Es gibt immer den Ameisenpfad

Zynisch bis wütend Palästinensische Künstler haben viel mit dem Thema "Mauer" zu tun

Grau und abweisend erhebt sie sich. Beklommen steht der Besucher davor, die Fingerkuppen streichen über die kühle, raue Oberfläche, der Blick geht nach oben. Acht Meter hoch schimmert der Rand im Zwielicht. Fugendicht aus mannsbreiten Elementen zementiert, verliert sich das hohe Bauwerk im Dunkeln. Das ist sie also. Die Mauer. Al-Dschidaar.

Ein Knacken unterbricht die Stille. Wie von Geisterhand geführt, schert ein Betonelement aus der Reihe und rollt ein paar Meter. "Fühl mal, wie leicht die sind! Dünnstes Sperrholz und doch hochstabil!" - George Ibrahim, Direktor des in Ramallah beheimateten Kasaba-Theaters, schiebt auf leisen Rädchen ein Stück Mauer vor sich her. "Hier am Mauerfuß haben wir einen Absatz eingebaut, damit man darauf stehen kann. Genial, oder? Diese Mauer ist multifunktional, mit der kann man alles machen. Zusammensetzen, auseinandernehmen, herumfahren. Eine Traummauer!"

Ibrahim lacht und schickt den Besucher hoch in die zehnte Reihe des Zuschauerraums. Erst diese Perspektive beseitigt letzte Zweifel: Der Blick fällt nicht auf Kalendia, den Checkpoint vor Ramallah, sondern die Bühne eines Theaters.

George Ibrahim ist sichtlich stolz auf sein filigranes Bauwerk. "Wir erzählen mit diesem Stück ›Al-Dschidaar‹ 14 Einzelgeschichten rund um die Mauer, die ich mit den Darstellern improvisatorisch erarbeite. Finanziert wird die Produktion von japanischen Sponsoren mit einem 28.000-Dollar-Zuschuss, der gerade für Werbung und Ausstattung reicht. Löhne können wir nicht zahlen, leider. Aber immerhin laden die Japaner uns nach Tokio ein und kommen dort für alles auf."

Hamlets Frage nach Sein oder Nichtsein habe im Schatten der Mauer erst ihre Berechtigung, glaubt Ibrahim. "Palästina ist unsere Bühne, auf der es geistig zu überleben gilt. Resignieren oder kämpfen? Ausharren oder abhauen? Schweigen oder schreien? Viele Künstler aus dem Ausland kommen und lassen sich von der Mauer inspirieren, weil ihr Leben zuhause in Europa langweilig ist, weil sie neue Inhalte brauchen. Aber diese netten Leute gehen irgendwann wieder, wir hingegen müssen mit dieser Mauer leben. Mit ihr sein oder nicht sein, darum geht es."

Seit Tagen regnet es in Ramallah, die Wolken rasen im Tiefflug vom Golan herüber, nebeln die Dachzinnen hoher Gebäude ein oder verschlucken die Antennen der Mukaata, des Regierungsbezirkes, wo Jassir Arafat unter Blumen ruht. Trotz des widerlichen Wetters wirkt Ramallah viel geschäftiger als Ostjerusalem. Die Strassen sind chronisch verstopft, es wird viel gebaut, die Menschen eilen durch die Gassen, als hätten sie alle ausnahmslos ein Ziel.

"Witze über die Mauer? Ich wüsste keine"

Im Café Sirjab in der Nähe des Cheminées knistern die Wurzeln von Olivenbäumen wohlriechend in der Glut, hier kann man sich auch die Seele wärmen. An kleinen Tischen sitzt Ramallahs Jeunesse dorée, Journalisten, Regisseure, Schauspieler - die Szene ist überschaubar, man kennt sich, grüßt, lächelt, flüstert, lästert. Viel ist zu hören über den "intellektuellen Aderlass" Palästinas, viele gut ausgebildete Akademiker seien seit Beginn der Al-Aksa-Intifada im Jahr 2000 emigriert, heißt es. Genau überprüfen lässt sich das nicht. Mahmud Abu Haschhasch, Projektmanager bei der Al-Kattan-Foundation, einer in Palästina hoch geachteten Kulturstiftung, ist einer von denen, die einst gingen, aber inzwischen zurückgekehrt sind.

"Die Vertreibung vieler Palästinenser vor und nach 1948, die Okkupation, die Green Line, die ständigen Provokationen und Demütigungen, all das sind die ideellen Vorstufen, die eigentlichen Bausteine eines Bauwerkes, an dessen Materialisierung wir heute teilhaben dürfen", meint Abu Haschhasch trocken. "Israel begeht mit der Mauer auch metaphorisch eine Art geistigen Selbstmord." Auf meine Frage, was denn dieser vermeintliche Selbstmord mit dem von den Israelis vorgeschobenen Selbstschutz zu tun habe, erklärt Abu Haschhasch: "Im Jahre 73 nach Christus, unter der Herrschaft des römischen Kaisers Titus, wurden die Juden auf dem Berg Masada umzingelt und belagert. Sie beschlossen, sich nicht zu ergeben, und begingen kollektiven Selbstmord. Trotz der bis heute gepflegten hehren Tradition der Israelis, ihre Rekruten in Masada den Eid auf Eretz Israel ablegen zu lassen, sind weite Teile der israelischen Gesellschaft inzwischen der Ansicht, dass diejenigen, die sich auf dem Berge Masada heroisch töteten, nicht viel für den Fortbestand der jüdischen Rasse und Religion taten. Heute schützt sich das moderne Israel vor Selbstmordattentätern, deren Verzweiflung und Ausweglosigkeit die gleiche ist wie bei ihren heroisierten Vorgängern in Masada. Die Geschichte wiederholt sich ständig. Es ist langweilig."

Abu Haschhasch lächelt nachsichtig und schlägt vor, Knääfije zu essen, eine Süßspeise mit dickflüssigem Schafskäse, eine Spezialität aus Nablus. "Die Israelis brauchen die Mauer. Ex-Premier Ehud Barak zitiert den amerikanischen Dichter Robert Frost, um den bereits in seiner Amtszeit angestoßenen Bau zu rechtfertigen: ›Good walls make good neighbours‹. Mauern bauen ist menschlich. Sie wieder abzureißen, wäre allerdings noch menschlicher."

Und wie beeinflusst das ominöse Bauwerk die palästinensischen Künstler? Abu Haschhasch wirkt plötzlich müde. "Als ob es keine anderen Mauern gäbe." Doch dann nennt er das Tanzensemble Serijjet Ramallah mit seinem Stück Al-Hadsches (Der Checkpoint). "Für die Tänzer ist die Mauer nur ein feinmaschiges Netz, das durchlässig ist, aber nicht zerrissen werden kann. Ein Teil des Ensembles verkörpert die wartende Menge am Kontrollpunkt, jeder Tänzer hat ein Kärtchen in einer anderen Farbe, wie die verschieden farbigen Dokumente, die wir Palästinenser von den Israelis erhalten - daraus wird ein durchchoreographierter Massentanz, bei dem auf einmal keine israelischen Soldaten mehr zu sehen sind und die Zuschauer wie in einem Tennisstadion sitzen."

In Ramallahs Stadtteil al-Bireh hat das Popular Art Center, in dem ich vor der zweiten Intifada für ein paar Monate Schauspiel unterrichtete, noch immer sein Zuhause. Die neue Direktorin Iman Hammouri erzählt von Aktionen, die rund um die Mauer stattfänden. Beim einem Projekt der Israeli Art Association hätten palästinensische und israelische Künstler Drachen von beiden Seiten aufsteigen lassen, die sich symbolhaft über der Mauer trafen. "Wenn man sich nicht auf dem Boden der Tatsachen begegnen kann, tut man es eben im Himmel über der Mauer", meint Hammouri. "Uri Lupolianski, der neue Bürgermeister von Jerusalem, hat erklärt, die Mauer beweise bei solchen Aktionen ihre Wichtigkeit. Sie ziehe Touristen und Künstler an. Das sei doch positiv."

Iman Hammouri kann Lupolianskis Zynismus nicht viel abgewinnen. "Mit der Mauer nehmen uns die Israelis die Sonne und lassen uns ein paar MacGates, ein paar Löcher, zum Durchschlüpfen und für den Absatz ihrer Waren in der Westbank."

Nahezu undurchlässig ist der neue Teil der Mauer, der sich am geschlossenen Jerusalemer Flughafen Atarod entlang zieht, unterbrochen von stählernen Drehkreuzen, deren gespreizte Querstangen dem Passanten, der sich hier durchquetschen muss, ein kurzes und intensives Käfiggefühl bescheren. Direkt daneben haben die Israelis einen Wachturm hochgezogen. Noch ist er unbemannt und von palästinensischen Farbbeutelwerfern künstlerisch veredelt, doch bald wird die Mauer hier fugendicht geschlossen und der Wachturm mit Scharfschützen der israelischen Border Police besetzt sein. In der Umgebung liegen die rotfeuchten Erdhaufen eines von Bulldozern aufgerissenen Olivenhains. Riesige Rollen aus messerscharfem Stacheldraht lagern daneben, ein präventiver Schutz für die Bautrupps, die hastig die Mauer in Richtung Jerusalem vorantreiben.

In Ar-Ram, einen Kilometer weiter südwärts, treffe ich Chaled Daromar, der einst eine florierende Sprachschule in Ramallah unterhielt, inzwischen aber Stücke schreibt und nebenbei als Übersetzer in einem von Großbritannien gesponserten Reformprojekt der Palestinian Authority arbeitet. "Witze über die Mauer? Ich wüsste keine." Chaled schüttelt trübsinnig seinen Kopf. "Doch, einen gibt es: Ganz Palästina sorgt sich um die Israelis. Weshalb? Weil sie wegen der neuen Mauer nicht in unsere Berge flüchten können, falls vom Meer her ein Tsunami gegen Tel Aviv rollt." Chaled schweigt und blickt aus dem Fenster.

Die Fahrt im Sammeltaxi von Jerusalem nach Betlehem dauert in normalen Zeiten eine gute halbe Stunde. Auch wenn die Intifada seit Monaten abgeflaut ist, muss man noch immer einen halben Tag einplanen. Ist das Ziel erreicht, stellt man fest, Betlehem ist fast leer, im franziskanischen Teil der Geburtskirche lauscht ein Häufchen Italiener auf blanken Holzbänken andächtig einem Führer, auch in der Grotte drängeln sich Besucher, doch sind fast alle Souvenirgeschäfte geschlossen, und die wenigen Taxifahrer kämpfen äußerst hartnäckig um jede Verdienstmöglichkeit.

Im modernen Betlehem-Hotel sitzt die aus dem nahe gelegenen christlichen Beit Dschala stammende Theatergruppe Al-Haara mit den Schauspielern des schwedischen Kindertheaters Backa zusammen. Die Mauer, die bald auch ganz Betlehem einschließt, macht den Theaterleuten Angst. "Diese Mauer ist nackte Gewalt", meint Marina Barham, die Administratorin des Ensembles. "Der tägliche Anblick grauen Zements gibt mir das erstickende Gefühl, in einer Falle zu sitzen. Es erinnert mich an das, was die Juden selber durchgemacht haben." Die junge Schauspielerin Ruba Subhi meint, mit der Mauer beweise Israel Schwäche, es finde scheinbar kein anderes Mittel, um mit den Palästinensern klarzukommen. "Die Israelis zeigen damit, dass sie uns als ethnische Einheit anerkennen. Sie wollen uns nicht vertreiben, also wollen sie uns behalten und mauern uns ein."

"Die Mauer gibt es, weil wir da sind"

Zurück in Ramallah. Regenwolken ziehen über Palästinas Wirtschaftsmetropole, die zahlreichen Geldwechsler an der Manara, dem Hauptplatz der Stadt, schützen unter den Jacken ihre Dollarbündel, und die Schirmverkäufer machen gute Geschäfte. Das Kasaba-Theater ist offen, geprobt wird nicht, aber Moas al-Dschubeh, der junge Beleuchter des Hauses, richtet das Licht ein. "Ich finde", meint er fast verschwörerisch, "man sollte diese Theatermauer konzeptionell ganz anders einsetzen und Spiegelfolie an die Rückwand kleben. Wenn man dann die Elemente umdreht, sieht das Publikum nicht nur die andere Seite der Mauer, sondern auch sich selbst. Die Botschaft würde sein: Wir alle sind kollektiv dafür verantwortlich, dass es dieses Bauwerk überhaupt gibt."

Mit anderen Worten, die palästinensischen Selbstmordattentäter sind dafür zuständig, dass die Mauer überhaupt existiert? "Nein! Überhaupt nicht!" Moas ist leicht irritiert. "Wir sind verantwortlich, weil wir sie nicht verhindert haben. Die Mauer gibt es, weil wir da sind. Vergiss die Selbstmordattentäter."

Moas fängt an, auf der Bühne mit drei gelben Tennisbällen ungeschickt zu jonglieren. "Mauern sind Bollwerke, um die Freiheit zu beschränken. Meist aber bewirken sie das Gegenteil und entfachen den Wunsch nach Freiheit." Er holt einen Tennisball hinter einem Vorhang hervor und ruft: "Es gibt immer den Ameisenpfad - al-Tarik an-Namel. Wir Palästinenser sind Ameisen. Stellt man uns ein Hindernis entgegen, krabbeln wir drüber oder darum herum, kein Problem." Dann schafft er es endlich, für einen hektischen Augenblick drei Bälle gleichzeitig zu jonglieren. "Falls sie uns mit dem Stück Al-Dschidaar nicht nach Japan gehen lassen, übertragen wir die Inszenierung per Video über das Internet dorthin. Es gibt immer eine Lösung. Nur eines darf nicht sein", ereifert sich Moas, "ich bin total dagegen, die Mauer künstlerisch aufzuwerten. Ich bin gegen jegliche Art von Graffiti, Schriften, Plakaten, Malereien. Man darf die Mauer weder verschönern noch beschädigen! Benutzt du die Mauer in irgendeiner Form, akzeptierst du sie." Moas schweigt und legt die drei Tennisbälle vor sich auf den Boden. "Wie du ja weißt, hat unser Stück 14 Monologe. Issa, das heißt euer Jesus, hatte 14 Stationen auf der Via dolorosa. Aber das ist nur Zufall." Er nimmt Anlauf und schießt einen Freistoß gegen die gut stehende Mauer. Sie tönt hohl.

Daniel Ludwig lebt als Dramatiker in Zürich. Er arbeitete mehrere Jahre in Deutschland, unterrichtete Schauspiel im Popular Art Center in Ramallah und inszenierte in den Flüchtlingslagern Palästinas. Seither kehrt Ludwig immer wieder in den Nahen Osten zurück; s. www.danielludwig.ch


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00:00 03.06.2005

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