Entgegen dem kühlenden Morgen

Alltag Wer will schon wach sein, oder: Alles ruhig im Zustellbezirk. Unterwegs mit einer Zeitungsausträgerin

4.03 Uhr, Boltestraße*: Zum Fürchten ist dieser Park, in dem der Gutsherr seine Vorfahren beerdigt hat. Aber nicht in der Geschichte, im Moment lebt Elke Meißmann, und der Moment ist kurz. Im Takt ihrer Schritte raschelt das Laub zum Erschrecken laut, es sind kleine und schnelle Schritte. Elke hat keine Zeit, sich zu fürchten. Im Mondlicht ist sie allein auf der Welt, möchte sie glauben, zumindest für die nächsten zwei Stunden, allein in diesem 500-Seelen-Dorf. "Angst darf man nicht haben." Elke. 55 Jahre alt, stämmig, breites Kreuz, Augen zusammengekniffen, brauner Stufenschnitt. Sie fängt bei Haus Nummer 4 an. "Weil der Herr bald zur Schicht muss." Sie sitzt schon wieder im Auto, startet den Motor, fährt ein paar Meter, stoppt, geht zum Kofferraum. 150 Zeitungen in zwei Stunden.

4.17 Uhr, Steinkampweg: Nummer 6 hat immer noch keinen Bewegungsmelder. Ein schmaler Plattenweg zwischen Mauer und Kiefernadeln führt zum Eingang, es riecht nach Wald. Elke sagt, der Hausbesitzer sei Architekt. Heute hat sie ihre Taschenlampe vergessen, die steile Treppe wird zum Drahtseil. Gestürzt ist Elke bei der Arbeit noch nicht, aber verletzt hat sie sich schon. An der Hauswand von Nummer 7 hängt einer dieser Briefkästen, die sie gar nicht mag, weil die viel zu klein sind für die dicke Zeitung und weil die Kanten so scharf sind, dass Elke sich die Finger schneidet, wenn sie nicht aufpasst. Kräftig sind diese Finger, rau und trocken, Finger, die viel arbeiten, die anpacken, wenn Elke die Zeitungen aus dem Kofferraum holt und unter den Arm klemmt.


4.50 Uhr, Amselplatz: An einem Gerüst flattert Kunststoffplane, der Deckel des Baucontainers klappert im Wind, dahinter liegt unscharf ein Feld, als wäre die Luft mit Kohlenstaub angefüttert. Nur einmal, vor Jahren, hat sich Elke gefürchtet, als hier um diese Uhrzeit ein schwarz gekleideter Mann mit großer Krempe am Hut spazieren ging. Er hat sich nicht umgedreht, aber sie ist sicher, dass er sie gesehen hat, und plötzlich war er weg. Gespenstisch sei das gewesen. Schon damals war der Vorbau von Nummer 2 nicht abgeschlossen. Elke öffnet die Tür und legt die Zeitung auf den Boden. Der Hausbewohner ist ein alter Herr und der einzige Frühaufsteher auf dem Platz. Er glaubt an Sauberkeit, fegt jeden Tag die Straße, nur nicht sonntags. "Es ist ein sauberes Dorf", sagt Elke, die seit 30 Jahren hier wohnt.


5.00 Uhr, Dorfstraße: Elke trägt ihre Jacke jetzt offen, der rote Fleck auf ihrer Wange sieht aus wie Afrika auf der Landkarte. Eben hat sie dem Gutsherrn seine Zeitung in die Hecke gesteckt, vor dem Fachwerkhaus nebenan steht ein Steintopf. Elke steckt die Zeitung in einen Plastikbeutel, bevor sie sie hineinlegt. Der Hausbesitzer ist Rentner und ein schwieriger Kunde. Er meint, er müsse die Zeitung vor allen anderen bekommen. "Ein Zusteller ist doch keine Maschine", sagt Elke. Sie macht den Job seit zehn Jahren. Die Zeitung für Nummer 8 fühlt sich dünn an. "Ein Fehllauf." Elke nimmt eine andere vom Stapel, die dünne behält sie für sich.


5.10 Uhr, Am Bach: Dass bei Nummer 3 Licht brennt und das Fenster im ersten Stock sperrangelweit offen steht, wundert Elke nicht. "Der schläft immer so." Der Mann arbeitet bei der Verwaltung. Wenn sie ihm am Tag begegnet, grüßt er freundlich. Eigentlich denkt sie bei der Arbeit am liebsten an ihre Enkelkinder und nicht an das, was hinter den Mauern passiert. Aber bei der Tierärztin kommt sie ins Grübeln. Jeden Morgen läuft der Fernseher hinter der Scheibe. Die Frau ist älter als 50 und nicht verheiratet, lebt aber mit einem Mann. Manchmal fragt sich Elke, was die so früh machen, dass der Fernseher läuft. Am Ende der Straße beginnt der Wald. Nur im Sommer bleibt Elke stehen. Manchmal sieht sie dann Rehe und Hasen. Sie sagt, zu dieser Zeit gehört das Dorf den Tieren und ihr.


5.33 Uhr, Nordstraße: Häuser dicht an dicht, Zäune schenkelhoch, die Hecken und Büsche in Form geschnitten, eine Idylle in Grau. Nach vorne gebeugt huscht Elke in ihren flachen Ballerinas durchs Scheinwerferlicht, der linke Fuß ist nach außen gedreht. Früher, als es noch nicht so viele Zeitungen waren, ist Elke mit dem Fahrrad gefahren. Jetzt geht sie die langen Einfahrten zu Fuß, weil sie die Schlafenden mit dem Auto nicht wecken will.


5.55 Uhr, Drosselweg: Elke kennt die Menschen im Neubaugebiet noch nicht gut. Die Familie in Haus Nummer 7 sei aber ein bisschen schludrig. Vor zwei Wochen musste Elke sie aus dem Bett klingeln, weil der Haustürschlüssel von außen steckte. "Leute, ihr macht es den Einbrechern aber leicht", hat sie gesagt. Ein Kinderfahrrad lehnt an der Wand, als würde es schlafen. Neidisch ist Elke nicht. Aber manchmal denkt sie, dass es schön wäre, länger im Bett zu liegen.


6.10 Uhr, Forstweg: Nummer 6 bekommt die letzte Zeitung. Es ist das Haus, in dem früher die Post war. Mittlerweile kann man im Dorf nur noch Zigaretten kaufen, am Automaten. Jalousien öffnen sich. Das Dorf wacht auf. Elke wird sich nicht wieder hinlegen, fünf Stunden Schlaf genügen. Sie wird nach Hause fahren. Sie wird Kaffee trinken und die Zeitung lesen. Wort für Wort, Satz für Satz wird sie sich an der Vergänglichkeit entlang hangeln. Austragen, lesen und wegwerfen. Morgen wieder von vorn.


* Alle Namen von der Redaktion geändert

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