„Erzählen, wie sie liebten“

Interview In seinem neuen Buch „Liebe in Zeiten des Hasses“ entdeckt der Beststellerautor Florian Illies die vermeintlich bekannten 1920er und 1930er Jahre neu. Im Zentrum steht das Gefühlsleben von Schriftstellerinnen

Zum Gespräch treffen wir uns in der Tucholskystraße in Berlin-Mitte. Doch es wird jetzt nicht nur um Tucholsky gehen. In Illies‘ neuem Buch treten Hunderte prominenter Figuren aus der Zwischenkriegszeit auf. Es trägt den Titel Liebe in Zeiten des Hasses. Chronik eines Gefühls 1929 – 1939. An der Verfilmung des Buchs durch die UFA wird schon gearbeitet, als Serie. Das passt: Wie in 1913 erschafft Illies ein kurzweiliges, in Teilen überraschendes Kaleidoskop. Diesmal über die zehn Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg, zusammengetragen aus einer Phalanx von Tagebüchern, Briefen und Sekundärliteratur. Das Buch bewegt sich in Mini-Essays und Anekdoten im Dreieck Berlin, Paris und Wien; es schert aber auch in die USA und andere Teile der Welt aus.

Florian Illies ist auch beruflich viel herumgekommen: Zuletzt gab es ein kurzes Intermezzo als Rowohlt-Verleger. Eine Aufgabe aber führte ihn einst ganz nah an sein aktuelles Thema: 1999 übernahm Illies bei der FAZ die Leitung der neu gegründeten „Berliner Seiten“. Sie wurden 2002 begraben. Unter seiner Ägide zerfiel diese Stadt in viele fast filmische Nahaufnahmen. Das war Großstadt-Impressionismus, Feuilleton der 1920er Jahre.

der Freitag: Herr Illies, die Nackttänzerin Josephine Baker wird vier Jahre vor Hitlers Machtübernahme in Berlin von der rechtsradikalen Presse als „Halbaffe“ bezeichnet, die SA wirft bei einer Aufführung Stinkbomben. Die Afroamerikanerin kehrt „Hals über Kopf“, wie Sie schreiben, zurück nach Paris. Die Zeiten des Hasses begannen also bereits 1929?

Florian Illies: Das Auffällige bei Josephine Baker ist, dass sie immer als Teil der „Goldenen Zwanziger“ in Berlin wahrgenommen wird und es viele Hymnen auf ihre Auftritte im Jahre 1926 gibt. Es war für mich eine erschütternde Sache, zu lesen, dass es damit schon drei Jahre später vorbei war: Die Zeitungen empörten sich 1929 über Bakers neue Auftritte, es wurde kritisiert, dass deutsche blonde Frauen mit einer Schwarzen auftreten müssten und dann sogar noch in einem Revuetheater, das jüdischen Besitzern gehörte. Das ist eine wichtige Erkenntnis, die wir in unser Bild über diese Zeit mit aufnehmen sollten: wie früh das alles ins Rutschen kommt! Darum war 1929 auch der Anfangspunkt für mein Buch. In diesem Jahr kommt einerseits das Bewusstsein über den Ersten Weltkrieg zurück, etwa durch Remarques Roman Im Westen nichts Neues. Andererseits sind da der Schock der Weltwirtschaftskrise und die immer größer werdende Hoheit über die Stammtische, die die Nazis gewinnen.

Leben wir wieder in einem Zeitalter des Hasses?

Es ist auffällig, dass wir derzeit vor allem in den sozialen Medien – aber auch auf der Straße – Ausbrüche von Hetze und Hass sehen, die uns vor zehn oder 15 Jahren noch unvorstellbar erschienen wären. Wir sehen das in den Kommentarspalten unter den Artikeln, wo nachts im Schutz der Dunkelheit und der Anonymität Beschimpfungen ins Internet getippt werden, oder tagsüber, wenn wir die Corona-Leugner und Querdenker auf ihren Demonstrationen brüllen hören. Insofern ist der Hass tatsächlich ein Gegenwartsphänomen, dessen Wucht offenbar durch die Lockdowns der letzten Zeit noch einmal erhöht wurde. Die ohnehin Gekränkten fühlten sich erneut ohnmächtig gegenüber einer wie auch immer zurechtfantasierten Übermacht. Wir haben zu Zeiten von Donald Trump in Amerika gesehen, wie zwiegespalten dieses ganze Land ist und wie seine Anhänger mit fanatischen Gesichtern das Kapitol stürmten. Der Firnis der Zivilisation ist wirklich dünn. Auch wenn wir sehen, dass die Zahl der antisemitischen Straftaten in Deutschland noch nie so hoch war wie im Moment, ist das ein verstörendes Alarmzeichen.

Liebe und Hass stehen im Buchtitel, was ist das nur für eine fatale Liaison?

Die Liebe war für mich die Tür, um einen neuen Zugang zu diesen späten 1920er, frühen 1930er Jahren zu gewinnen. Zunächst, in der Endzeit der Weimarer Republik, regiert der Eros. Es ist atemlos, flüchtig, das Zeitalter der Neuen Sachlichkeit. Und dann kann man im Gefühlsleben der Zeitgenossen zunehmend die Auswirkungen, die ganzen Druckwellen des Hasses nachvollziehen, und man kann sehen, wie sie Beziehungen sprengen, zerstören, vor allem wenn einer der beiden jüdisch ist. Andere Paare versuchen dem Druck zu trotzen, das Private wird politisch und die Liebe zu einem Akt des Widerstands gegen die neue, spießige Moral der Nationalsozialisten, zu einer Provokation, die unter Strafe steht, gerade die homosexuelle Liebe. Es gab ab 1933 keine unschuldige Liebe mehr, auch davon erzähle ich in meinem Buch.

Zur Person

Florian Illies wurde 1971 in Schlitz (Hessen) geboren. Er schlug erst einen journalistischen Karriereweg ein, wirkte dann auch als Kunsthändler und Verleger. Nun konzentriert er sich auf seine Rolle als Buchautor, die ihn mit Generation Golf (2000) berühmt machte

Klaus Mann ist darin so etwas wie die Hauptfigur geworden. Dicht gefolgt von Benn, Brecht, der Dietrich, den Fitzgeralds, Remarque, Sartre, Walter Benjamin und anderen. Aber warum ausgerechnet Klaus Mann, dessen Romane, nun ja, qualitativ sehr schwankend sind …

Ja, das war die größte Überraschung für mich selbst. Ich hatte vorher ein diffuses, auf jeden Fall kein leidenschaftliches Verhältnis zu Klaus Mann. Zum einen wegen seiner Romane aus jener Zeit, zum anderen wegen des Bildes von ihm, das in der Öffentlichkeit oft entstanden ist. Dann habe ich angefangen, seine Tagebücher zu lesen. Und ich muss sagen: Sie sind für mich das Berührendste, was ich über diese Zeit überhaupt gelesen habe. Klaus Mann ist Mitte 20 und absolut hellwach, er versteht die politischen Umstände und analysiert zugleich haargenau, was die geistigen Problemlagen bei seinem Vater Thomas, bei Gründgens, bei Benn sind. Parallel ist dies aber ein Tagebuch, das auf eine neuartige Weise über ihn selbst spricht, über seine verzweifelte Suche nach Liebe, über seine Drogensucht und seine zarte Verehrung für seine Schwester Erika. Das ist alles sehr unbarmherzig und zugleich barmherzig. Diese Bände, vor vielen Jahren in der edition spangenberg erschienen, sind für mich, neben Victor Klemperers erschütternden Berichten, wirklich ein zentrales Tagebuchwerk des 20. Jahrhunderts.

Beim Lesen stellt man naturgemäß immer Bezüge zur Gegenwart her. Da ist zum Beispiel Brecht mit seinen Liebeleien – auch mit Untergebenen. So ein Theatermacher wäre heute doch untragbar …

Ich versuche, mit wachen Augen das irrsinnige Beziehungsgeflecht rund um Benn, Brecht, Tucholsky oder Sartre zu entwirren. Aber manchmal hilft der neugierige Blick auch nicht mehr, dann braucht man guten Humor, um den Aberwitz zu schildern. Das ist erschütternd zu lesen, wie sie mit den Frauen in ihrer Umgebung umgehen, zynisch, sadistisch. Aber mein ganzes Buch ist ja nicht mit dem wissenden Blick des Nachgeborenen geschrieben – sondern ich werfe mich wirklich in diese Zeit hinein, mit Haut und Haaren. Der Stil ist Präsens, die Schrifttype von 1935, es geht mir darum, mich der Ungewissheit dieser Vergangenheit auszusetzen und sie als Gegenwart zu erzählen. Niemand von den Beteiligten wusste, welche Liebesgeschichte einen Tag lang halten würde (wie bei Tucholsky etwa oder Kästner) und welche ein ganzes Leben (wie bei Nabokov oder Sartre).

Bei den auftretenden Personen halten sich Männer und Frauen die Waage. War das beabsichtigt?

Wer sich mit dieser Zeit intensiv beschäftigt, merkt, dass man keine Quotenregelung braucht. Die Frauen machen mindestens die Hälfte des Buches aus – wenn nicht sogar mehr –, weil sie in den 1920ern eine zentrale Bedeutung gewonnen haben. Dies geschah durch die Schwäche der Männer, die durch den Ersten Weltkrieg große Wunden im Selbstbewusstsein und an der Seele erlitten hatten. Parallel erlebten die Frauen eine neue Gleichberechtigung in der wackligen Demokratie von Weimar: Sie durften wählen, studieren, sie durften arbeiten, sie waren finanziell unabhängig, das erste Mal überhaupt, und sie konnten abends allein ausgehen und feiern. Zur ökonomischen kam die innere Unabhängigkeit: Die Frauen hatten jetzt selbstverständlich Liebhaber und Affären. Und sie spielten eine viel größere Rolle in der Kultur der späten Weimarer Republik – als Malerinnen, Fotografinnen, vor allem als Journalistinnen und Autorinnen wie Irmgard Keun, Vicki Baum, Gabriele Tergit oder Ruth Landshoff. Das sind alles ganz wichtige Autorinnen, deren Romane eine unglaubliche Haltbarkeit haben und die wir ja heute endlich wiederentdecken.

In der Tat, gerade erscheinen aus dieser Zeit ständig Wiederentdeckungen. Soeben ist etwa bei Manesse Yvan Golls „Sodom und Berlin“ erschienen, das mit den Worten beginnt: „Berlin, Stadt des Nordens und des Todes, die Fenster vereist wie die Augen Sterbender.“

Sodom und Berlin habe ich zufälligerweise auch gerade gelesen, nach dem Schreiben, ich kann einfach nicht loslassen. Ein irrsinniges, ein tollkühnes Buch, das uns allen zeigen kann, wie irrsinnig und tollkühn diese Zeiten schon den Zeitgenossen erschienen sind. Und ja, man spürt überall, dass es ein neu erwachtes, brennendes Interesse an der Zeit um 1930 gibt. Vor allem natürlich wegen der Serie Babylon Berlin, aber auch wegen zahlreicher Bücher, Stephan Malinowskis glänzender Analyse der Nähe zwischen den Hohenzollern und den Nazis oder gerade Dominik Grafs Verfilmung von Erich Kästners Fabian. Graf spricht selbst davon, dass Kästner eigentlich eine Bruch- und Endzeit beschrieben habe in seinem Buch von 1931, die genau unserem Zeitgefühl entspricht. Zum Glück gibt es zurzeit diese vielfältigen Versuche, neue Fragen an die Geschichte zu stellen.

Warum zum Glück?

Wenn man der Geschichte neue Fragen stellt, dann gibt sie auch neue Antworten. Ich frage danach, was die Zentrifugalkräfte der Zeit mit den elementaren Gefühlen der Boheme in jenen Jahren gemacht haben, mit der Sehnsucht, der Liebe und der Angst.

Es steht der Vorwurf im Raum, soweit das überhaupt einer ist, Ihre Bücher seien etwas boulevardesk …

Ich möchte die Leser mit in die Tiefen und Untiefen der Vergangenheit hineinziehen. Die Schwarz-Weiß-Fotos in den Geschichtsbüchern und Biografien empfinde ich immer als abweisend, darum geht es mir bei meinem Schreiben darum, dass beim Leser im Kopf ein Farbfilm entsteht. Ich glaube daran, dass das Erzählen von Geschichte als Erzählen von Geschichten einen eigenen Sog entfalten kann. Und ich möchte meine Leserinnen und Leser eben mit meiner Sprache mit hineinziehen in diese Vergangenheit, ihnen von dem Allzumenschlichen der großen Heldenfiguren erzählen, um eine neue Neugier auf ein nur scheinbar bekanntes Jahrzehnt zu wecken. Wie haben die Menschen eigentlich gelebt in diesen angeblich so goldenen 1920er Jahren? Wie haben sie eigentlich gelebt und geliebt unter den braunen Wolken der Nationalsozialisten?

Wo sind denn eigentlich diegroßen Liebesgeschichten in der heutigen Zeit? Was müsste ein Chronist in 100 Jahren über sie schreiben, ich sehe da nicht viel.

Ach, doch! Ich bin da ganz zuversichtlich. Wir oder unsere Nachfahren werden irgendwann Chat-Protokolle aus den Liebeswirren unserer Gegenwart in dicken Büchern genauso atemlos lesen, wie wir heute die Telegramme von Marlene Dietrich und ihrem Ehemann zwischen Hollywood und Berlin lesen. Seien Sie mal nicht so kulturpessimistisch!

Nur wo sind die glamourösen Paare?

Das wissen wir zum Glück nicht, weil man das immer erst im Rückblick weiß, vielleicht sitzen sie direkt in der Wohnung nebenan. Ich bin da wirklich ganz zuversichtlich: Es wird immer die Liebe geben, immer den Wahnsinn und die großen Gedichte und Bücher und Bilder, die daraus erwachsen, und immer das Gefühl, dass die Vergangenheit eine bessere Gegenwart hatte ...

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