Endstation für den "Freund der Eisenbahn"

ENDSTATION FÜR DEN "FREUND DER EISENBAHN" Unternehmer wollte zehn Millionen Mark von der Bahn erpressen. Dreimal soll er deshalb Anschläge auf Gleisanlagen verübt haben. Lebenslange Haft verlangt nun die Staatsanwaltschaft

Mit der Wahrheit geht Klaus-Peter S. großzügig um. Er sagt sie immer wieder - nur eben immer anders. Und wenn er seinen Richtern dadurch Rätsel aufgegeben hat und sich unbeobachtet fühlt, dann gönnt sich der eigentlich leidend wirkende Mann mit grauen Haaren ein Lächeln. Obwohl ihm eine lebenslange Haftstrafe droht.

Klaus-Peter S. ist der Mann, der zehn Millionen Mark von der Deutschen Bahn AG erpressen wollte. Mehrfach schickte er Drohschreiben an die Bahn, die er mit "Freunde der Eisenbahn" unterzeichnet hatte.

Das bestreitet der 47-jährige Unternehmer aus Sachsen nicht. Laut Anklage aber soll S. auch für drei Anschläge auf Gleisanlagen verantwortlich sein. Zwei davon wertet die Staatsanwaltschaft als versuchte Morde an Reisenden aus Habgier - heimtückisch und mit gemeingefährlichen Mitteln begangen.

Einmal gab S. diese Anschläge vor Gericht zu. "Es war ganz einfach", gab er sich kühl, berechnend und überlegen. Er sei sich aber sicher gewesen, dass es zu "keiner Zeit eine Gefahr für Personen gab." Als gelernter Maschinenbauer, der in den siebziger Jahren kurze Zeit als Gleisarbeiter tätig war, habe er das alles richtig einschätzen können.

Ein anderes Mal aber will er es doch nicht gewesen sein. Da nannte er dann vier angebliche Komplizen - darunter seine Ehefrau. Und den Richtern, die schwer zu schlucken hatten an der neuen Lage, versicherte er freundlich nuschelnd: "Das ist jetzt die Wahrheit."

Dreimal soll S. mit Spezialwerkzeug losgezogen sein, um Gleisanlagen zu manipulieren und damit seine Millionenforderung zu untermauern. Trifft die Anklage zu, dann lockerte er am 8. Dezember 1998 an der Strecke Hannover - Berlin die Schrauben an 24 Schwellen und verbog die Schienen um 37 Millimeter.

Gegen 6.54 Uhr raste der mit 300 Fahrgästen besetzte ICE 841 über diesen Abschnitt. "Ich merkte, wie der Zug förmlich abhob", wird später der Lokführer im Prozess beschreiben. Nur durch Zufall sprangen die Räder wieder ins Gleis. Ein Sachverständiger schätzte schließlich ganz untechnisch ein: "Wie durch ein Wunder kam es nicht zur Katastrophe."

Zehn Tage später dann ein Anschlag mit Folgen. Der Güterzug 44707 auf der Strecke Berlin - Stralsund wird durch gelockerte Schwellen aus dem Gleis geschleudert. 16 Wagen liegen in der Nähe von Anklam in Mecklenburg-Vorpommern in einem Umkreis von 200 Metern durcheinander, die Gleise ragen meterhoch wie Speerspitzen in den Himmel.

Nach diesem Anschlag war die Angst groß in der Republik. Der Staat setzte modernste Technik ein. Luftwaffen-"Tornados" mit Spezialkameras überwachten die Gleisanlagen, und Hubschrauber mit Wärmebildkameras spähten nach Verdächtigen.

Die Gier nach Luxus und Reichtum - sie endete für den verschuldeten Unternehmer am 22. Dezember 1998. Den ganzen Tag lang hatte der Bahnerpresser den Geldboten kreuz und quer durch Deutschland gelotst. Am späten Abend hieß der Anlaufpunkt Rastplatz Irschenberg an der Autobahn München - Salzburg.

Als das Fahrzeug mit dem Geld auf den Parkplatz rollte, zögerte S. nicht lange. Er klopfte kurz an die Scheibe, öffnete den Kofferraum und griff nach den Taschen mit den erhofften Millionen. Für die satte Beute hatte er Mülltüten mitgebracht. Dort hinein wollte er die Bündel stopfen, dann in sein Mercedes Cabriolet steigen und sich auf und davon machen in eine sorgenfreie Zukunft.

Doch Klaus-Peter S. bemerkte nicht, dass am Steuer des Wagens, in dem zehn Millionen Mark für den Erpresser bereit lagen, kein Bote der Bahn, sondern ein Kriminalbeamter saß. Bevor sich S. auf die Scheine stürzen konnte, sich schwer bewaffnete Experten vom Mobilen Einsatzkommando der Grenzschutzgruppe 9 (GSG 9) und des Bundeskriminalamtes auf ihn.

Vor sieben Monaten trat Klaus-Peter S. das erste Mal vor das Berliner Landgericht. Genauer gesagt: Er schleppte sich bis zur Anklagebank. Ein Bild des Jammers bot der Mann, der in seiner Wahlheimat in Sachsen einst so etwas wie ein "Hecht im Karpfenteich" gewesen sein soll. Nun hing ein Mundwinkel herunter, ein Auge war geschlossen, der zitternde Oberkörper hatte Schlagseite.

Sein Verteidiger sprach von einem "Hirninfarkt", den S. in der Untersuchungshaft erlitten habe. Dadurch sei sein Mandant verhandlungsunfähig. Richter Achim Sachs wollte wenigstens eine kleine sprachliche Äußerung des Angeklagten hören. "Er kann nicht", antwortete Anwalt Achim Groepper sofort. Sachs aber ließ nicht locker.

Schließlich raffte sich S. auf. "Ich kann nicht", presste er quälend langsam Worte in den Raum. Das wirkte - Betroffenheit herrschte im Saal, und S. beobachtete das zwischen den zusammengepreßten Lidern genau.

Eine Ärztin kam allerdings zu dem Schluss: "Ich habe den Eindruck, dass Herr S. übertreibt, er ist verhandlungsfähig." Mit Spannung wurde nun die Aussage des Angeklagten erwartet. Er hatte schließlich nach seiner Festnahme ein Geständnis abgelegt. Das Gericht hatte nur drei Verhandlungstage eingeplant und keine Zeugen geladen.

Im letzten Sommer aber schwieg Klaus-Peter S. eisern. Damals schien sich die Erpressung plötzlich im Gerichtssaal fortzusetzen. Um seinen Mandanten zur Aussage zu bewegen, schlug der Verteidiger ein "Entgegenkommen im Strafmaß" vor. In Zahlen ausgedrückt: Statt der drohenden lebenslangen Haft sollte S. eine Strafe von maximal zehn Jahren zugesichert werden.

Da aber machten die Richter nicht mit. Sie setzten das Verfahren für vier Monate aus. In der Zwischenzeit wurde eine umfangreiche Beweisaufnahme vorbereitet. Ende September war es dann so weit: Zum zweiten Prozessanlauf kam S. in den Saal 618 des Kriminalgerichts in Berlin-Moabit.

Doch wieder litt er, wieder humpelte er. "Wie geht es Ihnen", fragte Richter Sachs. "Den Umständen entsprechend", sagte S. mit gepresster Stimme. "Ich habe noch immer diese Lähmungserscheinungen und furchtbare Kopfschmerzen."

Diesmal aber half die eine und andere Tablette. Klaus-Peter S. sprach dann endlich über das, was sich kurz vor Weihnachten 1998 abspielte. "Aus finanziellen Gründen kam ich auf die Idee mit der Erpressung", gestand er.

Detailliert beschrieb er jene Wochen. Sprach von seinen Fahrten in einem geliehenen Mercedes quer durch Deutschland. Von dem Ausspähen der Strecken. Von dem nächtlichen Schrauben an den Gleisen. Er berichtete davon, dass er seiner Frau aufgetischt hatte, er würde 300.000 Mark aus einer amerikanischen Firma abziehen, das Geld erst nach Belgien, dann nach Italien transferieren und so auf drei Millionen Mark verzehnfachen. Nur weil er "fix und fertig" war, sei er den Beamten auf dem Parkplatz "ins offene Messer gelaufen".

Damals wie heute - S. will nicht klein beigeben. "Da soll was gezündet werden", drohte der gerade geschnappte Erpresser den Beamten, "drei oder vier Teams sind unterwegs." Scheitere die Geldübergabe, gingen in den Bahnhöfen Hamburg, Frankfurt/Main und Nürnberg Sprengsätze hoch. "Verarschen Sie uns?" fragte ein Beamter zwar noch. Aber nach den Anschlägen und der Gefahr, dass es doch andere "Freunde der Eisenbahn" geben könnte, gingen die Experten sofort auf die Suche.

Mitten im Weihnachts-Reiseverkehr wurden die angeblich gefährdeten Bahnhöfe evakuiert. Jeden Winkel durchsuchten die Beamten. Doch von Bomben war keine Spur. Derweil plauderte S. bei der Polizei, bezichtigte "Ecki", "Berni", "Horst", "Kurt" und viele andere der Mittäterschaft.

Später stellte sich heraus: Die einen waren Freunde des Angeklagten. Als der Richter wissen wollte, ob sich S. dafür nicht schäme, zeigte er sich selbstgefällig: "Ich war mir sicher, dass gute Freunde so etwas verzeihen." Andere zu Unrecht Beschuldigte waren einstige Arbeitnehmer des Unternehmers. Der Angeklagte ungerührt: "Das habe ich aus Böswilligkeit gemacht, aber wieder zurückgenommen."

In seiner ersten Aussage vor Gericht gestand S.: "Nur im Falle des Güterzuges wollte ich, dass etwas passiert." Da nämlich sei ihm "der Kragen geplatzt", weil die Bahn auf seine vier Erpresser-Schreiben nicht reagiert hatte. Während S. bei seiner Vernehmung bei der Polizei noch behauptet hatte, er habe Mittäter, "Männer mit Kalschnikows", amüsierte ihn im September die Frage des Richters danach. "Habe ich nur so gesagt, ich hatte gar keine Komplizen."

Ende Oktober hörte sich die Wahrheit des Klaus-Peter S. wieder ganz anders an. "Es gab doch Mitttäter", überraschte er eines Morgens seine Richter, "drei Männer noch und meine eigene Ehefrau", stotterte der Angeklagte, "ich fang jetzt von vorne an mit meiner Aussage."

Und Annegret S., die Mutter seines zweijährigen Kindes, wurde sogar zur zentralen Figur in der Schilderung des Angeklagten. "Sie hat mich unter Druck gesetzt, die Kontakte zu den Komplizen hergestellt." Wieder einmal rätselte das Gericht. Wollte sich S. an der Ehefrau rächen, weil die möglicherweise an Trennung denkt? Hatte er von dem vor der Saaltür so gern diskutierten Gerücht gehört, die gutaussehende Frau S. habe sich nun einen reichen Freund zugelegt? Er sagte, er habe die Sache zuerst zum Schutze seiner Familie auf seine Kappe nehmen wollen, nun aber eine "Kehrtwende" gegenüber seiner Frau gemacht.

Als Annegret S. den Gerichtssaal betrat, wirkte Klaus-Peter S. aufgekratzt. Munter wanderten seine Blicke durch den Raum, er tuschelte aufgeregt mit seinem Anwalt. Und gepflegt sah er aus, hatte sich die Haare schneiden lassen. Vielleicht, weil Annegret S. als Frisörin darauf immer großen Wert gelegt hat.

Er hörte dann, wie sie ihn als einen Mann beschreibt, der gern im Mittelpunkt steht, Frauen gegenüber "nicht abgeneigt war". Ihrer Meinung nach war er nie ernsthaft krank, aber oft wehleidig. Für alte Jaguars oder ausgefallene Cabriolets habe S. eine Vorliebe und er sei ein Mann, der "unwahrscheinlich gerne und gut isst". Eine Beteiligung an der Erpressung bestritt die Frau vehement. "Mein Mann hat eine blühende Phantasie", sagte sie. "Er manipuliert Menschen wie Marionetten." Und er sei geltungssüchtig.

Als S. in dem Ort bei Chemnitz auftauchte, war er der Geschäftsmann aus dem Westen mit Ost-Vergangenheit. Seine Wiege stand in Lüneburg, doch 1960 ging sein Vater mit ihm in die DDR. Eine missglückte Republikflucht brachte S. ins Gefängnis, 1983 wurde er in den Westen abgeschoben. Nach der Wende gründete er in Sachsen eine Recyclingfirma. Leider entsorgte er kontaminierte Kraftwerks-Asche nicht ordnungsgemäß. Auch mit etlichen Baufirmen scheiterte der Unternehmer. Am Ende war er mit zwei Millionen Mark verschuldet.

Dass Annegret S. tatsächlich Drahtzieherin der Bahn-Erpressung gewesen sein soll, kann sich im Gerichtssaal niemand ernsthaft vorstellen. Sie mag von Mogeleien im Geschäftsleben ihres Mannes gewusst haben, gerade vor Weihnachten 1998. Denn ihr eigentlich bankrotter Ehemann hatte plötzlich eine Urlaubsreise nach Florenz angesetzt.

Als sie in einem schicken Hotel in Italien saß, ging er fort. Mit der Bemerkung, er wolle "Geld besorgen, drei Millionen Mark". Sie sollte ihm noch Mülltüten für die Scheine geben. Als sie mit leerer Brieftasche in Florenz wartete, wurde er verhaftet. Am 25. Dezember rief sie ihre Schwester in Deutschland an. "Klaus-Peter ist verschwunden, soll ich zur Polizei gehen?" wollte sie einen Rat. Die Antwort der Schwester: "Das brauchst du nicht, die Polizei ist schon da, hat deinen Mann verhaftet."

Nach 18 Verhandlungstagen stand für die Staatsanwaltschaft fest, dass Klaus-Peter S. als Alleintäter überführt worden sei. Nichts habe sich ergeben, was für eine Mitwirkung anderer sprach. Um zehn Millionen Mark zu erpressen, habe der Angeklagte "um ein Haar hunderte von Menschenleben ausgelöscht", sagte Ankläger Ingo Kühn in seinem Plädoyer. Skrupellos habe S. den möglichen Tod von Lokführern und Reisenden billigend in Kauf genommen. "Er wollte nur Geld und dann den großen Mann darstellen, davon hat er sich blenden lassen."

Aus Sicht des Anklägers kann auf die "extrem hohe kriminelle Energie" des Erpressers nur mit der Höchststrafe reagiert werden. Lebenslange Haft beantragte Kühn. Klaus-Peter S. saß kerzengerade auf der Anklagebank, selbst im Gesicht schien jede Faser angespannt. Nicht überrascht oder niedergeschlagen wirkte er nach den Worten des Staatsanwalts. Nein, eher wie einer, der angestrengt grübelt, der sich noch nicht geschlagen geben will. Mit einem Urteil wird noch im Januar gerechnet.

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Ausgabe 42/2021

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