Elegie an einen alten Wohnsitz

Zeitenwende Ungarn war als das Land der kleinen Türen berühmt und ich entschied mich darum für eine Kleintürlösung. Budapest, Leninring – oder wie man sich im Wandel einrichtet

Ich lebte damals in Wien, und zwar unter nicht ganz koscheren Bedingungen. Damit man mich besser versteht, sollte ich wohl etwas über den Unterschied zwischen der Ausreisepraxis der Volksrepublik Ungarn und jener der DDR in den achtziger Jahren erklären.

Der Arbeiter- und Bauernstaat ließ grundsätzlich keinen seiner Bürger im so genannten nichtsowjetischen Ausland herumreisen. Bis auf die etlichen Hunderttausenden von Ausnahmen, die es doch durften. Hingegen verfügte jeder Staatsbürger der Volks-republik Ungarn im Prinzip über das verbriefte Recht auf Westtourismus, bis auf die-jenigen Hunderttausenden, welchen dieses Recht strikt verweigert wurde. Die Zauberformel hieß: „Ihre Ausreise verstößt gegen das Gemeininteresse.“ Zuletzt erhielt ich im Herbst 1986 eine Ablehnung in diesem Stil – offensichtlich hatte ich mich wieder in eine dieser verdammten Dissidenten-aktionen verwickelt.

Nun war Ungarn aber als das Land der kleinen Türen berühmt und ich entschied mich darum auch für eine solche Kleintürlösung: Österreichische Freunde schickten mir eine rein fiktive Einladung, als Mitarbeiter eines akademischen Instituts mit entsprechendem Monatsgehalt für ein Jahr nach Wien zu kommen. Die Sache klappte: Die Volkswirtschaft meiner Heimat konnte trotz ihrer enormen Schwierigkeiten offensichtlich auf meine Arbeitskraft verzichten und stellte als einzige Bedingung für meinen Westaufenthalt die Pflicht, zehn Prozent meines vorgeblichen Einkommens monatlich an die Nationalbank zu überweisen. Das für die edle Währung dankbare Geldinstitut sandte daraufhin meiner Familie eine zu einem entsprechend günstigsten Kurs umgerechnete Forintsumme zu. Aus ungarischer Sicht ähnelte mein Status dem eines der zahlreichen Gastarbeiter.

Mit Hilfe von Freunden zog ich deshalb illegal in eine heruntergekommene Gemeindebude des 18. Bezirks ein. Den kirchenmausgerechten Wohnpreis zahlte ich bar an den Hauptmieter. Allmählich begann ich mit Texten für deutsche Sender und Zeitungen Geld zu verdienen und eröffnete sogar Girokonten bei Banken beider Staaten. In Österreich galt ich nun als „Devisenausländer“, die Deutschen als geborene Sprachkünstler fanden ein noch viel besseres Wort dafür: „Gebietsfremder“. Kein Wunder, dass ich mich trotz schwarzer Zahlen von der Gunst der Filialen abhängig fühlte, die bei jeder Abhebung mit der Zentrale telefonierten. Dass außerdem noch so etwas wie ein Finanzamt existierte, erfuhr ich viel später aus der bohrenden philosophischen Frage der Wiener Steuerbehörde nach „dem Mittelpunkt meiner Lebensinteressen“.

Budapest, Lenin körút Nr. 101, erster Stock, Wohnung sechs, hätte ich bedenkenlos geantwortet, wäre ich nicht vor jeder spontanen Ehrlichkeit gegenüber einer offiziellen Institution von Haus aus gefeit.

Unsere Familie mietete in diesem Haus seit 1928 eine Zweizimmerwohnung und bewohnte sie – bis auf den unangenehmen Zwischenaufenthalt im Ghetto, November 1944 bis Januar 1945 – in recht unterschiedlicher Zusammensetzung. Ich selbst war hier als Neubewohner anno 1943 in das Matrikelbuch eingetragen worden. Das 1893 gebaute Jugendstilhaus am Leninring verfügte über ein Vorderhaus, das mit allem Komfort ausgestattet war und über einen Seitenflügel, der jeglichen Komforts entbehrte. In diesem Seitenflügel spielten sich meine Kinder- und Jugendjahre ab. Speisesaal, Schlafkoje, Arbeitsplatz, Liebesnest, Tanzparkett, Schenke, politisches Aktionszentrum und Bibliothek – die zwei Zimmer mit Eingang aber ohne Bad erfüllten in diesen Jahren viele Funktionen. Am schlechtesten waren sie zum Wohnen geeignet.

Kurz vor der Geburt unserer Tochter, 1972, stellten wir beim Bezirksrat einen Antrag auf „soziale Verbesserung“: Wir waren bereit, den Lenin körút gegen eine Dreizimmerwohnung mit Zentralheizung und Bad aufzugeben – und sei es in einem anderem Bezirk. Ein Recht, das uns als fleißigen und vermehrungswilligen Werktätigen des sozialistischen Vaterlandes eigentlich zukommen sollte. Allerdings fanden wir uns am Ende einer Warteliste von 40.000 Personen wieder. Also begannen wir, für alle Fälle, das Projekt Badezimmer und Heizung aus eigener Initiative zu verwirklichen. Ich erinnere mich daran, dass die Kosten aus dem Ertrag meiner Übersetzug des DDR-Standardwerks Kleine Enzyklopädie Weltgeschichte gedeckt werden konnten, die jedoch, anders als es der bescheidene Titel vermuten ließ, 900 Manuskriptseiten umfasste.

Ich lebte schon das zweite Jahr in Wien, als mich gegen Mitte des Jahres 1988 ein Angebot des Bezirksrats erreichte. Es ging nicht etwa darum, endlich das vor nunmehr fünfzehn Jahren beantragte Vollkomfortparadies mit drei Zimmern zu beziehen. Vielmehr bot man uns an, unsere Mietwohnung für genau 250.000 Forint dem Staat abzukaufen. Das war ein Spottpreis; offensichtlich wollte der marode Staat seine 1948 durch Zwangsenteignung ergatterten Besitztümer – und noch mehr die mit diesen zusammenhängenden Verpflichtungen – möglichst schnell und um jeden Preis -loswerden, um an das Geld der Bürger heranzukommen. Diese erste Privatisierungskampagne war, wie wir heute wissen, ein Zeichen des Systemzerfalls, der in Ungarn früher als anderswo begonnen hatte. Für uns war die Summe des großzügigen Angebots dennoch erschreckend. Mit Krediten, Westhonoraren und Sparguthaben gelang es schließlich, jene 68 Quadratmeter unbequemer Wohnfläche, auf denen ich die größere Hälfte meines Lebens verbracht hatte, als Eigentum zu erwerben.

Als frisch gebackener Eigentümer begann ich, „mein Haus“ mit anderen Augen anzuschauen. Zuerst merkte ich, wie nachlässig unsere sozialistischen Vorgänger bei der letzten Renovierung Anfang der achtziger Jahre gewesen waren. Wasser-, Gas- und Stromleitungen mussten immer wieder ausgebessert werden. Sorgfältig waren sie nur mit dem historischen Stuckputz verfahren, den sie gnadenlos überall abgeschlagen hatten. Diese Baufälligkeit war keineswegs ein rein ästhetisches Problem: Zwar brauchten wir keine Miete mehr zu bezahlen, aber die so genannten „gemeinsamen Kosten“ überstiegen die frühere Miete bald um ein Mehrfaches. Dies begann bereits im wunderbaren Jahr 1989, das noch weitere bleibende Veränderungen bescherte. Zuerst verschwand als Relikt der Vergangenheit der Torschlüssel; er wurde durch eine elektrische Tafel ersetzt, auf der jeder Bewohner seinen vierstelligen Geheimcode eintippte, wenn er nach Hause wollte. Dies war lästig für uns und störte die Einbrecher nicht besonders – sie trachteten vor allem nach den Schaufenstern der kleinen Privatläden im Erdgeschoss, nicht zuletzt nach der Trikotagen eines Etablissements, das seit den fünfziger Jahren in unserem Haus logierte und trotz der rigiden Politik der Behörden aufgeblüht war, vor allem dank der Touristen aus den Bruderstaaten. Schließlich resignierte der arme Textilhandwerker und verkaufte seinen prächtigen Ladenraum mit Blick auf den Großen Ring. Es dauerte nicht lange, bis aus dem Fachgeschäft der „Massagesalon Blue Love“ geworden war. Ungefähr zur gleichen Zeit verlor die Straße Lenins Namen, und erhielt ihre ursprüngliche Bezeichnung Teréz-körút zurück, denn sie bildete die Hauptverkehrsader des zentral gelegenen Bezirks Terézváros.

Nicht nur der Strumpfhändler, auch immer mehr andere Mieter verließen das Haus. Offensichtlich störten sie sich am enorm gewachsenen Straßenlärm und den Ausdünstungen des Autoverkehrs. Statt neuer Bewohner bezogen Büros in- und ausländischer Unternehmer die frei gewordenen Quadratmeter. So geschah es übrigens am Ende auch mit unserer Wohnung.

Wenn ich heute aus Berlin nach Ungarn reise und als Spukgestalt in meiner Geburtsstadt auftauche, wohne ich in einem anderen Bezirk, komme aber auf jedem meiner Wege am alten Leninring vorbei. Ich wechsele mit den wenigen verbliebenen Mietern ein paar Worte. Fast immer reden wir dann über die Teuerung – in Ungarn spricht man von der Teuerung wie man in Deutschland über das Wetter redet. Mit einer gewissen Nostalgie schaue ich auf unsere Fenster und sehe die drei Konvektoren, die wir für die Gasheizkörper seinerzeit einbauen ließen – sie funktionieren immer noch! Ich denke an meinen Schreibtisch, der mit zwei als Raumteiler aufgestellten Bücherregalen einmal meine Arbeitsstube bildete. Ja, wir mussten diesen Halbkomfortwohnsitz hinter uns lassen, ebenso wie wir das ganze System hinter uns lassen mussten. Wir konnten auf die lange versprochenen Verbesserungen einfach nicht mehr warten.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 05.02.2009

Ausgabe 39/2020

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 1