsverbrauch, vergnügungssüchtigen Konsumismus und großstädtische Vereinzelung, sondern auch gegen die historische Errungenschaft individueller Unabhängigkeit.

Schablonen der Sehnsucht?

Sag mir, wie Du wohnst, und ich sage Dir, wer Du bist! Der Mensch definiert sich zu einem erheblichen Maß über seine Wohnung, sein Interieur, seine Möbel, in und mit denen er lebt. Der Rahmen dafür ist ihm allerdings meist vorgegeben. Und fast immer zu eng - dominiert doch der funktionalistische Wohnungsgrundriss für die Kleinfamilie nach wie vor den Wohnungsbau. Allen vorschnellen Bekenntnissen zu "Nutzungsoffenheit" und "spontaner Aneignung des Raums" sahen die Architekten in der Regel das "richtige" Wohnen im Grunde als eine erzieherische Herausforderung. Die überlieferten, bürgerlichen Wohnvorstellungen gründlich zu entrümpeln, war ihr Anliegen.

Gerade damit ist die Moderne gescheitert. Musste sie scheitern. Denn die Konstanten sind zu auffällig, die verdeckten Muster zu wiedererkennbar, die Sehnsüchte zu regressiv, die Erinnerungen zu verpflichtend, als dass es im Wohnen heute oder morgen zu einem revolutionären Wandel kommen könnte. Wir dürfen uns von ästhetischer Diversifikation und technologischer Modernisierung nicht täuschen lassen. Allen Rationalisierungstendenzen, allen Funktionalismen der jüngeren Moderne zum Trotz und entgegen allem Anschein einer neuen ästhetischen Freiheit hat sich im Wohnbereich prinzipiell so wenig bewegt, als sei das intime Wohnverhalten ein Bollwerk der Tradition gegen die Umsatzgeschwindigkeit technisch-ästhetischer Leitbildvorgaben - weder völlig auflösbar zum modischen Schein noch völlig korrumpierbar durch entleerte Gewohnheit.

Selbstredend gibt es eine Reihe vermeintlich innovativer und/oder emanzipatorischer Wohnkonzepte, die die Grenzen des Üblichen stetig weitern. Mit großer Sicherheit werden die Wohnhäuser der Zukunft vernetzt und in sich "mobil" sein, wird die Einbeziehung modernster Informations- und Kommunikationstechniken schon deswegen unabdingbar, weil das "Arbeiten" von zuhause aus zunimmt. Die Wohnwelt aber muss dafür nicht neu erfunden werden. Ohnehin hat das Haus gegenüber öffentlichen Dienstleistungen immer wieder erstaunlichste Integrationsleistungen vollbracht. Die wichtigste war vielleicht die Privatisierung des WC, das lange noch ein externes Reglement auf der Etage erforderte. Auch die öffentlichen Wasch-, Bade- und Saunaanstalten sind längst in der Wohnung privatisiert. Und sie hat auch die Eigenküche gegen alle rationalistischen Vorschläge verteidigt, mit enormem technischen Aufwand sogar ausgebaut. Mit dem Fernseher ist das Kino, mit der Stereoanlage der Konzertsaal, mit der Hausbar die Gaststätte integrierbar geworden. Warum sollten bei dieser "Absorbtionsfähigkeit" der Wohnung nun deren Grundfesten ins Wanken geraten, wenn seit 20 Jahren Techniker und Marktstrategen sich mit dem "Smart House" beschäftigen? Ein High-Tech-Regelmechanismus, die intelligente Vernetzung von Zentralheizung über Waschmaschine, Rollläden, Dusche bis Kaffeekocher ist als künftige Grundausstattung durchaus denkbar - als eine Art Internet für das eigene Haus -, ohne dass deswegen das tradierte Wohnmuster selbst in Frage gestellt wird. Die grundsätzlichen Ansprüche an das Wohnen bleiben, nur verfeinern sie sich gegebenenfalls. Sie finden ihre Bestätigung, indem sie sich technischer Innovationen bedienen.

Sie erschöpfen sich aber weder darin, noch in gutgemeinten Architekturen. Denn zuvorderst muss man verstehen, dass die Bausteine solcher Lebensqualitäten, wie Wohnlichkeit oder Kultur, nicht einzelne, in bestimmten Quantitäten auftretende Objekte sind, etwa Wohnraum oder Grünfläche, sondern kleine Subsysteme, die organisatorische, gestalthafte und materielle Komponenten haben. "Nächtliche Sicherheit" ist beispielsweise solch ein System, das sich nicht mit der Abwesenheit von Verbrechen definieren lässt; "Ruhe" ein anderes, das sich nicht in der Unterschreitung eines bestimmten Geräuschpegels auf der Dezibel-Skala erschöpft. Schließlich müssen wir noch verstehen, dass die Wohnlichkeit, selbst wenn es uns gelänge, sie vollkommen zu definieren, nicht verordnet werden kann, dass sie kein Wohlfahrtsprinzip ist, sondern aktive gesellschaftliche Beteiligung voraussetzt.


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00:00 22.12.2006

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