Endlich Klarsprech

Homo-Ehe US-Präsident Barack Obama bekennt sich erstmals öffentlich zu einem Ja zur Ehe auch für gleichgeschlechtliche Partner: Der evangelikale Spuk scheint gebrochen

Ellen DeGeneres, prominenteste Talkmasterin der USA und unverheimlichte Lesbe, weinte, als sie davon hörte; Freunde von mir aus Portland, Northampton und aus der Nähe von Big Sur schrieben mir in den Morgen hinein beinah hysterisch-glückliche Mails. Ihr aller Tenor war gleich: Endlich hat er es getan, sein Zaudern und Zögern waren auf Anhieb passé. Und: Jetzt kann aus vollem Herzen für ihn die Spendenbüchse herumgereicht werden – weil er eben doch der Präsident ist, den man immer in ihm sehen wollte. Tatsächlich hat Barack Obama das eigentlich Unerwartete in einem US-Morgenmagazin des Fernsehens bekundet: Dass er umgedacht habe und nun befürworte, dass auch homosexuelle Paare die Ehe eingehen können.

Das sei eine Binse? Haben nicht einige US-Bundesstaaten, wenn auch nicht die Ehebestimmungen für Lesben und Schwule geöffnet, so doch wenigstens die Rechtlichkeit von Civil Unions ermöglicht, also Eingetragene Lebenspartnerschaften, Ehen sozusagen zweiter Klasse? Nein, das ist keine Trivialität.

Aus linker oder linkslibertärer Perspektive war die Ehe ohnehin stets ein bürgerliches Gut, das abgeschafft gehört. Nie war den Kritikern der Ehe aufgefallen, dass sie als Gegner der Ehemöglichkeit Homosexueller in Allianz mit Klerikern aller Konfessionen waren und sind. Bürgerrechtler aus dem schwul-lesbischen Spektrum der USA, die sich meist wenig für Queer Theory und mehr für die praktische Durchsetzung von Politik in der Gesetzgebung einsetzten, schworen jedoch stets: Die Ehe ist ein solch starkes Symbol für die heteronormative Struktur einer Gesellschaft, dass die Integration von Homosexuellen in diese Rechtlichkeit von Beziehungen erstens eine Stärkung von homosexuellen Interessen und zweitens eine Säkularisierung der Ehe selbst bedeutet.

Heteronormative Matrix

Säkularisierung? Ja. Die Ehe in ihrer traditionellen Form war und ist meist noch religiös heftig überfrachtet. Und diese Religion heißt Gemischtgeschlechtlichkeit – die Ehe als Belohnungsanker in einer Gesellschaft, die Schwules oder Lesbisches nur als Abweichung, nicht als gleichwertige Möglichkeit anerkennen wollte. Kein Wunder, dass sich gegen die Ehe auch für Schwule und Lesben vor allem Konservative und Evangelikale, jedenfalls konfessionell eifernde Kräfte einsetzten. Ja, mehr noch: Sie drohten, dass, wer sich für die Öffnung der Ehe jenseits der heteronormativen Matrix einsetze, könne keine Mehrheit gewinnen. Eine Erpressung, der sich die meisten Demokraten in den USA unterworfen. Sich bloß nicht mit dem vermeintlichen Mainstream anlegen, der noch nicht reif für das bürgerrechtliche Projekt im Geiste von Liberalität und Chancenausweitung sei.

Mir scheint eher dies möglich: Jahrzehntelang ließen sich Demokraten und liberal gesinnte Konservative von den aggressiven Meuten der Christlichen und Christianisierenden einschüchtern. Wenn Barack Obama jetzt en passent öffentlich sich zur Öffnung der Ehe bekennt, wird ihn das im Hinblick auf seine Wiederwahlchancen stark profilieren: als einen, der sich gegen die Tea Parties und Religiösen durchsetzen will. Das wiederum macht ihn glaubwürdig in den eigenen Reihen, in denen es bisher nur als das kleinere Übel gilt, ihn im November zu wählen.

Signal der Abtrünnigkeit

Im Übrigen ist Obamas Geste – der noch kein Gesetz folgt, weil die Ehebestimmungen in den US-Bundesstaaten föderativ geregelt werden – auch ins Ausland hinaus ein Signal der Abtrünnigkeit. Während gerade die Feinde des westlichen way of life – die muslimisch geprägten Länder, aber auch die postsozialistischen Nationen wie in Osteuropa – verzweifelt versuchen, Heterosexualität quasi in den Verfassungsrang hieven, als sei sie ein Naturding, spricht der US-Präsident über Möglichkeiten, für Weiterungen, für Dehnungen, für Integrationen. Rechte, die ein Paar beansprucht aus seinem Willen zur zivilrechtlichen Besiegelung ihres Liebesbündnis heraus, sind solche, die nicht moralisch fundiert sein müssen – sondern allenfalls über das, was die Soziologin Eva Illouz als Fundament der reinen Beziehung begreift: die Liebe. Und die ist nicht an sexuelle Orientierungen gebunden.

Barack Obamas Mitteilung ist kaum zu überschätzen. Keiner seiner Nachfolger kann hinter sie zurück, ohne zu risikieren, für eng und normierend gehalten zu werden. Das gilt selbst für Konservative. Das Evangelikale, die Zurichtung der USA auf deren Bedürfnisse hin, hat seinen Zenit überschritten. Eine kleine Ansprache reichte, um den Spuk der vergangenen drei Dekaden zu zerbröseln. Sie sind schwach geworden, die Rechten in den USA. Jetzt muss man sich nicht mehr vor ihnen, vor ihrer möglichen Majorität fürchten. Sie sind ohnehin nur noch: Gespenster aus einer verkniffenen Welt.

Jan Feddersen, Jahrgang 1957, schreibt seit vielen Jahren über Themen zu Schwulen und Lesben. Er ist verheiratet, kinderlos und Redakteur für besondere Aufgaben der TAZ in Berlin.

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18:55 10.05.2012

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