Er wollte nur spielen

Fernsehfilm Götz George gibt seinen ins Naziregime zumindest verwickelten Vater Heinrich in "George" als eine Figur, mit der die Deutschen sich einrichten können
Ekkehard Knörer | Ausgabe 29/2013 10
Er wollte nur spielen
„George“ heißt der Film, George heißen Vater und Söhne. Mindestens so sehr wie um Vater Heinrich geht es um den jüngeren Sohn Götz
Foto: SWR

Götz war des Vaters letztes Wort, so erzählt es der Film George, der im Titel auf jede Vornamensnennung verzichtet. Das hat seine Gründe. Es geht nämlich um Götz George mindestens ebenso sehr wie um Vater Heinrich George, um dessen Verwicklung ins Naziregime der Film sich eigentlich dreht. Gleich zu Beginn von Joachim Langs Dokufiktion schließt der Vater bei einem Besuch im Lager den Sohn in die Arme, später dieselbe Szene noch einmal: Götz als Vater küsst Sohn („Putzi“), außerdem stapft Götz George selbst mit Jan, dem älteren Bruder, in Dokumanier und unausgeleuchteten Bildern durch den Film. Erinnerungsparcours durch die Villa der Kindheit: War doch früher größer. Hier hing der Beckmann. Zur Götzografie wird das durch die Einfügung von Making-of-Szenen, in denen man erlebt, wie Götz sich in Heinrich verwandelt. Ausstrahlung zum 75. von Götz-Sohn.

Er, Götz-Sohn, hat sich bitten lassen, jahrelang, bevor er Götz-Vater zu spielen bereit war. Da waren die Zweifel: „Kann ich diese wunderbare, überbordende Figur überhaupt darstellen? Reicht meine Strahlkraft dafür aus?“ Die Zweifel wurden beseitigt, Regisseur Joachim Lang hat ihn rumgekriegt: „Er ist sehr hartnäckig. Sehr lieb und weich, aber auch ein Überzeugungstäter.“ Und siehe da, beim Essen kam Appetit: „Die Opulenz, die Sprache, es war alles da, das waren die georgischen Gene.“ Kann man nachlesen in all den Interviews, die George schlecht gelaunt gab, dem Spiegel, dem Stern und sogar TV Spielfilm. Mit der ARD ist George dabei gar nicht zufrieden: Film um sieben Minuten gekürzt, schlechter Sommertermin, und irgendwie erinnert ihn das mit den Interviews doch auch an den Vater und das Dritte Reich: „Es ist zwar nicht zu vergleichen, aber auch heute wird Druck auf Schauspieler ausgeübt. Ich zum Beispiel gebe nicht gern Interviews, muss das auf Druck der Sender aber tun.“ Gut, dass wir nicht verglichen haben.

Überzeugungstäter ist im Übrigen ein gutes Stichwort. Denn das war der Vater nicht, sagt Götz, sagen im Wesentlichen auch die Fakten, wenngleich von Widerstand auch keine Rede sein kann. Er hielt bis zuletzt öffentliche Lobreden auf Hitler und ließ sich willfährig vor ein paar der hässlichsten Nazikarren spannen, bis hin zu Jud Süß und dem letzten Durchhaltefilm Kolberg. Resümee Götz: „Ein zwiespältiger Mensch in einer zwiespältigen Zeit.“ (Zwiespältige Zeit? Lag vielleicht am zwiespältigen Führer.) Dabei aber immer auch: „ein Deutscher, im besten Sinn des Wortes“. Und: „Man muss das aus der Diktatur heraus sehen.“ Die Verteidigungslinie ist klar: Heinrich George hat ein paar bedrohten Leuten geholfen und war unpolitisch, er wollte nur spielen. Aber bitte auf deutschen Bühnen und in deutschen Filmen, nicht in Hollywood, wie er es hätte tun können und wie es andere taten; nein, das wollte er nicht, weil ihm die Vereinigten Staaten zu oberflächlich waren, zu amerikanisch. Denn als Deutscher im besten Sinn des Wortes ist man ja Künstler.

Die doppelte Nummer sicher

George, der Film, ist kaum der Rede wert. Es handelt sich um die von Horst Königstein und Heinrich Breloer her bekannte Mixtur aus Fiktion und dokumentarischer Rekonstruktion (Die Manns, Speer und Er). Joachim Lang, SWR-Mann, Brecht-Kenner und Tigerenten-Club-Erfinder, war 2001 Koautor von Königsteins Dokudrama Jud Süß – Ein Film als Verbrechen?, ist also mit dieser Sorte von spezifisch deutschem Genrehybrid vertraut. Wo aber einst ein analytischer Impetus, die Einsicht in die Grenzen der Illusion und der Talking-Head-Dokumentation gewesen sein mag, ist längst nur noch Illustration und doppelt gemoppelte Nummer sicher. Die Fiktion führt vor Augen, die Doku beglaubigt. Zwei komplementäre Figuren, die hohl werden, wo die Fiktion bräsiges Staatsschauspiel bleibt und die Doku nichts für sich stehen lässt, weil sie ihre Zeugen von vornherein passend auswählt und für ihre Thesen instrumentalisiert.

Nur zum Beispiel: Als einer der Mitinsassen Georges in Sachsenhausen taucht der großartige Schriftsteller Giwi Margwelaschwili auf. Was er sagt, ist noch aus dem Kontext gerissen hochinteressant, aber er wird nur zu Bestätigungszwecken dazwischengeschnippelt. Wie zwei Einbeinige stützen und bestätigen Fiktion und Doku einander. Schließlich steht die These vom zwiespältigen Mann von Anfang an fest. Und so geht es vom dokumentarischen Villenbesuch halluzinatorisch hinüber, dann steht da Hanns Zischler als Max Beckmann neben dem Vater vor dem Beckmann-Gemälde, an das sich die Söhne sieben Jahrzehnte später erinnern. Oder immer wieder der gleitende Wechsel von Schwarz-Weiß in Farbe, wenn historisches Filmmaterial von neu gedrehten Spielszenen fortgesetzt wird. Hier blenden sich Heinrich und Götz mehr als einmal übereinander.

Nur leider, Gene hin, Gene her: Götz-Sohn als Götz-Vater macht keine gute Figur. Dass er heute viel älter ist, als der Vater je wurde, und also über weite Strecken einen 30 Jahre jüngeren Mann darstellen soll: geschenkt. Ohnehin gibt es Gründe, die im Kern sentimentale Saft-und-Kraft-Schauspielerei von Heinrich George, der das Genie, für das er sich hielt, immer mitspielt, problematisch und meist auch wenig erträglich zu finden. Der Sohn aber, der oft furchtlos und in manchen ihm auf den Leib geschriebenen Rollen fabelhaft war, wird hier nur noch von seinen Manierismen zusammengehalten – atemloses Bellen auf Kothurn, Götz George als Faust, „Habe nun ach …“: Das ist so schlimm, wie es klingt.

Neben dem SWR (plus weiteren ARD-Sendern plus Arte) steht hinter George Nico Hofmanns allgegenwärtige Fernsehproduktionsfirma Teamworx, die zuletzt mit dem Mehrteiler Unsere Mütter, unsere Väter auffällig wurde. Ästhetisch hat der neue Film mit den üblichen Event- und Opulenzproduktionen aus der Historienabteilung von Teamworx (Hindenburg, Dresden) wenig zu tun, ideologisch reiht er sich aber in den Softcore-Revisionismus des Labels ein. Die Grundbewegung all dieser Projekte filmischer Geschichtspolitik ist dieselbe: Deutsche, die Täter sind, so wird uns vor Augen geführt, waren immer auch Opfer. Opportunistisch, verführ- und auch verrohbar, keine Engel, aber eben auch unsere Mütter, unsere Väter, unsere Onkel und Tanten, Opas und Omas. Die deutsche Geschichte: ein Familienzusammenhang.

Und bald Nationalheiligtum

Es geht dabei nicht zuletzt um Einübung in eine spezifische Perspektive. Wir sollen den Blick derer übernehmen, die Schuld auf sich luden, deren Verhalten sich aber als erklär- und entschuldbar erweist. Nur hinreichend einfühlen müssen wir uns. Dann sehen wir Opfertäter, zwiespältige Menschen in zwiespältiger Zeit. Versöhnung ist nachträglich möglich. Dazu bedarf es einer Ästhetik, die auf Emotion setzt, nicht auf Analyse, auf Tränen, nicht auf Denken, auf das Süffige, nicht auf das Trockene. Anspruch soll aber, jedenfalls in den öffentlich-rechtlichen Produktionen, auch irgendwie sein, darum lässt man sich ausdrücklich von Historikern beraten. Mit dem knoppbewährten Sönke Neitzel hatte Nico Hofmann jüngst aber Pech, der hat in Unsere Mütter, unsere Väter ein bisschen zu viel Antisemitismus vom deutschen aufs polnische Konto gebucht. Wichtig ist, weil besonders das Fernsehpublikum schwer von Begriff ist, die überdeutliche Explikation, in Stil- und Tonlagen wählt man stets den Middlebrow-Weg. Wenn einer wie Oskar Roehler mit seinem Kitschmelodram Jud Süß –Film ohne Gewissen sich auf allemal interessantere Abwege wagt, wird er von Feuilleton und Publikum entsprechend mit Verachtung gestraft.

Der Götz- und Heinrich-Komplex passt in diese Kontexte perfekt. Die Söhne sprechen für den Vater, der Vater ist mehr als nur Deutscher, nämlich gar Künstler. Er hat gebüßt, wurde von den Sowjets ins Lager gesteckt und hat mit dem Leben bezahlt. Das ist die Sorte Papafigur, mit der sich die nationale Erinnerung einrichten kann. Götz George hat schon seinen Stern auf dem peinlichen „Boulevard der Stars“ am Potsdamer Platz in Berlin. Unlängst kam die Nazisse Thea von Harbou dazu. Demnächst holen wir dann sicher auch Heinrich George heim als Nationalheiligtum.

"George" läuft am 22. Juli auf Arte (20.15 Uhr) und am 24. Juli in der ARD (21.45 Uhr)

 

06:00 22.07.2013

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