Einstiegstaktik ändern

Entgegenkommen, fortkommen, ankommen Die Deutsche Bahn ist etwas für Masochisten

Lange Jahre habe ich das Bahnpendeln genossen. Pro Stunde und Richtung fuhren drei Intercitys meine Stadt an. Ich fuhr mit dem Fahrrad ohne Ansehen der Uhr zum Hauptbahnhof und nahm einfach den nächsten ICE, der kam. Beim Bahnsteigpublikum dominierten wie bei mir Coolness und Souveränität. Beim Einsteigen wollte niemand der Erste sein. Es gab genug Platz. Die Profis bevorzugten Großraumabteile, nahmen einen Gangplatz ein; der Fensterplatz war der Aktentasche und in der kalten Jahreszeit dem Mantel vorbehalten. Man freute sich auf die gemütliche intellektuelle Lektüre einer der großformatigen bundesweiten Zeitungen. Sollte es am Vorabend spät geworden sein, legte man danach noch ein kleines Nickerchen ein. Traf man alte Bekannte oder einen Zeitungsressortchef auf dem Weg zum Ministerpräsidenten-Interview, verabredete man sich zum Frühstück im Speisewagen und gab ihm noch ein paar interessante Hintergrundinformationen. In gedämpftem Ton, denn die Konkurrenz konnte natürlich unerkannt am Nebentisch sitzen. Das Pendeln war keine Last, keine verlorene Zeit. Es war Genuss. Genuss für eine bessere Umwelt, wer träumt nicht davon, dass das seine Arbeitsbedingungen sind?

Gut, gegen Ende der Woche sah es anders aus. Von den Wochentagen Freitag und Sonntag wurde die Bahn schon immer überrascht. Mit der Zeit hatte ich für solche Situationen erträgliche Sitzplätze auf dem Fußboden ausgemacht. So ließen sich die Beine auf den abgesenkten Treppenstufen der Waggontüren unterbringen, der Rücken an der Außenwand der Toilettenkabine. Etwas besser erschien mir später der mit Teppich ausgelegte Boden im vorderen Großraumwagen (der mit Lokführerkabine und Fahrradabteil), wo die Beine ausgestreckt werden konnten, ohne von durchlaufenden Mitfahrern getreten zu werden. Diesen Platz konnte ich eines Tages einer älteren Dame anbieten, die mit schwerem Gepäck einen Anschluss verpasst und deren Reservierung dadurch ihren Wert verloren hatte. Sie konnte sich sogar für diese Bodenfläche einen Klappstuhl organisieren. Im Gespräch stellte sich heraus, dass sie eine Schwester von Johannes Rau war.

Bleiben in der Rückschau noch die Messetage in Köln oder Düsseldorf. Die Termine stehen zwar jedes Jahr in allen käuflich zu erwerbenden Terminkalendern, aber sie wurden anscheinend der Bahn nie mitgeteilt. Schwäbelnde Neureiche, die vor geschäftssinniger Kraft kaum laufen konnten, nahmen meine Lieblingsplätze ein, auf der Rückreise tütenbepackt und alkoholbefüllt. Aber heute muss ich zugeben, dass die messefreien Tage doch in der Überzahl waren.

Am 15. Dezember 2002 änderte sich nicht nur das Preissystem, sondern vor allem der Fahrplan. Speisewagen wurden fast komplett abgeschafft. Die Interregios, die ich als zuschlagfreie und daher überfüllte Pendler-Massentransportanlage immer gemieden habe, gibt es gar nicht mehr. Für die Bahn waren sie »nicht ausgelastet«, weil der Fahrgast nur aus den Euros besteht, die er bezahlt. Diese Massentransportanlage wurde zum Intercity umbenannt, damit es sich für die DB lohnt, die Fahrgäste auch zu akzeptieren. Dieses Verkehrsmittel ist nun die einzige Verbindung meiner Stadt zum großspurig so bezeichneten »Europäischen Fernverkehrsnetz«. Das war mir die 400 Mark - ja, auch ich denke dann in Mark - nicht mehr wert, die die DB monatlich von meinem Konto abbuchte. Ich entschied mich zum Kampf. Ich wusste noch nicht, wie folgenreich diese Entscheidung für meine Persönlichkeitsentwicklung sein sollte.

Das DB-Abo wurde gekündigt. Ich nahm mir ein Jobticket des regionalen Verkehrsverbundes, eine monatliche Ersparnis von mehr als 50 Euro. Just zu diesem Zeitpunkt wusste die DB zu kontern: fallweise Nutzung eines IC bei Zahlung der Zuschlages wurde für diese Fahrkarten abgeschafft. Der IC wird mir monatsweise angeboten (Preis: rund 50 Euro, sic!), oder er bleibt verbotene Zone. Mein Kampfgeist und Hass wuchsen.

Im neuen Fahrplan fand sich ein stündlicher »Regionalexpress«, der laut Bahnwerbung auf meiner Strecke »beschleunigt« sowie »bequemer, bequemer, bequemer« (Originalzitat), nämlich mit modernen Doppelstockwagen ausgestattet werden sollte, einer der ganz wenigen Errungenschaften, die der Westen vom Osten übernommen hat. Ich Naivling! Wie konnte ich das glauben, wo mir doch als Kind schon klar war, dass Werbung lügt?

Doppelstockwagen fahren tatsächlich, manchmal. Beschleunigt wurde der Zug auch, im Fahrplan. Die Bahn konnte ja nicht vorhersehen, dass im wahren Leben ICEs am Bahnknotenpunkt Köln mit einer nur sechs-gleisigen Rheinüberquerung Vorfahrt haben.

Das Wichtigste für mich wurde, die Einstiegstaktik umzustellen. Es geht nicht mehr, souverän von hinten zu kommen. Nun heißt es, zeitig am Bahnsteig zu sein, um einen Platz in der ersten Reihe, und zwar unmittelbar an der Kante, nicht an der weißen Sicherheitslinie, zu ergattern. Nun gilt die Faustregel (durchaus wörtlich zu verstehen), dass sich bei der Einfahrt des Zuges die meisten Leute in Fahrtrichtung bewegen. Das heißt für mich: antizyklisch entgegen gehen erhöht die Chance, an der Tür ganz vorne zu landen, und zwar - in Deutschland! - an der rechten Seite von mir aus gesehen, denn dort wird weniger ausgestiegen.

So lässt sich für einen erwachsenen Einzelreisenden relativ sicher ein akzeptabler Gangplatz sichern. Das Gepäck kann allerdings nicht mehr auf den Nebensitz. Man wäre im Abteil sozial erledigt. Mit etwas Glück bleiben die Stehplätze neben dem Sitz ein paar Stationen frei, so dass die Chancen gut sind, die Zeitung umblättern zu können. So weit mein theoretisches Konzept. Leider ist es sehr pannenanfällig.

Kürzlich verabredete ich mich mit einer Freundin am Zug. Es gab einiges zu erzählen. Meine Konzentration am Bahnsteig wurde abgelenkt. Ich landete weit hinten vor der Einstiegstür, die Freundin ein paar Leute vor mir - da haben´s Frauen etwas besser - war aber taktisch noch nicht so gewitzt wie ich und konnte mir keinen Platz freihalten. Ein paar Reihen weiter sah ich noch freie Sitze, doch o weh, zwei türkische Männer verteidigten sie für ihre später eintreffenden Frauen und Töchter (sie selbst standen für die Damen wieder auf!). Ich kämpfte innerlich mit mir. Politisch hatte ich ein Musterbeispiel an Assimilation und Kavalierskultur erlebt; aber warum musste gerade ich darunter leiden?

In den Frostwochen des Januar machte ich einmal den Fehler, in einem dieser leider unverwüstlichen Silberlinge-Waggons der sechziger Jahre (Rückenschmerzen nach rund 20 Minuten) einen Platz in der Nähe der Tür einzunehmen. Ich wusste doch, dass der Zug oft 15 Minuten auf freier Strecke steht! Offensichtlich funktionierte im Stand die Energiezufuhr nicht mehr, die Heizung war zwar symbolisch voll aufgedreht, aber es gab sie nicht und die alten undichten Türen wirkten wie geöffnete Fenster.

In der Vorweihnachtszeit beobachtete ich eine junge Frau auf der verzweifelten Suche nach einer Toilette; ihr war schlecht geworden. Aussichtslos. Die Toiletten wurden in allen Zügen verringert, vermutlich um Reinigungspersonal einzusparen. Das Kalkül ging in diesem Zug leider nicht auf. Da auch alle Stehplätze besetzt waren, hatte die Dame keine Chance zu ihrem Ziel durchzukommen. Um sie herum wurden dann allerdings spontan einige Stehplätze frei ... Die Luft wurde nicht besser.

Meine Überlebenstechniken funktionieren auch unter diesen erschwerten Bahnbedingungen. Als körperlich-bisher-noch-nicht-Behinderter im besten Mannesalter schaffe ich es, noch. Auf Kleine, Alte, Behinderte achte ich jedoch dabei sowenig wie alle andern. Am Ende einer Fahrt bin ich angefüllt mit Aggression. Bei der morgendlichen Ankunft am Arbeitsplatz dauert es gut eine Viertelstunde, bis alle »Abenteuer« im Kollegenkreis erzählt und psychisch verarbeitet sind. Bei der abendlichen Heimfahrt hat sich vom Bahnhof aus ein längerer Umweg mit dem Fahrrad nach Hause als Aggressionsabbau bewährt.

Die Pendlerkundschaft im Intercity hätte nach Arnulf-Baring-Art schon längst revolutionäre Barrikaden gegen den Staatsbetrieb DB gebaut. Meine jetzigen Mitreisenden im regionalen Verkehrsverbund dagegen sind zynisch (»Man ist ja dankbar, wenn man überhaupt ankommt«), apathisch, masochistisch. Über Politik wird dort, anders als im Intercity, nicht mehr geredet. Das Thema ist dort lange durch. Eine revolutionäre Aufwallung wurde immerhin Anfang dieses Jahres notiert: in Recklinghausen besetzten Fahrgäste einen IC, ohne Zuschlag zu zahlen, weil ihr Regionalexpress nicht kam. 42 von ihnen wurden daraufhin in Essen vom Bundesgrenzschutz am Bahnsteig verhaftet und abgeführt. Fahrgast-Sein kann also zu kriminellen Handlungen führen!

Schon als Schulkinder mit den Körpermassen der sprichwörtlichen »halben Portion« werden Nahverkehrsreisende schlechter behandelt als ein Schweinetransport, über den es heute immerhin doppelt so viel gesellschaftliche Aufregung gibt. Dank der sozialen Errungenschaft eines extrem preisgünstigen Schülertickets zahlen sie sehr wenig. Bei den Betriebswirten der Verkehrsgesellschaften zählen sie also nicht. Die Bezeichnung Fahr-»Gäste« ist für sie nicht wirklich ernst gemeint.

Die DB lehrt uns, dass ihre Börsenorientierung Klassenkampf ist. Will ihr Eigentümer Bundesregierung das wirklich? Lächerlich, diese Frage. Die wissen nichts davon. Denn wer von denen fährt überhaupt mit der Bahn? Hat nicht Bahnchef Mehdorn selbst gesagt, vier Stunden Bahnfahrt seien eine »Tortur«? Ich denke nicht mehr darüber nach. Ich frage mich nur noch: Was macht das mit mir?

00:00 11.04.2003

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