Eine Statue setzt sich in Bewegung

Cannes 2014 Die 67. Filmfestspiele eröffnen heute mit "Grace of Monaco". Grace Kellys makellose Schönheit bleibt indes für Nicole Kidman unerreichbar. Zur letzten Diva des Films
Barbara Vinken | Ausgabe 20/2014 2
Eine Statue setzt sich in Bewegung

Foto: imago / AD

"Ich möchte ein Glanz sein", sagt Irmgard Keuns Kunstseidenes Mädchen. Kunstseide schimmert billig; sie streichelt nicht, sondern scheuert. Melancholisch, etwas trostlos geht der gefeierte Roman aus dem Berlin der 1920er Jahre um die Neue Frau dann auch aus. Grace Kelly, geboren 1929, ist dagegen ein nach Strich und Faden seidenes Mädchen, seidenweich, seidenschimmernd, seidenglatt. Behütet und beschirmt, mit Hut und weißen Handschuhen. Eine Frau, die von sich selbst sagte, ihre Kunst liege darin, die richtigen Kleider richtig tragen zu können. Und deren Geschichte als Märchenprinzessin ein most happy ending gefunden zu haben schien.

Grace Kellys berühmteste Filme sind deshalb Kleiderfime, Stofffilme. In Alfred Hitchcocks Fenster zum Hof tritt sie als Erscheinung, aus dem Nichts aufleuchtend, ins Bild. Eine der Bergdorf Blondes, wie sie heute heißen, so makellos wie vollkommen. Sie ist keine Neue Frau; sie trägt den New Look, nicht geklaut (wie Keuns Mädchen), sondern zu einem immer noch sagenhaften Preis, unglaublich günstig in Paris erstanden. In zehn Meter weiße Seidengaze gehüllt, vom legendären Lesage mit kleinen, schwarz-glänzenden Perlen bestickt, mit einem schmalen, schwarzen Lackgürtel um die schlankste Taille der Welt zusammengehalten, schwingt sie durch den Raum. Anders als das Ziegfeld Girl von gegenüber, deren Bewegungen Sexiness von der Mechanik einer Puppe borgen, schwebt Grace Kelly – nicht im Bikini, wie das Girl next door halbnackt, sondern in kostbare Stoffe gehüllt. Die Frau, die Anmut schon im Namen trägt, Grace, ist von den honigglänzenden Locken über die schimmernde Haut bis zum Perlmutt ihrer in Riemchensandalen lackierten Nägel ein einziger Glanz.

Die Zähne leuchten zwischen korallfarbenen Lippen so weiß und verlockend wie ihre Perlenkette; ihre sahnige Haut ist so warm, weich und makellos wie das champagnerfarbene Negligé aus Seidensatin. Quer zum Webfaden, en biais geschnitten, umschmeichelt es Kellys Zartheit; auf dem glänzenden Stoff spielt das Licht: sublim. Nie strahlten Augen blauer. Grace ist im wahrsten Sinne des Wortes eine Lichtgestalt. Als Glamour Girl verkörpert sie das Lichtmedium Kino, das sie zum Leuchten bringt – ein Glücksversprechen, von den Augen der Zuschauer liebkost.

Mit Pumps auf der Feuerleiter

Man hat Grace Kelly als die letzte Diva bezeichnet. Eine antike Statue war lebendig geworden, der kühle Marmor hatte sich in alabasternes, warmes Fleisch verwandelt, unter der Haut sah man das Blut pulsieren. Pygmalions Mädchen, die schöne Statue, in die der Künstler sich verliebte, und die sich dank Venus unter seinem Kuss wunderbar belebte. Hitchcock hat sich Grace Kelly aus Meißner Porzellan vorgestellt: vollkommen, glänzend, zerbrechlich. An diese Porzellanfiguren erinnert Kelly in ihrem weißen Seidengazekleid, mit Blumen im illustren Feuerorange des Meißner Porzellans bestickt und bedruckt. Wie Pygmalion seine Marmorstatue, so setzt Hitchcock die Porzellanfigur in Bewegung. Mit Pumps und Rauscherock klettert sie Feuerleitern hinauf und überwindet jedes Geländer mühelos. Bei aller Vollkommenheit patent und keine Spur abgehoben: eine Frau, die eine erfolgreiche Modejournalistin ist, die die Karriere ihres Mannes noch mit links managen könnte und ein Hummeressen mit Kerzen und gekühltem Champagner im Handumdrehen auf den Tisch zaubert.

Als vielleicht letzter Diva fehlt Grace Kelly in ihrer makellosen Vollkommenheit das, was die moderne Frau modern macht: das Nervöse. Der Tick, das Angeknackste, das Zucken, der Schatten im Licht, der Makel, das Verzehrte, kurz, das Eigen-artige. Grace Kellys Geheimnis, ihre bei aller Selbstbestimmtheit schmelzende Naivität liegt darin, dass sie ihre Selbstreflexion verbirgt. Das gelingt Nicole Kidman, die in Grace of Monaco (gleich nach der Premiere in Cannes auch in den deutschen Kinos) die Titelrolle spielt, nie. Kidman betrachtet sich immer in ironischer Selbstdistanz als inszeniertes Objekt, Grace Kelly war ein unbeschriebenes Blatt; sie blieb, noch in ihren Fehltritten, unberührt. Ein Glanz, an dem alles abperlt. Die perfekte Leerformel der idealen Schönheit: eine Märchenprinzessin, wie sie nur auf der Leinwand erstrahlen kann.

Nicole Kidman ist bei aller Ähnlichkeit das Gegenteil: gezeichnet von reiner Nervosität. Man sieht schon auf den Stills des Films, was man bei Grace nie gesehen hätte: Nippel, die sich unter dem Seidensatin abzeichnen. Nicole Kidman kann Kleider schlicht nicht richtig tragen; man sieht, dass sie sich immer auch sieht, wie sie ein Kleid trägt. Anstößig ist sofort, Gott sei Dank, alles Sublime dahin. Denn es kommt weniger darauf an, was man trägt, als wie man es trägt. Dazwischen liegen Welten, im Kino wie im Leben.

Barbara Vinken ist Professorin für Romanistik und Komparatistik in München. Zuletzt erschien Angezogen. Das Geheimnis der Mode (2013)

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