Eine Stelle im Leben

Hartz IV Die Regierung spart Ein-Euro-Jobs weg. Für die ­Kritiker der „Zwangsmaßnahme“ ist das ein Grund zur Freude, doch viele Betroffene empfinden das ganz anders

In Gertrud Pachingers Schlafzimmer hängt seit kurzem ein randloser Bilderrahmen. Die Grundschüler haben ihr eine Sonnenblume aus Pappe gebastelt und sie auf blauen Karton geklebt. Jede Blüte ist mit dem Foto eines Kindes verziert. Die 58 Jahre alte Frau hat das Abschiedsgeschenk direkt neben ihr Bett gehängt, als kleinen Stimmungsaufheller am Morgen. Sie hat die Aufmunterung dringend nötig: Seit vielen Jahren will im Leben der zierlichen Frau mit den dunkel gefärbten Haaren und dem hellen Haaransatz nichts mehr so richtig klappen. Weil ihre Ehe zerbrach und sie sich alleine um ihren geistig behinderten Sohn kümmern musste, hat der Lebenslauf der gelernten Kinderpflegerin immer wieder Lücken, sie musste Jobs kündigen oder konnte sie gar nicht erst antreten. Irgendwann, als sie keine Anstellung mehr fand, blieb ihr nichts weiter als der Gang zum Sozialamt.

Kein Vertrauen in die Sachbearbeiter

Das war Mitte der neunziger Jahre, der erste Besuch im Amt wirkt aber bis heute nach: Weil ihr Vater in ihrer niederrheinischen Heimatkommune ein stadtbekannter Unternehmer war, nahmen die Beamten die finanzielle Notlage der Frau auf die leichte Schulter. „Statt meinen Antrag zu prüfen, haben sie erstmal bei meinen Eltern angerufen und gefragt, ob die kein Geld für mich hätten“, sagt Pachinger. Eine Demütigung, die Spuren hinterlassen hat. Heute, etwa 15 Jahre später, muss sie immer noch regelmäßig aufs Amt. Doch Vertrauen in die Sachbearbeiter, die ihr ja eigentlich aus ihrer prekären Lage helfen sollen, hat sie nicht wieder aufgebaut.

Viele Jahre hangelte sie sich von Mini-Job zu Mini-Job, wurde zwischendurch immer wieder arbeitslos. Erst als sie vor drei Jahren nach Duisburg zog und kurz darauf an einer Ganztagsschule als Ein-Euro-Jobberin anfing, gab ihr das wieder ein bisschen Halt. Jeden Tag von 11 bis 16 Uhr bastelte sie mit den Kindern, half ihnen bei den Hausaufgaben oder war einfach nur die „Gerti“, der die Schüler erzählen, was sie am Wochenende erlebt haben. „Ich war mir noch nie so sicher, dass ich im richtigen Beruf arbeite“, schwärmt Pachinger. Feste Arbeitszeiten, Kollegen, in dieser Zeit sah sie sich als Berufstätige. Der Hartz-IV-Satz und die zusätzlichen 200 Euro „Mehraufwandsentschädigung“, die ihr die ARGE am Monatsende überwiesen, fühlten sich nicht mehr wie Almosen an, sie waren ihr Lohn.

Jeder Vierte empfindet die Jobs als entwürdigend

Das Gefühl, wieder dazuzugehören, endete abrupt. Mitte November entschied die ARGE, ihre Ein-Euro-Maßnahme nicht weiter zu verlängern. Die Schulleiterin traute sich kaum, ihr die Botschaft zu überbringen. Jeder an der Schule wusste, wie wohl Gertrud Pachinger sich bei ihnen fühlte, wie viel ihr der Job bedeutete. „Es war, als hätte man mir alles unter den Füßen weggerissen“, sagt Pachinger. Als „Gerti“ sich von ihren Grundschülern verabschiedete, malten sie ihr Bilder, auf denen Kinder zu sehen waren, denen große, blaue Tränen über die Wangen laufen und sie bastelten die Sonnenblume, die jetzt in ihrem Schlafzimmer hängt.

In Duisburg, seit der Loveparade eine Stadt von trauriger Berühmtheit, haben im Januar 2.000 Menschen ihren Ein-Euro-Job verloren. Weil die Regierung bei den Langzeitarbeitslosen spart, fallen bundesweit knapp 95.000 der umstrittenen Stellen weg. Man kann das gut finden: Als Arbeitsmarktinstrument, das Menschen aktivieren und nach kurzer Zeit wieder in reguläre Arbeit bringen soll, haben die „Arbeitsgelegenheiten mit Mehraufwandsentschädigung“ versagt. Studien zeigen, dass sie teuer und ineffektiv sind, teilweise sogar reguläre Arbeitsplätze verdrängen. Von Anfang an brandmarkten Kritiker die von der Regierung Schröder eingeführte Maßnahme zudem als „Arbeitszwang zu Dumpinglöhnen“. In einer Studie des Deutschen Gewerkschaftsbunds aus dem Jahr 2009 heißt es: „Jede/r vierte Befragte empfindet die Teilnahme an solchen Arbeitsgelegenheiten (…) als entwürdigend und nimmt nur Teil aufgrund drohender Kürzungen.”

Gertrud Pachinger gehörte zu den anderen drei Vierteln. Sie kann nur schwer darüber sprechen, was der Jobverlust bei ihr ausgelöst hat. Sie wirkt zerbrechlich, ihre Augen sind rot gerändert und sie hat Albträume. Gestern brannte im Traum ihre Wohnung ab, heute Nacht schreckte sie auf, weil sie von einem Autounfall träumte. Wenn sie morgens die Augen aufmacht, schießt ihr als erstes die Frage durch den Kopf, was sie den ganzen Tag lang machen soll. Bei ihren Söhnen anrufen? Zum Arzt gehen? Das Gefühl, „etwas geben zu können und dafür etwas zurückzubekommen“, es ist verschwunden. Wenn sie an die Zukunft denkt, dann ist „Angst“ das Wort, das ihr dazu spontan einfällt.

Seit ein paar Wochen hat sie Rückenschmerzen, muss zweimal die Woche zum Arzt, der ihr attestiert hat, dass die Beschwerden „psychosomatisch“ sind. Am letzten Schultag vor den Weihnachtsferien, einen Monat nach ihrem Abschied, hat sie überlegt, noch mal in der Schule vorbeizugucken, „aber ich habe das nicht übers Herz gebracht“. Sie hätte sich dann eingestehen müssen, dass sie nur als Besucherin, nicht als Berufstätige gekommen wäre. „Das hätte alles nur noch schlimmer gemacht“, sagt sie.

Die erste Woche danach fühlt sich noch an wie Urlaub

Mit 58 Jahren steht Gertrud Pachinger am Rande der Gesellschaft und vor einem Scherbenhaufen. Und es sieht nicht danach aus, dass sich daran noch einmal etwas ändert. Eine Sozialpädagogin, die bei der Diakonie Pachinger und viele andere Langzeitarbeitslose berät, hält es für aussichtslos, dass die Frau jemals wieder einen sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplatz bekommt. Trotzdem verlangt ihr Jobvermittler, dass sie drei Bewerbungen pro Monat rausschickt. So seien die Regularien, hat er ihr gesagt. Der Gesetzgeber schreibt vor, dass sich Empfänger von Arbeitslosengeld bis zum Beginn der Altersrente um einen Job bemühen müssen.

Bei Pachinger bestätigen solche formalen Vorgaben ihr ohnehin schlechtes Bild von den Behörden. Dabei ist es nicht so, dass sie sich nicht bewerben will. Im Gegenteil, am liebsten möchte sie sofort wieder in einer Ganztagsschulen arbeiten, sich um Kinder kümmern. Aber dafür braucht sie eine Weiterbildung, einen „Betreuungsschein“, der rund 500 Euro kostet. Mit dem könnte sie vielleicht irgendwo als Mini-Jobberin einsteigen, wenn alles gut geht. Ihr Jobvermittler hat den Wunsch seiner „Kundin“ abgeschmettert. 500 Euro für ihre Weiterbildung, das sehen die Regularien nicht vor.

„Es ist ein Missverständnis zu glauben, man müsse diese Arbeitslosen nur den harten Besen der Aktivierung spüren lassen, damit es mit der Festanstellung klappt“, sagt die Schuldnerberaterin Tatjana Baumann aus dem Duisburger Westen. In das schlichte Büro der 43-Jährigen kommen täglich Arbeitssuchende, die nichts mehr haben außer sich selbst und ihrem Ein-Euro-Job. Unter ihnen gibt es viele Gertrud Pachingers. Menschen, für die auf dem ersten Arbeitsmarkt kein Platz mehr ist.

Klar, es gebe die paar Einzelfälle, die sich in den Sozialtransfers eingerichtet hätten. „Aber in aller Regel“, sagt Baumann, „mangelt es nicht am Arbeitswillen.“ Sie wollten. Doch bestimmte Langzeitarbeitslose hätten bei Arbeitgebern gegen jüngere Konkurrenz oder wegen Krankheiten einfach keine Chance. Für sie waren die gemeinwohlorientierten Jobs zwar kein Weg zurück in die Arbeitswelt, dafür waren die Tätigkeiten und – das darf nicht vergessen werden – auch die symbolische Entlohnung sinnstiftend. Das habe die Schuldnerberaterin in den Gesprächen oft gespürt, sagt sie.

Mit schweren Schritten und hängenden Schultern

Geregelte Arbeit strukturiert den Alltag und schafft soziale Kontakte. „Wenn die Politik den Rotstift bei den Ein-Euro-Jobs ansetzt“, sagt Baumann, „dann muss sie gleichzeitig dafür sorgen, dass diese Gruppe von Menschen nicht links liegen gelassen wird.“ Sie hat einen höflichen Brief an die Bundeskanzlerin geschrieben, in der sie die Christdemokratin darum bittet, ihr Klientel nicht einfach aufzugegeben, Alternativen zu den Ein-Euro-Jobs zu schaffen. Eine Lösung hat Baumann auch nicht, aber sie will verhindern, dass es Menschen so geht wie Gertrud Pachinger. Oder wie Marita Koch.

Die erste Woche kam der 58-Jährigen noch wie Urlaub vor: „Ausschlafen und Dinge erledigen, die liegen geblieben sind“, so verbrachte sie die Tage, nachdem sie ihren Job verloren hatte. Gut zwei Monate sind seitdem verstrichen. Jetzt stapft sie mit schweren Schritten durch das Duisburger Regenwetter, ihre Schultern nach unten – die Urlaubsstimmung ist längst verflogen. Die Arbeitslose will heute noch mal nachfragen, ob ihr Ein-Euro-Job nicht doch noch verlängert werden kann. Irgendwie. Aber die Jobvermittler machen ihr keine großen Hoffnung. Sie muss alleine klarkommen.

„Es ist zum Verzweifeln, ich habe doch mein Leben lang gearbeitet“, sagt Marita Koch. Sie erzählt, dass sie 20 Jahre lang selbstständig war. Die kräftige Frau mit den rot gefärbten Locken führte eine Kneipe, hat nächtelang Bier gezapft und war für ihre Gäste „so etwas wie eine Psychologin“. Ein Knochenjob. Als es mit der Gastwirtschaft den Bach runter ging, kam sie in einer Kantine unter, doch nach ein paar Jahren machte auch die zu. Mit über 50 stand sie plötzlich auf der Straße und musste schmerzhaft feststellen, dass sie kein Arbeitgeber mehr haben wollte. „Das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden, das ist sehr, sehr schlimm“, sagt Koch.

Der Zuverdienst war nett, aber die Arbeit war ihr wichtiger

Der Ein-Euro-Job als „DuisBürgerin“ – so hieß das Programm der Stadt – half ihr wieder auf die Beine. Von Montag bis Freitag, 30 Stunden pro Woche, besuchte sie Senioren, ging mit ihnen spazieren, zum Einkaufen oder leistete ihnen einfach nur Gesellschaft. „Da bin ich aufgeblüht, für die Senioren war es wichtig, dass ich regelmäßig komme“, sagt sie. Obwohl sie unter Arthrose in Händen und Knien leidet, obwohl es ihr in den Gelenken wehtat, wenn sie die Senioren in ihren Rollstühlen über Bürgersteine und Bordsteinkanten wuchtete, ließ sie keinen der Termine ausfallen. „Krankenscheine, da bin ich nicht der Typ zu“, sagt sie in breitem Ruhrpott-Slang. Die Stunden bei der Arbeit waren für die ALG-II-Empfängerin selbst so etwas wie eine Therapie – und die knapp 200 Euro, die sie am Monatsende zusätzlich in der Tasche hatte, eine schöne Stange Geld.

Am 22. November war Schluss, sie hat sich diesen Tag gemerkt. Es war ein Schock – für sie und für die Senioren. Eine ältere Dame habe ihr unter Tränen gesagt, dass sie ohne die Besuche jetzt gleich sterben wolle. Marita Koch muss sich die Nase putzen, als sie das erzählt. „Ich merke, dass ich mich vor die Glotze zurückziehe und darauf warte, dass es abends dunkel wird“, sagt sie. Sie klagt, dass sie ständig einen Hexenschuss bekomme, gegen die Schmerzen nimmt sie Tabletten. „Das hatte ich im ganzen letzten Jahr nicht ein einziges Mal“, sagt sie.

Sie hat ihren Senioren Weihnachtskarten geschrieben und eine Dame auch noch einmal besucht. Ersetzen kann das einen strukturierten Arbeitsalltag nicht. Und die Busfahrkarten, die sie braucht, um zu den Senioren zu kommen, kann sie sich ohne den Zusatzverdienst kaum leisten. Ihr Händedruck zum Abschied ist butterweich.

Johannes Pennekamp arbeitet im Wirtschaftsjournalistenbüro

weitwinkel-reporter.de

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