Eine letzte Chance

Kyoto-Protokoll in Kraft Wenn dem ersten Schritt eine Revolution folgt, könnte eine gefährliche Klimaveränderung vielleicht noch abgewendet werden

Kyoto ist der Beginn einer wundersamen Transformation der Industriegesellschaft - so schrieb jemand nach jener Nacht, die uns den Entwurf eines völkerrechtlich verbindlichen Vertrages zum Schutz des Klimas bescherte, das sogenannte Kyoto-Protokoll. Treibhausgasemissionen sind allgegenwärtig und kennen keine Landesgrenzen; deshalb müssen alle Produktions- und Konsumvorgänge unter die ökologische Lupe genommen werden. Nicht quantitatives Wachstum des Bruttoinlandsprodukts, sondern Erhöhung der Energieeffizienz, Steigerung der Ressourcenproduktivität und Nachhaltigkeit würden - so wurde nach dem Durchbruch vermutet - auf listige Weise zu zentralen Leitlinien der zukünftigen Entwicklung.

Am 16. Februar 2005, sieben Jahre und zwei Monate nach jener historischen Konferenz in der alten japanischen Kaiserstadt, tritt das Protokoll in Kraft, nachdem Russland den Vertrag ratifiziert hat und obwohl die USA ihn weiter boykottieren. Wunder dauern meist etwas länger, sagt der Volksmund. Nun wird erst einmal gefeiert - mit einem Gebet des Weltrates der Kirchen, mit einer Veranstaltung des japanischen Umweltministers, des Präfekten der Region und des Bürgermeisters der Stadt Kyoto, zu der man die "Mutter der Bäume", die Friedensnobelpreisträgerin Wangari Maathai eingeladen hat - und natürlich in Bonn, dem Sitz des Sekretariats der Klimarahmenkonvention.

Doch all dies hätte man viel früher haben können. Die Verschleppung des notwendigen ökologischen Strukturwandels von Wirtschaft und Gesellschaft war hausgemacht. Den Klimadiplomaten waren kardinale Fehler unterlaufen. Sie hatten langwierige nationale Ratifizierungen erlaubt, nicht für einen Sanktionsmechanismus gesorgt und eine unnötig hohe Hürde für das Inkrafttreten des Vertrages gelegt (55 Prozent der Treibhausgasemissionen der Industriestaaten mussten überschritten sein). Das war ein Blockadeangebot, das den Großverschmutzern in die Hände spielte, ein heftiges Pokern auf sieben Konferenzen auslöste, die USA aus ihren Verpflichtungen entließ und unheilige Allianzen von Trittbrettfahrern gebar.

So entstand das Trugbild, man könne mit ökologischen Systemen schachern, so wie man das im ökonomischen und politischen System gewohnt ist - und tagtäglich tut. In der Folge ist das Klimasystem weiter destabilisiert worden, und ob die Abwehr einer "gefährlichen Klimaveränderung" noch gelingen kann, ist höchst fraglich - gravierende Schäden und hohe Sterberaten stehen an.

Die CO2-Konzentration in der Atmosphäre hat von 280 ppm (parts per million) in der vorindustriellen Zeit auf inzwischen 380 ppm zugenommen, die globale Mitteltemperatur ist seither um 0,7° Celsius gestiegen. Die Grenze, ab der Schäden am globalen Naturerbe nicht mehr hinnehmbar seien, ist vom "Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen" (WBGU) auf 2° Celsius festgelegt worden - wohl ahnend, dass damit für bestimmte Regionen, die Malediven zum Beispiel, existenzielle Gefährdungen einhergehen. Wenn also - im Sinne einer Absicherungsstrategie - maximal nur noch 1,3° Celsius Erderwärmung tolerierbar sind, dann müsste eine CO2-Konzentration in der Atmosphäre von weniger als 450 ppm angestrebt werden. Um dies noch hinzubekommen, müssten die globalen energiebedingten CO2-Emissionen bis zum Jahr 2050 aber um 45 bis 60 Prozent gegenüber dem Ausgangsjahr 1990 reduziert werden - in den Industrieländern gar um 70 bis 80 Prozent. Ist das wenig, ist das viel?

Nun, das liefe wohl auf eine Revolution hinaus - und Revolutionen gelingen bekanntlich selten. So kommt das Sekretariat der Klimarahmenkonvention nach einer Zusammenstellung der nationalen Emissionsinventare und den darin enthaltenen Projektionen für die Industrieländer zu einer Emissionsgröße von plus 11,4 Prozent 2010. Das Kyoto-Protokoll sieht für die Periode 2008 bis 2012 aber minus 5,2 Prozent vor. Die USA, die das Protokoll nicht ratifiziert haben, werden ihre Emissionen voraussichtlich gar um 34 Prozent steigern, die globalen Emissionen könnten daher - nicht zuletzt wegen des rapiden Wirtschaftswachstums in China und Indien - um bis zu 50 Prozent zunehmen.

Der 16. Februar mag also Anlass zum Feiern sein, doch eigentlich nur, weil es mit dem internationalen Klimaschutz nun endlich losgehen kann. Allen aber sollte klar werden, dass dies nur ein allererster, ein unzureichender Schritt ist. Ab dem 17. Februar muss es also um die Fortentwicklung des Kyoto-Protokolls gehen, um die Verschärfung der Reduktionsziele für die nächste Periode (die Zeit bis 2020), um die Ergänzung des Instrumentariums und die Stärkung der klimapolitischen Institutionen. Das schließt vieles ein: die grundsätzliche Anerkennung, dass es neben drastischen technischen Maßnahmen (Energieeinsparung, Erneuerbare Energien) auch natürliche Pfade gibt, wie die Waldoption (Aufforstung, nachhaltige Forstwirtschaft), dass man nicht ganze Sektoren (Flug-, Straßen- und Schiffsverkehr) beim Emissionshandel außen vorlassen darf, dass man die wirtschaftlich expandierenden Schwellen- und Entwicklungsländer ins Boot holen muss, dass die EU und Japan sich zu einer strategischen klimapolitischen Allianz gegen die uneinsichtige US-Administration verbünden sollten. Und endlich ist zu begreifen, dass hinter dem Kyoto-Protokoll ein riesiges Gerechtigkeitsproblem steht: Wie werden die Emissionsrechte in Zukunft fair verteilt? Wie lassen sich gleiche Rechte für alle Menschen durchsetzen? Wer kommt für die vielfältigen Schäden des nicht verhinderten Klimawandels auf? Wie gelingt es, die Ökologie vor den destruktiven Wirkungen der wirtschaftlichen Globalisierung zu bewahren?

Die ökologischen Probleme bedürfen einer neuen radikalen, weltweiten Bewegung, so stand es kürzlich in dieser Zeitung. Ökologen haben es nämlich mit hartgesottenen, kurzsichtigen Individualisten zu tun, und die Umweltinstitutionen sind schwach aufgestellt im Vergleich zu den mächtigen Wirtschaftsverbänden. Die globale Ökologie - auch das Klimasystem - war immer wieder Verlierer im Spiel der nationalen Interessen. Da muss man selbst angesichts eines Festtages zornig werden dürfen - so wie Carl Amery mit Blick auf 25 Jahre Grüne Partei in Deutschland: "Wann, werter Zeitgenosse, vernimmt man endlich mal was Wesentliches über das Dilemma der Menschheit, die Unvereinbarkeit unserer Lebensweise mit einer nachhaltigen Zukunft?"


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00:00 11.02.2005

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