Entschlossener Griff nach dem ökonomischen Hebel

Hochschulreform Zur traditionsvergessenen Programmlosigkeit der neuen Hochschulsemantik

In den sozialliberalen siebziger Jahren debattierte man heftig über die Idee der Universität, über Hochschulautonomie, Bildung und gesellschaftliche Verantwortung. Heute gibt es keine großen programmatischen Entwürfe mehr. Stattdessen herrscht ein hektischer Aktionismus und traditionsblinder Pragmatismus: Wissenschaftsminister, Ministerialbürokraten, eilfertige Rektoren basteln an einer neuen Universität. Die soll wie ein Wirschaftsunternehmen effizient, international und marktorientiert arbeiten. Das führt zwar zu diskursiven Turbulenzen im Feuilleton, aber dem Miteinander von bildungspolitischer Programmlosigkeit und administrativer Maßnahme begegnen das publikationsfreudige akademische Personal und die Redaktionen eher hilflos. Offenbar fällt es schwer zu begreifen, dass nun ein langfristiger neoliberaler Trend, sozusagen parteiübergreifend, auch die Universitäten erfasst.
Die bildungspolitische Programmlosigkeit erklärt sich aus einem nahezu religiösen Vertrauen in die heilsamen Kräfte des Marktes und seine Apostel, der Unternehmensberater. Von hier bezieht die neue Hochschulsemantik ihre dürftige konzeptuelle Ausrichtung. Nehmen wir z. B. den Bericht eines hochrangigen Expertenrates, der - nach eigenem Bekunden staatsfern, eingesetzt von der Regierung des Landes Nordrhein-Westfahlen - in einer Querschnittsuntersuchung das Studien- und Forschungsangebot der Hochschulen durchgemustert und Empfehlungen zu deren Weiterentwicklung ausgesprochen hat. Diese Empfehlungen können nicht als folgenlose Planspiele abgetan werden. Sie sind repräsentativ für den gegenwärtigen hochschulpolitischen Trend zu völlig neuen Sinnzuschreibungen. Sie dokumentieren den Umbau der Hochschulsemantik im Zeichen der "Markt- und Ökonomierhetorik". Ähnliches vollzieht sich schon seit längerem in der Staatssemantik. Demnach soll der Staat, schlank und effizient, die Bürger nicht weiter mit seinen sozialen Wohltaten bevormunden. Selbstmanagement ist angesagt, Fitness für den Weltmarkt statt Wohlleben in der Hängematte. Die Experten drängen auf einen fundamentalen Umbau der Universitätslandschaft, auf einen Traditionsbruch - unter Berufung auf die knappe Finanzlage, im Geiste marktanalogen Denkens und mit Blick auf den wachsenden internationalen Wettbewerb. Diese Neuorientierung irritiert vor allem Geisteswissenschaftler. So klagt mit feinsinnigem Bezug auf die Märchenwelt und Marx ein Althistoriker in der FAZ: "Die Wissenschaft soll endlich zum Goldesel werden: Der nordrhein-westfälische ›Expertenrat‹ sucht den Mehrwert in der Massenuniversität."
Ehedem ging von dem Begriff Reform Verheißungsvolles aus. Heute klingt er für die Geisteswissenschaften wie eine Drohung. Warum sollte man die Jammerreden der vermeintlichen Modernisierungsverweigerer, der Germanisten und Romanisten, der Theologen und Altphilologen überhaupt ernst nehmen? Wer hat sich früher um die Klagen der Seifensieder und Hutmacher gekümmert? Handelt es sich hier nicht um Rückzugsgefechte von Modernisierungsverlierern? Man wolle, so die Experten, den Hochschulen künftig "mehr Autonomie" gewähren und sie "beim Einsatz ihrer Mittel durch die Einführung von Globalhaushalten eigenverantwortlich und selbständig agieren lassen".
Eigenverantwortung, weniger staatliche Reglementierung und Selbststeuerung - das klingt nach Humboldtscher Autonomie. Und es meint doch etwas gänzlich anderes. Wenn von Autonomie, Eigenverantwortung und Selbststeuerung gesprochen wird, dann ist damit eine gegenläufige Ausrichtung der Hochschule intendiert; ihre Ausrichtung nach externen, marktanalogen Steuerungselementen. Die Sirenengesänge der neuen Hochschulsemantik verheißen zwar eine neue Unabhängigkeit von der Reglementierung des Staates, so als habe der bisher die verfassungsrechtlich garantierte freie wissenschaftliche Forschung geknebelt. Sie locken aber in eine prekäre Abhängigkeit von quantifizierenden Diagnoseinstrumenten, die zu einer substanzzehrenden ruinösen Therapie verleiten.
Noch vor gut zehn Jahren konnte die Denkschrift "Geisteswissenschaften heute" mit großer Resonanz die Kulturwissenschaften als den "Ort" bestimmen, an dem sich "moderne Gesellschaften ein Wissen von sich selbst in Wissenschaftsform verschaffen". Die neue Hochschulsemantik enthält nicht einmal in Restbeständen solch anregende Gedanken, die auf der Nützlichkeit eines Reflexionswissens beharren, das sich nicht einfach vermarkten lässt. Überhaupt sind hochschulpolitische Schlüsselbegriffe von gestern - Bildung für alle, Durchlässigkeit, gesellschaftliche Relevanz oder Chancengleichheit - ausgemustert. Mehr Geld wird, etwa unter Berufung auf den Massenandrang, die Überfüllungskrise, die Ausstattungsdefizite und die gewachsenen Aufgaben, nicht verlangt. Der Staat soll ja schlank werden. Stattdessen will man die Universitäten im Zeichen der Kostenneutralität mit den Steuerungsinstrumenten der Unternehmensberatung beweglicher und effizienter machen.
Sicher, die Humboldtsche Hochschulautonomie war schon immer eher eine regulative Idee denn eine feste Größe. Der Wohlklang diverser Denk- und Festschriften, das Pathos der zweckfreien Bildung durch Wissenschaft sollten uns nicht täuschen. Von Beginn an situieren sich die Geisteswissenschaften zwischen Autonomie und Resonanz. Diese fragile Balance muss auch heute noch immer wieder hergestellt werden - es sei denn, man versteht die philosophische Fakultät als muffiges Sterbehospiz für eine dahinsiechende Forscherspezies. Geisteswissenschaften stehen unter einem größeren Legitimationsdruck als Natur- oder Technikwissenschaften. Deshalb spielen für sie "Scharnierbegriffe" ein zentrale programmatische wie legitimatorische Rolle. Aber heute fehlen solche Scharnierbegriffe.
Ganz anders verhält es sich mit der neuen Hochschulsemantik. Sie zerstört die Balance zwischen Autonomie und gesellschaftlicher Resonanz, zwischen Forschungslogik und gesellschaftlicher Logik durch Vorstellungen, die sozusagen von außen stammen. Die neuen letztbegründenden Begriffe zeigen, wie sehr das neoliberale Denken der Unternehmensberater das konzeptionelle Denken der Hochschulpolitiker auf Linie bringt. Eine lingua oeconomica legt die Geisteswissenschaften herrisch auf eine Effizienzüberprüfung fest: Output, best practice, Benchmarking, Controlling, Fusion, Qualitätsmanagement. Daraus ergeben sich die quantifizierenden Diagnoseinstrumente, mit denen sich lange Tabellen auffüllen lassen: Betreuungsrelationen, Auslastung und Studiendauer, Drittmitteleinwerbung, Promotions- und Habilitationszahlen. Wer an messbarer Menge wenig aufzuweisen hat, der kann bestraft werden: also weniger Geld, weniger Stellen, letztlich Umwidmungen oder gar Fächerauflösungen. Diese Art der Quantifizierung macht gegenüber der Eigenart geisteswissenschftlicher Forschung eher blind und gleichgültig. Sie verführt zu einer Tonnenideologie, die sich schwertut, in der gleichen Quantität unterschiedliche Qualitäten auszumachen, und die vollends unfähig ist, bei geringer Quantität die mögliche große Qualität zu erkennen.
Auf diesen kopflosen Reformaktivismus sollte man nicht mit einem elegischen Rückblick reagieren, wohl aber mit einer historischen Selbstvergewisserung - nicht um sich in den verbliebenen Fluchträumen des Elfenbeinturms zu verkriechen, sondern um mögliche aktuelle Funktionspotentiale der Tradition abzuschätzen.
Die Humboldtsche Universität erteilt sowohl dem Utilitarismus des untergehenden spätabsolutistischen Staates als auch dem Pragmatismus der aufkommenden bürgerlichen Gesellschaft eine Absage und gerade dies begründet ihren Nutzen für die Gesellschaft. Die Offenheit des wissenschaftlichen Prozesses, der Appell an die selbstständige Reflexion in Wissenschaft und Lehre, die Betonung der Autonomie gegenüber den Ansprüchen der Politik und Ökonomie - diese vermeintlich unpraktischen und wirklichkeitsfernen Leitideen entfalten im 19. Jahrhundert eine enorme Modernisierungsfunktion beim Übergang Deutschlands vom rückständigen Hinterland des Westens zur modernen Industrienation: Mit ihnen wird Lernen programmatisch zur Dauerhandlungsbereitschaft. Sie treiben einen Professionalisierungsprozess voran, dessen Leistungswissen vom Bildungwissen profitiert. Gerade dieser Erfolg macht sie unzeitgemäß. Aber dies erlaubt nicht den Schluss, ihre produktiven Potentiale seien damit aufgebraucht.

Die "Hochschulreform" von Frau Bulmahn

Beschränkung von Zeitverträgen
Wer nach zwölf Jahren keine unbefristete Stelle hat, soll aus Lehre und Forschung ausscheiden. Universitäten und Betroffene befürchten eine massenhafte "Verschrottung" hochqualifizierter Wissenschaftler.

Abschaffung der Habilitation
Die Habilitation als sogenanntes "zweites", der Promotion folgendes "Buch" wird als Voraussetzung für ein Professorenamt abgeschafft.

Juniorprofessuren
Um das Berufungsalter zu verringern und um eigenständige Lehre und Forschung jüngerer Wissenschaftler zu ermöglichen, sollen vorhandene Stellen in circa 6.000, auf maximal sechs Jahre begrenzte Juniorprofessuren umgewandelt werden. Veränderte Besoldung der Professoren Das Grundgehalt der Professoren wird in drei Gruppen gegliedert: W1 - 3.260 Euro, W2 - 3.724 Euro und W3 - 4.533 Euro. Zusätzlich können leistungsbezogene Vergütungen gewährt werden.

Studiengebühren
Das Erststudium soll grundsätzlich gebührenfrei bleiben. Allerdings wird den Bundesländern eingeräumt, mit Ausnahmeregeln "zu lange" Studienzeiten mit einer Gebührenpflicht zu belegen. Studentenvertreter sprechen von einer "schleichenden" Einführung von Studiengebühren.

Unverkennbar entsteht gegen Ende des 19. Jahrhunderts mit der entfalteten Industrialisierung eine Diskrepanz zwischen der zweckfreien universitären Bildung und den praktischen Anforderungen von Wirtschaft und Gesellschaft. Damit steigen die Natur- und Technikwissenschaften im Kurs; damit treten Bildung und Wissenschaft auseinander. Die Entwicklung von der "Bildung durch Wissenschaft" zur "Wissenschaft als Beruf" hat keiner gründlicher als Max Weber analysiert. Das Prinzip der Persönlichkeit müsse durch das Prinzip der Sachlichkeit ersetzt werden; Bildung sei weitgehend Ideologie; die Wissenschaft werde nun um ihrer selbst willen von "Fachmenschen" betrieben; sie müsse vor Übergriffen durch sachfremde Forderungen und Haltungen geschützt werden. Seit Weber ist die Bedeutung der Wissenschaften noch gewachsen. Wesentliche Teile des Wissenschaftssystems sind eingegossen in die Superstruktur industriekapitalistischer Verwertung.
Was sollen da überhaupt noch die Geisteswissenschaften? "Je moderner die moderne Welt, desto unvermeidlicher werden die Geisteswissenschaften" lautete die frohe Botschaft der Marquardschen Kompensationstheorie: Sie sollen Modernisierungsschäden lindern, sollen Leuten mit Hochschulabschluss und kulturellen Distinktionsansprüchen Unterhaltung, Trost und Ausgleich bieten.
Ihre Möglichkeiten liegen anderswo. Philologische Kompetenzen, hermeneutische Methoden, sozialwissenschaftliche Verfahren prädestinieren die Geisteswissenschaften zum Archivieren, Interpretieren und Analysieren von Wissensbeständen, Wissensformen und historischen Vorgängen. Zudem erforschen sie die spezifischen Inhalte des lebendigen kulturellen Gedächtnisses, seiner kulturellen Rahmenbedingungen und gesellschaftlich-medialer Überlieferungsformen. So kann Differenzwissen und Reflexionswissen produziert werden, das der hochspezialisierten Grundlagenforschung oder anwendungsorientierten Forschung fehlt. Und noch ein weiteres Bewährungsfeld ist zu nennen: Obgleich geisteswissenschaftliche Fächer einen Ausbildungsauftrag haben - etwa in der Lehrerausbildung - so wird paradoxerweise gerade diese Funktion effektiv erfüllt, wenn sie sich damit nicht begnügen.
Die sinnvolle Frage nach ihrem Nutzen sollte jedoch nicht zur unsinnigen Kosten-Nutzen-Direktive umformuliert werden, die da lautet, man möge doch zweckorientiert, anwendungsorientiert und wirtschaftsorientiert arbeiten. Die Geisteswissenschaften lassen sich nicht zum Goldesel "reformieren". Sie produzieren keinen "Mehrwert", aber im Idealfall jene nützliche Nutzlosigkeit - vorausgesetzt die Hochschulautonomie gewährt ihnen Schutzraum und Stimulans. Langfristig bietet nur das Beharren auf Autonomie und Eigensinn eine Existenzberechtigung. Wer glaubt, man brauche sich der neue Hochschulsemantik nur anzupassen, um zu überleben, der tappt in eine Delegitimierungsfalle. Denn diese Semantik belohnt eine hochtourige Betriebsamkeit bei wachsendem Substanzverlust. Sie macht aus dem Einzelforscher einen Wissenschaftsmanager mit feinem Platzierungssinn, verführt in Forschung und Lehre zur Wahl modischer, resonanzstarker Themen und entwertet letztlich das wissenschaftliche Kapital. Dann gäbe es wahrlich gute Gründe, "den Laden" dicht zu machen.

Georg Bollenbeck lehrt Germanistik und Kulturwissenschaften an der Universität/GHS Siegen.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 01.03.2002

Ausgabe 38/2020

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare